Was Lippenstift und Haltung verbindet

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Minimales Make-up, maximaler Effekt: Emma Watson entzückt mit Grazie und roten Lippen. (Foto: Getty)

Weihnachten ist bekanntlich für viele von uns eine etwas sentimentale Zeit. Und wenn man, wie ich, verwaist ist – in meinem Alter leider ein ziemlich normaler Zustand –, fehlen einem die verstorbenen Eltern noch ein bisschen mehr als sonst. Vor allem meine Mutter vermisse ich, denn sie war während der Festtage immer der ruhende Pol der Familie. Mochte der Weihnachtsbaum in Schräglage geraten, die Pastetli anbrennen und die Enkel ob der falsch gewählten Geschenke flennen, sie blieb stets cool und betonte: «Das Schönste ist doch, dass wir alle zusammen sind.» An diesen Satz muss ich stets denken, wenn meine Nerven an Tagen wie heute flattern und ich mich frage: Klappt heute Abend alles wie geplant? Denn im Gegensatz zu meiner Mutter lasse ich mich schnell mal stressen.

Nur einmal fehlte die Mutter an Heiligabend. Sie musste sich kurz vorher einer Operation unterziehen. Und so sass ich am 24. Dezember an ihrem Spitalbett und bangte, bis sie aus der Narkose erwachte. Als sie schliesslich zu sich kam, winkte sie mich näher. Ich beugte mich über sie, und sie flüsterte mit noch schwacher Stimme: «Bitte ziehe mir die Lippen nach, es hat hier einen so hübschen Arzt.» Meine Mutter war damals 83 Jahre alt.

Man kann diesen Wunsch nach Lippenstift eitel nennen, für mich war er Ausdruck von Stärke, Zuversicht und Grazie, verbunden mit der unausgesprochenen Botschaft: «Auch wenn es mir schlecht geht, gebe ich mich nicht auf.»

Es konnte kommen, was wolle, meine Mutter und ihr legendärer Lippenstift von Dior gehörten zusammen. Aufs übrige Make-up verzichtete sie meistens, aber Farbe auf den Lippen musste sein. Ich kann mich nicht erinnern, sie je «oben ohne» gesehen zu haben – jedenfalls nicht bei Tageslicht.

Zehn Jahre nach ihrem Spitalaufenthalt starb Mutter zu Hause in ihrem Bett. Bis zuletzt war sie eine Dame in hübschem Nachthemd und pastellfarbenem Bettjäckchen. Schliesslich wusste man nie, ob Besuch kommen würde, dann war es wichtig, «eine gute Falle» zu machen. Natürlich trug sie auch in ihren letzten Stunden ihren Lippenstift – ein mattes Blassrosa, ohne Perlmuttschimmer.

Diese Sache mit dem Lippenstift hat mich geprägt. Der Lippenstift ist für mich ein Symbol für eine persönliche Haltung geworden. Dabei geht es nicht um ein perfekt geschminktes Gesicht, sondern um eine gewisse Disziplin sich selber und dem Leben gegenüber. Für mich sagt ein schön geschminkter Mund: «Schaut mich an, ich bin (immer noch) da!»

Sollten heute Abend doch alle Stricke reissen und das Weihnachtsfest mich an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen –, denn leider bin ich unter Druck nicht so gelassen wie meine Mutter –, werde ich versuchen, so cool wie sie zu bleiben, und natürlich werden meine Lippen geschminkt sein. Zur Feier des Abends und zur Erinnerung an sie wird es der blassrosa Stift von Dior sein. Dann wird sich automatisch das Gefühl einstellen: Alles wird gut.

Liebe Leserinnen und Leser, auch unsere Kommentarfreischalter machen mal Pause – und zwar am 25. und 26. Dezember sowie am 1. und 2. Januar. Bitte haben Sie Verständnis, dass Ihre Blog-Kommentare möglicherweise erst verspätet erscheinen. 

 

 

 

13 Kommentare zu «Was Lippenstift und Haltung verbindet»

  • edith schmidt sagt:

    liebe silvia… noch ganz ganz viele herrlich relaxe und nachdenkliche und an schönen erinnerungen hängende weihnachten.. wir sind alle in diesen tagen viel emptionaler und bereit auch feiner nuancen zu ergründen… meine kinder ( alles töchter) sind jetzt schon der meinung das ich ( ihre mam 65) immer besser ausschaue mit lippenstift.. da sie mich praktisch nie ohne sehen also keine grosse verwunderung.. als die jüngste noch nicht 4 war, bat sie mich sofort lippenstift aufzutragen ( wärend dem frühstück) weil sie fand ich sehe krank aus ohne! ich esse ( so ungefähr hane ich das mal gelesen) also pro jahr etwa 1 kg lippenstift..das auch ein fact..aber rot ist immer positiv….edith

  • marusca sagt:

    Was für ein wunderschöner Bericht, Frau Äschbacher, Ihre Mutter könnte auch meine gewesen sein – immer gepflegt und adrett angezogen – und mich sieht man auch nie, aber auch gar nie ohne Lippenstift. Er gehört einfach zu mir und zwar von früh bis spät. „Weisch eigentli, was im Lippeschtift dinä isch, fragte mich eine Freundin einst, als wir noch Teenager waren und ich damals schon gerne Erdbeerrot trug. „Nei, was denn?“ Chatzeseich und Lüüs, Bääh! Belustigt denke ich manchmal an dieses Episödchen zurück und stelle mir vor, wie viele Kilos dieser appetitlichen Ingredienzen ich in den vergangenen 45 Jahren wohl einverleibt habe……

  • Silvia Aeschbach sagt:

    Vielen Dank für die liebenswürdigen Kommentare.
    Ich wünsche alle Leserinnen und Leser des vKbF-Blogs schöne Weihnachten und nur das Beste für 2016! Silvia

  • Blaua Lilyth sagt:

    Das blöde am Lippenstift ist nur, dass er dauernd erneuert werden muss. Ich komme mir dann vor wie ein Tussi, wenn ich nach dem Essen ins Bad muss um mein „Make Up aufzufrischen“…

  • Christine sagt:

    Sehr schöner Bericht, Danke Frau Aeschbach!

  • Karola Kinkerlich sagt:

    ein schöner Text, der mich sehr berührt hat. Auch ich feiere dieses Jahr das erste Mal ohne meine Mutter. Sie verstarb vor drei Monaten. Mein Vater ist schon vor 20 Jahren verstorben. Es wird kein „leichtes“ Weihnachtsfest. So habe ich die Gewissheit, dass ich jetzt die bin, die als Mutter alles „managen“ muss. Ich mache das auch gern, und bin sehr gerne Mutter und trotzdem – es fehlt einfach etwas – mein Mutter existiert jetzt nur noch in meinen Erinnerungen, diese versuche ich so lang als möglich zu bewahren – und ja, auch sie war stets eine gepflegte Dame, welche nie ohne Lippenstift aus dem Haus gegangen ist.

  • Karin sagt:

    toll, finde ich gut, mache es auch so, obwohl ich seit 3 Jahren alleine lebe ( 70)…..immer dezent ,Augen, wenig und mit Lippenstift(auch Dior !!!!) ich finde, man sieht im Spiegel netter aus, ich bin mir das schuldig und die Anderen finden mich vielleicht „gepfleger“ ?????? Aber….das Lächeln nicht vergessen, das macht’s auch aus !!!!!!!

  • Mara sagt:

    So wohltuend, liebe Frau Aeschbach, wie Sie über Ihre Mutter schreiben, und für Sie doch wunderschön, mit dieser Erinnerung zu leben. Aber es stimmt natürlich, auch ein alter Mensch sollte sich pflegen, sonst ist er oder sie ganz schnell sehr einsam, da gibt es in dieser Ich- Gesellschaft wenig Toleranz.

  • Lilibeth sagt:

    Sind sie dankbar, eine solche Mutter gehabt zu haben. Danke für die wunderschöne Geschichte.

  • ruf sagt:

    Nicht damit aufhören, sich zu pflegen, ist sehr richtig auch wenn man alt wird. Aber einen so roten Mund wie auf dem Bild finde ich nicht schön. Weniger wäre mehr.

    • marusca sagt:

      Gerade diesem jungen, wunderschönen Gesicht steht dieses klare Rot aber wunderbar, finde ich. Unvorteilhaft ist es, wenn ältere Frauen zu rote Lippen schminken, weil sich der Lippenstift in den oft vorhandenen fiesen Oberlippenfalten zu verlieren pflegt, was nicht wirklich attraktiv aussieht.

  • Denise sagt:

    Es ist sehr schön, dass Sie eine so schöne Erinnerung an Ihre Mutter haben. Es hat mich sehr gerührt. Sie können sich glücklich schätzen.

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