Der Krebs ist geheilt – und ist doch nicht weg

nach der krebserkrankung

Der Weg zurück ins Leben ist nach einer durchgestandenen Krebsbehandlung lang. (Flickr)

Für Aussenstehende ist es schwer nachvollziehbar. Gilt ein Krebspatient als «geheilt», erwartet die Umwelt, dass alles wieder so ist wie früher. Auch viele ehemalige Kranke haben diese Erwartungshaltung und hegen den Wunsch, der Alltag solle sich so schnell wie möglich normalisieren. Doch Fachleute warnen, dass die Folgen einer solchen Krankheit oft unterschätzt werden. Auch der Psychiater Josef Hättenschwiler vom Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ) hat diese Erfahrung gemacht: «Die Verarbeitung eines solchen Traumas kann dauern, weil es tiefe Verunsicherung und Depressionen auslösen kann.» Viele Patienten hätten durch eine Krebserkrankung das Urvertrauen ins Leben verloren, und damit auch eine gewisse Zuversicht.

Meret Schüller* war 43, als sie an Brustkrebs erkrankte. Für die Physiotherapeutin und Mutter eines siebenjährigen Buben war der Befund «ein Riesenschock, der mein Leben auf den Kopf stellte». Ihre pragmatische Art half ihr jedoch über die Diagnose hinweg: «Ich dachte immer, mein Leben ist jetzt ein langer, dunkler Tunnel, aber wenn ich da wieder rauskomme, fange ich neu an.»

Doch die Dunkelheit dauerte länger als gedacht. Nach einer Brustamputation streuten Metastasen ins Rückenmark. Es folgten mehrere Monate Bestrahlungen und drei Chemotherapien, die erfolgreich verliefen. Seit anderthalb Jahren hat Meret bei den dreimonatlichen Untersuchungen keinen krankhaften Befund mehr und gilt als gesund.

«Nach der Chemo begann ich schnell wieder zu arbeiten», erinnert sie sich. «Doch meine Leistungsfähigkeit war beeinträchtigt. Dinge, die mir früher spielend leicht gefallen waren, strengten mich an. Auch psychisch war ich total durcheinander. Ich sagte mir immer wieder: ‹Jetzt beginnt mein zweites Leben›, aber die Verunsicherung über das Erlebte war stärker als die Zuversicht.» Auch ihr nahes Umfeld konnte sie nicht trösten, obwohl ihre Freunde und ihre Eltern sie immer unterstützt hatten. «Ich fühlte mich total allein, hatte das Gefühl, niemand könne mir helfen.»

Für das nahe Umfeld sind die Nachwirkungen oft nur schwer nachzuvollziehen – denn äusserlich zu sehen sind sie ja nicht. «Es wird völlig unterschätzt, wie lange die Folgen einer Therapie nachwirken können», sagt auch Dirk Jäger, Professor und Direktor für Medizinische Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, in der «Welt».

Auch bei der Arbeit fühlte sich Meret oft unverstanden. Sie hatte ihre Kolleginnen und ihren Chef immer über den Verlauf ihrer Krankheit informiert, «aber von dem Moment an, als ich krebsfrei war, hatten alle das Gefühl, ich müsse wieder 100-prozentig auf der Matte stehen und optimistisch in die Zukunft schauen».

Ihr Fazit über diese Zeit ist bitter: Das Umfeld vergisst schnell. «Ich fühlte mich durch die Krankheit stigmatisiert, hatte das Gefühl, für alle war ich nur noch ‹die mit dem Krebs›.»

Am Anfang ihrer Erkrankung hatte sich Meret von ihrem langjährigen Partner getrennt, der neue Mann an ihrer Seite unterstützte sie nach Kräften, aber auch er konnte nicht verhindern, dass sie Mühe hatte, ihren Körper zu akzeptieren. Auch der Wiederaufbau der Brust änderte das nicht. «Die Narben störten mich nicht wirklich, aber mein Selbstbewusstsein war dahin. Ich hatte den Krebs besiegt, sollte glücklich sein, aber über mir hing ein Damoklesschwert.» Würde sie gesund bleiben? Würde der Tumor zurückkommen?

Dank einer Freundin, der sie sich anvertraute, fasste sie nach langen Überlegungen den Mut, eine Psychotherapie zu beginnen. «Zuerst wollte ich in eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Krebspatienten, aber ich wurde nicht fündig. In der Tat gibt es für Krebskranke und ihre Angehörigen viele Selbsthilfegruppen in der Schweiz. Für Menschen, die den Krebs besiegt haben, gibt es aber nur wenige.» Darauf entschloss sich Meret zu einer Einzel-Gesprächstherapie bei einer Psychologin. «Hier konnte ich allen Frust und alle Ängste rauslassen. Etwas, das ich früher nie gemacht hatte.»

Ein guter Entscheid: Nach mehreren Monaten Therapie fühlt sich Meret heute «gut» und sogar «vitaler» als vor ihrer Krankheit. «Ich weiss, es tönt klischiert, aber ich geniesse wirklich jeden Augenblick meines Lebens.» Das gelinge ihr natürlich nicht immer, aber «ich lebe viel bewusster als vor meiner Erkrankung». Sie ist überzeugt, dass ihr vor allem die Therapie geholfen habe, das Erlebte zu einem grossen Teil zu verarbeiten. «In letzter Zeit spüre ich eine neue Kraft in mir, ich bin stolz auf mich, dass ich die Krankheit durchgestanden habe, nicht an ihr zerbrochen bin.»

Bedauern tut sie nur eines: dass sie so lange gebraucht hatte, bis sie Hilfe angenommen habe. Denn: «Manchmal schafft man das Leben nicht allein.»

*Name geändert