Welche Weine soll man dekantieren?

Das Dekantieren wird oft falsch interpretiert – eine falsche Anwendung kann mehr Schaden als Nutzen anrichten.
Dekanter

Welche Weine soll man dekantieren? Und welche karaffieren? (Bild: Flavia Vergani)

Es wird öfter darüber gesprochen als es eigentlich beim Trinken wirklich Not tut: Das Dekantieren. Und wenn wir pingelig sein wollen, wird der Begriff sogar mit dem Karaffieren verwechselt oder vermischt. Denn Dekantieren meint im engeren und ursprünglichen Sinn nicht das Belüften des Weines, sondern das Umfüllen zwecks Trennung des Depots. Also die rein mechanische Trennung des Bodensatzes vom Wein. Einige finden, dass dieser Bodensatz nicht nur unschön aussieht, sondern oft auch einen bitteren Geschmack hat, den man nicht unbedingt trinken möchte. Andere, wie zum Beispiel der bereits im «Vino e Vita»-Blog porträtierte Barolokönig Elio Altare, meinen hingegen schmunzelnd: «Weinstein? Das ist Spitzenmedizin. Keine Apotheke verkauft ein besseres Beruhigungsmittel.»

Wie auch immer, anzutreffen ist ein solcher Bodensatz vor allem bei älteren Rotweinen. Und hier ist gerade auch die Krux: Ältere Weine tragen ein hohes Risiko, bei der Berührung mit Sauerstoff rasch in sich zusammenzufallen. Je älter ein Wein ist, umso weniger Tannine enthält er und umso schneller reagiert er mit Sauerstoff. Experten raten deshalb, den Wein direkt nach dem Öffnen zu probieren. Hat er schon ein volles Aroma, sollte man das Umfüllen sein lassen. Falls man trotzdem dekantieren möchte, sollte dazu eine spezielle Karaffe mit einer kleinen Öffnung verwendet werden. Grundsätzlich hilft es bei Bodensatz, mit gutem Licht zu arbeiten, damit man sieht, wenn sich der Satz dem Flaschenhals nähert. Und selbstredend sollte die Flasche schon länger vorher stehen, damit sich der Satz überhaupt auf den Boden legen kann.

Das Belüften des Weines wird eigentlich als Karaffieren bezeichnet. Vor allem bei jungen Rotweinen kann es sinnvoll sein, vor dem Geniessen dem Wein einen „Sauerstoffschock“ zu verpassen, damit er sich geschmacklich noch entfalten kann. Warum? Die Molekülstrukturen im Wein gehen schnelle Verbindungen mit Sauerstoff ein, das macht ihn zugänglicher.

Also was soll nun karaffiert werden? Jüngere, tanninbetonte Weine wie beispielsweise Baroli aus dem Piemont können durchaus an Geschmack gewinnen, etwas Sauerstoff bekommt ihnen. Leichte Weissweine, ältere Gewächse brauchen dieses Prozedere nicht. Je jünger der Wein, umso mehr Zeit zum Atmen braucht er, gut sind sicher ein bis zwei Stunden in einer Karaffe mit flachem, breitem Boden, die einen grossflächigen Kontakt mit Sauerstoff ermöglicht. Und nein: nur das Öffnen der Flasche hat so gut wie keinen Atmungseffekt auf den Wein. Die Flaschenöffnung ist zu klein, als dass der ganze Inhalt mit dem bisschen Sauerstoff im Flaschenhals interagieren könnte.

6 Kommentare zu «Welche Weine soll man dekantieren?»

  • Waldi Noellmer sagt:

    Junge, tanninbetonte Rotweine belüften. Woran der Autor erkennt, dass der Wein einen Sauerstoffschock, also eine akute Belastungsreaktion erleidet, sei mal dahingestellt. Aber es hört sich gut an. Nichtsdestotrotz, ich freue mich immer darauf, von einem Rotwein, bei dem die Flasche nicht leergetrunken wurde, den Rest am nächsten Tag zu trinken, denn ein solcher Anbruchwein schmeckt am nächsten Tag, bedingt durch die Sauerstoffeinwirkung erst richtig lecker.

    Man kann natürlich als „Weinmacher“ aus allem eine Marketingshow machen. Aber, dass im Magen von Barolokönig Elio Altare Sandkörnchen (Weinsteinkristalle), als beruhigende Medizin wirken, das ist wohl ein großer Unsinn. Klar, Wein ist ein emotionales Getränk, und das ist schön so. Aber irgendwann wird eine Sache auch lächerlich.

    • stef sagt:

      Da habe ich aber andere Erfahrungen gemacht. Alte Rotweine, die ihr Maximum erreicht haben, sind am Folgetag oft kaum mehr geniessbar. Oft fallen sie innert einer Stunde zusammen und schmecken dann nur noch sauer.
      Jüngere Rotweine hingegen schmecken am nächsten Tag, wie Sie richtig bemerkt haben, oft wesentlich besser.

      • Waldi Noellmer sagt:

        @stef:
        Kann ich gerne so bestätigen, habe nämlich in meinem Text das Wort „junge“ vergessen. Selbstverständlich klappt das i. d. R. nur bei jungen, noch frischen Rotweinen.

        @Barbara Müller
        Ja, und wie lange ist ein Wein jung? Das ist doch ganz einfach festzustellen: Natürlich so lange, wie er noch jung schmeckt (und jung riecht).

        So lange, wie er noch eine junge Kondition hat. Damit ist es wie beim Menschen, Jungsein hat nicht unbedingt etwas mit dem Jahrgang zu tun.

  • Barbara Müller sagt:

    Wie lange ist ein Wein jung?

  • Martin sagt:

    Interessant, wieder etwas gelernt! Grundsätzlich schmeckt mir der Rotwein immer ein bisschen besser, wenn er schon einen Tag offen war, bzw. die Flasche. Auch bin ich nicht so der „Tiefkühlchampagner-Trinker“ und auch beim Weisswein macht es mir den Anschein, das Aroma kommt besser durch, wenn der Wein nicht zu kalt ist. Ist bei der Glacé übrigens auch so. Erst wenn sie etwas schmilzt, kommt bspw. das Vanille Aroma wirklich zur Geltung.

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