Swiss Life verweigert Auszahlung zu Unrecht

claude chatelain am Dienstag, den 1. September 2015

indexSwiss Life liess eine 67-jährige Frau alt aussehen. Doch wirklich alt sah im «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens Swiss Life aus, uralt sogar. Der Versicherer verweigerte der Frau die Auszahlung des 3a-Kapitals ihres verstorbenen Partners. Zu Unrecht, wie sich erwies. Die Frau lebte 15 Jahre mit ihrem Partner zusammen. Als er kurz nach dem 60. Geburtstag völlig überraschend verstarb, verlangte sie von Swiss Life das 3a-Guthaben ihres verstorbenen Partners.

Sie hatte gute Argumente in der Hand. Denn in der Verordnung steht, wer beim Ableben zu begünstigen ist. Zuoberst in der Begünstigtenordnung steht wenig überraschend «der überlebende Ehegatte». Doch gleich danach folgen die direkten Nachkommen (…) «oder die Person, die mit dieser in den letzten fünf Jahren bis zu ihrem Tod ununterbrochen eine Lebensgemeinschaft geführt hat». Trotz der klaren Vorschrift verweigert Swiss Life der trauernden Frau die Auszahlung des Kapitals. Stattdessen verlangte der Versicherer von der Frau den Nachweis, dass sie vom verstorbenen Partner finanziell abhängig gewesen ist, obschon die Verordnung nichts dergleichen verlangt.

Warum das? Swiss Life stützt sich auf die alte Begünstigtenordnung, die beim Vertragsabschluss Gültigkeit hatte. Denn bis vor zehn Jahren musste die überlebende Konkubinatspartnerin vom Verstorbenen «für deren Unterhalt in massgeblicher Weise» unterstützt worden sein, um Anspruch auf das Vorsorgegeld zu haben. Die 67-jährige Frau konnte dies jedoch nicht nachweisen, was aber seit 2005 auch nicht mehr notwendig ist. So überwies Swiss Life die gut 100’000 Franken nicht der langjährigen Konkubinatspartnerin, sondern der Mutter des Verstorbenen. Wie alt die Mutter ist, ging aus dem Kassensturz-Bericht nicht hervor. Sie dürfte über 80 Jahre alt sein. Was gilt? Das alte oder das geltende Recht? Rechtsexperte Martin Hubatka wie auch der Sprecher des Bundesamts für Sozialversicherungen erklärten vor laufender Kamera, dass Swiss Life der Frau das Geld schulde. Es gelte das aktuelle Recht. Zum gleichen Schluss käme auch der gesunde Menschenverstand.

Urs Schwaller als Architekt des Kompromisses? Das verheisst nichts Gutes

claude chatelain am Montag, den 24. August 2015

Was für eine Überraschung: Die Sozialkommission des Ständerats hat es geschafft, ohne Gegenstimmen einen Kompromissvorschlag zur Altersvorsorge 2020 auszuhecken.  Laut «10vor10» ist Urs Schwaller der Architekt dieses Husarenstücks. Das verheisst nichts Gutes. Der Freiburger Ständerat war schon einmal der Architekt eines verwegenen Vorschlags. Einem, der tüchtig in die Hosen ging.

Das war vor sieben Jahren.  Der Nationalrat wollte  das Frauenrentenalter von  64 auf 65 Jahre erhöhen.  Nichts mehr als das. Die bürgerliche Mehrheit inklusive CVP stimmten im Frühjahr 2008 für diese längst fällige Massnahme. Doch der Nationalrat machte die Rechnung ohne den Ständerat und vor allem ohne Urs Schwaller, Fraktionschef der CVP.

Ständerat Urs Schwaller

Ständerart Urs Schwaller.

Damals sagte Urs Schwaller, die Erhöhung des Frauenrentenalters habe in einer Referendumsabstimmung ohne soziale Abfederung bei Frühpensionerungen  keine Chance. Den Beweis dafür konnte er nicht erbringen. Beweisen konnte er aber, dass sein Kompromissvorschlag zu Gunsten der Linken im Bundesparlament keine Chance hatte.

Der Kompromiss Marke Schwaller sah eine soziale Abfederung bei Frühpensionierungen vor. So sollte bei Leuten mit kleineren Einkommen die vorbezogene AHV-Rente nicht so stark gekürzt werden wie bei den anderen. Das Ansinnen   hatte einen Haken: Die SVP wollte den AHV-Vorbezug bei tiefen Einkommen nicht finanziell abfedern. Der SP hingegen ging die Abfederung zu wenig weit. Dies mit der unheilvollen Konsequenz, dass die 11. AHV-Revsion in der Herbstsession 2010  bachab geschickt wurde.

Nun kommt Urs Schwaller den Linken  mit der vorgeschlagenen Erhöhung der AHV-Rente erneut weit entgegen. Selbst  bei den nicht mehr zeitgemässen Witwenrenten will Schwaller  keine Abstriche machen. All das, um eine Referendumsabstimmung auf Teufel komm raus zu verhindern. Ob ihm dies erneut gelingen wird? Ein Referendum kann nur stattfinden,  wenn die Vorlage im Parlament eine Mehrheit findet.  Beim vorliegenden Vorschlag der Ständeratskommission wird das kaum der Fall sein.

 

Über den (unsäglichen) Koordinationsabzug

claude chatelain am Dienstag, den 18. August 2015
Sozialminister Alain Berset möchte den Koordinationsabzug abschaffen.

Sozialminister Alain Berset möchte den Koordinationsabzug abschaffen.

Schon vom Koordinationsabzug gehört? Wenn Sie nicht in der Welt der Pensionskassen tätig sind oder wenn Sie nicht die 2. Säule als Ihr Hobby betrachten, so dürften Sie kaum in der Lage sein, sich auf diese Wortschöpfung einen Reim zu machen.

Nun, der vom Bundesrat festgelegte Koordinationsabzug beträgt derzeit 24 675 Franken. Dieser Betrag wird vom Bruttojahreslohn in Abzug gebracht. Das Resultat dieser Substraktion ist der versicherte Lohn, auch koordinierter Lohn genannt. Der versicherte Lohn ist von grosser Bedeutung, weil auf diesem Betrag die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge berechnet werden. Je höher der versicherte Lohn, desto höher wird später die Rente ausfallen. Arbeitnehmer müssten also an einem möglichst tiefen Koordinationsabzug interessiert sein.

Weshalb überhaupt dieser Abzug vom Bruttolohn? Der Koordinationsabzug soll dazu dienen, die 1. und die 2. Säule zu koordinieren. Deshalb auch diese unsägliche Wortschöpfung. Dank dieser Koordination sollte das Renteneinkommen aus der 1. und der 2. Säule 60 Prozent des zuletzt verdienten Bruttolohns entsprechen. Dies, um «die bisherige Lebenshaltung in angemessener Weise» fortzuführen, wie es sogar in der Bundesverfassung steht.

Die Schöpfer des Dreisäulenkonzepts tun so, als wäre die Vorsorge eine exakte Wissenschaft. Doch wer kann schon mit 60 Prozent des letzten Lohns den Lebensstandard halten? Bei Teilzeitangestellten, Doppelverdienern und Frühpensionierten geht diese Rechnung eh nicht auf. Gerade Teilzeitangestellte werden mit diesem Abzug überproportional betraft. Deshalb finde ich es löblich, dass Sozialminister Alain Berset mit seiner Altersvorsorge 2020 den Koordinationsabzug abschaffen möchte. Es wäre ein Beitrag zum besseren Verständnis der 2. Säule. Die vorberatende Kommission des Ständerats will von dieser Vereinfachung jedoch nichts wissen, wie sie gestern an einer Medienkonferenz erörterte. Mich erstaunt das nicht. Die Parlamentarier sind nicht dadurch aufgefallen, sich für verständliche Gesetze starkzumachen. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Warum das Barotrauma kein Unfall sein soll

claude chatelain am Dienstag, den 11. August 2015
Unfallversicherung zahlt nicht, wenn man sich beim Abtauchen das Trommelfell verletzt.

Unfallversicherung zahlt nicht, wenn man sich beim Abtauchen das Trommelfell verletzt.

Schon mal von einem Barotrauma gehört? Das ist eine druckbedingte Verletzung des Trommelfells. Ein Arbeitskollege hat sich diese Verletzung im Hallenbad beim Abtauchen ins Sprungbecken zugezogen. Naja, er ist ordentlich jünger als ich und macht noch solche Sachen. In drei Metern Tiefe verspürte er einen stechenden Schmerz, der beim Auftauchen nicht abklang. Der pochende Schmerz blieb bestehen. Die ganze Nacht sei von einem fiebrigen Schmerz überschattet gewesen. Das Hörvermögen blieb wochenlang eingeschränkt.

«Statt dies als kleinen Unfall unbürokratisch zu erledigen, wurde ich von meiner Unfallversicherung mit widersprüchlicher Post beglückt», so der Kollege. Und weiter: «Soweit ich das mit meinem offenbar durchschnittlichen Auffassungsvermögen erfassen konnte, ist meine erlittene Verletzung nach Unfallverordnung eine unfallähnliche Körperschädigung. Explizit wird in der Verordnung das Trommelfell erwähnt.» Der Unfallversicherer tat, was die meisten Unfallversicherer in vergleichbaren Fällen tun: Er lehnte die Kostenübernahme ab. In der Verfügung schrieb der Versicherer, gemäss Verordnung gelte als Unfall eine «plötzliche, nicht beabsichtigte schädigende Einwirkung eines ungewöhnlichen äusseren Faktors auf den menschlichen Körper». Zähneknirschend – immerhin nicht ohrenbetäubend – musste der Kollege zur Kenntnis nehmen, dass die druckbedingte Schädigung des Trommelfells nicht ungewöhnlich ist, ein gewöhnlicher Misstritt beim Fussballspiel hingegen schon. Was lehrt uns diese Geschichte? Sie sagt uns, dass

  • Juristen und nicht Mediziner bestimmen, was ein Unfall ist;
  • der gesetzliche Unfallbegriff in keiner Weise der landläufigen Auffassung entspricht;
  • die Unterscheidung zwischen Unfall und Krankheit wiederholt für Verwirrung sorgt;
  • die Schweiz viel Umtriebe und damit Geld sparen könnte, wenn die Leistungen bei Krankheit und Unfall identisch wären;
  • kein, aber wirklich kein Parlamentarier oder Interessenvertreter Anstrengungen unternimmt, diesem Problem zu Leibe zu rücken.

Hilfe, die Tochter verdient zu viel

claude chatelain am Dienstag, den 4. August 2015

Der Arbeitgeber hat es wahrscheinlich gut gemeint, als er der 23-jährigen Werkstudentin im letzten November einen Bonus von 1000 Franken bezahlte. Die Studentin freute sich. Weniger freuen darüber konnte sich deren Vater. Ihn kostet dieser Zustupf die Wenigkeit von 3480 Franken.

Ich kläre auf: Die Studentin verdiente letztes Jahr mit ihrem 60-Prozent-Pensum 28 145 Franken. Mit dem genannten Bonus von 1000 Franken kam sie auf ein Bruttoeinkommen von 29 145 Franken. Das sind genau 945 Franken zu viel. Der Vater verliert damit den Anspruch auf die monatliche Ausbildungszulage von 290 Franken, die ihm mit dem Lohn überwiesen wurden. Er muss nun die zwölfmal 290 Franken, die er übrigens als Einkommen zu versteuern hatte, zurückzahlen. Das Beispiel ist nicht erfunden.

Für ein Kind in Ausbildung haben die Eltern Anspruch auf Ausbildungszulagen von 290 Franken pro Monat. Dies bis zum 25. Altersjahr des Kindes. Nun steht in der Verordnung über die Alters- und Hinterlassenenversicherung wörtlich: «Nicht als in Ausbildung gilt ein Kind, wenn es ein durchschnittliches monatliches Erwerbseinkommen erzielt, das höher ist als die maximale volle Altersrente der AHV.» Die maximale volle Altersrente beträgt derzeit 28 200 Franken. Pech gehabt.

Und wenn wir schon beim Thema sind: Neben den 28 200 Franken gibt es noch einen anderen Schwellenwert, der das Portemonnaie der Eltern erheblich belasten könnte: 24 000 Franken. Verdient das in Ausbildung befindliche Kind mehr als besagte 24 000 Franken im Jahr, so verlieren die unterstützenden Eltern die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten für das Kind. Im Kanton Bern sind das der Kinderabzug von 8000 Franken plus nachgewiesene Ausbildungskosten bis 6200 Franken im Jahr. Man rechne: 14 200 Franken weniger Abzüge ergeben bei einem Grenzsteuersatz von zum Beispiel 25 Prozent eine höhere Steuerbelastung von 3550 Franken.

Kleinere Banken brauchen keine Notfallpläne

claude chatelain am Montag, den 27. Juli 2015

Die Too-big-to-fail-Problematik ist in letzter Zeit etwas in Vergessenheit geraten. 2011 hatte Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf in hohem Tempo die Grossbankenregulierung durch das Parlament geboxt. Damit hatte die Politik ihre Aufgabe fürs erste gemacht. Es lag seither an den systemrelevanten Grossbanken, die regulatorischen Vorgaben umzusetzen. Bis Ende 2018 haben sie Zeit.

Im Wesentlichen geht es um zwei Massnahmen: die Stärkung der Eigenmittel sowie die Einführung organisatorischer Vorkehrungen, um im Krisenfall die  systemrelevanten Bereiche zu retten. Bei Banken sind das insbesondere der Zahlungsverkehr und das Kreditgeschäft. Beide könnten bei einem Ausfall eine gesamte Wirtschaft lahmlegen, sofern die genannten Bereiche zu gross, eben “to big to fail” sind.

Gestern gab die UBS bei der Präsentation des Quartalsergebnisses bekannt, wie sie sich gegen einen Notfall wappnet. Sie gründete eine Tochtergesellschaft, die im Krisenfall die operative Handlungsfähigkeit gewährleisten soll. Wie weit ein solcher Notfallplan in der Praxis funktioniert, lässt sich aber kaum voraussagen. Nur eine erneute Krise könnte den Praxistest bestätigen. Oder wie es gestern der Bankenfachmann des Schweizer Radios treffend sagte: «Man fackelt nicht das eigene Haus ab, nur um zu schauen, ob der Brandschutz funktioniert.»

Das beste Mittel gegen eine neuerliche  Staatshilfe wäre es, ein Institut gar nicht zu gross wachsen zu lassen. UBS und CS sind nur deshalb so riesig, weil die Wettbewerbshüter nichts gegen ihre Fusionen einzuwenden hatten. Vor nicht allzu langer Zeit hatten wir fünf Grossbanken im Land. Jetzt sind es noch zwei.

Erst kürzlich konnte die Zürcher Kantonalbank (ZKB) das Fondshaus Swisscanto einverleiben, ohne dass irgend jemand den Mahnfinger gehoben hätte. Anfänglich galten nur UBS und CS als “too big to fail”. Mittlerweile gehören auch die Raiffeisengruppe und die  ZKB zum zweifelhaften Kreis jener Banken, die im Notfall durch den Staat gerettet werden müssten und deshalb entsprechende Notfallpläne ausarbeiten müssen.

Leider sind keine Anstrengungen von Seiten der Politik auszumachen, um Unternehmen nicht stets grösser, mächtiger, systemrelevant und damit gefährlicher werden zu lassen. Solche Anstrengungen wären wirkungsvoller als all die Notfallpläne, deren Tauglichkeit den Praxistest erst noch schuldig bleiben.

Wir schlittern in eine Pro-Kopf-Rezession

claude chatelain am Montag, den 20. Juli 2015

Als die Schweizerische Nationalbank am 15.Januar die Eurountergrenze  zum Franken  aufhob, ertönten subito warnende Stimmen, die Schweiz könnte in eine Rezession schlittern. Das Wort Rezession lässt die Eidgenossen erschaudern. Eine Rezession scheint schlimmer zu sein, als wenn die Einbruchrate steigt, wenn immer mehr Leute depressiv werden, wenn die Staumeldungen auf Schweizer Strassen immer länger werden, wenn die Ozonwerte stets nach oben klettern oder wenn der selbst auferlegte Stress am Arbeitsplatz nicht nachlassen will.

Doch die Credit Suisse vermochte das Gemüt der Schweizerinnen und Schweizern zu besänftigen: Sie sagte für 2015 ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent voraus. «Die Schweiz schrammt an einer Rezession vorbei», titelte die «Handelszeitung». Uff, noch einmal gut gegangen. Wir können Entwarnung geben.

Können wir das wirklich? Halten Sie sich fest, liebe Leser: In Tat und Wahrheit sind wir auf Rezessionskurs. Denn trotz des letztjährigen Volksentscheids gegen eine Masseneinwanderung hält diese unvermindert an. Im 1.Quartal hat die Bevölkerungszahl in der Schweiz um 23000 zugenommen; also noch stärker als im Vorjahresquartal. Somit dürfte die Nettozuwanderung auch im laufenden Jahr über 80000 Personen betragen. Auf eine Bevölkerung von rund 8 Millionen entspricht das einem Nettozuwachs von 1 Prozent.

Wenn also die Wirtschaft bloss um 0,8 Prozent wächst, die Bevölkerung in der Schweiz aber um 1 Prozent zunimmt, so ist das alles entscheidende Pro-Kopf-Wachstum negativ.

Womit ich nicht gesagt haben will, dass mit dem Pro-Kopf-Wachstum auch die Lebensqualität abnehmen wird. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. In einer gesättigten Wirtschaft kann man Glücksgefühle nicht mit Wachstum erkaufen. Das haben Glücksforscher schon längst erkannt.

Was nützt die Mehrwertsteuer, wenn sie nicht abgeliefert wird?

claude chatelain am Montag, den 13. Juli 2015
Santorini zählte im vergangenen Jahr doppelt so viele Touristen; trotzdem sanken die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer um 20 bis 30 Prozent.

Santorini zählte im vergangenen Jahr doppelt so viele Touristen; trotzdem sanken die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer um 20 bis 30 Prozent.

In der Schweiz beträgt die Mehrwertsteuer  8 Prozent. Dann gibt es noch einen reduzierten Satz von 3,8 Prozent für Hotelübernachtungen und von 2,5 Prozent für Güter des täglichen Gebrauchs.

Wann immer der Mehrwertsteuersatz auch nur um ein müdes Prozent angehoben werden soll, gibts von bürgerlicher Seite ein Zetermordio. Das sei ungesund  für den Konsum, für das Gewerbe und somit für die Wirtschaft insgesamt. Auch linke Politiker haben wenig Gefallen an dieser Steuer. Sie sei unsozial, weil sie Arm und Reich identisch belaste. Die Linken wehren sich aber nicht gross dagegen, weil sie sich grundsätzlich nur selten gegen Steuererhöhungen sträuben.

Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer steht in der Schweiz bald wieder zur Debatte, wenn im Bundesparlament über das Reformpaket Altersvorsorge 2020 von Sozialminister Alain Berset diskutiert wird. Zur Diskussion steht eine Erhöhung um 1,5 Prozentpunkte. Wir hätten dann einen  Satz von 9,5 Prozent. Und wenn ab 2017 die 0,4 Prozent für die Zusatzfinanzierung der IV ausläuft, beliefe sich die Mehrwertsteuer auf rund  9 Prozent.

In Griechenland beträgt die Mehrwertsteuer dagegen 23 Prozent, mehr als doppelt so viel. Nach europäischen Verhältnissen ist das nicht einmal überrissen: In Deutschland beträgt der Normalsatz 19 Prozent, in Frankreich 20 und in Schweden gar 25 Prozent.

Auf den griechischen Inseln gilt ein Sondersatz. Dieser soll angehoben werden. Ich frage mich, was das bringen soll: Erstens ist die Mehrwertsteuer für die Konjunktur schädlich; zweitens nützt die Mehrwertsteuer dem Staat nur dann etwas, wenn sie vom Gewerbe auch abgeliefert wird. Wer schon auf griechischen Inseln Ferien machte, ist womöglich aufgefallen, dass beim Bezahlen kein Kassenzettel vorgelegt wird, sondern bloss ein von Hand geschriebenes Stück Papier. Bezeichnend die Worte des abgetretenen Finanzministers Yanis Varoufakis: «Die Inseln Santorini und Mykonos hatten vergangenes Jahr doppelt so viele Touristen; trotzdem sanken die Einnahmen aus der Mehrwertsteuer um 20 bis 30 Prozent.»

Je höher die Mehrwertsteuer, desto grösser der Anreiz, sie zu umgehen.

Über Angela, François und die schöne Helena

claude chatelain am Montag, den 6. Juli 2015

Heute erzähle ich die Geschichte einer schrecklich unglücklichen Familie. Da ist die strenge Mutter Angela, korrekt, zielstrebig, vielleicht auch ein bisschen stur. Sie hat die Hosen an und durchaus das Zeug zu einer guten Mutter. Ihr zweiter Ehemann François ist ein jovialer, sympathischer Typ. Bei ihm hat man den Eindruck, dass er sich nicht so sehr um die Kinder kümmert. Er hat selber genug Probleme.

Einige Kinder sind Musterschüler; andere tun sich recht schwer, scheinen aber auf dem Weg zur Besserung zu sein. Sie haben Geldsorgen und hohe Schulden. Ihre Eltern waren halt schlechte Vorbilder. Und da ist noch das uneheliche Kind Helena, ein wunderschönes Kind. Aber es ist das Produkt eines Unfalls. Es  passte nie so richtig zur Familie. Doch insbesondere Mutti Angela hat Helena wahnsinnig gern.

Die Eltern sind  nicht dumm. Auch Verantwortungslosigkeit kann man ihnen nicht vorwerfen. Und doch machten Angela und ihr früherer Ehemann Nicolas einen folgenschweren Fehler in der Erziehung: Sie überschütteten die schöne Helena mit Geld. Deshalb passierte, was immer mit verwöhnten Kindern passiert: Helena verschuldete sich fürchterlich. Sie hat nie gelernt, haushälterisch mit Geld umzugehen.

Mutter Angela war völlig überfordert. Von François hörte man immer weniger. Ihm werden Frauengeschichten nachgesagt. Deshalb betraute Angela ihren Buchhalter Wolfgang, sich des unerzogenen Sprösslings anzunehmen. Der aufmüpfigen Helena  fiel nicht ein, den Weisungen von Wolfgang zu folgen. Und vor allem sah sie sich ausserstande, die Schulden auch nur annähernd  abzustottern. Im Gegenteil: Sie verlangte noch mehr Geld, bis Wolfgang der Geduldsfaden riss und kurzerhand den Geldhahn zudrehte. Wolfgang möchte Helena am Liebsten nach Troja schicken. Angela hat die Hoffnung auf Besserung scheinbar noch nicht aufgegeben.

Leider fehlt mir hier der Platz, auch noch die Geschichte einer fernen Verwandten zu erzählen. Sie heisst Helvetia. Angela hätte gerne eine derart wohlgeratene Tochter in ihrer Familie. Doch Angelas Verhältnis zu Helvetia blieb stets kühl. Vielleicht ist sie auch ein bisschen neidisch. Dabei unterstützt Helvetia die unglückliche Familie auch finanziell – und dies nicht etwa knapp.

Der Kollege hat geheiratet – selber schuld

claude chatelain am Samstag, den 4. Juli 2015

Was für ein Aufschrei, als der Grosse Rat des Kantons Bern vor zwei Jahren den Rotstift bei den Prämienverbilligungen ansetzte. Mit einer Volksinitiative wollen nun die Linken diese Sparmassnahme rückgängig machen. Sie wollen sowohl die Anzahl der ausgerichteten Prämienverbilligungen als auch deren Höhe auf den Stand von 2013 zurückführen und im Gesetz verankern. Sie haben bis zum 30.September Zeit, 15000 Unterschriften zu sammeln. Dem Vernehmen nach könnten sie noch welche gebrauchen.

Das erinnert mich an einen Fall, über den ich in diesen Spalten vor drei Jahren berichtete. Ich komme nicht umhin, diesen Kasus in Erinnerung zu rufen. Ein Kollege erzählte mir voller Entsetzen, dass seine Partnerin und Mutter ihres gemeinsamen Kindes neu in den Genuss von Prämienverbilligungen komme. Sie war zum zweiten Mal Mutter geworden, sodass sie höhere Kinderabzüge geltend machen konnte. Deshalb war das massgebende Einkommen unter die damals gültige Schwelle von 34000 Franken gefallen.

Mein Kollege, redlich, wie er ist, war schockiert, weil er und seine Frau insgesamt um die 12000 Franken pro Monat verdienen. In anderen Kantonen muss ein Gesuch stellen, wer die Krankenkassenprämien verbilligt haben möchte. Meinem Kollegen und seiner Partnerin wäre es natürlich nie in den Sinn gekommen, bei ihrem stolzen Einkommen entsprechende Bemühungen anzustellen. Doch der Kanton Bern, dem es finanziell ja so blendend geht, gewährt die Prämienverbilligung automatisch, sofern das massgebende Einkommen gemäss Steuererklärung unter 30500 Franken fällt.

Als ich kürzlich den Kollegen zufällig getroffen habe, fragte ich ihn, ob die Krankenkassenprämien seiner Partnerin immer noch vergünstigt würden. «Nein», sagte er, «wir haben inzwischen geheiratet.» Selber schuld

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