Der Luxus des Alleinseins

Alleinsein ist kein Zustand des Mangels, sondern eine Zeit des Nichtsmüssens. (brigitte.de)

In letzter Zeit musste ich mir viel sagen lassen. Ich sei eine Spielverderberin, eine Egoistin, und manche meiner Freunde tippten sogar auf eine Depression. Der Grund: Immer häufiger ziehe ich das Alleinsein der Geselligkeit vor. Und sogar mein Mann fragt mich von Zeit zu Zeit etwas besorgt: «Ist alles in Ordnung, du bist so still und in dich gekehrt?»

Ich kann mein Umfeld durchaus verstehen. Ich bin normalerweise die Person, die vieles zusammenhält, die Anlaufstelle für Sorgen und Nöte ist, die ermuntert, tröstet und Energie gibt. «Du bist ein kleines Kraftwerk», hörte ich oft, und ich war auch immer stolz darauf. Es tut gut, wenn man gebraucht wird, egal ob zu Hause, im Freundeskreis oder bei der Arbeit.

«Was hast du am Weekend gemacht?» – «Nicht viel»

Doch in letzter Zeit spüre ich eine Veränderung bei mir. Ich bin nicht mehr begierig darauf, überall dabei zu sein, alles zu wissen und überall mitzureden. Ich geniesse den Moment, an dem ich abends heimkomme, aus meinen Kleidern schlüpfen, den Alltag hinter mir lassen kann. Statt Gäste zu bewirten, lümmle ich auf der Couch, lese lieber ein Buch, hänge meinen Gedanken nach oder kraule meine Hunde. Wenn mich am Montag jemand fragt: «Was hast du denn am Weekend gemacht?», antworte ich ohne zu Zögern «nicht viel» und geniesse die irritierten Blicke.

Vielleicht liegt es am Älterwerden, aber ich geniesse es, einfach nur Zeit für mich zu haben und für niemanden da sein zu müssen. Und es macht mich auch nicht mehr innerlich unruhig, wenn die Freizeit-Agenda für die kommende Woche ziemlich leer ist. Früher war für mich jede Minute ohne Action verlorene Zeit. Es gab so viel zu sehen, so viel zu besprechen, so viel zu erleben. Und natürlich musste ich nützlich sein, denn das war ja klar: Nur wer leistet, wird auch geliebt. Heute ist mir klar, dass ich hinter dieser Betriebsamkeit vieles verstecken konnte: Unsicherheiten, Zweifel, Sorgen. Vielleicht auch die Angst vor Einsamkeit. Menschen, die nonstop beschäftigt sind und auf jeder Hochzeit tanzen, sind mir irgendwie unheimlich. Vielleicht bin ich einfach nur ein bisschen neidisch. Denn ehrlich gesagt, mir fehlt diese Energie, ich brauche sie schlichtweg für mich und mein Wohlbefinden.

Die fünf «Freuden der Einsamkeit»

Die englische Autorin Sara Maitland schreibt in ihrem Buch «How to Be Alone» über die fünf «Freuden der Einsamkeit». Es ist die Freude an der Besinnung auf sich selbst. Am ungestörten Einssein mit der Natur. An der Stille, in der spirituelle Erfahrungen möglich werden. An der Freude an der Kreativität und der schlichten Freude an der Freiheit, das zu tun, was einem gerade gefällt. Ich betrachte das Alleinsein nicht als einen Zustand des Mangels, sondern der Möglichkeit sich zu entspannen und sich nicht verbiegen zu müssen.

Vielleicht ist dieser Wunsch nach weniger Betriebsamkeit in meinem Leben eine Phase, denn natürlich kann und will ich nicht ohne die Menschen, die ich liebe, sein. Vielleicht ist es eine Phase der Selektion, in der ich feststelle, was und wen ich wirklich brauche und wer oder was mir nur unnötige Energien abzieht. Vielleicht aber gehört meine Freude an den stillen Stunden ab jetzt einfach zu mir. Ein Luxus, auf den ich nicht mehr verzichten will.

12 Kommentare zu «Der Luxus des Alleinseins»

  • ruf sagt:

    Das Schlimmste: 80 Jahre zu zählen und in ein Altersheim verfrachtet zu werden, aber nicht in ein eigenes Zimmer, oh nein, das käme viel zu teuer, man muss sein Zimmer teilen – mit irgend jemandem. Z. B. dieser Jemand will uns um Mitternacht wecken um zu plaudern oder will Fernsehen schauen, wenn möglich auf Italienisch. Die Schreckliste lässt sich ohne weiteres verlängern. Deshalb spart junge Menschen für die alten Tage, damit Ihr dann endlich allein sein könnt.

  • Nira K. sagt:

    Geht mir genau so. Wie schön, nicht überall dabei sein zu wollen. Je weniger Termine, je mehr innere Freiheit. Wird oft nicht verstanden, man müsste sich fast rechtfertigen.

  • Hanspeter Niederer sagt:

    Ihr Unbewusstes hat Kassensturz gemacht und ist zur Erkenntnis gekommen, dass Aufwand und Ertrag beim sozialen Hypern nicht stimmen. Ihr gegenwärtiges Verhalten ist die Konsequenz aus dieser Einsicht.

  • Boerny sagt:

    Das ist doch normal…ich bin 40 und bin mittlerweile sehr gerne auch alleine zuhause….früher bin isch schon montags unterwegs gewesen und eigentlich jeden tag auf der Welle und am Wochenende rund um die Uhr.
    Ich merke eher, dass diejenigen die Früh schon eine Familie gründeten merken, dass Sie etwas verpasst haben und daher eher noch viel unternehmen wollen (müssen), ich jedoch habe dieses Bedürfnis nicht mehr und gut ists…denn früher
    was def. alles besser ……

  • Claudia sagt:

    ja, das geht mir auch so…
    wunderschön das weekend einfach so zu verbringen, ohne termine, ohne andere meinungen, ohne sich in schale werfen zu „müssen“. mein mann und ich machen das mittlerweile sehr oft.
    dagegen habe ich meist relativ schnell genug von parties, weil mir der lärm und das angestrengte plaudern auf den geist gehen.

  • Dodimi sagt:

    Ich lümmle…also wirklich …ich lümmle. Einfach so, seit ich pensioniert bin. Ich bin ausgewandert, und nun lümmle ich oft einfach so rum. Beispiel: Ich steh so zwischen 10 und 12 Uhr auf, nachdem ich um…sagen wir, lustvoll bis 02 Uhr auf war. Dann gehts zum Caffè und einem Brioche und höre den Menschen zu. So um 13/14 Uhr mach ich mir was zu essen. Dann kommt die Siesta. Vor vier nachmittags läuft eh nichts in diesem Land. Vielleicht mache ich danach eine Marinade für mein Steak Fiorentina für den Abend. Dann gehe ich Einkaufen. Um ca. 18 Uhr abends steh ich an meiner Bar zum Apero (hier kann ich es mir leisten/in CH nicht mehr). Mediterranes Stimmengewirr wohlgefühlt. Später gehts nach Hause zum Kochen, Nachtessen, Pfeiffe, Brandy, Caffè. Dann wird weiter gelümmelt. Und? Frieden!

  • Ingrid Krizaj sagt:

    Wer öfter trägt des andern Last, halt Rast, bevor er den andern hasst!

  • romeo sagt:

    Darum will/habe ich keine Kinder.

  • Weber U. sagt:

    Diese Empfindungen und Erfahrungen teile ich voll und ganz. Mein
    Leben wurde seither bedeutend besser und mir geht es gesundheitlich sehr gut.

Kommentar

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