Wieder ein Fall einer unnötigen Versicherung

claude chatelain am Dienstag, den 21. Juni 2016

Einem Arbeitskollegen erging es in jüngeren Jahren wie Tausenden anderen Schweizerinnen und Schweizern: Er liess sich von einem Bekannten dazu überreden, eine fondsgebundene 3a-Police abzuschliessen. Er tat dies bei der Generali. Damals war er 23 Jahre alt. Jetzt bereut er es bitter.

Seit 14 Jahren überweist er der Generali jährlich 3600 Franken. Weitere 28 Jahre sollte er dies gemäss Vertrag noch tun. «Soll ich?», fragte er mich kürzlich. «Nein», erwiderte ich ihm. Er hat Frau und Kind und einen ansprechenden Lohn. Sollte er erwerbsunfähig werden oder sterben, wäre er beziehungsweise wären die Hinterbliebenen via AHV und Pensionskasse bestens versorgt.

Der Rückkaufswert der Generali-Police beträgt heute gut 31 000 Franken. Doch einbezahlt hat der Kollege bisher 54 000 Franken. Er könnte nun diese 31 000 Franken auf ein Konto 3a überweisen. «Dann verliere ich aber 23 000 Franken», sagte er mir.

Da macht der Kollege leider einen Denkfehler. Er bekam für die bezahlte Prämie eine Leistung. Seine Sparversicherung hat einen hohen Risikoteil. So war er all die Jahre gegen Tod und Erwerbsunfähigkeit versichert. Nur einen Teil der Prämie hat Generali in den Anlagefonds investiert. Wie hoch diese Sparprämie ausfällt, konnte ich nicht eruieren. Transparenz ist eben nicht die Stärke von Sparversicherungen. Die durchschnittliche Jahresrendite beträgt angeblich 2,4 Prozent.

Der Arbeitskollege braucht diesen Versicherungsschutz nicht. Oder sagen wir: nicht mehr.

Statt den Rückkaufswert auf ein Konto 3a zu überweisen, könnte der Kollege die Prämienzahlung einstellen und das Kapital samt Zins in 28 Jahren beziehen. Man nennt das Prämienfreistellung.

Ob es gescheiter ist, den Rückkaufswert auf ein Konto 3a zu überweisen oder die Prämie freizustellen, weiss ich nicht. Ich will bloss behaupten, dass beide Varianten sinnvoller sind, als weiterhin Jahr für Jahr für einen Versicherungsschutz zu bezahlen, der im Verlauf der Jahre obsolet geworden ist.

Der neue Trend: Methusalem-Bonds

claude chatelain am Freitag, den 3. Juni 2016

Heute wollen wir uns mit festverzinslichen Anlagen beschäftigen. Es gibt eine ganze Reihe davon: Wandelobligationen, hybride Anleihen, Zerobonds, Junk-Bonds, Pflichtwandelanleihen, Scharia-Bonds und sicher noch einige mehr. Neulich habe ich von einem Obligationen-Begriff gelesen, der mir bisher nicht geläufig war: Methusalem-Bonds.

Geschlossen hat mir die Bildungslücke die NZZ, die man in Journalistenkreisen ehrfürchtig Alte Tante nennt. Wer könnte kompetenter über Methusalem berichten als die Alte Tante herself? Methusalem ist jene Figur aus dem Alten Testament, die 969 Jahre alt wurde. Folgerichtig sind Methusalem-Bonds laut NZZ Obligationen mit «ultralangen Laufzeiten». Sie seien wegen der verzweifelten Suche nach etwas Rendite gefragt, schrieb die NZZ.

Etwas Rendite? Eben erst hat Spanien eine 50-jährige Anleihe plaziert. Die Rendite beträgt 3,5 Prozent. Aber auch nur, wenn die Spanier ihrer Zins- und Rückzahlungspflicht nachkommen werden. Noch schlimmer: Die Eidgenossenschaft emittierte jüngst eine Obligation mit einer 42-jährigen Laufzeit. Der Zinscoupon beträgt ein halbes Prozent. Doch die Nachfrage nach diesem himmeltraurig verzinsten Papier war so gross, dass an der Auktion ein Preis von 110 Prozent erzielt werden konnte. Damit sinkt die Rendite auf 0,25 Prozent.
Nehmen wir mal das Jahr 2056. Zig Investoren hocken dannzumal auf einem Papier, das während 40 Jahren eine Rendite von 0,25 Prozent abzuwerfen vermochte. Offenbar gehen Anleger davon aus, dass wir noch sehr, sehr, sehr lange Jahre mit negativen Zinsen leben müssen. Auch Ausländer dürften hier zugelangt haben. Sie rechnen wohl damit, dass der Franken noch stärker wird und sie bei der Rückzahlung einen Wechselkursgewinn einstreichen können.

2058, wenn die Eidgenossenschaft ihre Anleihe mit der lausigen Rendite von 0,25 Prozent zurückzahlt, werde ich 105 Jahre alt sein. Damit komme ich noch lange nicht an die 969 Jahre des Methusalem heran. Doch so lange will ich gar nicht leben – schon gar nicht bei diesen Renditen.

Wer zu «Pro Service public» ja sagt, hat keine Swisscom-Aktien

claude chatelain am Dienstag, den 24. Mai 2016

Die Volksinitiative «Pro Service public» ist auch für Anleger von Belang. Sollte die vom «K-Tipp» lancierte und von allen relevanten politischen Parteien abgewiesene Verfassungsinitiative eine Mehrheit finden, sehen Swisscom-Aktionäre alt aus. Für sie gibt es keine Dividenden mehr, wenn der Telekommunikationskonzern seine Gewinne nicht mehr ausschütten darf. Dabei ist die Swisscom-Aktie bei Privatanlegern gerade wegen der hohen und stabilen Dividende äusserst beliebt.

DownloadUnd doch bleibt ein Funken Hoffnung. Womöglich wird bei einem Ja der Service-public-Teil der Swisscom abgespalten und der lukrativere Teil privatisiert. Das ist zwar keinesfalls das, was die Initianten wollten. Es ist aber etwa das, was den Bürgerlichen zupasskäme. Das könnte ein Grund sein, weshalb rechte Parteien der Abstimmung gelassen entgegenblicken. Und wenn ich sehe, dass der Aktienkurs der Swisscom trotz wenig verheissungsvollen Umfrageergebnissen kaum unter Druck gerät, so bin ich wohl nicht der Einzige, der mit diesem Szenario rechnet.

Total kontraproduktiv sind indes Aussagen, wie sie im «Blick» zu lesen waren: «Wer Ja stimmt, spielt mit seiner Rente», soll Thomas Egger von der Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete gesagt haben. Das Sprachrohr der Initiativgegner stützt sich auf die Tatsache, dass die Pensionskassen Aktien von Swisscom besässen. Doch der Anteil ist verschwindend klein. Die meisten Vorsorgeeinrichtungen investieren analog einem Index. Im Swiss-Market-Index (SMI) hat Swisscom ein Gewicht von gerade mal 1,27 Prozent.

Wer solche Behauptungen in die Welt setzt, spielt den Initianten in die Hände. Sie reiben sich im Versteckten eh die Hände, dass die Linken nicht auf ihren Zug aufgesprungen sind. Mit irreführenden und mit Lügen durchsetzten Abstimmungskampagnen verlieren Politik und Wirtschaft zusehends ihre Glaubwürdigkeit. Für den unverdächtigen «K-Tipp» ist es offenbar kein Nachteil, das gesamte Establishment gegen sich zu wissen.

Aktiv oder passiv?

Claudia Salzmann am Mittwoch, den 18. Mai 2016

BOERSENKURS, BOERSENKURSE, NIKKEI, INDEX, NIKKEI INDEX, FINANZKRISE, WIRTSCHAFTSKRISE, BOERSENKRISE, SCHULDENKRISE,

Aktiv versus passiv. Jeder, der sein Geld in Wertschriften anlegt, muss dazu eine Meinung haben. Ich habe auch eine: Ich plädiere für passiv. Passiv heisst, ein Wertschriftenportfolio zusammenzustellen, das eins zu eins einen Börsenindex wie zum Beispiel den Swiss Performance Index nachbildet. Vertreter dieser Philosophie gehen davon aus, dass der Markt immer recht hat. Die meisten börsenkotierten Anlagefonds, bekannt als ETF, verfahren nach diesem Schema.

Beim aktiven Anlageansatz sind Fondsmanager bemüht, mit einer kreativen Zusammenstellung des Aktienkorbes eine höhere Performance zu erzielen als der zugrunde liegende Börsenindex.
Ich gebe zu, dass es nicht wirklich mutig ist, für den passiven Ansatz einzustehen. Zig Studien bestätigen, dass es nur wenigen Fondsmanagern gelingt, über längere Zeit den Index zu schlagen.
Mein Leibblatt, die «Finanz und Wirtschaft», hat kürzlich das Resultat einer aktuellen Studie publiziert. Sie erteilte dem Analysehaus E-fundresearch.com den Auftrag zu untersuchen, wie viele Fondsmanager über fünf Jahre den Vergleichsindex konsequent zu übertreffen vermochten. Das Resultat ist niederschmetternd: Von knapp 4600 untersuchten Aktienfonds erfüllten die Geldmanager lediglich bei 33 Produkten dieses Ziel. Also bei jedem 139. Fonds.

Schweizer Aktienfonds sind unter diesen 33 Fonds keine zu finden. Die F+W erklärt das mit dem Umstand, dass es bei regionalen, kompakten Märkten wegen ihrer Homogenität schwieriger sei, den Börsenindex zu schlagen. Auch mit deutschen Aktien schaffte es nicht ein einziger Fondsmanager, eine über dem Index liegende Performance zu erzielen.
Gemäss E-fundresearch.com hatten jene Fondsmanager mehr Glück, die für Aktienfonds von Schwellenländern, Europa oder Japan verantwortlich waren.

Und wenn wir schon beim Thema sind:
Nach einem Crash fragt Broker A seinen Kollegen B: «Hast du dir schon einen Revolver gekauft?»
Broker B: «Wovon denn?»

Bernie Sanders for President

claude chatelain am Dienstag, den 10. Mai 2016

Bernie SandersNichts deutet darauf hin, dass Bernie Sanders der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden könnte. Zumindest aus einem Blickwinkel ist das zu bedauern. Der Senator aus dem Bundesstaat Vermont hat versprochen, die riesigen Finanzkonzerne zu zerschlagen, falls er ins Weisse Haus einziehen könne.

Ob ihm das gelänge, ist fraglich. Präsidentschaftskandidaten haben schon viel versprochen. Doch sollte Washington die Wallstreet-Monster aufspalten, könnte das eine Welle rund um den Globus auslösen.

Aus Schweizer Sicht wäre das wünschenswert. UBS und CS sind zwar nicht mehr so übermächtig wie vor der Finanzkrise. Aber sie sind immer noch «too big to fail». Grund genug zur Unruhe. Auch Notfallpläne und zusätzliches Eigenkapital vermögen nicht zu entspannen.

Ich mache mir freilich keine Illusionen: Selbst wenn UBS und CS ihr Investmentbanking abspalten würden, wäre hierzulande das Problem nicht gelöst. Die Grossbanken wären wegen ihrer Dominanz im Spar- und Kreditgeschäft sowie im Zahlungsverkehr immer noch zu gross dafür, zu scheitern. Das gilt selbst für die Raiffeisenbanken, die kein Investmentbanking betreiben und inzwischen auch offiziell als «too big to fail» eingestuft werden.

Ich gebe zu: Es ist politisch nicht einfach, zu stark gewachsene Unternehmen zu zerlegen. Einfacher wäre es, sie nicht allzu gross werden zu lassen. Dazu bräuchten wir eine Wettbewerbsbehörde, die dafür sorgt, dass wir Steuerzahler nicht in Abhängigkeit einzelner privater Unternehmungen geraten können. Sie hat dies jedoch unterlassen.

Offiziell kann die Wettbewerbsbehörde bloss Zusammenschlüsse verhindern, die zu einer marktbeherrschenden Situation führen. Sie kann aber nicht Unternehmen davon abhalten, «too big to fail» zu werden. Womit wir bei einer juristischen Begriffsklauberei wären. Soll mir keiner erzählen, ein Unternehmen, das «too big to fail» ist, sei nicht auch marktbeherrschend. Wer den Markt nicht beherrscht, kann bankrottgehen, ohne dass dadurch die Wirtschaft aus dem Lot gerät.

Aus dem BLVK-Desaster nichts gelernt

claude chatelain am Dienstag, den 3. Mai 2016

Heute wollen wir uns nochmals mit nachhaltigen Anlagen bei Pensionskassen befassen. Das Thema ist aktuell, weil die Bernische Pensionskasse angeblich auch in Rüstungsaktien investiert, wie vor Wochenfrist an dieser Stelle zu lesen war. Sie tut dies aber nur indirekt, also via Anlagefonds. Sie besitzen keine Aktien von Rüstungskonzernen; sie besitzen lediglich Fondsanteile, welche zu einem bescheidenen Teil in solche Aktien investieren. Nur 0,5 Prozent des Anlagevolumens sind indirekt in zweifelhafte Firmen investiert.

SP-Grossrätin Béatrice Stucki.

SP-Grossrätin Béatrice Stucki, Gewerkschaftssekretärin des VPOD Kanton Bern, hat keine Freude daran. Sie sagte im «Bund», die öffentliche Hand soll in «innovative Startups» investieren.

An ihrem Vorschlag werden nun andere keine Freude haben. All jene zum Beispiel, die aus dem Debakel der Bernischen Lehrerversicherungskasse (BLVK) ihre Lehren gezogen haben. Die BLVK sorgte in den Neunzigerjahren für einen der grössten Pensionskassenskandale in der Schweiz.

Angefangen hatte das Fiasko mit Investitionen in «erfolgversprechende» Start-ups. Die BLVK wollte sich als Wirtschaftsförderer profilieren und investierte in Unternehmen wie die Sarner Cristal in Uetendorf oder Kieser Training in Zürich. Wenn eine Kasse mit einem Milliardenvermögen in ein Start-up investiert, hat man schnell mal die Aktienmehrheit. So geschehen bei der Sarner Cristal, als der später in Ungnade gefallene Pensionskassendirektor Hans-Peter Sieber gleich den Verwaltungsrat präsidierte. Es war der Anfang einer langen Reihe von Ungereimtheiten, die in einem Milliardenloch mündeten. Über die Verfehlungen der BLVK brütete sogar eine parlamentarische Untersuchungskommission, sollte das der einen oder der anderen Grossrätin entgangen sein.

Und überhaupt: Die Versicherten sollen entscheiden, nach welchen Kriterien ihr Geld angelegt werden soll, nicht die Politiker.

Die Versicherten der Pensionskassen zahlen die Zeche für die Vorstösse der Politiker

claude chatelain am Dienstag, den 26. April 2016

Viele Pensionskassen fühlen sich verpflichtet, ihre Anlagestrategie nach sozialen, ökologischen und ethischen Kriterien auszurichten. Das versuchen auch die Bernische Pensionskasse (BPK) oder die städtische Personalvorsorgekasse. Nun hat «Der Bund» geschrieben, dass die beiden Kassen trotzdem in anrüchige Unternehmen investierten. Angeblich besitzen sie Aktien von Textron, Raytheon und General Dynamics, «welche neben anderen Rüstungsgütern auch Streubomben herstellen».

Kein Wunder, dass nun linke Politiker die Messer wetzen und Vorstösse vorbereiten, um diesem Tun einen Riegel zu schieben. Freilich muss man wissen, dass die genannten Kassen ihre Grundsätze zur nachhaltigen Vermögensanlage in keiner Weise verletzten. Im Anlagereglement der BPK steht zum Beispiel, dass die BPK keine Direktanlagen in Unternehmen tätigt, die Atomwaffen oder Streubomben herstellen. Es steht aber nirgends, dass sie in solche Unternehmen keine indirekte Anlagen tätigen darf, also via Anlagefonds, die einen bestimmten Index nachbilden. Anders gesagt: Die BPK besitzt keine Aktien besagter Firmen; sie besitzt nur Anteile von Finanzkonstrukten, die einen Aktienindex replizieren. Zudem steht im Reglement, dass die BPK Investitionen in Unternehmen «wenn möglich vermeidet», die einen erheblichen Anteil ihres Umsatzes in den Sektoren Rüstung, Tabak, Pornografie erzielten. Die Aufzählung ist nicht abschliessend.

Ich finde, wenn man indirekt 0,5 Prozent des gesamten Portefeuilles in zweifelhafte Unternehmen investiert, so hat man dem Postulat «wenn möglich» Genüge getan.

Laut BPK-Direktor Hansjürg Schwander betragen die Vermögensverwaltungskosten 0,06 Prozent. Könnte die BPK nur Finanzprodukte kaufen, welche hundertprozentig stubenrein sein wollen, müsste sie höhere Kosten in Kauf nehmen. Das hat direkte Auswirkungen auf die Rendite, die Verzinsung der Sparguthaben und damit auf die Höhe der Renten. Die Zeche zahlen nicht die Politiker, die sich mit Vorstössen in Szene setzen. Die Zeche zahlen die Versicherten.

Die Versicherer büssen für die Untaten der Banken

claude chatelain am Dienstag, den 19. April 2016

Die Versicherungsgesellschaften sind schlank durch die Finanzkrise von 2008 gekommen. Das ist bemerkenswert und kann nicht genug wiederholt werden. Und doch müssen auch sie für die Finanzkrise einen hohen Preis zahlen. Ausgedrückt wird dieser Preis mit drei Buchstaben: SST: Das Kürzel steht für Schweizer Solvenztest.

Der SST ist in vielerlei Hinsicht viel strenger als sein europäisches Pendant Solvency II. Sie müssen 1,5- bis 2-mal mehr Kapital halten als Versicherer aus dem EU-Raum.

Zudem hat die Finanzmarktaufsicht die verschärften Vorschriften erst noch früher eingeführt als die EU Solvency II. Die Versicherungsgesellschaften finden das nicht gerechtfertigt und kritisieren das bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Wenn hiesige Grossbanken strengere Kapitalvorschriften zu erfüllen haben als europäische Konkurrenten, so lässt sich das mit der Grossbankenregulierung «too big to fail» begründen. Vor der Finanzkrise machten die Bilanzen von UBS und CS rund das Sechsfache des damaligen Schweizer BIP aus. Doch die Versicherungen sind nicht «too big to fail». Banken und Versicherungen haben ganz andere Anforderungen. «Banken haben liquide Verbindlichkeiten und illiquide Finanzanlagen. Und die Versicherungen haben illiquide Verbindlichkeiten und liquide Anlagen», sagte jüngst Patrick Frost, der CEO der Swiss-Life-Gruppe, in einem Interview mit dieser Zeitung. Bei Versicherungen kann niemand in die Empfangshalle kommen und sein ganzes Geld verlangen. Ein Bankkunde kann das hingegen schon.

Gerne hätte ich Mitleid mit den Versicherern. Doch dann denke ich an die Art und Weise, wie sie sich wiederholt vor Schadenzahlungen drücken. Nicht immer und nicht überall. Aber besonders häufig tun sie das im Unfallversicherungsgeschäft. Sie sagen, der Unfall sei kein Unfall im versicherungsrechtlichen Sinne und lehnen die Zahlung ab. Dies in der Hoffnung, dass der Geschädigte kein Bock hat oder zu schwach ist, um sich juristisch dagegen zu wehren. Leider geht die Rechnung für die Versicherer meistens auf.

«Ich bewerte keine Aktien. Das macht bereits der Markt»

claude chatelain am Dienstag, den 12. April 2016

Heute wollen wir uns über die Bewertung von Aktien unterhalten. Die Namenaktie von Lindt kostet um die 72 000 Franken; die UBS-Aktie ist dagegen für eine Lächerlichkeit von 14,60 Franken zu haben. Laien werden spontan konstatieren: Lindt ist teuer; UBS ist billig. Doch in der Finanzmarkttheorie ist der absolute Preis einer Aktie unerheblich. Ob ein Dividendenpapier als teuer oder billig einzustufen ist, hängt von anderen Faktoren ab. Etwa vom Gewinn pro Aktie, vom geschätzten zukünftigen Gewinn, von der Dividende, vom Marktumfeld oder vom Wachstumspotenzial einer Firma.

Der Profi spricht nicht von teuer und billig. Er spricht von überbewertet und unterbewertet. Und selbstverständlich versucht er dann die unterbewerteten Papiere herauszupicken.

Pius Zgraggen, CEO von OLZ & Partners in Bern.

Pius Zgraggen, CEO von OLZ & Partners in Bern.

Einer, der in der Lage sein müsste, unter- und überbewertete Aktien herauszufiltern, ist Pius Zgraggen. Der gebürtige Urner ist Mitautor des über 1000 Seiten starken «Handbuchs der Bewertung». Doch der CEO der Berner Vermögensverwaltungsfirma OLZ und Partners wird uns enttäuschen: «Ich bewerte keine Aktien. Das macht bereits der Markt», sagte er mir kürzlich in seinem Büro an der Marktgasse in Bern.

Im Verlauf der Jahre ist Zgraggen zur Überzeugung gelangt, dass die häufig gehandelten Aktien vom Markt im Durchschnitt richtig bewertet würden. Öffentlich zugängliche Informationen werden in weniger als einer Sekunde in den Aktienpreis – rauf oder runter – einfliessen. Wohlverstanden, wir sprechen hier einzig von liquiden Titeln, eben von den häufig gehandelten Aktien wie ABB, Nestlé, UBS oder Roche.

Pius Zgraggen stützt sich bei der Aktienwahl also nicht auf die Bewertung, sondern auf das Risiko. Je grösser die Schwankung einer Aktie, desto grösser das Risiko. Wie seine Strategie und Bemessung des Risikos genau aussieht, lässt sich hier in einer Spalte nicht erklären. Daher nur so viel: Bleiben Sie hellhörig, liebe Leser, wenn Sie in Börsenbriefen oder Analystenkommentaren lesen, die Aktie X oder Y sei unterbewertet. Wie will das der Anlageberater wissen, wenn es selbst der Autor des «Handbuchs der Bewertung» nicht weiss?

Ehe light – mir graut davor

claude chatelain am Dienstag, den 29. März 2016

Nun soll also in der Schweiz eine «Ehe light» eingeführt werden. Mir graut davor, wenn ich daran denke, was diese neue, vom Staat definierte Form des Zusammenlebens für steuerliche und erbrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Wie viel wird die nur leicht verheiratete Frau vom Nachlass des nur leicht verheirateten Ehemanns erben? Stirbt ein schwer verheirateter Familienvater, so erben nach geltendem Recht Ehegattin und Kinder je die Hälfte seines Nachlasses, sofern weder Testament noch Erbvertrag vorhanden sind. Lebte der Verstorbene im Konkubinat, geht die Partnerin leer aus; die Kinder erhalten alles. Wie soll das nun bei der «Ehe light» gehen? Womöglich wird die nur leicht verheiratete Frau 25 Prozent des Vermögens erben, den Betrag zwischen den Konkubinätlern und der schwer verheirateten Frau.

Ich gehe jede Wette ein: Ist einmal die «Ehe light» etabliert, wird sich ein kreativer Kopf für eine «Ehe super light» stark machen. Im alpinen Rennsport begnügt man sich auch nicht mit Slalom, Riesenslalom und Abfahrt. Seit den Achtzigerjahren gibt es auch den Super-G. Was dem Weltskiverband recht ist, kann Familienpolitikern billig sein.

Fragen Sie mich nicht, wie viel die Frau bei einer «Ehe super light» erben würde. Womöglich ein Achtel, etwas zwischen der leichten Ehe und dem Konkubinat.

Was das Konkubinat betrifft, schlage ich vor, dass man die alte, durchaus treffende Bezeichnung hervorholt: wilde Ehe. Wir hätten dann die Ehe, die «Ehe light», die «Ehe super light» und eben die wilde Ehe, abgekürzt WE. Wichtig scheint mir, dass der Begriff Ehe überall vorkommt. Wie weit sich eine Wortschöpfung auch für die eingetragene Partnerschaft mit den Buchstaben «e» und «h» kreieren lässt, will ich hier offenlassen…

Und ja: Wie verhält es sich mit den Steuerabzügen? Der blanke Horror. Drei Steuerhotlines à je drei Stunden haben wir in den zurückliegenden Wochen durchgeführt. Wir werden kaum darum herumkommen, das Angebot zu verdoppeln.