Ich bin kinderlos – na und?

epa02044079 Jury member and US actress Renee Zellweger seen on stage during the award ceremony of the 60th Berlinale International Film Festival in Berlin, Germany, Saturday, 20 February 2010. Up to 400 films are shown every year as part of the Berlinale's public programme. The Berlinale is divided into different sections, each with its own unique profile EPA/JOERG CARSTENSEN

Sie ist kinderlos und glücklich: US-Schauspielerin Renée Zellweger. (Bild: Jörg Carstensen/Keystone)

Vor einiger Zeit war ich an einer Klassenzusammenkunft, das erste Mal nach sehr langer Zeit. Nach dem gegenseitigen Beschnuppern, wir hatten uns drei Jahrzehnte nicht gesehen, sassen wir beim Abendessen an einer langen Tafel. Unser ehemaliger Lehrer wollte von jedem der Anwesenden wissen, was aus ihm geworden war. Eine Kollegin und ich waren die einzigen Frauen ohne eigene Kinder. Wir beide erzählten genauso begeistert von unserem Beruf wie andere von ihren Sprösslingen. Unsere Kinderlosigkeit wurde nach unserem «Outing» eifrig diskutiert. So eifrig wie das «Schicksal» zweier anderer Ex-Mitschülerinnen, eine war nach einem Suizidversuch in der Psychiatrie gelandet, die andere nach Australien ausgewandert. Wir waren also unter 14 Frauen die zwei Exotinnen. Die männlichen Kollegen wurden übrigens nicht nach einer allfälligen Elternschaft gefragt. Hier ging es beim Erzählen vor allem um deren berufliche Karrieren.

Ich fühlte mich wie im falschen Film. Am Anfang reagierte ich noch freundlich auf Fragen wie: «Warum hat es denn bei dir nicht geklappt?» Oder: «Wenn ich kein Kind gehabt hätte, dann hätte ich auch Karriere machen können wie du.» Zuerst versuchte ich noch zu erklären, dass ich mit meiner Entscheidung ganz zufrieden bin und nichts im Leben vermisse. Dass dies zwar nicht immer so gewesen war und ich immer wieder mal an dieser Tatsache zu knabbern hatte, ging niemanden etwas an. Und heute geht es mir mit meiner Kinderlosigkeit gut.

Aber das wollte mir an diesem Abend anscheinend niemand glauben. Als mich zu späterer Stunde der ehemalige Klassenbeste anzüglich fragte: «Was machst du eigentlich, wenn du alt bist und keine Arbeit mehr hast? Dann stirbst du allein und einsam. Ich würde dich dann gerne trösten», wurde ich richtig zickig und blaffte ihn an: «Du wärst der Letzte, den ich dann anrufen würde.» Arsch bleibt eben Arsch.

Ich überlegte mir, wie ich mich unbemerkt zurückziehen könnte, da spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war Walter, mein ehemaliger Schulschatz. Er setzte sich zu mir und sagte: «Die sind doch alle nur neidisch auf dich, weil sie am versauern sind, während du ein aufregendes Leben führst.» Am liebsten hätte ich Walter umarmt, so lieb fand ich seine Worte. (Auch wenn mein Leben nicht wirklich sooo aufregend ist.)

Seit diesem Abend sind einige Wochen vergangen. Ich habe mich seither mit der anderen Ex-Mitschülerin getroffen, die ebenfalls kinderlos geblieben ist. Wir haben lange miteinander geredet und uns gegenseitig von unseren Leben erzählt. Gemeinsam stellten wir fest, dass es uns am meisten nervt, wenn uns vorgeworfen wird, nichts für die Volkswirtschaft getan zu haben. Und für die Altersvorsorge der Gemeinschaft. Keine Frau wird schwanger, um etwas für den Staat, beziehungsweise für die Gesellschaft zu tun. Ausser vielleicht in Nordkorea. Doch Kinderlose müssen sich immer wieder dafür rechtfertigen, dass sie dem Staat kein Kind geschenkt haben.

Nach dem dritten Glas Wein beschlossen meine Kollegin und ich, dass wir uns die nächste Klassenzusammenkunft sparen und stattdessen zusammen fein zu Abend essen gehen würden.