Was Lippenstift und Haltung verbindet

gettyimages-485378476

Minimales Make-up, maximaler Effekt: Emma Watson entzückt mit Grazie und roten Lippen. (Foto: Getty)

Weihnachten ist bekanntlich für viele von uns eine etwas sentimentale Zeit. Und wenn man, wie ich, verwaist ist – in meinem Alter leider ein ziemlich normaler Zustand –, fehlen einem die verstorbenen Eltern noch ein bisschen mehr als sonst. Vor allem meine Mutter vermisse ich, denn sie war während der Festtage immer der ruhende Pol der Familie. Mochte der Weihnachtsbaum in Schräglage geraten, die Pastetli anbrennen und die Enkel ob der falsch gewählten Geschenke flennen, sie blieb stets cool und betonte: «Das Schönste ist doch, dass wir alle zusammen sind.» An diesen Satz muss ich stets denken, wenn meine Nerven an Tagen wie heute flattern und ich mich frage: Klappt heute Abend alles wie geplant? Denn im Gegensatz zu meiner Mutter lasse ich mich schnell mal stressen.

Nur einmal fehlte die Mutter an Heiligabend. Sie musste sich kurz vorher einer Operation unterziehen. Und so sass ich am 24. Dezember an ihrem Spitalbett und bangte, bis sie aus der Narkose erwachte. Als sie schliesslich zu sich kam, winkte sie mich näher. Ich beugte mich über sie, und sie flüsterte mit noch schwacher Stimme: «Bitte ziehe mir die Lippen nach, es hat hier einen so hübschen Arzt.» Meine Mutter war damals 83 Jahre alt.

Man kann diesen Wunsch nach Lippenstift eitel nennen, für mich war er Ausdruck von Stärke, Zuversicht und Grazie, verbunden mit der unausgesprochenen Botschaft: «Auch wenn es mir schlecht geht, gebe ich mich nicht auf.»

Es konnte kommen, was wolle, meine Mutter und ihr legendärer Lippenstift von Dior gehörten zusammen. Aufs übrige Make-up verzichtete sie meistens, aber Farbe auf den Lippen musste sein. Ich kann mich nicht erinnern, sie je «oben ohne» gesehen zu haben – jedenfalls nicht bei Tageslicht.

Zehn Jahre nach ihrem Spitalaufenthalt starb Mutter zu Hause in ihrem Bett. Bis zuletzt war sie eine Dame in hübschem Nachthemd und pastellfarbenem Bettjäckchen. Schliesslich wusste man nie, ob Besuch kommen würde, dann war es wichtig, «eine gute Falle» zu machen. Natürlich trug sie auch in ihren letzten Stunden ihren Lippenstift – ein mattes Blassrosa, ohne Perlmuttschimmer.

Diese Sache mit dem Lippenstift hat mich geprägt. Der Lippenstift ist für mich ein Symbol für eine persönliche Haltung geworden. Dabei geht es nicht um ein perfekt geschminktes Gesicht, sondern um eine gewisse Disziplin sich selber und dem Leben gegenüber. Für mich sagt ein schön geschminkter Mund: «Schaut mich an, ich bin (immer noch) da!»

Sollten heute Abend doch alle Stricke reissen und das Weihnachtsfest mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen –, denn leider bin ich unter Druck nicht so gelassen wie meine Mutter –, werde ich versuchen, so cool wie sie zu bleiben, und natürlich werden meine Lippen geschminkt sein. Zur Feier des Abends und zur Erinnerung an sie wird es der blassrosa Stift von Dior sein. Dann wird sich automatisch das Gefühl einstellen: Alles wird gut.

Liebe Leserinnen und Leser, auch unsere Kommentarfreischalter machen mal Pause – und zwar am 25. und 26. Dezember sowie am 1. und 2. Januar. Bitte haben Sie Verständnis, dass Ihre Blog-Kommentare möglicherweise erst verspätet erscheinen.