Beiträge mit dem Schlagwort ‘Musik’

Alles im Griff

Mathias Born am Montag den 11. Mai 2015

Dieses Mal hat er kein Musikgehör. «Keine Zeit», brummt Kollege Musikus. «Notier deine Gitarrengriffe und Schlagzeugstimmen selber!» Der Webflaneur versucht ihn umzustimmen: Er spendiert ihm ein Holdrio und lobt ihn in den höchsten Tönen. Doch der Kollege will nicht mitspielen.

Eines späten Abends macht sich der Webflaneur dann selber ans Werk. Er versucht den Song zu Papier beziehungsweise in den Computer zu bringen. Dazu besorgt er sich das freie Notationsprogramm Musescore.

Mit Freude stellt er fest: Die neu erschienene Version 2 bietet genau das, was er braucht. Nun können etwa Griffangaben für Gitarren sowie Schlagzeugnoten hinzugefügt werden. Im Vergleich zur Vorversion wurden zudem der Im- und der Export verbessert. Auch lassen sich einfacher einzelne Stimmen aus der Partitur herausholen. Und dank einer neuen Notenschrift muss man nicht mehr oft nachträglich selber Hand anlegen.

Eben gerade will der Webflaneur damit beginnen, Note für Note auf oder zwischen die Linien zu ziehen. Da bemerkt er rechts die Musikaustauschplattform, die harmonisch mit dem Programm zusammenspielt. Darin findet er jenes Lied, das er arrangieren will. Ein Klick und wenige Retouchen – schon ist das Werk fertig. Das ist Musik!

Grosse Töne

Webflaneur am Dienstag den 9. Oktober 2012

Bei der Musik mache er keine Kompromisse, sagt der Musikfreund. «In der virtuellen Jukebox muss Ordnung herrschen.» Er macht eine bedeutungsschwere Pause, ergreift das Rotweinglas, nippt daran. Der Webflaneur, der ihm gegenübersitzt, runzelt die Stirn. Darin herrsche automatisch Ordnung, argumentiert er – dank der Metadaten, die in jedem gekauften Musikstück enthalten sind und die in fast jedes selbst eingelesene Stück automatisch hineingeschrieben werden.

Der Musikfreund winkt mit einer ausladenden Handbewegung ab. «Diese sind unbrauchbar», behauptet er. Der Webflaneur kontert: Immerhin stünden der Interpret und der Titel darin. «Damit hats sich auch schon», sagt der Musikfreund. Und er ereifert sich: «Guck dir die undifferenzierten Genrebezeichnungen an! Oder schau mal nach, ob nebst dem Interpreten der Komponist vermerkt ist. Ohne diese wertvollen Infos stellt man keine gute Playlist zusammen.»

«Du spuckst grosse Töne», sagt der Webflaneur. Die Sammlung zu verschlagworten, sei eine epische Übung. «Diese erspare ich mir lieber – und höre derweil in Ruhe Musik.» – «Papperlapapp», sagt sein Gegenüber. Wenn man die richtige Software habe, sei dies im Nu erledigt – mit MP3tag etwa, Easytag oder Puddletag. Der Musikfreund lässt den Rotwein im Glas kreisen. Derweil zückt der Webflaneur sein Notebook und installiert eines der Programme. Dieses liest seine Musikdateien ein und stellt die Metadaten übersichtlich in einer Tabelle dar. Nun könnte der Webflaneur fehlende Beschriftungen einfügen oder bestehende abändern – auf Wunsch bei mehreren Einträgen gleichzeitig. Um den Musikfreund nicht warten zu lassen, probiert er es bloss bei einem aus.

Der Musikfreund wirft beiläufig einen Blick auf den Bildschirm – und verschüttet vor Schreck fast den Wein. Er zeigt auf die Spalte, in der die Bitraten seiner Musikdateien angegeben werden. «Das muss grauenhaft klingen», ruft er aus. «Die Rate muss mindestens doppelt so hoch sein.» – «Dazu reicht der Festplatten-Platz leider nicht», sagt der Webflaneur. «Aber ich weiss: Bei der Musik machst du keine Kompromisse.»

Bitte keine CD

Webflaneur am Dienstag den 6. Dezember 2011

Der Webflaneur erahnt es schon vor dem Auspacken: Er kriegt eine CD. Betont langsam löst er das bunte Band. Dabei überlegt er hastig: Soll er seinem Unmut freien Lauf lassen? Er werde die CD gerne ins Museum stellen, könnte er sagen. Sollte er fragende Blicke ernten, würde er deutlicher: CDs seien von gestern. Musik digitalisieren, sei umständlich. CDs seien Staubfänger, Symbole für ein überholtes Geschäftsmodell. Früher, so würde er dozieren,
glaubte man Musik besitzen zu müssen. Wobei: Besessen habe man sie auch damals nicht. Man durfte sie bloss abspielen. Und auch dies bloss der Familie und den engsten Freunden.

Der Webflaneur würde sich in Rage reden, bis sein Bruder die Stirn in solch tiefe Falten legte, dass diese selbst im schummrigen Licht der letzten Kerzen klar hervorträten. Dann fragte er, wie man denn heute Musik höre. Online bei Diensten wie Simfy.ch und Spotify.ch, antwortete der Webflaneur. Bei diesen habe man Zugriff auf gigantische Sammlungen. Man könne sich anhören, worauf man Lust habe. Bei Simfy spiele die Musik fünf Stunden pro Monat kostenlos – wenn man zwischen den Songs Werbung in Kauf nehme. Abonniere man die Premium-Version für 7.50 Franken pro Monat, verstumme die Werbung. Und mit «Premium Plus» für 14.50 Franken kriege man die Musik auch aufs Smartphone. Ähnlich bei Spotify: Dort koste das kleine Abo 6.45, das grosse 12.95 Franken. Deshalb brauche er wirklich keine CDs mehr, würde er ausrufen. Dann herrschte betretenes Schweigen. Nur die Schenkerin schluchzte leise.

So weit soll es nicht kommen. Deshalb mimt der Webflaneur Überraschung und Freude, als er die CD ausgepackt hat. Auch in der digitalen Musikwelt, sagt er, gebe es nichts Besseres als eine handfeste CD mit schönem Booklet – und einem angemessenen Batzen für den Künstler.

Oh du Fröhliche

Webflaneur am Mittwoch den 15. Dezember 2010

«Alle Jahre wieder packt der Flaneur die Flöte aus, bläst unterm Baum ein Liedchen, zu der Verwandten Graus.» Das trällert der Webflaneur – lustig, lustig tralalala – vor sich hin, während dem er im Estrich eine Kiste nach der alten Blockflöte durchwühlt. Als er sie doch noch findet, ist seine Heiterkeit indes verflogen. Ein weiteres Jahr habe er nie darauf gespielt, sinniert er. Und er fragt sich, ob er in der heiligen Zeit nicht Barmherzigkeit walten lassen und auf die Tortur verzichten sollte. Wobei: Das Weihnachtsspiel hat Tradition. Und wenn er verzichtet, darf er auch keine Wunderkerze abfackeln. Es sei denn, er bietet etwas anderes. Doch was? Soll er ein Gedicht rezitieren? Bei seinem Löchersieb, fürwahr, übt er daran ein ganzes Jahr. Soll er etwas vorlesen? «Es begab sich aber zu der Zeit», setzt er mit sonorer Stimme an.

Doch da hat er eine Erleuchtung: Viel intensiver als mit jedem Instrument habe er dieses Jahr mit dem Computer gespielt, sagt er sich. Und gesungen habe er ja auch. Könnte er nicht seinen Rechner zur Loop-Maschine aufrüsten, dann Spur für Spur zum weihnächtlichen Soundgebilde zusammenbauen? Harmonischer als sein Gedudel sei dies allemal. Er legt die Flöte beiseite und eilt ins Büro.

Viel Geld wolle er für die einmalige Performance nicht in die Hand nehmen, beschliesst er. Deshalb macht er einen Bogen um die ausgereiften Programme, welche die Musiker am Laufen haben, sucht einfache Alternativen und wird fündig: Möbius läuft unter Windows und auf Macs, Sooper Looper ist ein Programm für Mac und Linux-PC.

Der Webflaneur stülpt sich das Headset über und legt los: Er erfindet eine Bassspur, legt die Begleitstimme darüber und singt schliesslich die Melodie ein. Doch bald stellt er fest: Einfach ist es nicht. Die Stimmen laufen nicht synchron! Fleissig übt der Webflaneur weiter. Ob er es bis Weihnacht schafft, weiss er noch nicht. Lasst euch überraschen, liebe Verwandte.

Die Musiksammlung

Webflaneur am Dienstag den 31. August 2010

Der Musikfreak guckt ihn triumphierend an. Sein iPod sei prall gefüllt, prahlt er. Und immerhin biete das Gerätchen Platz für 40000 Songs, fügt er an, während er es liebevoll streichelt. Doch der Webflaneur hat kein Musikgehör. Ihn nervt die Angeberei. Er werde dem Freak die Freude vergällen, beschliesst er.

Er brummelt: «40000? Immerhin.» Dann legt er nach: Wobei – seine Sammlung umfasse bald 6 Millionen Songs. «Und darunter ist keine einzige Raubkopie.» Der Freak schaut ihn mit grossen Augen an. Er stammelt: «6 Millionen?» – «Ja», sagt der Webflaneur. Er habe den brandneuen Dienst Simfy.ch abonniert, betrieben von einem Kölner Start-up. Für 15 Franken pro Monat erhalte er Zugriff auf eine riesige Musikdatenbank. «Das ist etwas ganz anderes», höhnt der Musikfreak. «Ich will schliesslich nicht am Computer Musik hören!» Das müsse er auch nicht, kontert der Webflaneur. Dank den Smartphone-Apps von Simfy könne er überall Musik hören. «Aber sicher nicht im Flugzeug oder im Ausland, wenn man besser offline ist», wendet der Freak ein. «Auch dann», sagt der Webflaneur – vorausgesetzt er lade die Songs seiner Wiedergabeliste vorher herunter. Für ihn stehe die Qualität vor der Quantität, sagt nun der Musikfreak. Der Webflaneur antwortet: «128 bis 192 Kilobit pro Sekunde.» Und mit Genugtuung stellt er fest, wie dem Musikfreak die Argumente ausgehen. «Aber 15 Franken», sagt er noch. Er finde das nicht viel für unlimitierten Musikgenuss, fällt ihm der Webflaneur ins Wort. «Apropos: Wenn du dich nicht an der Werbung störst, kannst du bei Simfy auch kostenlos Musik hören.»

Der Musikfreak zieht etwas geknickt mit seinen 40000 Songs von dannen. Der Webflaneur wartet, bis er verschwunden ist. Dann geht er in den nächsten Laden. Denn die neuen Songs seiner Lieblingsband – die kauft er doch lieber als dass er sie mietet.

Falls es zu hoch ist…

Webflaneur am Sonntag den 7. Februar 2010

Sie will mit Mozart ans Casting. Doch die Musik sei ihr zu hoch, klagt sie. «Zu hoch im ursprünglichen Sinn des Wortes. Eine Terz tiefer läge mir besser.» Ob sich da etwas machen lasse, fragt sie. Der Webflaneur hat kein Musikgehör. Ihm mangle es an der Zeit für derartige Basteleien, sagt er. «Auch nicht gegen ein Pakerl Mozartkugeln?», fragt sie. So kompliziert könne die Transposition doch nicht sein. Am letzten ähnlichen Werk habe er lange geübt, kontert der Webflaneur. Doch dann lenkt er ein. «Ich kanns mal probieren. Es muss aber prestissimo gehen.»

Er setzt sich an den Rechner. Zuerst brauche er das Opus, murmelt er. Mozart, dessen Musik längst nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist, sollte zu finden sein Tatsächlich: Im Mutopiaproject stöbert er das Werk aufs Geratewohl auf – in der Form von Noten, aber auch in der Form einer Midi-Datei. Damit erübrigt sich die Suche bei Cpdl.org, einem ähnlichen Archiv. Der Webflaneur lädt die Midi-Datei herunter. Nun braucht er eine Notationssoftware. Nach kurzer Suche stösst er auf Musescore.org.

Er lädt die Software herunter, installiert sie – und staunt: Vor wenigen Jahren noch hätte ein solches Programm viel Geld gekostet, nun kriegt er es umsonst. Er importiert die Midi-Datei des Mozart-Liedes. Auf dem Bildschirm erscheinen die Noten. Alles markieren, um drei Halbtöne transponieren. Ob die Tonart beim Transponieren angepasst werden solle, fragt das Programm. Ja, gerne, murmelt der Webflaneur. Ein Klick, schon ist das Werk vollbracht. Der Webflaneur hört sich das Lied an. Doch, es klingt gut. Auf die Notenbildpolitur verzichtet er. Er speichert die Partitur als PDF-Datei und schickt ihr diese – zusammen mit einer Lobeshymne auf Musescore.

Am Casting habe alles gut geklappt, erzählt sie einige Tage später. Der Pianist habe sich bedankt. Der Aufwand sei indes unnötig gewesen, habe er gesagt: Das Keyboard transponiere auf Knopfdruck automatisch.

Der digitale Rossini

Webflaneur am Dienstag den 23. Juni 2009

Die Noten liegen zu Hause. Und die Zeit ist zu knapp, um sie vor der Chorprobe dort zu holen. Der Webflaneur sieht sich bereits ohne Rossini an der Probe stehen. Er spürt den vorwurfsvollen Blick der Dirigentin. Er hört Sopräne und Altistinnen über seinen Fauxpas tuscheln. Und er sieht sich vor Scham erröten.

Doch da hat er einen Geistesblitz. Gibts nicht Sammlungen von Noten mit abgelaufenem Urheberrechtsschutz? Der Webflaneur schaut nach – und landet bei Imslp.org, dem «International Music Score Library Project». Dort findet er tatsächlich die «Petite Messe Solenelle» von Gioacchino Rossini. Die Noten sind aus einer alten Ausgabe eingescannt. So sehen sie auch aus: Die Linien sind verwischt, der Text nicht immer einfach zu entziffern. Fürs Notenstudium sind die Scans interessant, fürs Blattlesen aber sind sie weniger geeignet. Deshalb schaut der Webflaneur bei Cpdl.org vorbei, der «Choral Public Domain Library». Dort findet er eine computergesetzte Version der Messe. Er lädt die Noten herunter. Das Werk ist 135 Seiten lang. Der Chef hätte kein Musikgehör, wenn er sie im Büro druckte. Zum Glück trägt der Webflaneur gerade ein E-Book-Lesegerät mit sich herum. Er kopiert die Noten darauf und fährt los.

Die Chorgspändli gucken erstaunt, als der Webflaneur die Noten auspackt. Der Kollege aus dem Bassregister vergisst vor Staunen fast das Singen. Und das Chörli attestiert dem Webflaneur unisono, dass er heute vorbildlich leise blättere. Trotzdem tut sich dieser während der Probe schwer: Seine Taktzahlen stimmen nicht mit jenen der gedruckten Ausgabe überein. Und die Noten sind auf dem Bildschirm etwas klein.
Das nächste Mal, sinniert der Webflaneur, suche er die Musik besser beim Mutopiaproject.org. Denn dort heruntergeladene Noten könnte er mit etwas Zeit und Bastelgeschick an die Grösse des Bildschirms anpassen. Oder noch besser: Er lässt die Noten in Zukunft nicht mehr zu Hause liegen.

  • Mathias Born


    Mathias Born, der geistige Vater des Webflaneurs, arbeitet als IT-Redaktor bei der Berner Zeitung sowie als freier Journalist in Bern. Alle 14-Tage heckt er eine neue Episode im schier unglaublichen Online-Leben des Webflaneurs aus. Eine Auswahl der übrigen Artikel von Mathias Born finden Sie im Autoren-Dossier. Seinen privaten Blog finden Sie unter www.borniert.com.
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