Absurde Skinny-Selfies

bellybuttonchallenge

Bei der Bellybutton-Challenge gilt es, den Arm hinten um den Rücken zu schlingen und den Bauchnabel zu berühren. (Instagram/Mollystapes)

Vor ein paar Tagen hat meine Kollegin Doris Hofer an dieser Stelle über ihr Sixpack geschrieben. So sehr ich ihre Disziplin bewundere, ich sehe alles, was mit meinem Körper zu tun hat, lockerer und bin jedenfalls die meiste Zeit mit ihm versöhnt, auch wenn ich keine Modelmasse habe.

Was mich aber richtig nervt, sind die Körper-Challenges, die zurzeit grassieren. Als die ersten Girls ihren «thigh gap», also die Lücke zwischen ihren Oberschenkeln twitterten, schmunzelte ich noch und dachte an meine Teenagerzeit und daran, wie wir in der Garderobe vor dem Turnen genau diese Lücke zum Mass aller Dinge machten. Leider gehörte ich damals nie zu den coolen Dünnen mit Durchblick, und auch heute schmiegen sich meine Oberschenkel innig aneinander.

Dann folgte vor kurzem die Bellybutton-Challenge. Im Netz tauchten plötzlich Fotos auf, die dünne Girls zeigten, die den Arm einmal hinten um den Rücken schlingen und dann den Bauchnabel berühren. Dieser neue Internet-Hype stammt aus China. Auf Weibo, der chinesischen Twitter-Variante, tauchten die ersten Bilder auf, inzwischen finden sich Zehntausende solcher Verrenkungs-Selfies auch auf Instagram, Twitter und Facebook. Immer mehr schlanke Mädchen und Frauen präsentieren ihre flachen Bäuche und laden Freunde ein, auch an der Challenge teilzunehmen.

(Instagram/Danbao)

Bei der Collarbone-Challenge werden möglichst viele Münzen auf dem Schlüsselbein aufgereiht. (Instagram/Danbao)

Und schon ist die nächste Skinny-Selfie-Welle online. Wie schon die Bauchnabel-Challenge hat auch dieser Trend seinen Ursprung in China. Die Collarbone-Challenge besteht, wer eine Reihe von Münzen aufrecht auf seinem Schlüsselbein aufreihen kann. Und die nächste Skinny-Challenge ist sicher schon im Anrollen. Wobei Rollen sicher der falsche Begriff ist. Denn an den Girls, die sich so präsentieren, ist nicht mehr viel Rundes dran.

Als erwachsene Frau könnte ich solche Trends auf die leichte Schulter nehmen. Damit ich meinen Bauchnabel erreichen könnte, müssten meine Arme über Nacht 30 Zentimeter wachsen. Aber wenn ich mir vorstelle, wie diese Fotos auf junge Mädchen wirken, dreht es mir den Magen um. Der weibliche Körper verkommt zu einem Stück Fleisch oder einer Ansammlung einzelner Problemzonen. Über die sozialen Netzwerke wird Dünnsein als einzig akzeptables Ideal propagiert. Und wenn meine schlaksige 12-jährige Nichte darüber sinniert, ob sie auf Diät gehen soll, schlucke ich meine aufsteigende Wut runter und erkläre ihr, dass sie so wie sie ist, wunderschön ist. Ob sie mir glaubt, weiss ich nicht.

Die feministische Psychoanalytikerin Susie Orbach spricht in der «Süddeutschen Zeitung»  vom «Körperterror». Es sei heute schlichtweg normal, seinen Körper nicht zu mögen. Aber wir haben viel davon, wenn wir unseren Körper mehr lieben. Wir machen uns verrückt und kritisieren nonstop unsere Oberschenkel, Bäuche und Busen. Wie die Frauenzeitschrift «Brigitte» schreibt, beginnt die Körperkritik immer früher: 24 Prozent der Mädchen zwischen 6 und 16 Jahren würden sich über eine Schönheits-OP als Geschenk freuen, so die Studie des Jugendmagazins «Bravo» aus dem Jahr 2009. Inzwischen sind diese Zahlen sicher noch gestiegen. Natürlich sind Magersucht oder Bulimie keine neuen Themen. Auch wir probierten die verschiedensten Diäten aus und massen uns im Busen-Bleistift-Test. Aber das passierte meistens auf spielerische Art und Weise.

Noch nie wurde das Dünnsein so verbissen zelebriert wie heute. Bestimmte Körperformen zu haben, wird heute über die sozialen Netzwerke als einzig akzeptables Ideal propagiert. Fragt sich nur, welche Körperstelle sich als Nächstes verdünnisieren soll. Das Hirn kann es kaum mehr sein, denn das ist ob all dem ganzen Blödsinn sicher schon ziemlich geschrumpft.