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Hans-Werner Sinn zur schwelenden Eurokrise

claude chatelain am Dienstag, den 15. April 2014
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Hans-Werner Sinn: "Die Krise des Euroraums ist eine Krise Frankreichs".

Hans-Werner Sinn ist wohl der profilierteste Ökonom im deutschsprachigen Raum. Der 66-jährige Leiter des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung der Universität München gab jüngst im «Beobachter» ein Interview. Auszüge in Kurzform:

«Frage: Ist die Eurokrise vorbei?
Hans-Werner Sinn: Nein, sie schwelt bloss unter dem Teppich.

Rechnen Sie damit, dass sie wieder ausbricht?
Ich gehe eher davon aus, dass es zu einem schleichenden Siechtum kommt. Die Lösung der realwirtschaftlichen Probleme der südlichen Länder wird sich noch über lange Zeiträume hinziehen.

Das Problem der Südländer?
Sie sind zu teuer. Sie gerieten durch den Euro in eine Kreditblase (…) Wir haben heute in Spanien dreimal so hohe Löhne wie in Polen. Selbst in Griechenland sind sie noch doppelt so hoch. Das ist das fundamentale Problem.

Der Hauptfehler?
Die Nichtbeistandsklausel des Maastrichter Vertrages besagt: Hat sich ein Land Geld geliehen und kann dieses nicht zurückzahlen, dann geht es in Konkurs, und der Gläubiger muss verzichten. Diese Regel wurde nie ernst genommen. Hätte man das getan, wären von vornherein nicht so viele Kredite geflossen, und die inflationären Blasen wären gar nicht entstanden.

Warum sind Sie dagegen, dass die Europäische Zentralbank Staatsanleihen kauft?
Es ist schlicht eine Verlagerung des Risikos vom Anleger auf den Steuerzahler.

Ihre Lösung?
Wir sollten das Spiel beenden, einen grossen Schuldenschnitt machen und die Steuerzahler und Vermögensbesitzer des Nordens zwingen, die Wahrheit zu erkennen.

Wer wäre davon betroffen?
(…) Vor allem französische Banken. Die haben im Wesentlichen das Geld auf der Welt aufgesaugt und es nach Südeuropa weitergeliehen. Die Krise des Euroraums ist eine Krise Frankreichs, der französischen Banken und der französischen Industrie, die ihre Produkte weitgehend in diese Länder verkaufte.»

Nicht nur die Grossbanken haben stramm zu stehen, wenn Uncle Sam befiehlt

claude chatelain am Dienstag, den 8. April 2014

indexWährend des Kalten Krieges war alles schlecht, was von den Russen kam. Und es war alles gut, was von den Amis kam: Als die US-Amerikaner 1980 an den Winterspielen in Lake Placid die Eishockeyaner der Roten Armee bodigten, wurde das hierzulande wie ein Heimsieg gefeiert.

Das war einmal: Heute beschleicht einen ein quälendes Gefühl, wenn ausgerechnet die Amerikaner in der Krimkrise die Russen für ihre Hegemonialpolitik verurteilen. Das Unbehagen lässt sich mit einem Wort umschreiben: Fatca. Mit dem Foreign Account Tax Compliance Act werden hiesigen Banken Vorschriften gemacht.

Das gilt nicht nur für die in den USA agierenden Grossbanken. Auch Regionalbanken, die nichts anderes im Sinn haben, als Spargelder von Schweizern entgegenzunehmen und Kredite an Schweizer zu gewähren, haben strammzustehen, wenn Uncle Sam befiehlt. Die Amerikaner schreiben vor, was der Schweizer Bankkunde alles zu unterschreiben hat, um ein Sparkonto eröffnen zu dürfen.

Und dann gibt es noch all die US-Personen, von denen der gefrässige Fiskus der USA Geld will, obschon sie in der Schweiz wohnen und nur die hiesige Infrastruktur benutzen. Gemeint sind all die Greencard-Besitzer und Doppelbürger, die nur deshalb einen US-Pass besitzen, weil sie in Übersee geboren wurden oder weil der Vater oder die Mutter Amerikaner sind.

Am liebsten möchten Regionalbanken gar keine solchen US-Personen mehr aufnehmen, weil sie einen enormen Aufwand verursachen. Die Bank muss beispielsweise jährlich überprüfen, ob diese Personen ihren Wohnsitz in der Schweiz nicht etwa aufgegeben haben. Doch Fatca verbietet es Schweizer Banken, solche US-Personen grundlos abzulehnen. «Das Finanzinstitut darf in der Schweiz ansässige spezifizierte US-Personen in Bezug auf die Eröffnung oder Beibehaltung von Konten nicht diskriminieren», steht wörtlich im Fatca-Abkommen. Fragt sich, ob das schweizerische Bankengesetz überhaupt in Bern oder in Washington geschrieben wird.

Über Millionäre, Dividendenpicker, Kenner, Spieler und Liebhaber

claude chatelain am Freitag, den 4. April 2014

Privatanleger sollten von direkten Engagements in Aktien lieber die Finger lassen. Besser ist, das Geld in Aktienfonds zu investieren. Damit kann man mit wenigen Hundert Franken an einem breit gestreuten Wertschriftenportefeuille teilhaben und das Risiko auf viele Unternehmen verteilten. Das nennt man Diversifikation.

Und doch gibt es Spezies, welche mit Investitionen in einzelne Aktien durchaus auf die Rechnung kommen: Millionäre, Dividendenpicker, Kenner, Spieler und Liebhaber.

Der Millionär: Wer eine Million Franken anzulegen hat, kann 100 verschiedene Aktien zu rund 10 000 Franken kaufen. Der Grundsatz der Diversifikation ist erfüllt. Damit spart man sich all die Gebühren, die dem Fondsvermögen angelastet werden.

Der Dividendenpicker: Wem die Ausschüttung wichtiger ist als der Kursgewinn, kauft Aktien mit hohen Dividenden. Gerade in der heutigen Zeit sind die Dividenden auf Aktien häufig höher als die Zinsen auf Obligationen. Freilich gibt es mittlerweile für gewisse Märkte auch Anlagefonds, welche gezielt in Dividendenperlen investieren.

Der Kenner: Wer das Innenleben einer Firma und dessen Management sehr gut kennt, kann die Marktchancen womöglich besser abzuschätzen als der Markt insgesamt. Das trifft häufig bei kleinen, weniger bekannten Unternehmen zu.

Der Spieler: Wer das Börsengeschehen aufmerksam verfolgt, kann via Internet mit Aktien handeln, von den hohen Kursschwankungen profitieren und damit den Spieltrieb befriedigen. Das hat durchaus seinen Reiz: Der eine fährt ins Casino, der andere surft bei Swissquote, E-Trading oder Trade net.

Der Liebhaber: Wer Aktien nicht nur wegen der Rendite ins Depot legt, sondern weil er sich mit dem Unternehmen verbunden fühlt, kauft die entsprechende Liebhaberaktie. Man freut sich auf die Generalversammlung, wo man alte Bekannte trifft und unter Umständen ein feines Essen serviert bekommt. Wobei viele Fressaktien nicht mehr sind, was sie einmal waren.

Juristen verdrängen Betriebswirte

claude chatelain am Montag, den 24. März 2014

Betriebswirte bringen  beste Voraussetzungen mit, um eine Stiftung der beruflichen Vorsorge zu leiten.   Pensionskassen-Manager müssen  etwas verstehen von Finanzanlagen,  Immobilienbewertung,  Organisationsmanagement, Personalführung — alles  Wissensbereiche, wie sie in einem Betriebswirtschaftsstudium angeboten werden.  Daher  wäre es zu begrüssen, wenn Ökonomen mit der Leitung von Pensionskassen betraut würden, so machen sie nichts Dümmeres.

Doch Pensionskassen  werden mehr und mehr von Juristen geleitet. Das ist irritierend — und doch ist es verständlich. Denn die 2. Säule ist über die Jahre derart  verpolitisiert, reglementiert und verkompliziert worden, dass es von Vorteil ist, wenn sich  sich auch die Chefin oder Chef in Gesetzen, Verordnungen, Weisungen und Paragrafen auskennt. Dauernd werden  neue Weisungen erlassen — geschrieben von Juristen. Niemand  versteht die Worte von Juristen besser als die Juristen.

Und doch will ich mich damit nicht abfinden. Es stört mich, dass die Regelungen rund um die berufliche Vorsorge derart kompliziert sind. Wohin das führen kann, sehen wir exemplarisch bei den Wohlfahrtsfonds. Etliche Unternehmen hatten vor Inkraftreten des beruflichen Vorsorgegesetzes (BVG) im Jahr 1985 solche  Personalfürsorgestiftungen gegründet. Sie werden allein vom Arbeitgeber alimentiert und dienen  den Arbeitnehmern bei Härtefällen. Man kann  mit Geldern dieses Fonds Frühpensionierungen finanzieren. Doch weil auch die Wohlfahrtsfonds stets strengere gesetzliche Vorgaben erfüllen müssen, ist selbst sozial orientierten Unternehmern  die Lust vergangen, im Interesse der Belegschaft patronale Stiftungen ins Leben zu rufen. Im Gegenteil: 1992 gab es noch über 5000 solcher Einrichtungen. Die Zahl ist auf die Hälfte geschrumpft.

Juristen wären nicht Juristen, setzten sie nicht ihren Stolz daran, einfache Dinge schwierig zu machen. Sollte es jemandem entgangen sein: Am Sonntag wählt der Souverän im Kanton Bern Grossrätinnen und Grossräte.

Meine “Cash”-Kollegin bei der Bank Vontobel

claude chatelain am Freitag, den 14. März 2014

Ausgerechnet die Bank Vontobel ist im Steuerbetrugsfall Uli Hoeness in ein schiefes Licht geraten. Das erinnert mich an eine Reportage vom 26. März 2000 der inzwischen eingestellten Wirtschaftszeitung «Cash». Die Deutsche Susanne Rohmund testete die Anlageberatung der Bank Vontobel. Hier die Reportage meiner damaligen Redaktionskollegin:

Susanne Rohmund

Susanne Rohmund

"Die Bank Vontobel ist so diskret, dass ich zunächst am kleinen Firmenschild an der Zürcher Bahnhofstrasse 3 vorbeilaufe. Mit dem Aufzug geht es in den dritten Stock, und ich fühle mich wie in der Teppichetage eines Unternehmens.

Hoffentlich bin ich schick genug angezogen, denke ich. Denn ohne Chanel-Kostüm (Sekretärin) oder dunklen Anzug (Banker) kommt hier wahrscheinlich niemand rein. Ich bin auch ohne Designerklamotten selbstbewusst genug. Schliesslich beflügelt mich das Gefühl, 550'000 Franken geerbt zu haben.

Die Atmosphäre ist gediegen. Die Sekretärin führt mich in ein Zimmer mit blauen Sesseln und dezenten Gemälden. Auf dem Tisch steht ein Kristall-Aschenbecher. «Kaffee oder Mineral?», fragt mich die Dame. Ich entscheide mich für Kaffee. Eigentlich hätte ich gerne Champagner bestellt, aber der fliesst wohl erst ab einer höheren Geldsumme.

Ueli Lange*, mein Anlageberater, kommt, nachdem der Kaffee serviert ist. Der Banker will wissen, wie mir Zürich gefällt und wie ich denn auf die Bank Vontobel gekommen sei. Dass aufgrund der CDU-Parteispenden-Affäre in Deutschland jedes Kind den Namen der Zürcher Privatbank kennt, verschweige ich aus Diskretion. Schliesslich sei Diskretion das Wichtigste am Bankgeschäft, erklärt mir Lange. Dann gehts zur Sache. «Wie hoch ist denn Ihr Erbe?», will der Anlageberater wissen. «550'000 Franken», erkläre ich. Lange schweigt unbeeindruckt. «Das Lebenswerk meines Götti im Aargau», betone ich. Da das Geld schon in der Schweiz sei, die deutschen Finanzbehörden nichts davon wüssten und mein ständiger Wohnsitz in Deutschland sei, wäre es doch gut, es auch gleich hier zu lassen. Dafür hat der Anlageberater Verständnis.

Sogleich führt er mich in das grosse Einmaleins der Steuerhinterziehung ein. «Am besten lassen Sie alle Konto- und Depotauszüge hier bei uns», sagt der Banker. Wenn ich auf einem Besuch in Zürich sei - vielleicht ein- bis zweimal im Jahr -, würde er mir alle Dokumente vorlegen. So kommt mir das deutsche Finanzamt nicht auf die Schliche. «Und notieren Sie sich meine Telefonnummer an einem geheimen Ort. Zerreissen Sie die Visitenkarte», rät er. Auch Broschüren soll ich auf keinen Fall über die Grenze tragen.

Er rät mir ausserdem, ihn niemals von Deutschland aus anzurufen. Ob er glaube, mein Telefon werde abgehört? Sicher ist sicher, und deshalb rät er nochmals, mich für das Verwaltungsmandat zu entscheiden. Bei diesem Rundumsorglospaket kümmert sich die Bank Vontobel um alles. «Das kostet zwar am meisten, lohnt sich aber auch», betont er. Für wen, frage ich mich.

Mindestens einmal im Jahr will Lange mich in Deutschland besuchen. «Das gehört zum Service», sagt er. Ansonsten ist der Kundendienst der Bank Vontobel aber sehr standardisiert. Der Banker rät mir zu Anlagen in Fonds: «Am besten ein ausgewogenes Verhältnis, 40 Prozent Aktien, 60 Prozent Obligationen- und Geldmarktanlagen».

Um mich von der Performance seiner Bank zu überzeugen, hat er einige Grafiken parat. Auf den Charts zeigen alle Kurven steil nach oben. Die Anlagen in Aktien seien in den vergangenen Jahren sehr gut gelaufen. Wir verabschieden uns. Wieder auf der Strasse, nehme ich Langes Visitenkarte aus der Tasche und zerreisse sie. Sicher ist sicher."

(Erschienen im "Cash" am 26. März 2000)

Too big to fail: Das üble Spiel von SP und SVP

claude chatelain am Donnerstag, den 13. März 2014

Der Ständerat debattierte gestern über das Trennbankensystem. Also über die Frage, wie weit man die Grossbanken dazu zwingen müsste, das mit einigen Risiken behaftete Investmentbanking abzuspalten. Der Beobachter reibt sich die Augen: Hat das Bundesparlament nicht eben erst die Grossbankenregulierung «Too big to fail» durchgewinkt? Haben die National- und Ständeräte sich nicht eben erst gegen das Trennbankensystem ausgesprochen und stattdessen beschlossen, dass die Banken das Eigenkapitalpolster vergrössern und Notfallszenarien ausarbeiten müssen?

Richtig. Das war im Herbst 2011. Aber kaum war die Grossbankenregulierung beschlossen und im In- und Ausland auf Anerkennung gestossen, lancierten SP und SVP neue Vorstösse, um im Nachhinein eben doch noch eine Abspaltung des Investmentbankings zu erzwingen. Der Ständerat lehnte gestern die Vorstösse zu Recht ab, nachdem der Nationalrat sie als Erstrat gutgeheissen hatte.

Es gibt zwar gute Gründe für eine Abspaltung des Investmentbankings. Auch diese Zeitung sprach sich mehrmals dafür aus. Aber es gilt zu respektieren, dass das Bundesparlament vor nur zweieinhalb Jahren anders entschieden hat. Es machte den Grossbanken strenge Auflagen, die sie nun nach und nach umsetzen. Und vor allem: Es erteilte dem Bundesrat den Auftrag, im Frühjahr 2015 einen ersten Evaluationsbericht zu verfassen. Deshalb wäre es falsch, im heutigen Zeitpunkt die eingeschlagene Strategie in Unkenntnis des genannten Berichts zu hinterfragen.

SP und SVP hätten es gemeinsam in der Hand gehabt, eine strengere Regulierung durchzuboxen. Schon 2009 hatten SP-Parteipräsident Christian Levrat und SVP-Vordenker Christoph Blocher in einem gemeinsamen Auftritt gefordert, das Investmentbanking vom restlichen Geschäft der Grossbanken, dem systemrelevanten Teil, zu trennen. Wenig später zerstritten sich die Alphatiere. Der Streit setzte sich dann in der «Too big to fail»-Debatte im Herbst 2011 fort: SP und SVP stellten ähnliche Anträge für eine Verschärfung der Regulierung. Doch die SVP lehnte die Anträge der Linken ab und umgekehrt. Parteipolitik war wichtiger als Sachpolitik.

Womöglich muss man in ein paar Jahren zum Schluss kommen, dass die beschlossene Grossbankenregulierung unzureichend ist. Dazu braucht es aber neue Erkenntnisse, welche heute noch nicht vorhanden sind. Vielleicht wird der genannte Evaluationsbericht solche liefern. Bleibt nur noch zu hoffen, dass dann SVP und SP – sollten sie auch dann noch das gleiche Ansinnen hegen – sich zusammenraufen und im Interesse der Sache handeln. Die Grossbankenregulierung ist eine zu ernsthafte Sache dafür, Parteipolitik über Sachpolitik zu stellen.

Zum Pyrrhussieg der Gewerkschaften

claude chatelain am Freitag, den 7. März 2014

Heute vor vier Jahren feierten die Gewerkschaften einen grandiosen Sieg, einen Pyrrhussieg: Am 7. März 2010 gewannen sie die Abstimmung um den gesetzlichen Umwandlungssatz in der beruflichen Vorsorge. Eine erdrückende Mehrheit — 73 Prozent — lehnte die Kürzung künftiger Renten ab. Statt den Umwandlungssatz auf 6,4 Prozent zu senken, bleibt er bei 6,8 Prozent. Auf ein Kapital von 100 000 Franken gibt es 6800 statt 6400 Franken pro Jahr.

Dumm nur, dass sich die Mitglieder der Gewerkschaften und alle anderen berufstätigen Leute mit der Ablehnung der Rentenkürzung ins eigene Fleisch schnitten. Ins Fäustchen lachen können sich hingegen jene, die vor der Pensionierung stehen und mit ihren Sparbeiträgen nicht die laufenden Renten finanzieren mussten. Sie profitieren nun vom überhöhten Umwandlungssatz. Die Rechnung ist einfach: Die über die Jahre angelegten Sparbeiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten die Rente finanzieren können. Da die Leute im Schnitt länger leben und damit länger Renten beziehen, geht die Rechnung wegen des überhöhten Umwandlungssatzes nicht mehr auf.

Was macht eine Pensionskasse, wenn das Alterskapital für die Finanzierung der Renten nicht ausreicht? Sie holt das Geld dort, wo sie es holen kann: bei den Versicherten, genauer: bei den Aktivversicherten. Das merken Sie natürlich nicht, liebe Berufstätige, die fleissig Beiträge entrichten und am 7. März 2010 auf Geheiss der Gewerkschaften Nein gestimmt hatten. Was man nicht weiss, tut einem nicht weh. Denn die Pensionskasse nimmt das Geld nicht von Ihrem Konto, sodass Sie protestieren könnten. Sie wird aber Ihr Guthaben nicht so hoch verzinsen, wie sie das aufgrund der Finanzerträge tun könnte. Sie braucht ein Teil der mit Ihrem Kapital erzielten Renditen, um laufende Renten zu finanzieren. Das nennt man Quersubventionierung. Damit wird Ihr Altersguthaben bei der Pensionierung weniger hoch ausfallen. Weil Sie quersubventionieren mussten, erhalten Sie eine tiefere Rente. Das ist der Preis der Abstimmung vom 7. März 2010. Sie wollten es so. Selber schuld.

Kontoauszüge sind nicht geheim – Bankbeziehungen hingegen schon

claude chatelain am Montag, den 24. Februar 2014

indexStellen Sie sich vor, Ihre Bank hat die Informatik nicht im Griff und verschickt Ihre  Bankauszüge  an die falsche Adresse. Ein ziemlich ungemütlicher Gedanke. Leider jedoch Realität. Der Bank Coop ist dies Anfang Jahr passiert. Mehrere Tausend Kontoauszüge flatterten  in den falschen Briefkasten. Ein Bankgeheimnis sieht anders aus. Die Bank hat sich dafür entschuldigt und eine externe Untersuchung in  Auftrag gegeben, derweil die Staatsanwaltschaft ermittelt,  ob die Verletzung des Bankgeheimnisses im vorliegenden Fall strafbar sei.

Einer Leserin dieser Zeitung ist damit wenig geholfen. Sie ist eine Betroffene und wollte von der Bank Coop wissen, wer die vertraulichen Informationen über ihre finanziellen Verhältnisse erhalten habe. Bekanntlich müsse es jemand aus der Nachbarschaft sein.  «Mir wurde erklärt, das könne man mir nicht sagen, da sonst erneut etwas Unrechtes geschehen würde», schrieb mir die Frau. Denn dadurch erhielte die Frau Kenntnis davon, wer auch noch ein Konto bei der  Bank Coop besitze.

Die Bank Coop könnte sich tatsächlich neue Probleme einhandeln, wenn sie den  Namen preisgibt. Und doch macht sie es sich zu einfach:  Sie könnte jene Kunden, die irrtümlicherweise in den Besitz der Unterlagen kamen, anfragen, ob man ihren Namen auf Anfrage bekannt geben dürfe. Darauf angesprochen, schrieb  mir die Medienstelle: «Mit Ihrem Vorschlag würden wir bisher nicht betroffene Kunden möglicherweise unter moralischen Druck setzen, ihre Bankbeziehung gegenüber Dritten offenzulegen. In wenigen Einzelfällen ist es so, dass Personen auf diejenigen Personen zugegangen sind, deren Auszug sie erhalten haben. Dies geschah jedoch freiwillig in den ersten Tagen nach dem Fehlversand.»

Bitte sehr: Bei einigen Kunden verletzt die Bank Coop in krassester Weise das Bankgeheimnis. Bei anderen Kunden scheut sie sich, einen «moralischen Druck» aufzubauen. Zugegeben: Mein Vorschlag ist mit Aufwand verbunden. Doch wer mit vertraulichen Bankauszügen ein solches Desaster anrichtet, sollte  keinen Aufwand scheuen, um den Schaden in Grenzen zu halten.

Börsianer vertrauen der Schweizer Wirtschaft – trotz drohendem Zuwanderungsstopp

claude chatelain am Montag, den 17. Februar 2014

Haben Sie sich auch gefragt, weshalb die Schweizer Aktien in der vergangenen Woche zugelegt haben? Dabei konnte die Zukunft der Schweiz im Vorfeld zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative nicht schwarz genug gemalt werden, sollte der Souverän im Sinne der SVP abstimmen:  Die Unternehmen könnten  dann nicht mehr die besten Arbeitskräfte rekrutieren, hiess es. Es  werde an Spezialisten fehlen, und  die Firmen müssten einen grossen Aufwand betreiben, wenn sie weiterhin ausländische Experten anheuern wollten.  Keine rosigen Aussichten für die Unternehmensgewinne.

Der geschätzte Gewinn ist neben dem Zins der wichtigste Einflussfaktor der Aktienkurse. Wenn Analysten die Gewinnschätzung nach unten korrigieren, sinken die Kurse fast automatisch. Demnach hätten wir an der Schweizer Börse  in der letzten Woche ein Debakel erleben müssen, wenn man die Worte  von der Wirtschaft und deren Lobbyisten zum Nennwert nähme.

Offensichtlich hielten sich  die Investoren nicht an das Drehbuch der SVP-Gegner. Sie beurteilen eine kontrollierte Zuwanderung  nicht ganz so negativ für die Schweizer Wirtschaft. Der Swiss-Performance-Index (SPI), der die Kursentwicklung sämtlicher an der Schweizer Börse kotierten Aktien spiegelt, stieg in der vergangenen Woche über 1 Prozent.

Der Deutsche Aktienindex (DAX)  stieg in den zurückliegenden  Tagen sogar noch stärker. Man könnte daraus schliessen, dass die deutsche Wirtschaft davon profitiert, dass ihre besten Leute nicht mehr in die Schweiz auswandern. Seit Anfang Jahr liegt der SPI um 2,6, der DAX um 1,2 Prozent im Plus.

Natürlich ist die Realität  komplizierter.  Man findet immer Gründe für das Auf und Ab an der Börse. Interessant zu wissen wäre, wie der Franken reagiert hätte, wenn er nicht von der Nationalbank manipuliert würde. Ich erinnere an 1992. Am Tag nach dem Nein zum EWR stieg die Nachfrage nach Schweizer Franken.  Es war der beste Vertrauensbeweis für die Schweizer Wirtschaft.

 

Hommage an den Bundesrat Anno 1976

claude chatelain am Montag, den 10. Februar 2014
gnägi

Der Bundespräsident von 1976: Rudolf Gnägi

Im Jahr 1985 ist das Gesetz über die berufliche Vorsorge (BVG)  in Kraft getreten. Damals liess sich das Gesetzeswerk  auf 150 Seiten zusammenfassen. Wer sich aber heute im Detail mit den Regeln der 2.Säule  befasst, muss einen 2000 Seiten umfassenden Wälzer durchackern: 1900 Seiten kommen als «Handkommentar» von 27 Autorinnen und Autoren daher, das Stichwortverzeichnis umfasst unglaubliche 60 Seiten; circa 8000 Fussnoten verweisen auf das Literaturverzeichnis mit  700 Einträgen von bereits publizierten Beiträgen.

Rechtssetzung und Rechtsprechung sind  im Verlauf der Jahre extrem kompliziert geworden. Stets werden neue Weisungen publiziert, neue Bestimmungen erlassen. Im Dickicht des BVG hat kaum mehr einer  den Durchblick. Lange vor dessen Inkrafttreten war die berufliche Vorsorge auf der politischen Bühne ein Thema. 1976  fand eine Vernehmlassung statt. Der Ausschuss für die berufliche Vorsorge änderte darauf seinen Entwurf ab und leitete den überarbeiteten Text an den Bundesrat weiter.

Was folgt, liebe Leser, werden Sie kaum für möglich halten: Der Bundesrat von 1976 befand, der Text sei zu kompliziert. Er beauftragte Professor Thomas Fleiner von der Universität Freiburg, «eine für Nichtspezialisten leichter verständliche Fassung auszuarbeiten».

Wir hatten in der Schweiz einmal einen Bundesrat, der sich dagegen wehrte, dem Bürger unverständliche Gesetze zuzumuten. Davon können wir heute nur noch träumen. Heute kann etwas nicht kompliziert genug sein. Nostalgikern möchte ich die  damaligen Regierungsmitglieder in Erinnerung rufen:

Rudolf Gnägi (BE, SVP)
Pierre Graber (NE, SP)
Ernst Brugger (ZH, FDP)
Kurt Furgler (SG, CVP)
Willy Ritschard (SO, SP)
Hans Hürlimann (ZG, CVP)
Georges-André Chevallaz (VD, FDP).

Das waren noch Zeiten.