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Viele Behauptungen und keine Beweise

claude chatelain am Freitag, den 5. September 2014

Vor Urnenabstimmungen ist Gegnern und Befürwortern fast jedes Mittel recht, um die Stimmbürger von ihrer Sache zu überzeugen. Beim Abstimmungskampf um die Einheitskasse tun sie dies vorab  mit Behauptungen, die sich weder belegen noch widerlegen lassen.

Die Gegner sagen, die Kosten würden bei fehlendem Wettbewerb steigen. Die Befürworter hingegen beteuern, die Kosten würden wegen der eingesparten Verwaltungskosten sinken. Ich behaupte, wir wissen es nicht.

Ärzte behaupten, die Einheitskasse würde die freie Arztwahl garantieren, denn  der Monopolist könne nicht einzelne Mediziner  ausschliessen. Andere Ärzte versichern, die Einheitskasse schränke die freie Arztwahl ein. Das zeigten Beispiele aus dem Ausland. Ich entgegne: Wir wissen es nicht.

Der Systemwechsel werde 1,75  Milliarden Franken verschlingen, behaupten die Gegner. Es werde weniger als eine Milliarde sein, kontern die Befürworter. Ich lästere: Wir wissen es nicht.

Die Befürworter sagen, die ungebetenen Anrufe von Telefonmaklern würden bei einer Einheitskasse versiegen, da man ja die Kasse nicht mehr wechseln könne. Die Gegner wollen wissen, dass die  «cold calls» bei einer Einheitskasse erst recht zunähmen, weil die Nachfrage nach Zusatzversicherungen steigen würde. Ich räsoniere: Wir wissen es nicht.

Wenn Ärzte im Leitungsgremium sässen, sei das eine Verbesserung, sagen die Befürworter. Die  Gegner hingegen finden, das sei  eine Verschlechterung. Ich sage: Wir wissen es nicht.

Wir wissen nicht, wie das Gesetz  bei einem Ja formuliert und wie die paritätische Führung ihre Aufgabe wahrnehmen würde. Solange wir das nicht wissen, kann jeder  behaupten, was er will: Wem es zuwider ist, jedes Jahr zum günstigsten Anbieter zu wechseln, stimmt Ja. Wer nicht einer einzigen Kasse  ausgeliefert sein will,  stimmt Nein. Gar nicht so schwierig, oder?

Über Twitter

claude chatelain am Dienstag, den 2. September 2014

Verfolgen Sie das Geschehen an den Finanzmärkten via Twitter? Tops und Flops in alphabetischer Folge:

Aktientipp CH: der Account von Erfolgreichinvestieren.ch. Hoffentlich investieren die Urheber erfolgreicher, als sie twittern. Langweilig.

Björn Zern: Interessiert an Nebenwerten? Zern ist die Adresse.

Boerseonline: informiert gemäss eigenen Angaben «unabhängig, aktuell, analytisch und kompetent über Geldanlage». Leider deutschlandlastig.

Cash.ch: Was twittert «Cash»? Was twittert «cashInsider»? Die Macher verstehen vielleicht etwas von Finanzmärkten, aber nichts von Markenstrategie. Überflüssig.

cash Insider: verweist auf Artikel auf «Cash.online»; kommentiert gescheit, dürfte selektiver sein. Interessant.

Dirk Müller: Früher war Mister Dax auch mal originell. In jüngster Zeit meist Lieferant wenig aussagekräftiger Konjunkturdaten. Fantasielos.

Die Börsenblogger: zwitschert, was es auf der eigenen Homepage zu lesen gibt. Führt die Rubrik mit dem anbiedernden Titel «Grüezi Zürich». Lesenswert.

Dividendenperle: Ideenlieferant für Zinslipicker. Selten mit einer Wertung. Unkonstant.

Finanz u. Wirtschaft: verweist auf Artikel, für die man sich einloggen muss. No-go.

Finanzen.ch: Das Finanzportal der Springer-Medien lässt keine Börsennachricht aus, wie ein Nachrichtendienst. Gähn.

mein-aktientipp: hält nicht, was der Titel verspricht: publiziert eine Flut von Daten. Etikettenschwindel.

Michael Ferber: Der Kollege von der NZZ twittert durchaus interessante Beiträge seines Blattes. Schade, dass er auch die uninteressanten twittert.

Paul Krugman: twittert zwar nicht über Aktien. Dafür muss man die Kolumne des Nobelpreisträgers nicht mehr in der «New York Times» suchen. Lesenswert.

Schwarzer Schwan: warnt vor Börsencrash, Finanzkrise, Kurseinbruch, Spekulationsblase. Höchstens ein Tweet pro Monat. Faulpelz.

Schweizeraktien: hält auch nicht, was der Name verspricht: müsste Nebenwerte Schweiz heissen. Bedeutungslos.

Vierte Säule: der Account dieser Kolumne: kein Börsenticker, keine Aktientipps, keine Datenflut. Zwitschert über die erste, zweite und dritte Säule. Kompetent und cool.

Nicht über die Einheitskasse, aber über ein echtes Problem

claude chatelain am Montag, den 25. August 2014

Am 28.September dürfen wir uns entscheiden, ob wir für die obligatorische Grundversicherung eine Vielzahl von Kassen oder nur noch eine Einheitskasse haben möchten.

Aufgrund der scharfen Rhetorik könnte man meinen, das Wohl der Schweiz hänge allein von dieser Frage ab. Wobei ich zugeben muss, dass zumindest das Wohl einiger Verwaltungsräte und Vergleichsdienste sehr wohl  von dieser Frage abhängig sein könnte.

Meines Erachtens ist weder die Erhaltung des Pseudowettbewerbs noch die Einführung einer Einheitskrankenkasse eine Katastrophe. Unsäglich finde ich, dass Unfälle viel besser versichert sind als Krankheiten. Verstärkt wird diese Malaise durch den Umstand, dass der  Unfallbegriff im Gesetz sehr eng, kompliziert und unklar definiert ist. Das führt dazu, dass Unfallversicherer gerne gewisse Unfäll als Krankheit einstufen, um sich somit vor Zahlungen zu verschonen.

Ich habe das an dieser Stelle schon  thematisiert. Das Problem ist derart gravierend, dass man es nicht genug wiederholen kann. Beisst man auf den Stein im Himbeerkuchen, ist es ein Unfall; beisst man auf den Stein im Kirschkuchen, ist es eine Krankheit. Ein anderes Beispiel: Reisst die Sehne, weil man einen 15 Kilo schweren Sack mit einer Drehbewegung auf den Rücken wirft, ist es ein Unfall. Verletzt man sich dagegen beim Ablegen eines 25 Kilo schweren Rucksacks, ist es eine Krankheit. Und wenn sich der Mann der Kehrichtabfuhr  beim Werfen des Abfallsacks die Sehne reisst, ist es kein Unfall, da es sich um eine alltägliche Betätigung handelt. Passiert hingegen einem Privatmann das gleiche Missgeschick, so liegt gemäss vorläufiger Bundesgerichtssprechung ein Unfall vor.

Warum machen sich Politiker und Interessenvertreter nicht dafür stark,  solche Absurditäten aus der Welt zu schaffen? Drei Thesen:

  1. Man kann damit keine Pfründen verteidigen.
  2. Man kann damit nichts verstaatlichen.
  3. Man schafft damit den eigenen Job ab (gilt nur für Juristen).

Zerschlägt man die Grossbanken, sind sie nicht mehr too big to fail

claude chatelain am Dienstag, den 19. August 2014

Mit der Mitteilung der Nationalbank, dass neben UBS, CS und ZKB auch die Raiffeisen-Gruppe systemrelevant sei, ist die Debatte insbesondere um die Notfallkonzepte erneut entbrannt.

Mit den Notfallplänen müssen systemrelevante Banken sicherstellen, dass im Krisenfall der systemrelevante Teil, insbesondere Kreditgeschäft und Zahlungsverkehr, nicht in Mitleidenschaft gezogen wird. All diese Vorkehrungen sind extrem aufwendig. Dabei ist nicht mal klar, ob der Plan aufgehen wird. Dabei liesse sich das Problem von «too big to fail» einfach lösen: Man könnte die zu gross gewordenen Banken in kleinere Einheiten aufteilen.

Die USA machte das in den frühen Achtzigerjahren vor: Der Telefongigant AT & T wurde derart gigantisch, dass auf Initiative des Justizdepartements der Konzern zerschlagen wurde. Entstanden sind eine um 70 Prozent abgespeckte AT & T, die nur noch Ferngespräche abwickeln durfte, sowie sieben regionale Telefongesellschaften, genannt Baby Bells, die die lokalen Netze und die Schaltzentralen betrieben.

Die USA hatten schon immer ein gestörtes Verhältnis zu Macht. Auch die Standard Oil Company des legendären John D. Rockefeller wurde den Amerikanern aufgrund des Anti-Monopol-Gesetzes zu mächtig, sodass der Konzern schon im frühen 20. Jahrhundert in 34 einzelne Unternehmen aufgeteilt wurde.

Volksbank

Die Volksbank in Bern ist nicht mehr: Sie wurde 1993 von der CS Holding geschluckt.

Im Gegensatz zu den USA geht die Schweiz mit Machtballungen fahrlässig um: Vor nicht so langer Zeit zählten wir hierzulande fünf gesunde Grossbanken: Bankgesellschaft, Bankverein, Kreditanstalt, Volksbank, Bank Leu. Man liess sie fusionieren und aufkaufen. Dann waren es nur noch zwei und «too big to fail».

Es ist keine Überraschung, dass in der Schweiz keiner den Mut aufbringt, auf eine Zerschlagung der Grossbanken  hinzuwirken.  Man stelle sich bloss den Lärm von all den Ospels, Grübels, Mühlemanns vor, wenn sie nur noch kleinere Einheiten führen und geringere Boni kassieren könnten. Sie würden den Parteien keck den Geldhahn zudrehen, ein Heer von Lobbyisten aufstellen. Vorbei wäre der Spuk.

Statt der Genossenschafter haftet der Steuerzahler

claude chatelain am Mittwoch, den 13. August 2014

Im Frühjahr schafften die Raiffeisenbanken die Nachschusspflicht für Genossenschafter ab. Nur wenige Monate später kommt die Nationalbank zum Schluss, Raiffeisen sei systemrelevant, also too big to fail. Die Gruppe müsse mehr Eigenkapital hinterlegen und ein Notfallkonzept erarbeiten. Vielen der 1,8 Millionen Genossenschafter dürfte gar nicht bewusst gewesen sein, dass sie bis zu einem Betrag von 8000 Franken hafteten, eben nachschusspflichtig  waren. Und zwar nicht nur für ihre Genossenschaft, sondern für die Gruppe insgesamt. Sie wurden Genossenschafter und somit Mitbesitzer, damit sie auf ihren Sparguthaben mehr Zins erhalten.

RAIFFEISEN, BANK, FINANZINSTITUT, RAIFFEISEN, RAIFFEISEN BANK, PASSANT, PASSANTEN, FIRMENLOGO,

Warum kommt die Nationalbank erst heute zur Erkenntnis, dass die Raiffeisengruppe systemrelevant ist?

Schon während der  Debatte  zur Grossbankenregulierung  stand die Frage im Raum, weshalb nur  UBS und Credit Suisse too big to fail seien.  Würden Bundesrat und Nationalbank von der Seitenlinie zuschauen, falls  Raiffeisen zusammenbricht? Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf erklärte damals auf eine entsprechende Frage, dass die Nationalbank zu beurteilen habe, wann ein Institut als too big to fail einzustufen sei. Und heute meinte ein Sprecher der Nationalbank bloss, dass die Beurteilung der Systemrelevanz einen langwierigen Prozess darstelle.  Zuerst hätte man  nach der UBS und der CS die ZKB unter die Lupe genommen und nachher die Raiffeisengruppe.

Und doch: Ist  Raiffeisen systemrelevant, weil die Genossenschafter  nicht mehr haften? Haftet nun der Steuerzahler statt der  Genossenschafter? Ein Raiffeisen-Sprecher verneint den Zusammenhang: «Es war allen Beteiligten immer klar, dass dies ein sehr schwierig zu aktivierendes Instrument gewesen wäre.» Dennoch ist kaum von der Hand zu weisen, dass zumindest zwischen der Nachschusspflicht und den Eigenmittelvorschriften ein Zusammenhang  besteht, sonst wäre die  Nachschusspflicht schon längst aufgehoben worden.

Nun muss also die drittgrösste Bankengruppe der Schweiz  ein Notfallkonzept erstellen. Sie muss darlegen können, wie im Krisenfall die systemrelevanten Teile gerettet werden können. Die Nachschusspflicht der Genossenschafter, die eben erst abgeschafft wurde, wäre vielleicht ein möglicher Ansatz. Doch im Unterschied zu UBS und CS ist die Abspaltung des systemrelevanten Bereichs bei den  Raiffeisenbanken ungleich schwieriger, weil  alle Genossenschaften massgeblich in systemrelevanten Bereichen wie Zahlungsverkehr und Kreditgeschäft tätig sind. Wobei man fairerweise sagen muss, dass auch die in Erarbeitung befindlichen Notfallkonzepte der Grossbanken allein schon wegen der Informatik eine grosse Herausforderung darstellen. Und ob ein Notfallszenario, das  auf dem Papier  plausibel daherkommt, dann auch in der Praxis funktionieren wird, wissen wir frühestens im Notfall.

Wo Geier kreisen, muss Aas liegen

claude chatelain am Dienstag, den 12. August 2014

imagesCAW9K3O2Viele verbinden Argentinien mit Fussball. Ich verbinde Argentinien mit dem Pleitegeier. Schon siebenmal ist das fruchtbare Land im Süden Südamerikas pleitegegangen: 1827, 1890, 1951, 1956, 1982, 1989 und 2001. Fussball-Weltmeister sind die Gauchos hingegen bloss zweimal geworden: 1978 und 1986.

Dabei ist das Turnier von 1978 im eigenen Land erst noch als Skandal-WM in die Geschichte eingegangen. So soll die argentinische Militärjunta von Diktator Videla den 6:0-Sieg gegen Peru mit 50 Millionen Dollar und 35 000 Tonnen Getreide erkauft haben. Auch über den Titel von 1986 konnten sich die Argentinier nur freuen, weil sie keinen Skrupel kennen. Es war jene WM, an welcher Superstar Maradona das Siegestor gegen die Engländer mit der Hand erzielte. Mit der Hand Gottes, wie er später sagte.

Sie merken es: Ich bin kein Fan von Argentinien, zumal sich die Südamerikaner auch an der zurückliegenden WM in Brasilien nach meiner Wahrnehmung in den Final mogelten. Diesmal zumindest mit legalen Mitteln, soweit ich das beurteilen kann. Meine fehlende Sympathie rührt auch daher, weil ich Argentinien vorab als Pleitenation wahrnehme. Nach der Zahlungsunfähigkeit vor dreizehn Jahren konnte sich die Regierung mit den meisten Gläubigern auf einen teilweisen Schuldenerlass einigen, aber nicht mit allen. Sie mogelten sich also auch hier irgendwie in den Final. Doch das Penaltyschiessen gegen die unerbittlichen Hedgefonds werden die Argentinier verlieren.

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Argentiniens Präsidentin Cristina Elisabet Fernández de Kirchner.

Wer chronisch über seine Verhältnisse lebt und gegen die Spielregeln der Kapitalmärkte verstösst, erhält irgendeinmal die Quittung. Da nützt auch das Wettern von Präsidentin Kirchner gegen die «Geierfonds» nichts. Natürlich ist es schwierig, die Geierfonds sympathisch zu finden. Sie haben Anleihen billig gekauft, als das Land pleite war, nur um es auf die Zahlung seiner Schulden zu verklagen. Doch wie es schon mein Kollege Manfred Rösch in der «Finanz und Wirtschaft» sagte: «Wo Geier kreisen, muss Aas liegen – und wirtschaftspolitisches Gammelfleisch produzieren die Versager in der Casa Rosada seit vielen Jahrzehnten verlässlich, seien sie nun gewählt oder uniformiert.»

Für einmal zahlt die Krankenkasse mehr als der Unfallversicherer

claude chatelain am Dienstag, den 5. August 2014

Eine Kollegin erzählte mir Folgendes: Sie ist gestürzt und liess sich von einem Osteopathen behandeln. Die Sitzung von 45 Minuten kostete 110 Franken. Sie schickte die Rechnung der Unfallversicherung und erhielt folgende Antwort: «Die Alternativtherapien sind grösstenteils wissenschaftlich nicht anerkannt und ihre Vergütung stellt keine Pflichtleistung der Unfallversicherung dar.» Dennoch übernimmt die Vaudoise einen Teil der Kosten, weil sich «die Alternativtherapien erfahrungsgemäss bei geeigneter Indikation günstig auf den Heilerfolg auswirken». Die Sitzungspauschale dürfe aber pro 45-minütiger Sitzungsdauer 55 Franken nicht überschreiten.

Nachdem die Vaudoise für die ersten Sitzungen 50 Prozent der Kosten bezahlt hatte, erinnerte sich die Kollegin, dass sie bei der Visana die Zusatzversicherung Komplementärmedizin hat. Sie schickte die folgenden Rechnungen der Visana, welche ihr 90 Prozent der Kosten vergütete, 99 Franken pro Sitzung. Der Finanzchef einer Krankenkasse sagte mir, die Kollegin hätte alle Rechnungen der Vaudoise präsentieren und danach den Restbetrag von der Visana bezahlen lassen sollen. Damit wäre die Behandlung vollständig bezahlt gewesen. Was wäre, wenn die Kollegin die Rechnungen gleichzeitig beiden Versicherern schickt, um einen Betrag zu kassieren, der die Kosten übertrifft? «Geht nicht», sagte mir der Finanzchef. Beide Versicherer würden die Originalrechnung verlangen.

Die Moral der Geschichte: Warum sollen unsere Sozialversicherungen einfach sein, wenn es auch kompliziert geht?

Dank Draghi ist es seit zwei Jahren ruhig um den Euro – wie lange noch?

claude chatelain am Samstag, den 26. Juli 2014
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Das Wort von Mario Draghi hat Gewicht.

Heute jährt sich zum zweiten Mal der grosse Tag des Mario Draghi. Am 26. Juli 2012 sagte der Chef der EZB: «Die Europäische Zentralbank ist bereit, im Rahmen ihres Mandats alles zu tun, was nötig ist, um den Euro zu retten. Glauben Sie mir: Es wird genug sein.»

Die Investoren glaubten ihm: Der Euro, von manch einem bereits als klinisch tot diagnostiziert, erlebte eine wahre Auferstehung. Er stieg seither von 1,20 auf 1,40 Dollar: Auch die Kurse der Staatsanleihen der Euro-Südländer wie Griechenland, Italien oder Spanien stiegen an; jene der Aktien im Euroraum sowieso. Allein die Dividendenpapiere italienischer Firmen verteuerten sich seither im Schnitt um 70 Prozent. Was also all die Staatschefs in unzähligen Krisengipfeln und mit wiederkehrenden Bekenntnissen zur Gemeinschaftswährung nicht zustande brachten, gelang dem EZB-Chef mit einem einzigen Satz. Das Wort eines Notenbankchefs hat mehr Gewicht als das eines Politikers oder einer Politikerin. Selbst wenn sie Angela Merkel heisst.

Mario Draghi vermochte also die Investoren bei Laune zu halten. Damit wurden aber die Probleme der Eurozone in keiner Art und Weise gelöst: Die Staatsverschuldung Griechenlands liegt mit 175 Prozent des Bruttoinlandprodukts auf ähnlichem Niveau wie vor Ausbruch der Krise, obschon dem griechischen Staat ein Teil der Schulden erlassen wurde. Auch in Italien hat sich die Schuldensituation kaum verbessert. «Trotz Sparbemühungen der Krisenländer sind die Schulden im Vergleich zur Wirtschaftsleistung weiter gestiegen», konstatiert die «Finanz und Wirtschaft».

Für Heinz-Werner Rapp vom deutschen Investmentspezialisten Feri hat Draghis Aussage die Eurozone in eine «gefähr- liche Vollnarkose versetzt». Die Risiken würden nicht mehr korrekt wahrgenommen, und die Anleihen seien nicht mehr adäquat bewertet. Für Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut in München «schwelt die Eurokrise unter dem Teppich».

«Draghi wird es schon richten», scheinen sich die Länder zu sagen. Damit wurde von ihnen der Druck genommen, sich zu reformieren. Das gilt insbesondere auch für Frankreich, das in seinen verkrusteten Strukturen gefangen bleibt. Die Ruhe um den Euro ist trügerisch. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.

Urs Rohner fehlt das Charisma, um ein Institut wie die CS lenken zu können

claude chatelain am Mittwoch, den 23. Juli 2014

Brady Dougan tritt also nicht zurück – noch nicht. Im Vorfeld der gestern veröffentlichten Quartalszahlen wurde verschiedentlich gemunkelt, der CEO der Credit Suisse würde nun seinen Rücktritt bekannt geben. Er tat es nicht, was insofern nicht überrascht, weil Rücktritte nur selten zur gleichen Zeit wie miserable Geschäftszahlen bekannt gegeben werden. Und zweitens verhalten sich Firmenmanager – wie übrigens auch die Politiker – störrisch, wenn die Medien ihre Demission verlangen.

Als im Mai bekannt wurde, dass die Credit Suisse für ihr Fehlverhalten von der US-Justiz zu einer Busse von 2,8 Milliarden Dollar verknurrt worden war, haben selbst bankenfreundliche Gazetten wie die «Finanz und Wirtschaft» einen Wechsel an der CS-Spitze gefordert. Doch Spekulationen um den Rücktritt von Brady Dougan kursieren schon seit über zwei Jahren. Im Mai 2012 erklärte der Bankanalyst bei der Bank Sarasin dem «Landboten»: «Die Kritik am CS-Management aus dem Aktionariat hat deutlich zugenommen.» Dougan hat die Anlegergemeinde wiederholt enttäuscht. Seine vollmundigen Versprechen blieben Versprechen.

Dies ist insofern bitter, als Brady Dougan die Grossbank im Unterschied zu etlichen    Konkurrenzbanken  fast schadlos durch die Finanzkrise zu steuern vermochte. Seither hat aber der 54-jährige Amerikaner den Umbau der risikoreichen Sparten nicht mit der gleichen Konsequenz durchgezogen wie zum Beispiel die UBS.

Swiss International Finance Forum: Urs Rohner, CS-Präsident. © Beat Mathys

Urs Rohner, ein wenig überzeugender VR-Präsident.

Doch der  CEO trägt nicht die alleinige Schuld. Wie weit sich eine globale Universalbank nach der Finanzkrise neu zu orientieren hat, basiert auf strategischen Entscheiden. Und für die Strategie ist der Verwaltungsrat zuständig. Daher  gerät auch VR-Präsident Urs Rohner wiederholt ins Schussfeld. «Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen und die Verunsicherung auf Kunden und Mitarbeiter übergreift, sollte ein verantwortungsvoller Manager seinen Stuhl räumen», schrieb die NZZ vor zwei Wochen, «unabhängig davon, ob ihn ein Verschulden trifft oder nicht.»

Gerade die CS bräuchte dringend Leute an der Spitze, die Vertrauen geniessen. Brady Dougan verdient das Vertrauen nicht, weil er die Situation wiederholt beschönigte. Urs Rohner verdient das Vertrauen nicht, weil er wenig überzeugend und glaubhaft auftritt. Der ehemalige Chefjurist  hat schlicht nicht das Format und das Charisma eines – zum Beispiel – Axel Weber, VR-Präsident bei  der UBS. Solche Attribute sind aber nötig, damit bei einem Institut  wie der Credit Suisse die oberste Verantwortung getragen werden darf.

Vorsorgeberatung im Grossraumbüro

claude chatelain am Montag, den 21. Juli 2014

Etwa so verlief kürzlich ein Fachgespräch im Grossraumbüro:
Arbeitskollege (AK): Was ist besser, Clödu, wenn ich das Pensionskassenguthaben auszahlen lasse oder die Rente beziehe?
Chatelain (CCH): Das kommt darauf an.
AK: Der Kapitalbezug ist besser.
CCH: Okay.
AK: Oder etwa nicht?
CCH: Es kommt darauf an.
AK: Wenn ich kurz nach der Pensionierung sterbe, ist es für meine Frau besser, wenn ich das Kapital nehme.
CCH: Okay.
AK: Oder etwa nicht?
CCH: Das kommt darauf an.
AK: Auf was kommt es an?
CCH: Wenn man früh stirbt, ist der Kapitalbezug meistens besser. Meines Wissens ist aber das Todesfalldatum nicht immer im voraus bekannt.
AK: Ich werde wahrscheinlich nicht alt.
CCH: Also nimm das Kapital.
AK: Meine Frau sagt aber, ich soll doch die Rente nehmen.
CCH: Also nimm  die Rente.
AK: Was ist besser?
CCH: Das kommt darauf an.
AK: Mein Gott, bist du eigentlich der Spezialist oder ich?
CCH: Hast  du nicht eben gesagt, der Kapitalbezug sei besser?
AK: Ja, wenn man früh stirbt.
CCH: Sage ich ja.
AK: Und wenn man nicht früh stirbt?
CCH: Dann kommts  darauf an.
AK: Ich glaube fast, du weisst selber nicht, was besser ist.
CCH: Sage ich ja. Vor allem fühle ich mich nicht dazu berufen, deine Lebenserwartung zu prognostizieren.
AK: Also kann man gar nicht sagen, was besser ist.
CCH: Für den einen ist der Kapitalbezug, für den anderen die Rente besser.
AK: Hahaha, je nachdem, wie lange man noch lebt.
CCH: Nicht nur: Der eine fühlt sich mit der Rente wohler; der andere traut der Pensionskasse nicht und will das Geld selber anlegen.
AK: Was rentiert mehr?
CCH: Meines Erachtens ist nicht die Rendite massgebend, sondern das Wohlbefinden. Wenn man sich mit der Rente wohler fühlt, soll man die Rente nehmen.
AK: Ich fühle mich mit dem Kapital wohler.
CCH: Bravo: Und wie legst du das Geld an?
AK: Ich komme zu dir, du bist ja der Spezialist.
CCH: Bei diesen tiefen Zinsen? Bei diesen hohen Aktienkursen? Vergiss es: Nimm die Rente.