Ein andalusischer Albtraum oder: Krank in den Ferien

Von Kopf bis Fuss

Pech oder absehbar? Im Urlaub zu erkranken, ist gar nicht so selten. Foto: Jazbeck/Fflickr

Die Vorbereitung war perfekt: Die Arbeit im Büro in letzter Minute abgeschlossen, den Bikini gekauft, in den ich dank einer zweiwöchigen Blitzdiät sogar reinpasste, die Beine mit Selbstbräuner vorgebräunt, den Hund beim Dogsitter untergebracht, die Urlaubskasse gefüllt, die Koffer gepackt, und der Liebste stand ebenfalls in den Startlöchern für die heiss ersehnten Ferien in Spanien. Es war übrigens unser erster gemeinsamer Urlaub, und die Erwartungen waren daher ziemlich hoch.

Hinter mir lag ein arbeitsreicher, kalter Winter, vor mir ein neuer Job und mittendrin die Krönung: 14 Tage Sonne, Strand und Nichtstun. Um es kurz zu machen: Von diesen zwei Wochen befand ich mich drei Wochen im Bett eines wunderschönen Boutique-Hotels mit einer Grippe, wie ich sie noch nie erlebt hatte und die mich so flachgelegt hatte wie eine Flunder. Sie packte mich überfallartig am ersten Abend in Andalusien. Ich war so krank, dass wir unseren Aufenthalt sogar um eine Woche verlängern mussten, da ich wegen meines hohen Fiebers und der daraus resultierenden Schwäche fluguntauglich geschrieben wurde.

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Horror im Fieberwahn: «Le chien andalou».

Der Hotelarzt, mein Freund und die Damen und Herren vom Zimmerservice waren die einzigen Menschen, die ich in dieser Zeit zu sehen bekam. Im Fieberwahn fühlte ich mich in die absurden Szenen des surrealistischen Filmklassikers «Un chien andalou» von Luis Buñuel versetzt. Das Einzige, was ich zwischen zwei Hustenanfällen runterbrachte, waren Pommes und Cola. Dieses Drama hatte bei allem Elend zwei gute Seiten: Ich verlor in diesen drei Wochen fünf Kilo, aber behielt meinen neuen Freund, der sich als echte Stütze erwies. Ein solches Erlebnis zu Anfang einer Beziehung muss schliesslich ausgehalten werden.

Das Seltsame: Wenn ich arbeite, bin ich praktisch nie krank, in den Ferien allerdings regelmässig. Inzwischen kann ich meine Ferienorte mit meinen «Bobos» verbinden: St-Tropez = Bronchitis, Budapest = Magen-Darm-Grippe, Valencia = Bindehautentzündung, Camogli = Ischias, Paris = Heuschnupfen, and so on. Nicht immer haute es mich mit einer Spanischen Grippe weg, aber es reicht ja schon, wenn ich von vierzehn kostbaren Ferientagen drei unpässlich bin.

Meine Ferienkrankheit hat auch einen Namen. Sie heisst Leisure-Sickness-Syndrom. Im Jahr 2001 erwähnten zwei niederländische Psychologen der Universität Tilburg in einer wissenschaftlichen Arbeit zum ersten Mal den Namen dieses Syndroms. In einer Befragung des niederländischen Forschers Ad Vingerhoets gaben 60 Prozent der Leute an, regelmässig in den ersten Urlaubstagen krank zu werden. Der Wissenschaftler beschreibt diese Persönlichkeitstypen als Perfektionisten, die ein starkes Verantwortungsgefühl in Bezug auf ihre Arbeit hätten. «Ruhe und Entspannung könnten mit Schuldgefühlen verbunden sein, was sie daran hindern mag, ihre freien Tage richtig zu geniessen», so der Forscher.

Besonders anfällig sind laut Joe Hättenschwiler vom Zentrum für Angst und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ), Menschen, die sich zu wenige Pausen im Alltag gönnen und zu Hause nicht von der Arbeit abschalten können: «Wer unter Dauerstress steht, hat einen erhöhten Adrenalinspiegel. Dies führt dazu, dass das Immunsystem auf Hochtouren arbeitet.» Wenn der Stress nachlasse, nutze das Immunsystem die Zeit, sich zu erholen. Die körperliche Abwehr lasse nach, die Anfälligkeit für Infekte steige. Auch die psychische Komponente spiele eine Rolle, so Psychiater Hättenschwiler: «Der Erwartungsdruck vor den Ferien ist gross, vergleichbar mit jenem vor Weihnachten. Alles sollte perfekt sein. Diese Anspannung kann sich schnell mal in körperlichen Symptomen äussern.» Ich erfüllte bei meiner Spanienreise praktisch alle Voraussetzungen, die es dazu brauchte.

Was aber kann man tun, um Krankheiten vorzubeugen? Am wichtigsten ist wohl, dass man nicht bis zum letzten Moment vor der Abreise auf Hochdruck arbeitet, sondern dass schon vor den Ferien Arbeitsstunden gezielt heruntergefahren werden. «Leute mit der sogenannten Ferienkrankheit leiden häufig unter einem grossen Schlafmanko, was sie auch anfälliger macht, krank zu werden, wenn sie sich schliesslich dann doch entspannen», sagt Hättenschwiler. «Man lässt los, und plötzlich machen sich bislang unterdrückte Symptome bemerkbar.» Zu Hause habe ich vielleicht gegen die Kopfschmerzen eine Tablette eingeworfen, auf dem Liegestuhl, ohne Stress, bemerke ich sie viel eher.

Ich plane jetzt meine Ferien nicht mehr nahtlos an meinen letzten Arbeitstag, sondern relaxe bewusst die ersten beiden Tage zu Hause, denn aus Erfahrung weiss ich jetzt: Auch der schönste Strand wird mit 39 Grad Fieber zum Albtraum.