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Pilotprojekt Einheitskasse in der Romandie

claude chatelain am Montag, den 29. September 2014
Unbenannt

Pierre-Yves Maillard - will er wirklich eine Einheitskrankenkasse?

Der Röstigraben macht mir Sorgen: Wenn sich bei jeder zweiten wichtigen Abstimmung eine Kluft zwischen der deutsch- und der  französischsprachigen Schweiz auftut, so ist das für den Zusammenhalt problematischer, als wenn die Thurgauer und die Nidwaldner das Frühfranzösisch abschaffen. Doch im Fall der Einheitskasse kann ich dem Röstigraben nur Positives abgewinnen. Denn ich sehe nicht ein, weshalb man den Kantonen Genf, Jura, Neuenburg und Waadt verwehren soll, eine Einheitskasse einzuführen. Erstens kann man damit die Mehrheit der Romands zufriedenstellen. Zweitens können wir Deutschschweizer gelassen beobachten, wie ein solcher Systemwechsel vonstattengeht. Und ist der Systemwechsel einmal vollzogen, wird man sehen können, welches Modell besser funktioniert.

Wir hätten dann eine Konkurrenzsituation zwischen zwei Systemen, ähnlich wie in der Unfallversicherung. Dort befindet sich die Suva ebenfalls im Wettbewerb mit den Privatversicherern, auch wenn gewisse Branchen keine Wahlfreiheit haben und sich dem Versicherungsschutz der Suva nicht entziehen können. Doch Prämiensteigerungen, Kundenservice und Kostenbewusstsein lassen sich durchaus vergleichen. Die welsche Einheitskrankenkasse stünde dann ebenfalls in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zu den Deutschschweizer Grundversicherern. Nur dass wir im Unterschied zur Unfallversicherung keine branchenspezifische, sondern eine geografische Abgrenzung hätten.

Ich fürchte jedoch, dass sich die Romands diesem Wettstreit der Systeme gar nicht stellen würden. Eine Abstimmung in den entsprechenden Kantonen könnte also sehr gut bachab gehen, wenn sie über eine kantonale und nicht über eine eidgenössische Einheitskasse abstimmen dürfen. Der Waadtländer Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard, der prominenteste Befürworter der Einheitskasse, hielt sich dieser Tage vornehm zurück, eine welsche Lösung zu fordern. Ihm wird so oder so nachgesagt, dass er eigentlich gar keine Einheitskasse will. Ihm liege vielmehr daran, mit den wiederkehrenden Initiativen die Krankenkassen zu disziplinieren.

Zum Stockwerkeigentum

claude chatelain am Montag, den 22. September 2014

66-24062500Stockwerkeigentum boomt. An gewissen Lagen zahlt man horrende Preise, um vier Wände sein Eigen  nennen zu können. Wobei   nur die Wände und die Ausstattung im Innern im Eigentum eines  einzelnen Stockwerkeigentümers sind.   Treppenhaus,  Dach und insbesondere das Grundstück teilt er mit anderen.

Seit 50 Jahren gibt es in der Schweiz Stockwerkeigentum. Die Häuser aus der Pionierzeit kommen in die Jahre. Sie müssen renoviert werden. Nun kann man unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob die Hausfassade  erneuert werden muss.  Man kann sich auch darüber streiten, ob ein Kinderspielplatz einen Mehrwert oder einen Minderwert darstellt.  Wo die Meinungen über das gemeinsame  Eigentum geteilt sind, ist der Knatsch programmiert.

Mit der Häufung solcher  Streitigkeiten wird sich mancher potenzielle Stockwerkeigentümer  fragen: «Muss ich das haben? Bin ich mit einer Mietwohnung nicht besser bedient?» Ein Mietvertrag ist schnell mal gekündigt, wenn man sich mit Nachbarn schlecht versteht. Eine Wohnung zu verkaufen ist mit deutlich mehr Umtrieben verbunden. Zudem besteht immer auch das Risiko, beim Verkauf weniger Geld zu lösen als man beim Kauf hinblättern musste.

Ich wäre nicht erstaunt, wenn  das Interesse an Wohneigentum aufgrund solcher Geschehnisse  in Zukunft abnehmen wird. Das würde für tiefere Preise sorgen.  Und sollten die Zinsen doch noch einmal anziehen, dann kommen die Preise erst recht unter Druck.

Mancher fragt sich, ob Miete oder Kauf besser rentiert. Mit Rechnungsbeispielen kann man beides beweisen. Für mich ist Immobilienbesitz immer auch eine emotionale Angelegenheit. Doch wenn ich mich wegen eines renitenten Stockwerk-Miteintümers grün und blau ärgern muss, helfen mir Renditeschätzungen  wenig.

Viele Behauptungen und keine Beweise

claude chatelain am Freitag, den 5. September 2014

Vor Urnenabstimmungen ist Gegnern und Befürwortern fast jedes Mittel recht, um die Stimmbürger von ihrer Sache zu überzeugen. Beim Abstimmungskampf um die Einheitskasse tun sie dies vorab  mit Behauptungen, die sich weder belegen noch widerlegen lassen.

Die Gegner sagen, die Kosten würden bei fehlendem Wettbewerb steigen. Die Befürworter hingegen beteuern, die Kosten würden wegen der eingesparten Verwaltungskosten sinken. Ich behaupte, wir wissen es nicht.

Ärzte behaupten, die Einheitskasse würde die freie Arztwahl garantieren, denn  der Monopolist könne nicht einzelne Mediziner  ausschliessen. Andere Ärzte versichern, die Einheitskasse schränke die freie Arztwahl ein. Das zeigten Beispiele aus dem Ausland. Ich entgegne: Wir wissen es nicht.

Der Systemwechsel werde 1,75  Milliarden Franken verschlingen, behaupten die Gegner. Es werde weniger als eine Milliarde sein, kontern die Befürworter. Ich lästere: Wir wissen es nicht.

Die Befürworter sagen, die ungebetenen Anrufe von Telefonmaklern würden bei einer Einheitskasse versiegen, da man ja die Kasse nicht mehr wechseln könne. Die Gegner wollen wissen, dass die  «cold calls» bei einer Einheitskasse erst recht zunähmen, weil die Nachfrage nach Zusatzversicherungen steigen würde. Ich räsoniere: Wir wissen es nicht.

Wenn Ärzte im Leitungsgremium sässen, sei das eine Verbesserung, sagen die Befürworter. Die  Gegner hingegen finden, das sei  eine Verschlechterung. Ich sage: Wir wissen es nicht.

Wir wissen nicht, wie das Gesetz  bei einem Ja formuliert und wie die paritätische Führung ihre Aufgabe wahrnehmen würde. Solange wir das nicht wissen, kann jeder  behaupten, was er will: Wem es zuwider ist, jedes Jahr zum günstigsten Anbieter zu wechseln, stimmt Ja. Wer nicht einer einzigen Kasse  ausgeliefert sein will,  stimmt Nein. Gar nicht so schwierig, oder?

Über Twitter

claude chatelain am Dienstag, den 2. September 2014

Verfolgen Sie das Geschehen an den Finanzmärkten via Twitter? Tops und Flops in alphabetischer Folge:

Aktientipp CH: der Account von Erfolgreichinvestieren.ch. Hoffentlich investieren die Urheber erfolgreicher, als sie twittern. Langweilig.

Björn Zern: Interessiert an Nebenwerten? Zern ist die Adresse.

Boerseonline: informiert gemäss eigenen Angaben «unabhängig, aktuell, analytisch und kompetent über Geldanlage». Leider deutschlandlastig.

Cash.ch: Was twittert «Cash»? Was twittert «cashInsider»? Die Macher verstehen vielleicht etwas von Finanzmärkten, aber nichts von Markenstrategie. Überflüssig.

cash Insider: verweist auf Artikel auf «Cash.online»; kommentiert gescheit, dürfte selektiver sein. Interessant.

Dirk Müller: Früher war Mister Dax auch mal originell. In jüngster Zeit meist Lieferant wenig aussagekräftiger Konjunkturdaten. Fantasielos.

Die Börsenblogger: zwitschert, was es auf der eigenen Homepage zu lesen gibt. Führt die Rubrik mit dem anbiedernden Titel «Grüezi Zürich». Lesenswert.

Dividendenperle: Ideenlieferant für Zinslipicker. Selten mit einer Wertung. Unkonstant.

Finanz u. Wirtschaft: verweist auf Artikel, für die man sich einloggen muss. No-go.

Finanzen.ch: Das Finanzportal der Springer-Medien lässt keine Börsennachricht aus, wie ein Nachrichtendienst. Gähn.

mein-aktientipp: hält nicht, was der Titel verspricht: publiziert eine Flut von Daten. Etikettenschwindel.

Michael Ferber: Der Kollege von der NZZ twittert durchaus interessante Beiträge seines Blattes. Schade, dass er auch die uninteressanten twittert.

Paul Krugman: twittert zwar nicht über Aktien. Dafür muss man die Kolumne des Nobelpreisträgers nicht mehr in der «New York Times» suchen. Lesenswert.

Schwarzer Schwan: warnt vor Börsencrash, Finanzkrise, Kurseinbruch, Spekulationsblase. Höchstens ein Tweet pro Monat. Faulpelz.

Schweizeraktien: hält auch nicht, was der Name verspricht: müsste Nebenwerte Schweiz heissen. Bedeutungslos.

Vierte Säule: der Account dieser Kolumne: kein Börsenticker, keine Aktientipps, keine Datenflut. Zwitschert über die erste, zweite und dritte Säule. Kompetent und cool.

Nicht über die Einheitskasse, aber über ein echtes Problem

claude chatelain am Montag, den 25. August 2014

Am 28.September dürfen wir uns entscheiden, ob wir für die obligatorische Grundversicherung eine Vielzahl von Kassen oder nur noch eine Einheitskasse haben möchten.

Aufgrund der scharfen Rhetorik könnte man meinen, das Wohl der Schweiz hänge allein von dieser Frage ab. Wobei ich zugeben muss, dass zumindest das Wohl einiger Verwaltungsräte und Vergleichsdienste sehr wohl  von dieser Frage abhängig sein könnte.

Meines Erachtens ist weder die Erhaltung des Pseudowettbewerbs noch die Einführung einer Einheitskrankenkasse eine Katastrophe. Unsäglich finde ich, dass Unfälle viel besser versichert sind als Krankheiten. Verstärkt wird diese Malaise durch den Umstand, dass der  Unfallbegriff im Gesetz sehr eng, kompliziert und unklar definiert ist. Das führt dazu, dass Unfallversicherer gerne gewisse Unfäll als Krankheit einstufen, um sich somit vor Zahlungen zu verschonen.

Ich habe das an dieser Stelle schon  thematisiert. Das Problem ist derart gravierend, dass man es nicht genug wiederholen kann. Beisst man auf den Stein im Himbeerkuchen, ist es ein Unfall; beisst man auf den Stein im Kirschkuchen, ist es eine Krankheit. Ein anderes Beispiel: Reisst die Sehne, weil man einen 15 Kilo schweren Sack mit einer Drehbewegung auf den Rücken wirft, ist es ein Unfall. Verletzt man sich dagegen beim Ablegen eines 25 Kilo schweren Rucksacks, ist es eine Krankheit. Und wenn sich der Mann der Kehrichtabfuhr  beim Werfen des Abfallsacks die Sehne reisst, ist es kein Unfall, da es sich um eine alltägliche Betätigung handelt. Passiert hingegen einem Privatmann das gleiche Missgeschick, so liegt gemäss vorläufiger Bundesgerichtssprechung ein Unfall vor.

Warum machen sich Politiker und Interessenvertreter nicht dafür stark,  solche Absurditäten aus der Welt zu schaffen? Drei Thesen:

  1. Man kann damit keine Pfründen verteidigen.
  2. Man kann damit nichts verstaatlichen.
  3. Man schafft damit den eigenen Job ab (gilt nur für Juristen).

Zerschlägt man die Grossbanken, sind sie nicht mehr too big to fail

claude chatelain am Dienstag, den 19. August 2014

Mit der Mitteilung der Nationalbank, dass neben UBS, CS und ZKB auch die Raiffeisen-Gruppe systemrelevant sei, ist die Debatte insbesondere um die Notfallkonzepte erneut entbrannt.

Mit den Notfallplänen müssen systemrelevante Banken sicherstellen, dass im Krisenfall der systemrelevante Teil, insbesondere Kreditgeschäft und Zahlungsverkehr, nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. All diese Vorkehrungen sind extrem aufwendig. Dabei ist nicht mal klar, ob der Plan aufgehen wird. Dabei liesse sich das Problem von «too big to fail» einfach lösen: Man könnte die zu gross gewordenen Banken in kleinere Einheiten aufteilen.

Die USA machte das in den frühen Achtzigerjahren vor: Der Telefongigant AT & T wurde derart gigantisch, dass auf Initiative des Justizdepartements der Konzern zerschlagen wurde. Entstanden sind eine um 70 Prozent abgespeckte AT & T, die nur noch Ferngespräche abwickeln durfte, sowie sieben regionale Telefongesellschaften, genannt Baby Bells, die die lokalen Netze und die Schaltzentralen betrieben.

Die USA hatten schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Macht. Auch die Standard Oil Company des legendären John D. Rockefeller wurde den Amerikanern aufgrund des Anti-Monopol-Gesetzes zu mächtig, sodass der Konzern schon im frühen 20. Jahrhundert in 34 einzelne Unternehmen aufgeteilt wurde.

Volksbank

Die Volksbank in Bern ist nicht mehr: Sie wurde 1993 von der CS Holding geschluckt.

Im Gegensatz zu den USA geht die Schweiz mit Machtballungen fahrlässig um: Vor nicht so langer Zeit zählten wir hierzulande fünf gesunde Grossbanken: Bankgesellschaft, Bankverein, Kreditanstalt, Volksbank, Bank Leu. Man liess sie fusionieren und aufkaufen. Dann waren es nur noch zwei und «too big to fail».

Es ist keine Überraschung, dass in der Schweiz keiner den Mut aufbringt, auf eine Zerschlagung der Grossbanken  hinzuwirken.  Man stelle sich bloss den Lärm von all den Ospels, Grübels, Mühlemanns vor, wenn sie nur noch kleinere Einheiten führen und geringere Boni kassieren könnten. Sie würden den Parteien keck den Geldhahn zudrehen, ein Heer von Lobbyisten aufstellen. Vorbei wäre der Spuk.

Statt der Genossenschafter haftet der Steuerzahler

claude chatelain am Mittwoch, den 13. August 2014

Im Frühjahr schafften die Raiffeisenbanken die Nachschusspflicht für Genossenschafter ab. Nur wenige Monate später kommt die Nationalbank zum Schluss, Raiffeisen sei systemrelevant, also too big to fail. Die Gruppe müsse mehr Eigenkapital hinterlegen und ein Notfallkonzept erarbeiten. Vielen der 1,8 Millionen Genossenschafter dürfte gar nicht bewusst gewesen sein, dass sie bis zu einem Betrag von 8000 Franken hafteten, eben nachschusspflichtig  waren. Und zwar nicht nur für ihre Genossenschaft, sondern für die Gruppe insgesamt. Sie wurden Genossenschafter und somit Mitbesitzer, damit sie auf ihren Sparguthaben mehr Zins erhalten.

RAIFFEISEN, BANK, FINANZINSTITUT, RAIFFEISEN, RAIFFEISEN BANK, PASSANT, PASSANTEN, FIRMENLOGO,

Warum kommt die Nationalbank erst heute zur Erkenntnis, dass die Raiffeisengruppe systemrelevant ist?

Schon während der  Debatte  zur Grossbankenregulierung  stand die Frage im Raum, weshalb nur  UBS und Credit Suisse too big to fail seien.  Würden Bundesrat und Nationalbank von der Seitenlinie zuschauen, falls  Raiffeisen zusammenbricht? Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf erklärte damals auf eine entsprechende Frage, dass die Nationalbank zu beurteilen habe, wann ein Institut als too big to fail einzustufen sei. Und heute meinte ein Sprecher der Nationalbank bloss, dass die Beurteilung der Systemrelevanz einen langwierigen Prozess darstelle.  Zuerst hätte man  nach der UBS und der CS die ZKB unter die Lupe genommen und nachher die Raiffeisengruppe.

Und doch: Ist  Raiffeisen systemrelevant, weil die Genossenschafter  nicht mehr haften? Haftet nun der Steuerzahler statt der  Genossenschafter? Ein Raiffeisen-Sprecher verneint den Zusammenhang: «Es war allen Beteiligten immer klar, dass dies ein sehr schwierig zu aktivierendes Instrument gewesen wäre.» Dennoch ist kaum von der Hand zu weisen, dass zumindest zwischen der Nachschusspflicht und den Eigenmittelvorschriften ein Zusammenhang  besteht, sonst wäre die  Nachschusspflicht schon längst aufgehoben worden.

Nun muss also die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz  ein Notfallkonzept erstellen. Sie muss darlegen können, wie im Krisenfall die systemrelevanten Teile gerettet werden können. Die Nachschusspflicht der Genossenschafter, die eben erst abgeschafft wurde, wäre vielleicht ein möglicher Ansatz. Doch im Unterschied zu UBS und CS ist die Abspaltung des systemrelevanten Bereichs bei den  Raiffeisenbanken ungleich schwieriger, weil  alle Genossenschaften massgeblich in systemrelevanten Bereichen wie Zahlungsverkehr und Kreditgeschäft tätig sind. Wobei man fairerweise sagen muss, dass auch die in Erarbeitung befindlichen Notfallkonzepte der Grossbanken allein schon wegen der Informatik eine grosse Herausforderung darstellen. Und ob ein Notfallszenario, das  auf dem Papier  plausibel daherkommt, dann auch in der Praxis funktionieren wird, wissen wir frühestens im Notfall.

Wo Geier kreisen, muss Aas liegen

claude chatelain am Dienstag, den 12. August 2014

imagesCAW9K3O2Viele verbinden Argentinien mit Fussball. Ich verbinde Argentinien mit dem Pleitegeier. Schon siebenmal ist das fruchtbare Land im Süden Südamerikas pleitegegangen: 1827, 1890, 1951, 1956, 1982, 1989 und 2001. Fussball-Weltmeister sind die Gauchos hingegen bloss zweimal geworden: 1978 und 1986.

Dabei ist das Turnier von 1978 im eigenen Land erst noch als Skandal-WM in die Geschichte eingegangen. So soll die argentinische Militärjunta von Diktator Videla den 6:0-Sieg gegen Peru mit 50 Millionen Dollar und 35 000 Tonnen Getreide erkauft haben. Auch über den Titel von 1986 konnten sich die Argentinier nur freuen, weil sie keinen Skrupel kennen. Es war jene WM, an welcher Superstar Maradona das Siegestor gegen die Engländer mit der Hand erzielte. Mit der Hand Gottes, wie er später sagte.

Sie merken es: Ich bin kein Fan von Argentinien, zumal sich die Südamerikaner auch an der zurückliegenden WM in Brasilien nach meiner Wahrnehmung in den Final mogelten. Diesmal zumindest mit legalen Mitteln, soweit ich das beurteilen kann. Meine fehlende Sympathie rührt auch daher, weil ich Argentinien vorab als Pleitenation wahrnehme. Nach der Zahlungsunfähigkeit vor dreizehn Jahren konnte sich die Regierung mit den meisten Gläubigern auf einen teilweisen Schuldenerlass einigen, aber nicht mit allen. Sie mogelten sich also auch hier irgendwie in den Final. Doch das Penaltyschiessen gegen die unerbittlichen Hedgefonds werden die Argentinier verlieren.

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Argentiniens Präsidentin Cristina Elisabet Fernández de Kirchner.

Wer chronisch über seine Verhältnisse lebt und gegen die Spielregeln der Kapitalmärkte verstösst, erhält irgendeinmal die Quittung. Da nützt auch das Wettern von Präsidentin Kirchner gegen die «Geierfonds» nichts. Natürlich ist es schwierig, die Geierfonds sympathisch zu finden. Sie haben Anleihen billig gekauft, als das Land pleite war, nur um es auf die Zahlung seiner Schulden zu verklagen. Doch wie es schon mein Kollege Manfred Rösch in der «Finanz und Wirtschaft» sagte: «Wo Geier kreisen, muss Aas liegen – und wirtschaftspolitisches Gammelfleisch produzieren die Versager in der Casa Rosada seit vielen Jahrzehnten verlässlich, seien sie nun gewählt oder uniformiert.»

Für einmal zahlt die Krankenkasse mehr als der Unfallversicherer

claude chatelain am Dienstag, den 5. August 2014

Eine Kollegin erzählte mir Folgendes: Sie ist gestürzt und liess sich von einem Osteopathen behandeln. Die Sitzung von 45 Minuten kostete 110 Franken. Sie schickte die Rechnung der Unfallversicherung und erhielt folgende Antwort: «Die Alternativtherapien sind grösstenteils wissenschaftlich nicht anerkannt und ihre Vergütung stellt keine Pflichtleistung der Unfallversicherung dar.» Dennoch übernimmt die Vaudoise einen Teil der Kosten, weil sich «die Alternativtherapien erfahrungsgemäss bei geeigneter Indikation günstig auf den Heilerfolg auswirken». Die Sitzungspauschale dürfe aber pro 45-minütiger Sitzungsdauer 55 Franken nicht überschreiten.

Nachdem die Vaudoise für die ersten Sitzungen 50 Prozent der Kosten bezahlt hatte, erinnerte sich die Kollegin, dass sie bei der Visana die Zusatzversicherung Komplementärmedizin hat. Sie schickte die folgenden Rechnungen der Visana, welche ihr 90 Prozent der Kosten vergütete, 99 Franken pro Sitzung. Der Finanzchef einer Krankenkasse sagte mir, die Kollegin hätte alle Rechnungen der Vaudoise präsentieren und danach den Restbetrag von der Visana bezahlen lassen sollen. Damit wäre die Behandlung vollständig bezahlt gewesen. Was wäre, wenn die Kollegin die Rechnungen gleichzeitig beiden Versicherern schickt, um einen Betrag zu kassieren, der die Kosten übertrifft? «Geht nicht», sagte mir der Finanzchef. Beide Versicherer würden die Originalrechnung verlangen.

Die Moral der Geschichte: Warum sollen unsere Sozialversicherungen einfach sein, wenn es auch kompliziert geht?

Dank Draghi ist es seit zwei Jahren ruhig um den Euro – wie lange noch?

claude chatelain am Samstag, den 26. Juli 2014
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Das Wort von Mario Draghi hat Gewicht.

Heute jährt sich zum zweiten Mal der grosse Tag des Mario Draghi. Am 26. Juli 2012 sagte der Chef der EZB: «Die Europäische Zentralbank ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Glauben Sie mir: Es wird genug sein.»

Die Investoren glaubten ihm: Der Euro, von manch einem bereits als klinisch tot diagnostiziert, erlebte eine wahre Auferstehung. Er stieg seither von 1,20 auf 1,40 Dollar: Auch die Kurse der Staatsanleihen der Euro-Südländer wie Griechenland, Italien oder Spanien stiegen an; jene der Aktien im Euroraum sowieso. Allein die Dividendenpapiere italienischer Firmen verteuerten sich seither im Schnitt um 70 Prozent. Was also all die Staatschefs in unzähligen Krisengipfeln und mit wiederkehrenden Bekenntnissen zur Gemeinschaftswährung nicht zustande brachten, gelang dem EZB-Chef mit einem einzigen Satz. Das Wort eines Notenbankchefs hat mehr Gewicht als das eines Politikers oder einer Politikerin. Selbst wenn sie Angela Merkel heisst.

Mario Draghi vermochte also die Investoren bei Laune zu halten. Damit wurden aber die Probleme der Eurozone in keiner Art und Weise gelöst: Die Staatsverschuldung Griechenlands liegt mit 175 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf ähnlichem Niveau wie vor Ausbruch der Krise, obschon dem griechischen Staat ein Teil der Schulden erlassen wurde. Auch in Italien hat sich die Schuldensituation kaum verbessert. «Trotz Sparbemühungen der Krisenländer sind die Schulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung weiter gestiegen», konstatiert die «Finanz und Wirtschaft».

Für Heinz-Werner Rapp vom deutschen Investmentspezialisten Feri hat Draghis Aussage die Eurozone in eine «gefähr- liche Vollnarkose versetzt». Die Risiken würden nicht mehr korrekt wahrgenommen, und die Anleihen seien nicht mehr adäquat bewertet. Für Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München «schwelt die Eurokrise unter dem Teppich».

«Draghi wird es schon richten», scheinen sich die Länder zu sagen. Damit wurde von ihnen der Druck genommen, sich zu reformieren. Das gilt insbesondere auch für Frankreich, das in seinen verkrusteten Strukturen gefangen bleibt. Die Ruhe um den Euro ist trügerisch. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.