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Keine Michelin-Sterne für Spitäler

claude chatelain am Dienstag, den 16. Dezember 2014

Es gibt Leute, die möchten für Spitäler ein Rating einführen. Kürzlich war das auch Thema an einem Kolloquium. Der Moderator fragte, ob für Spitäler eine Art Gault-Millau-Punkte oder Michelin-Sterne sinnvoll wären, so wie man das von den Restaurants kenne.

Dieser Vergleich hinkt. Gäbe es für Spitäler eine Punktewertung, so würde sich jeder nur im besten Spital behandeln lassen wollen. Es kostet ja nicht mehr. In Gastronomiebetrieben dagegen zeigt sich die Situation deutlich anders: Je mehr Punkte, desto saftiger die Rechnung.

Das Lindenhof-Spital in Bern

Das Lindenhof-Spital in Bern

Doch der Preis ist für mich nur einer von drei Gründen, weshalb ich vor zu vielen Punkten und Sternen zurückschrecke. Gehe ich in einen Gasthof, geht es mir um eine gemütliche und romantische Atmosphäre und nicht darum, kulinarische Kunstwerke zu bestaunen. Wobei ich nicht gesagt haben will, dass das Auge nicht mitisst. Zudem möchte ich mich im Restaurant mit meiner Partnerin oder einem schon lange nicht mehr gesehenen Freund unterhalten. Je mehr Gault-Millau-Punkte, desto schwieriger ist dieses Unterfangen: Der halben Brigade muss man im Minutentakt die Frage beantworten: «Isches rächt?» Nimmt man einen Schluck Wein, wird gleich nachgeschenkt. Meine Gegenüber kommen deshalb immer zu kurz. Und kaum hat man den Faden des Gesprächs wieder aufgenommen, entschuldigt sich schon wieder eine Servicefachangestellte am Tischrand und gibt ihren eingeübten Vortrag über die kulinarischen Kreationen des Hauses zum Besten.

Apropos störendes Personal: Als ich vor ein paar Jahren im Spital lag und nach einer schlaflosen Nacht am heiterhellen Nachmittag endlich den Schlaf des Gerechten finden konnte, glaubte die Pflegefachfrau, mich wecken und mir sagen zu müssen, dass jetzt Schichtwechsel sei und Pflegefrau Soundso für mich zuständig sei. Wie war ich sauer. Den Namen des Spitals verrate ich nicht. Sonst kriegt es noch Gault-Millau-Punkte.

Vom Ökonomen auf der einsamen Insel

claude chatelain am Dienstag, den 9. Dezember 2014

Drei Wissenschaftler stranden nach einem Schiffbruch auf einer einsamen Insel: ein Physiker, ein Chemiker und ein Ökonom. Das Einzige, was sie von ihrem Schiff retten konnten, ist eine Konservendose mit Bohnen. Nun besprechen sie, wie sie die Dose öffnen könnten. Der Physiker: «Nehmen wir einen Stein und schlagen den Deckel der Dose ein.» Der Chemiker schlägt vor, die Dose in die Sonne zu legen und zu warten, bis der Inhalt fermentiert, sich dabei ausdehnt und die Dose sprengt. Als Letzter kommt der Ökonom mit seinem Vorschlag: «Nehmen wir mal an, wir hätten einen Büchsenöffner …»

Der Witz, den ich vor einiger Zeit in der «Finanz und Wirtschaft» gelesen habe, geniesst derzeit hohe Aktualität. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Finanzinstitut zu einem Anlass lädt, an welchem ein Ökonom Vorhersagen für 2015 macht. Es ist interessant, dass die Kristallkugeln rund um den Globus das Gleiche verraten. Wobei die Ökonomen den Vergleich mit Wahrsagern nicht sonderlich schätzen. Sie stützen sich auf Modellrechnungen. Und wenn das Ergebnis anders herauskommt, so war nicht die Rechnung falsch, sondern die zugrunde liegende Annahme. So wie beim gestrandeten Ökonomen auf der einsamen Insel. Da sich alle Volkswirte mehr oder weniger auf gleiche Annahmen berufen, kommen die Prognosen wie ein Einheitsbrei daher. Und häufig passiert etwas, das in den Modellrechnungen keinen Eingang gefunden hatte. Oder hat jemand vor zwölf Monaten die Einverleibung der Krim durch die Russen vorausgesagt? Es wäre mir entgangen.

Das erinnert an den Bestseller «Der schwarze Schwan». Nassim Taleb beschreibt darin, dass jene Ereignisse, die die Welt massgeblich verändert haben, nicht vorausgesagt wurden. Man sichtet sie weder in der Kristallkugel noch in den Modellrechnungen der Ökonomen. Deshalb gibt es nicht wenige Verfechter des Contrarian-Ansatzes. Das sind jene, die das pure Gegenteil dessen machen, was Ökonomen empfehlen - und nicht selten besser fahren.

“Werde schwanger – es wird gesorgt für dich”

claude chatelain am Dienstag, den 2. Dezember 2014

imagesHeute berät der Ständerat Neuerungen im Kinderunterhaltsrecht. Es soll dem gesellschaftlichen Wandel angepasst werden. Der unverheiratete Vater soll fortan nach der Trennung nicht nur das Kind, sondern auch die Mutter finanziell unterstützen. Damit würde er den verheirateten Vätern gleichgestellt. So hat es der Nationalrat in der Sommersession beschlossen.

Ausgerechnet Linke und Grüne machen sich für diese Anpassung stark, die sonst über Frauen schnöden, die die tägliche Betreuung des Kindes einer Erwerbstätigkeit vorziehen. Sie zementieren damit das alte Rollenbild, wonach die Mutter nicht für sich selber sorgen kann und vom zahlenden Ex-Partner abhängig ist – ein unselbstständiges Wesen, sozusagen. Drei Fragen:

  1. Weshalb um alles in der Welt sollen Mütter ein Anrecht darauf haben, dass jemand für sie aufkommt?
  2. Sind Frauen, sobald sie Kinder haben, nicht mehr in der Lage, sich selbst zu ernähren?
  3. Macht sie eine Schwangerschaft automatisch behindert und bedürftig?

Sie können mich nun, liebe Leser, als unverbesserlichen Macho qualifizieren. Ich bin fein raus. Die drei rhetorisch gestellten Fragen stammen nicht von mir. Sie stammen von Bettina Weber, Ressortleiterin Gesellschaft bei der «SonntagsZeitung». Sie formulierte die Fragen im Juni im Anschluss an die Debatte im Nationalrat. Den Entscheid findet sie «beleidigend». Er suggeriere, dass Frauen ihrer Biologie hilflos ausgeliefert seien. «Von der Botschaft an junge Mädchen ganz zu schweigen: Sorge dich nicht, werde schwanger, und es wird gesorgt für dich», schrieb sie.

Wenn das eine emanzipierte Frau meint, so will ich ihr nicht widersprechen. Ich frage mich, ob der Ständerat heute seinem Ruf als «Chambre de réflexion» gerecht wird und die Frage reflektiert, ob hier die Richtung stimmt. Vielleicht kommt die von Männern dominierte Runde zum selben Schluss wie Bettina Weber. Das wäre mutig.

Das Hamstern von Gold ist das falsche Rezept

claude chatelain am Sonntag, den 30. November 2014

Selbst bei den grössten Abstimmungsschlappen finden die Verlierer eines Volksbegehrens Argumente, weshalb ihre Initiative eine gute Sache war. Der St. Galler SVP-Nationalrat Lukas Reimann macht als Präsident des Initiativkomitees keine Ausnahme.

Lukas Reimann

Lukas Reimann

«Wir konnten ein Thema aufs Tapet bringen, das bisher niemand beachtete», sagte Reimann gestern im Schweizer Fernsehen. Die Schweiz sei auf Gedeih und Verderb vom Euro abhängig. Damit kritisierte Reimann die Nationalbank, weil sie die Bilanzsumme aufbläht, um mit grossen Stützungskäufen den Eurokurs nicht unter 1.20 Franken fallen zu lassen. Denn hätte das Schweizervolk der Goldinitiative zugestimmt, wäre der Handlungsspielraum der Nationalbank derart eingeschränkt worden, dass sie ihren geldpolitischen Auftrag womöglich nicht mehr hätte ausführen können. Man muss freilich wissen, dass die massiven Stützungskäufe der Nationalbank noch gar kein Thema waren, als sich Reimann und seine Mitstreiter auf Unterschriftenjagd begaben. Im Nachhinein den Anschein zu erwecken, man habe die Initiative lanciert, um eine Debatte über Sinn und Unsinn von Stützungskäufen loszutreten, ist darum ziemlich unverfroren.

Weltweit pumpen Zentralbanken Milliarden in den Kreislauf und blähen ihre Bilanzsummen auf. Da kann man sich tatsächlich fragen, ob das gut kommt. Sollten Experten wider Erwarten die Meinung vertreten, die Nationalbank müsste ihre Stützungskäufe abbrechen und die Bilanzsumme herunterfahren, so wäre das Hamstern von zig Tonnen Gold, die man nie mehr verkaufen dürfte, definitiv das falsche Rezept.

Rezept gegen den Schuldenberg: Man büsst die Banken

claude chatelain am Montag, den 24. November 2014

Westliche Staaten leiden unter einer enormen Schuldenlast. Nach Lehrbuch gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Schuldenberg abzutragen:

  1. Man kann die Schulden weginflationieren. Sinkt der Wert des Geldes, nimmt auch die relative Höhe der Schulden ab.
  2. Man könnte die Ausgaben drosseln und damit im Haushaltbudget Gewinne statt Defizite schreiben.
  3. Man könnte die Steuern erhöhen, um auf diesem Weg mehr einzunehmen, statt auszugeben.

Die Amerikaner, um Innovationen nicht verlegen, haben eine neue Methode entdeckt, die in keinem Lehrbuch steht: Sie büssen die Banken. Opfer dieser Politik sind nicht nur globale Investmentbanken. Auch auf kleinere Institute hat es die schuldengeplagte Weltmacht abgesehen. Dazu zählen Geldhäuser wie Postfinance, Valiant, Migros-Bank, Bank Coop, Berner Kantonalbank und zahlreiche andere Kantonalbanken. Sie alle haben sich im Steuerstreit mit den USA in die Kategorie zwei einteilen lassen. Das bedeutet, dass sie sich offiziell schuldig bekennen, US-Steuerrecht gebrochen zu haben. Dies in der Hoffnung, sich mit der Zahlung einer Busse aus dem Würgegriff der US-Justiz befreien zu können.

Gemäss der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer sollte jedoch nicht der Verdacht aufkommen, die Amis hätten es allein auf Schweizer Banken abgesehen. Die Rangliste der bisher auferlegten Bussen geben ihr recht:

  • Bank of America: 17 Milliarden
  • J.P.Morgan: 13 Milliarden
  • BNP Paribas: 9  Milliarden
  • Citigroup: 7 Milliarden
  • Credit Suisse: 2,6 Milliarden
  • UBS: 800 Millionen.

Laut Handelskammer haben Banken in den USA in den letzten fünf Jahren Bussen in  Höhe von über 110 Milliarden Dollar bezahlt.

110 Milliarden? Die Staatsverschuldung der USA türmt sich auf 18500 Milliarden Dollar. Die genannten 110 Milliarden entsprechen also nicht mal einem müden Prozent. Uncle Sam muss sich wohl noch etwas anderes einfallen lassen, um der grassierenden Verschuldung Herr zu werden.

Wenn Juristen über die Goldinitiative parlieren

claude chatelain am Dienstag, den 18. November 2014

Mindestens 20 Prozent der Nationalbankreserven sollen in Gold angelegt sein. Das verlangt das Volksbegehren, über das wir am 30. November abstimmen. Ist das sinnvoll? Das wäre eine Frage für Ökonomen. Doch in den Parlamentsdebatten ergriffen vor allem Juristen das Wort:

Rechtsanwalt Luzi Stamm (SVP, AG): «Es braucht Gold, um dem Franken einen glaubwürdigen Rückhalt zu geben, damit jedermann sieht, dass es hinter dem Franken auch Gold gibt.»
Frage: Haben wir heute nicht das Problem, dass das Vertrauen in den Franken zu stark ist?

Jurist Lukas Reimann (SVP, SG): «Das Aufblähen der Geldmenge ist bequem. Es handelt sich um eine unsichtbare Steuer, die sich beliebig erhöhen lässt.»
Frage: Hätte die Nationalbank den Frankenkurs nicht stützen sollen?

Advokat Yves Nydegger (SVP, GE): «Die Vereinigten Staaten führen gegen uns einen Wirtschaftskrieg. Unser Gold beim Feind zu hinterlegen, zeugt nicht von sehr grosser Intelligenz.»
Frage: Ist Ihnen entgangen, dass das Schweizer Gold schon längst nicht mehr in den Bunkern der New Yorker Federal Reserve Bank liegt?

Umweltberater Beat Jans (SP, BS): «Die Initiative ist nichts anderes als ein weiterer Versuch der SVP, die Nationalbank zu schwächen. Den verbissenen Kampf gegen den Präsidenten gewann die SVP; Philipp Hildebrand musste gehen.»
Frage: Musste Hildebrand nicht wegen privater Devisengeschäfte gehen?

Dr. iur. Andrea Caroni (FDP, AR): «Wir wissen seit Goethe, dass alles am Golde hängt und alles zum Golde drängt. Heute Nachmittag aber haben Sie gehört, dass eben doch nicht alles Gold ist, was glänzt.»
Frage: Wo sehen Sie bei dieser Initiative einen Glanz?

Ständerätin Anita Fetz (SP, BS): «Es ist nicht alles Gold, was glänzt.»
Frage: Beschäftigen SP und FDP den gleichen Ghostwriter?

Nochmals Rechtsanwalt Luzi Stamm: «Es ist ganz offensichtlich, dass die Nationalbank nach dem Takt tanzt, den die USA und die Europäische Zentralbank vorgeben.»
Frage: Tanzt die Nationalbank nicht eher nach dem Takt der Wirtschaft, um den Eurokurs bei 1.20 Franken zu halten?

Zwischendurch ergriff auch ein Ökonom das Wort. Roland Fischer (GLP, LU): «Was nützen uns Tausende von Tonnen Gold, wenn wir diese im Krisenfall nicht verkaufen dürfen?»
Gute Frage.

Asche auf mein Haupt: Ich habe Steuern optimiert

claude chatelain am Montag, den 10. November 2014

Liebe Bernerinnen und Berner, ich will mich bei Ihnen aufrichtig entschuldigen. Asche auf mein Haupt. Mea culpa. Ich habe Steuern optimiert.

Als geschiedener Vater zahle ich Unterhaltsleistungen und Kinderalimente, die ich hemmungslos vom steuerbaren Einkommen in Abzug bringe. Und noch schlimmer: Ich überweise der Pensionskasse jährlich einen stolzen Betrag, was meine Steuerschuld erheblich entlastet. Ich zahle praktisch keine Einkommenssteuern. Shame on me.

Wie ich letzte Woche vernommen habe, müsste ich mich dafür eigentlich gar nicht entschuldigen, denn ich werde mir bei der Pensionierung die lebenslängliche Rente und nicht das Kapital auszahlen lassen. Damit soll ich angeblich unter dem Strich gar keine Steuern sparen.  Denn ich muss nach der Pensionierung die Rente zu hundert Prozent als Einkommen versteuern. Um das zu erklären, hat letzte Woche eine prominente (Pauschal-)Steuerexpertin eigens eine Medienkonferenz einberufen.

Selbstverständlich werde ich auch nächstes Jahr wieder Steuern optimieren. Ich werde weiterhin freiwillig in die Pensionskasse einzahlen, den entsprechenden Betrag steuerlich geltend  machen und mich dann bei Ihnen entschuldigen.

Und überhaupt: Unter Umständen werde ich meine Rente doch nicht versteuern. In Südafrika, wo ich nach der Pensionierung vielleicht hinziehe, um mein erbärmliches Golfhandicap zu verbessern, ist das Renteneinkommen steuerbefreit. Ob ich dort als reicher Ausländer pauschalbesteuert würde, weiss ich nicht. On verra.

Eigentlich ist ja Steueroptimierung durchaus legal. Es ist nicht einmal moralisch verwerflich, denn es ist vom Gesetzgeber so gewollt. Sie werden sich deshalb  fragen, liebe Leser, weshalb ich mich denn dafür entschuldige, wenn doch Steueroptimierung legal und vom Gesetzgeber so gewollt ist? Nun, ich weiss das eigentlich selber nicht so genau. Heute macht man das einfach so. Was Politikerinnen recht ist, kann mir nur billig sein.

Ist das Vergehen der Bank Coop schlimmer als jenes der früheren Valiant-Spitze?

claude chatelain am Sonntag, den 2. November 2014
Katja Stauber.

Tagesschausprecherin Katja Stauber berichtet über Marktmanipulationen der Bank Coop.

Tagesschau-Sprecherin Katja Stauber sagte  letzten Mittwoch im Schweizer Fernsehen: «Marktmanipulationen - die Finanzmarktaufsicht Finma belegt den Ex-Chef der Bank Coop mit einem Berufsverbot».  Und während sie das sagte, stand   eingeblendet «Kursmanipulationen». Was jetzt? Marktmanipulationen oder Kursmanipulationen?
Liebe Kollegen vom Leutschenbach: den Unterschied noch nicht  gecheckt? Um ehrlich zu sein: Ich sehe auch keinen faktischen Unterschied. Wer den Markt  manipuliert, um den Aktienkurs zu stützen, manipuliert auch den Kurs. Doch wenn es keinen  faktischen Unterschied gibt, so gibt es  einen juristischen: Bei der Marktmanipulation handelt es sich  laut Finma-Sprecher Tobias Lux «um eine schwere Verletzung von Aufsichtsrecht». Kursmanipulation ist hingegen ein Straftatbestand.  Gemäss Tobias Lux setzt Kursmanipulation eine persönliche Bereicherung voraus. Bei Andreas Waespi, dem Ex-Chef der Coop Bank,  hätte dies nicht  nachgewiesen werden können.
Das führt mich zur Valiant Bank. Auch sie wurde vor zweieinhalb Jahren wegen Marktmanipulation gerügt. Langjährige Valiant-Aktionäre werden sich an dieses düstere Kapitel erinnen, falls sie es nicht verdrängt haben.  Jahrelang hatten die Verantwortlichen den Kurs der eigenen Namenaktien gegen den allgemeinen Markttrend hochgehalten. Der Aktienkurs stieg bis über 200 Franken, ehe er in Raten auf 80 Franken abstürzte.
Aber war da nicht noch ein Optionsprogramm? Hatten  nicht die Verantwortlichen mit diesen Optionen dank dem künstlich hochgehaltenen Aktienkurs üppig Kasse gemacht? Warum also bloss Marktmanipulation und nicht Kursmanipulation? War  keine persönliche Bereicherung im Spiel?
Und noch etwas: Andreas Waespi wurde mit einem dreijährigen Berufsverbot belegt. Den Job als CEO bei der Aargauer Kantonalbank kann er deshalb nicht antreten. Den  Verantwortlichen der Valiant Bank um Kurt Streit wurden —  trotz Optionsprogramm — kein Berufsverbot auferlegt. Aufgrund dessen, was bekannt ist, wurde hier nicht mit gleichen Ellen gemessen.

 

Franz Kafka in der bernischen Amtsstube

claude chatelain am Sonntag, den 26. Oktober 2014
Franz Kafka

Franz Kafka

Frau C. wähnte sich wie Herr K.in Kafkas Roman «Der Prozess». Sie wollte nichts Geringeres, als die ID ihres 16-jährigen Sohnes erneuern. Sie ersuchte via Internet um einen Termin und  füllte den entsprechenden Fragebogen aus. Darin gab sie an, dass sie über das alleinige Sorgerecht verfüge.

Im Internet las sie, dass alleinerziehende Mütter mit alleinigem Sorgerecht  das Scheidungsurteil mit dem Sorgerechtsentscheid mitbringen müssten. Heja. Es könnte ja sein, dass die Mutter gar nicht über das alleinige Sorgerecht verfügt und der Vater etwas dagegen haben könnte, dass dem 16-jährigen die ID erneuert würde. Dennoch liess Frau C. das Scheidungsurteil zuhause, denn ihr Ex-Mann ist verstorben.

Auf dem Amt an der Effingerstrasse in Bern erklärte Frau C. der pflichtbeflissenen Beamtin, weshalb sie das Scheidungsurteil nicht mitgenommen habe. Doch gemäss der diensthabenden Beamtin, die  ein vergleichbares Verhalten an den Tag legte wie der Untersuchungsrichter in Franz Kafkas «Der Prozess», gibt es keine ID ohne Unterschrift des Vaters. Frau C. wiederholte, was sie eben erst gesagt hatte, dass der Vater verstorben sei und es deshalb saumässig schwierig sei, von ihm eine Unterschrift zu erheischen. Der 16-Jährige verdrehte die Augen. Die Beamtin entschuldigte sich.

Und doch kommt Frau C. nicht umhin, das Scheidungsurteil einzureichen. Es könnte ja sein, dass der Gymnasiast einen Vormund habe, musste sie sich sagen lassen. Nun, gemäss Scheidungsurteil hatte die alleinerziehende Frau C. das gemeinsame Sorgerecht. Mit dem Tod des Ex-Mannes mutierte logischerweise das gemeinsame Sorgerecht zum alleinigen. Und ob der Filius über einen Vormund verfügt oder nicht, steht  nicht im Scheidungsurteil. Trotzdem musste Frau C. das Dokument  nachliefern und, wow, der 16-jährige hat wieder ein ID.

Ich  hoffe, der Sohn von Frau C. wird sich als Matura-Lektüre  «Der Prozess» von Franz Kafka zu Gemüte führen. Seine persönliche Erfahrung wird es ihm erlauben, die  staunenden Experten an der Reifeprüfung davon zu überzeugen, dass die Geschichte des Josef K . keineswegs surreal ist.

Wie sich eine amerikanische Bank betont schweizerisch gibt

claude chatelain am Dienstag, den 21. Oktober 2014
Pinus cembra, auch Arve genannt.

Pinus cembra, auch Arve genannt.

Die Amerikaner machen uns das Leben schwer. Das spüren alle Schweizerinnen und Schweizer, die einen US-Pass oder eine Greencard besitzen und allein deshalb bei Schweizer Banken nicht mehr willkommen sind. Das gilt aber insbesondere auch für die Banken, die auf Geheiss der Amerikaner einen grossen Papierkrieg führen und sogar amerikanische Anwälte beschäftigen müssen, damit diese überprüfen, ob die Bank die Befehle von Uncle Sam ausführt. Jemand muss das bezahlen. Wer, wenn nicht der Kunde?

Schon von der Cembra Money Bank gehört? Das tönt nicht gerade schweizerisch. Doch Tausende von Schweizern erhalten monatlich eine Rechnung von diesem Institut: all die Besitzer einer Mastercard der Migros oder des TCS. Gegen aussen gibt sich Cembra trotz des wenig heimischen Namens betont schweizerisch. «Cembra – Ihr Schweizer Finanzierungspartner», steht auf der Website. «Wir sind eine erfahrene Schweizer Bank, die ihre Kunden und deren Privatsphäre schützt.» Und siehe da: Selbst der Nama Cembra ist nicht so exotisch, wie er klingt. Der Name beziehe sich auf die in den Schweizer Bergen beheimatete Arve Pinus Cembra, steht auf der Website weiter. Sie wachse auf bis zu 2850 Metern Höhe unter schwierigen Bedingungen und könne sogar bei Temperaturen bis minus 45 Grad bis zu tausend Jahre alt werden. «Ein starker Baum für eine starke Marke.» Die Bank mit Hauptsitz Zürich ist nur in der Schweiz mit einem landesweiten Netz von 25 Filialen vertreten. Seit knapp einem Jahr ist sie an der Schweizer Börse kotiert. Keine Frage: Die Cembra Money Bank ist rechtlich eine Schweizer Bank.

Und doch ist Cembra für mich ein US-Institut: 32 Prozent des Aktienkapitals wird von der amerikanischen General Electric kontrolliert. Manchem geht jetzt ein Licht auf: Das nach einem Baum in den Schweizer Bergen benannte Geldhaus ist die vormalige GE Money Bank. Man hat sich von diesem Namen verabschiedet, um nicht auf den ersten Blick als Amerikaner erkannt zu werden. Verständlich.