Schmerz lass nach!

Chronischen Schmerzen sollte man auf den Grund gehen. Foto:  Mislav Marohnić (Flickr)

Chronischen Schmerzen sollte man auf den Grund gehen. Foto: Mislav Marohnić (Flickr)

Mit chronischen Schmerzen ist das so eine Sache. Man gewöhnt sich nie an sie, aber man kann mit ihnen leben. Weil man muss. Ich hatte vor einigen Jahren eine monatelange Phase mit starken Schmerzen im rechten Unterbauch. Alle Untersuchungen halfen nichts. Ich ging von Arzt zu Arzt, jeder arbeitet auf seinem Spezialgebiet, ein Befund blieb aus. Und weil die Ärzte nichts fanden, schoben sie die Schmerzen auf meine Psyche. In der Tat war ich damals in einer schwierigen Lebensphase, und langsam glaubte ich selber daran, dass ich ein «Psycho» bin. Als mich dann noch ein Magen-Darm-Spezialist anbrüllte: «Frau Aeschbach, Sie haben nichts, jetzt schlucken Sie endlich die verordneten Schmerzmittel», war ich nahe daran aufzugeben. Ich tat, was er von mir verlangte, und «ernährte» mich fortan von Ponstan, das er mir grosszügigerweise verschrieben hatte. Natürlich die grosse Packung zu 500 mg.

Die Schmerzen wurden chronisch – und ich immer verzweifelter. Bis eine Freundin mich auf ihren Hausarzt aufmerksam machte. Dr. S. war ein sehr angenehmer Mann, zu dem ich sofort Vertrauen fasste. Er hörte meine Leidensgeschichte an, runzelte die Stirn, als ich mich selber als Psycho bezeichnete, und untersuchte mich gründlich. Nach der Untersuchung sagte er, er hätte eine Vermutung und ich solle ein MRI machen. Und dass mein Schmerzmittelkonsum «zu hoch» sei. Über psychische Ursachen wollte er gar nicht reden, solange ein körperliches Leiden nicht ausgeschlossen werden könne.

Der langen Rede kurzer Sinn: Beim MRI wurde festgestellt, dass ich an einem akuten Bandscheibenvorfall litt, der in den rechten Unterbauch ausstrahlte. Als mir Dr. S. die Röntgenbilder zeigte, brach ich in Tränen aus, so glücklich war ich über die Diagnose.

In der deutschen «Ärztezeitung» erschien kürzlich ein Artikel, der beschrieb, wie wichtig schon ein kurzes aufklärendes Gespräch mit dem Arzt sei, denn manchmal könnten Ärzte auch mit wenig Zeit und Aufwand ein ernstes Problem lösen. So sei vielen Patienten mit Kopfschmerzen beispielsweise nicht klar, dass ihr übermässiger Schmerzmittelkonsum das Leiden auf Dauer verstärke, statt es zu lindern. Auch meine Bauchschmerzen wurden durch das Ponstan nicht besser, im Gegenteil.

Erklären die Ärzte ihren Patienten dieses Problem, dann reduzieren die meisten ihren Schmerzmittelkonsum und die Kopfschmerzfrequenz geht dauerhaft zurück. Darauf deutet jedenfalls eine norwegische Studie, die auf dem ersten Kongress der European Academy of Neurology in Berlin vorgestellt worden ist.

Von einem Tablettenmissbrauch wurde ausgegangen, wenn die Patienten an mindestens 15 Tagen im Monat Kopfschmerzen hatten und täglich Schmerzmittel einnahmen. Dabei gaben die Hausärzte 24 Patienten auch Tipps, wie sie ihren Konsum reduzieren können, und informierten sie über Entzugssymptome wie Rebound-Kopfschmerzen. Wie sich herausstellte, reduzierten mehr als zwei Drittel der Patienten ihren Schmerzmittelgebrauch in den ersten drei Monaten nach der Beratung. Nach einem Jahr hatten sich mehr als 70 Prozent entwöhnt. Mit der Schmerzmittelreduktion gingen auch die Kopfschmerzen zurück: 50 Prozent der beratenen Teilnehmer hatten nach einem Jahr keine chronischen Kopfschmerzen mehr, bei zwei Dritteln der anderen Hälfte war die Attackenfrequenz um mehr als ein Viertel, bei einem Drittel sogar um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Dagegen gab es bei den nicht beratenen Patienten kaum Veränderungen.

Natürlich sind Schmerzmittel hilfreich, aber manchmal übertünchen sie nur eine Krankheit wie bei mir, oder sie verschlimmern sie wie bei vielen Kopfschmerzpatienten. Und manchmal kann ein Gespräch mit einem guten Arzt der Anfang einer schmerzfreieren Zukunft sein.