Wenn James Bond die Panik packt

Von Kopf bis Fuss

Er ist im Fall gar nicht so hart, wie er aussieht: Daniel Craig als James Bond in «Skyfall». Foto: PD

Als ich kürzlich Daniel Craig anlässlich der Premiere des neuen James-Bond-Films «Spectre» in London auf dem roten Teppich sah, erinnerte ich mich an die 007-Premierenfeier von «Skyfall» 2012. Damals erlitt Craig einen Schwächeanfall, und die Bilder des angeschlagenen Schauspielers, der sich kurz auf seine Frau Rachel Weisz stützen musste, gingen um die Welt. Erst viel später outete sich Craig und sagte, er hätte eine Panikattacke erlitten, alles um ihn herum sei einfach zu viel gewesen.

Daniel Craig ist in guter Gesellschaft. Nicht nur Schauspielkollegen wie Amanda Seyfried («Ted 2») oder Eddie Redmayne («Die Entdeckung der Unendlichkeit») outeten sich mit ihrer Panik, auch die zurzeit wohl erfolgreichste Sängerin der Welt, Adele, leidet unter regelmässigen Attacken. «Ich würde nie an einem grossen Festival auftreten, Menschenmassen ängstigen mich zu Tode», sagte sie kürzlich in einem Interview. Vor allem bei grossen Menschenmassen werde ihr mulmig – Schweissausbrüche und Herzrasen inklusive. Inzwischen, so berichten US-Medien, seien ihre Attacken so extrem, dass sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müsse. Was lernen wir daraus? Erfolg schützt vor Panik nicht. Die Krankheit macht keinen Unterschied, egal ob man berühmt oder ein Nobody, reich oder arm, Mann oder Frau ist.

Panikattacken werden öffentlich selten thematisiert. Dabei sind 20 Prozent der Schweizer einmal im Leben von Panikattacken oder Angststörungen betroffen. Mindestens 6 Prozent der Schweizer Bevölkerung werden derzeit wegen Angst behandelt, schätzungsweise eine weitere halbe Million Betroffener ist nicht diagnostiziert und damit unbehandelt. Ist es inzwischen gesellschaftsfähig geworden, unter einer Depression oder einem Burn-out zu leiden – beide Krankheiten werden mit Leistung in Verbindung gebracht –, will niemand ein Schisser sein, denn ängstliche Menschen gelten als Weicheier.

Von Kopf bis Fuss

Sensibles Wesen: Sängerin Lana del Rey. Foto: Instagram

Ich bin selber eine Panikerin und habe vollstes Verständnis dafür, dass jemand seine Panikstörung verschweigt, denn sehr schnell werden Menschen, die unter ihr leiden, stigmatisiert und als «Psycho» verunglimpft. Und zwischen Psycho und Verrücktsein ist nur ein schmaler Grat. Doch der Druck, der vielfach durch das Verstecken der Krankheit entsteht, ist riesengross. Und zu den schwerwiegenden körperlichen Symptomen kommen dadurch noch psychische dazu. Denn es braucht viel (zu viel) Kraft, Panikattacken geheim zu halten.

Ich werde oft gefragt: «Wie ist es denn, wenn man eine Panikattacke hat?» Dann sage ich: «Ich empfinde dann pure Todesangst, egal wie oft ich diese Attacken schon erlebt habe. Das Herz rast, man verspürt Übelkeit, bekommt Durchfall, es ist einem schwindelig, und man ist überzeugt, gleich ohnmächtig zu werden oder gar zu sterben.» Nicht selten sagt dann der Fragende: «Genau das habe ich auch immer wieder mal. Jetzt bin ich froh, dass diese Angst einen Namen hat.»

Meine Panik begleitet mich seit Jahrzehnten, doch ich habe einen Umgang mit ihr gefunden. Und ich verbinde sie inzwischen nicht nur mit Tiefpunkten in meinem Leben, sondern auch mit verrückten Geschichten. Sie hat Leonardo DiCaprio dazu gebracht, sich während eines Interviews um mich zu kümmern, ich erlebte sie während einer Livesendung im Fernsehen. Und vor einem Flugzeugstart, was dazu führte, dass der Flug verspätet abhob. Die meisten kleinen Tode starb ich allerdings im Alltag, in einem überfüllten Zug, aufgeschreckt nach einem schlechten Traum oder in der Schlange beim Einkaufen vor der Kasse.

Wenn heute Prominente wie Daniel Craig, Lana del Rey oder David Beckham zu ihrer Panik stehen, mag das auf den ersten Blick nach Effekthascherei aussehen. Dies denkt aber nur, wer noch nie eine Panikattacke hatte. Wer die Anfälle kennt, weiss: Sie sind viel zu übel, als dass man sich damit brüsten könnte. Und in diesem Sinne hoffe ich auf weitere Outings. Denn je mehr Menschen, berühmte und weniger berühmte, sich zu ihren Ängsten bekennen, desto weniger werden Betroffene stigmatisiert.