Zu viele nackte Tatsachen

Von Kopf bis Fuss

Am Strand ok, in der Stadt definitiv nicht: Frau in Hotpants. Foto: AFP

Kürzlich zählte ich auf meinem zehnminütigen Weg ins Büro, was mir schon vor neun Uhr morgens an nackten Tatsachen serviert wurde: Ich sah mindestens 20 nackte Oberschenkel, fünf weit ausgeschnittene Décolletés, drei nackige Bäuche, unzählige offen gelegte Schultern und ein halbnacktes Füdli einer Velofahrerin, der die Jeans über den Po gerutscht waren. Die offenen Schuhe habe ich gar nicht gezählt. Es war an diesem Morgen genau 11 Grad kalt, und die Sonne blitzte nur scheu hinter den Wolken hervor.

Es ist für mich schleierhaft, warum sich die Leute, kaum haben sie ihre Steppjacke in den Kleiderschrank versorgt, die Kleider quasi vom Leib reissen. Ich verstehe ja, wenn man nach diesen grausligen Wintertagen Wärme auf der Haut spüren will, aber als Mitmensch möchte ich in der City weder mit halb entblössten Busen noch mit nackten Bäuchen konfrontiert werden. Was im Hochsommer in der Badi bei einem trainierten und gebräunten Körper durchwegs ein Hingucker sein kann, irritiert mich beim Tramfahren an einem kühlen Mai-Morgen.

Bei zu viel nackiger Haut geht es mir ein bisschen wie bei einem Autounfall: Ich möchte eigentlich gar nicht hinschauen, muss aber einfach. Mit dem Erfolg, dass ich die Muttermale auf dem entblössten Rücken einer Mitfahrerin zählen und mir die Frage stellen kann, ob ich einen nach aussen gestülpten Bauchnabel hübsch finden soll. Mit Erstaunen stelle ich fest, dass die öffentlich zur Schau gestellten Strings immer noch nicht ausgestorben sind. Und auch die BH-Träger, die unter Trägerleibchen hervorblitzen, scheinen ein langes Leben zu haben. Kurz und gut: Ich werde mit Tatsachen konfrontiert, bei denen ich sagen muss: Sorry, so genau wollte ich das gar nicht wissen!

Was zu den ganzen nackten Tatsachen noch erschwerend dazukommt, ist, dass viele Menschen es mit der Körperpflege nicht so genau nehmen. Der Trend zu unrasierten Achselhöhlen mag bei Miley Cyrus belustigen, verbunden mit dem typischen Schweissgeruch raubt mir so was den Atem. Und ja, man kann auch bei kühlem Wetter schweisseln. Und auch bei der Nagelpflege nehmen es die meisten zu Beginn der warmen Jahreszeit nicht so genau. So stand ich kürzlich neben einem auf den ersten Blick ziemlich coolen Typen vor einem Imbiss. Er trug ein luftiges Leinenhemd, legere Cargohosen und hatte seinen Blazer lässig über die Schultern geworfen. Da fiel mein Blick auf seine offenen (!) Sandalen, und ich erblickte gelbe Zehennägel in einer unfassbaren Länge. Der Appetit auf mein Sandwich schwand auf der Stelle.

Vielleicht bin ich prüde. Aber für mich hat Kleidung auch immer mit Respekt gegenüber meinem Umfeld zu tun. Und bei so viel nackter Haut, und das schon im Frühling, stelle ich mir die Frage: Was ziehen die Leute bloss im Hochsommer noch an? Oder vielmehr: Was dann noch aus?