Über Fress- und andere Aktien

claude chatelain am Dienstag, den 6. Dezember 2016
Spritz Aperol drink with venetian traditional snacks cicchetti on the water chanal background in Venice. Traditioanal italian aperitif. Image with small depth of field

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Was meinen Sie zu ­Roche? Was halten Sie von Sika? Soll ich auf UBS oder CS setzen? Regelmässig finden Anfragen dieser Art den Weg in mein Mailfach. Abgesehen davon, dass ich aus grundsätzlichen Gründen keine Aktienempfehlungen abgebe, könnte ich einen solchen Rat selbst beim besten Willen nicht erteilen. Ich weiss nicht, warum Sie gerade dieses oder jenes Papier im Fokus haben:

  • Möchten Sie Aktien mit einer hohen Ausschüttung? Dann sollten Sie ein Papier mit einer stabilen und überdurchschnittlichen Dividendenren­dite ins Auge fassen. Dazu ge­hören etwa Swisscom, Basler, ­Roche oder Zürich. Man spricht von Dividendenperlen.
  • Spekulieren Sie auf hohe Kursgewinne, die im Unterschied zu Dividenden steuerfrei sind? Dann sollten Sie auf Aktien mit einem vielversprechenden Kurssteigerungspotenzial setzen. Man spricht von Wachstumstiteln.
  • Gehen Sie ins Berner Oberland zum Skifahren und möchten die Bergbahnen unterstützen? Dann bieten sich unter ­anderen Aktien der Schilthornbahn, der Bergbahnen Adel­boden, der Lenker Bergbahnen oder der Bergbahnen Meiringen-Hasliberg an. Man spricht von Liebhaberaktien.
  • Freuen Sie sich auf den kulinarischen Genuss anlässlich der Generalversammlung? Viele Gesellschaften haben das üppige Essen durch einen Apéro ersetzt. Bekannt für gutes Essen ist sonst die Kursaal Bern AG. Bei der Spar- und Leihkasse Gürbetal gibt es traditionsgemäss eine Berner Platte. Man spricht von Fressaktien.
  • Noch etwas: Vielleicht setzen Sie auf Novartis, weil ihr Portefeuille mit vielen Bankaktien durchsetzt ist. Mit dem Kauf von Pharmatiteln würden Sie eine bessere Diversifikation erreichen. Vielleicht haben Sie zu viele Pharmawerte und möchten das Depot mit Bankaktien aufpeppen. Keine Ahnung.

Sie sehen, liebe Leser, ich müsste ganz viel wissen über Sie, um Ihnen eine Empfehlung erteilen zu können. Aber fragen Sie mich bitte nicht, welchen Wachstumstiteln ich das grösste Potenzial zutraue. Ich habs gesagt: Ich gebe keine Empfehlungen ab.

Tragbarkeitsrechnung für Hypotheken

claude chatelain am Dienstag, den 22. November 2016

Dank der sündhaft tiefen Zinsen scheint der Kauf eines Eigenheims auch für kleinere Budgets erschwinglich zu sein. Doch häufig macht der potenzielle Käufer die Rechnung ohne die Bank. Sie überprüft, ob man in der Lage wäre, mit seinem Lohn auch einen Hypothekarzins von 5 Prozent zu verkraften. Sie ­erstellt dazu eine sogenannte Tragbarkeitsrechnung.

Die Raiffeisenbanken, bekannt für ihre forsche Praxis bei der Vergabe von Hypotheken, plädieren nun für eine Senkung dieses Tragbarkeitszinses. Sie verweisen auf die langfristig tiefen Zinsen. Ihr offizieller Zins beträgt derzeit für eine zehnjährige Hypothek lediglich 1,53 Prozent. Damit würde der Kreis potenzieller Käufer massiv erweitert.

Nicht alle Geldhäuser finden Gefallen an dieser Idee. Laut UBS wäre eine Senkung des kalkulatorischen Zinssatzes ein Spiel mit dem Feuer. Für deren Immobilienspezialist Claudio Saputelli ist der kalkulatorische Zins eine rechnerische Sicherheitsgrösse und kein Abbild der momentanen Zinserwartungen. Eine Reduktion auf 3 Prozent würde Spielraum für einen 40-prozentigen Anstieg der Eigenheimpreise bieten, schreibt Saputelli in einer Studie, die gestern veröffentlicht wurde.

Der Immobilienexperte der UBS weist zudem darauf hin, dass 8 Prozent der Haushalte nicht in der Lage wären, ihre Hypothekarzinsen zu bezahlen, sollte der Zinssatz um mehr als 2 Prozent steigen. Dies ergab eine vor ein paar Jahren durchgeführte repräsentative Umfrage bei privaten Haushalten.

Und wenn wir schon beim Thema sind: Der Immobilienmakler erklärt seinem Kunden bei der Hausbesichtigung: «Ich will Ihnen nichts verheimlichen. Das Haus hat ein paar kleine Nachteile: Im Norden befindet sich eine Mülldeponie, im Osten liegt eine Kläranlage, im Süden gibt es eine Stinktierzucht und im Westen eine Fischfabrik.»
Darauf der Käufer: «Oh Gott. Hat das Haus auch Vorteile?»

Der Makler: «Sie wissen immer, aus welcher Richtung der Wind kommt.»

Nicht mit den Wölfen heulen

claude chatelain am Dienstag, den 15. November 2016
FILE - In this Wednesday, Nov. 9, 2016 file photo, President-elect Donald Trump smiles as he arrives to speak at an election night rally, in New York. Mexico is starting to seriously contemplate the possibility that millions of its migrants could be deported under the proposals put forward by President-elect Trump. (AP Photo/Evan Vucci)

FILE – In this Wednesday, Nov. 9, 2016 file photo, President-elect Donald Trump smiles as he arrives to speak at an election night rally, in New York. Mexico is starting to seriously contemplate the possibility that millions of its migrants could be deported under the proposals put forward by President-elect Trump. (AP Photo/Evan Vucci)

Läck Jimmy. Da habe ich mich brutal getäuscht. Letzte Woche sagte ich an dieser Stelle, bei einem Wahlsieg von Donald Trump gebe es an der Wallstreet einen Kurssturz. Ich empfahl, bei einem Taucher US-Aktien zu kaufen und damit von tieferen Preisen zu profitieren. Dumm nur, dass die Kurse trotz der faustdicken Überraschung nicht gefallen sind.

Ich bin beileibe nicht der Einzige, der sich irrte. Normalerweise heule ich aber nicht mit den Wölfen. Deshalb ist es für mich kein Trost, wenn auch andere daneben liegen. Doch im Unterschied zu mir reden sich die anderen Wölfe feige heraus und erklären, die Kurse seien anfänglich gefallen, ehe sie zu einem Rally ansetzten. Auch das ist für mich kein Trost. Eine Kurskorrektur gabs nur im Terminhandel ausserhalb der offiziellen Börsenzeiten. Das nützte mir nichts.
Andere Börsianer sagen, die Kurse hätten in weiser Vorausahnung schon vor den Wahlen nachgegeben. Deshalb seien Anleger über den Wahlsieg des Pseudorepublikaners gar nicht so sehr überrascht ge­wesen.

Nicht überrascht gewesen? So ein Unsinn. Novartis und Roche legten innert Stunden über fünf Prozent zu. Tektonische Verschiebungen bei so kapitalstarken Titeln gibts nur bei Schocks und Überraschungen. Die Euphorie bei Pharmatiteln spiegelt zwar weniger eine Begeisterung für die Wahl von Donald Trump als eine Genugtuung über die Nichtwahl von Hillary Clinton. Wiederholt hat diese den Kampf gegen die zu hohen Medikamentenpreise angekündigt.

Anleger hassen nichts so sehr wie Unsicherheit. Und weil über den künftigen Kurs Washingtons noch einiges unklar bleibt, sagen Börsenpropheten unruhige Zeiten voraus. Davon ist freilich noch nichts zu spüren: Der Dow Jones kletterte gestern so hoch hinauf wie nie zuvor. Auch der Dollar ist wieder stärker geworden.
Und wenn wir schon beim Thema sind: Ein Börsenanalyst hat sich total verschätzt. Daraufhin meint sein Chef wutentbrannt: «Sind nun Sie verrückt, oder bin ich es?» – «Aber Chef, ein Mann wie Sie wird doch keine verrückten Mitarbeiter beschäftigen . . .»

Was macht die Börse, wenn Trump gewinnt?

claude chatelain am Montag, den 7. November 2016

Sollte Donald Trump die Dekadenz der amerikanischen Demokratie entlarven und 45. Präsident der USA werden, dann wird es an der Wallstreet ein Gewitter geben.
Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank geht davon aus, dass europäische Aktien bei einem Sieg des Immobilienmoguls stärker fallen würden als amerikanische. «Ähnlich wie den britischen Aktien beim Brexit hilft den US-Titeln eine deutliche Abwertung des US-Dollars», so der CIO der St. Galler Kantonalbank, der seinerzeit an der Universität Bern Volkswirtschaft studiert hat.

Als emotionslos agierenden Anleger interessiert mich vorab die Frage, ob bei diesem Szenario der Börsenindex der fünfhundert grössten US-Unternehmen um 5, 10, 20 oder noch mehr Prozent fallen wird.

Es gibt Aktienfonds, die genau diesen Index abbilden. Zum Beispiel der iShares S & P 500 (Valor 1 396 252). Ein Anteil dieses Fonds, der gegenwärtig unter den an der Schweizer Börse gehandelten Indexfonds die höchsten Umsätze erzielt, kostet derzeit gut 21 Dollar. Es wäre ärgerlich, wenn ich nun bei 17 Dollar eine Kauflimite setze, und der Kurs nur bis 17,20 Dollar fällt, ehe er wieder abhebt. Deshalb scheint mir ratsam zu sein, mehrere Limiten bei minus 5, minus 10 und so weiter zu setzen und nur kleinere Kaufaufträge zu er­teilen.

Wahrscheinlich würde sich bei einer Wahl von Donald Trump das Muster wiederholen, das wir beim Brexit gesehen haben: Absturz an der Börse und nur wenige Tage und Wochen später wieder steigende Aktienkurse. Nach dem Schock würde sich die Anlegerschar rund um den Globus ­daran erinnern, dass ein US-Präsident ohne Hausmacht in Washington nicht viel auszurichten vermag.

«Wie können Sie so unmoralisch sein und insgeheim auf sinkende Kurse hoffen?», werden Sie, liebe Leser, vielleicht einwenden.
Meines Erachtens hat der wettbewerbsfeindliche Kapitalismus heutiger Prägung nicht den Hauch von Moral. Und Hillary Clinton wahrscheinlich auch nicht.

Die «Strukis»

claude chatelain am Mittwoch, den 2. November 2016

Mir ist seit je aufgefallen, dass Raiffeisen-Kunden oft strukturierte Produkte im Wertschriftendepot haben. Mehr als bei anderen Banken. Das sind komplexe Finanzkonstrukte mit ­hohen und versteckten Gebühren. Mitunter enthalten sie Garantien, die von einer Gegenpartei geleistet werden. Diese kann auch hops gehen. Lehman Brothers steht als Beispiel dafür.

Es gibt Banken, welche solche spekulative «Strukis» nur verkaufen, wenn das vom Kunden ausdrücklich gewünscht wird. Die Berner Kantonalbank gehört dazu. So ist es doch befremdend, dass ausgerechnet die genossenschaftlich organisierten Raiffeisenbanken, die vorab in ländlichen Gebieten tätig sind und eher ein konservatives Publikum ansprechen, derart undurchsichtige und spekulative Produkte an­preisen.

Wer die Hintergründe kennt, wird darüber freilich nicht erstaunt sein. Der Grund lässt sich in zwei Worten umschreiben: Pierin Vincenz.
Der 60-jährige Bündner war bis vor einem Jahr der starke Mann bei Raiffeisen. Als eine seiner letzten Amtshandlungen übernahm er das Schweizer ­Geschäft der Bank Wegelin und gründete die Privatbank Notenstein. Zudem sitzt Vincenz im Verwaltungsrat der Leonteq. Seit diesem Jahr ist er deren Präsident. An dieser Leonteq ist die Raiffeisengruppe mit 29 Prozent beteiligt. Auch Patrick Gisel, der Nachfolger von Vincenz bei Raiffeisen, sitzt im Verwaltungsrat von Leonteq.

Das Geschäftsmodell dieser börsenkotierten Leonteq besteht darin, ebensolche struk­turierte Produkte zu kreieren und zu verkaufen. Ein ein­trägliches Geschäft, das einzig und allein dazu dient, Banken und deren Manager reich zu machen, ohne Bezug zur realen Wirtschaft. Als ob es die Finanzkrise mit dem Kollaps von Lehman Brothers nicht gegeben hätte.

Liebe Raiffeisen-Kunden, fragen Sie mich bitte nicht, weshalb Sie so viele strukturierte Produkte in Ihrem Portefeuille haben.

Nicht nur im Interesse des Prämienzahlers

Claudia Salzmann am Mittwoch, den 26. Oktober 2016

Vielleicht haben Sie es auch gelesen: Die Unfallversicherer dürfen keine Detektive mehr einsetzen, um bei einem Verdacht auf Versicherungsbetrug Personen zu observieren. Das sagen fremde Richter am Europäischen Gerichtshof in Strassburg. Nun wollen Politiker subito die gesetzliche Grundlage dafür schaffen, das Ausschwärmen von Detektiven zu legalisieren. Die Unfallversicherer begründen ihr Tun mit dem Argument, dass sie dies im Dienste der Prämienzahler täten. Je tiefer die Schadenzahlungen, desto tiefer die Prämien.

Meines Erachtens sollte man in der Unfallversicherung etwas ganz anderes unterbinden. Man sollte die gesetzliche Grundlage schaffen, dass die Versicherer nicht selber entscheiden dürfen, wie weit sie für einen Schaden aufzukommen haben. Wie schon unzählige Schweizerinnen und Schweizer erfahren mussten, kennt die Schweiz einen eigenwilligen Unfallbegriff. Nicht alles, was wir als Unfall bezeichnen, gilt nach Unfallversicherungsgesetz (UVG) als Unfall. Und was kein Unfall gemäss UVG ist, gilt als Krankheit und wird nicht vom Unfallversicherer, sondern von der Krankenkasse entschädigt.

So lassen die Unfallversicherer nichts unversucht, einen Unfall als Krankheit darzustellen, wenn sich dazu eine Gelegenheit bietet. In den meisten Fällen geht die Rechnung auf: Unfallopfer haben oft nicht die Kraft, sich dagegen juristisch zu wehren. Also werden sie die bittere Pille schlucken und mit den geringeren Leistungen der Krankenkasse vorliebnehmen.

«In Tausenden von Fällen pro Jahr werden aus Unfällen Krankheiten gemacht und den Kassen zugeschoben», schrieb die NZZ im Juni vergangenen Jahres. Die Versicherer könnten nun sagen, sie täten das im Interesse der Prämienzahler. Ich fürchte, sie tun dies eher im Interesse der Aktionäre.

Abhilfe könnte nur eine neu­trale, von Unfallversicherern ­finanzierte Schadenzentrale leisten, welche begutachtet, ob ein Unfallversicherer leistungspflichtig wird. In der politischen Debatte ist das überhaupt kein Thema. Und auch fremde Richter dürften sich kaum dazu äussern.

Über Witwen, die im Rentenalter geschieden wurden

claude chatelain am Dienstag, den 18. Oktober 2016

Wie Sie wissen, gibt es in der Schweiz fast für jedes Hobby und jede Interessengemeinschaft einen Verein. So gibt es auch den «Verein der rentengeschädigten geschiedenen Witwen». Ein äusserst erfolgreicher Verein übrigens. Er hat mit seiner Hartnäckigkeit eine Revision des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge erwirkt. Sie tritt Anfang 2017 in Kraft. Damit werden künftige Witwen bessergestellt. Nichts davon haben aber die heutigen «rentengeschädigten geschiedenen» Witwen, die sich für die Gesetzesänderung starkmachten.

Wohlgemerkt, es geht hier nur um Witwen, deren Scheidung erfolgte, als der Mann bereits eine Rente bezog. In solchen Fällen kann man die 2. Säule nicht mehr teilen. Ergo muss der rentenbeziehende Partner, bis dato meistens der Mann, einen Teil der Rente der Ex-Frau abliefern. Das geht ordentlich, aber nur solange der Mann lebt.

Ab 2017 soll deshalb die Teilung auch dann vollzogen werden, wenn ein Ehegatte bei der Scheidung bereits pensioniert oder invalid ist. Die Berechnung beruht dann auf einer Austrittsleistung. Möglich ist auch, dass die vorhandene Rente geteilt und in eine lebenslange Rente für den berechtigten Gatten umgerechnet wird.

Was hier relativ einfach und plausibel daherkommt, ist in der Praxis kompliziert und für Pensionskassen mit viel Aufwand verbunden. Einmal mehr werden den Vorsorge- und Freizügigkeitseinrichtungen neue Auflagen gemacht, was schliesslich in höheren Verwaltungskosten mündet.

Dieser neuen Regelung ging ein langwieriger Gesetzgebungsprozess voraus. Und das für eine doch überschaubare Zahl von Fällen. Das Bestreben, möglichst jedem Einzelfall gerecht zu werden, wird mit einem enormen Aufwand erkauft – auf Kosten der übrigen Versicherten.

Vermögen vererbt, nicht aber die Pensionskasse

Claudia Salzmann am Montag, den 3. Oktober 2016

Der Mann machte fast alles richtig. Er hat ein Testament verfasst und alle Formvorschriften eingehalten. Als Alleinerbin und Willensvollstreckerin setzte er seine Lebenspartnerin ein. Das geht aus einem Gerichtsentscheid hervor. Mit dem Testament in der Hand verlangte die Frau von der Pensionskasse ihres verstorbenen Partners die Aus­zahlung des Todesfallkapitals. Gemäss Gesetz haben Lebenspartner zwar keinen Anspruch auf Leistungen der Pensionskasse ihres Partners. Doch die Vorsorgeeinrichtungen können in ihrem Reglement den Begünstigtenkreis erweitern. Die Pensionskasse, um die es hier geht, sieht unter gewissen Vor­aussetzungen die Auszahlung eines Todesfallkapitals vor.

Nun kommen wir zum ersten Fehler des verstorbenen Mannes: Er verpasste es, seine Lebenspartnerin bei seiner Pensionskasse als begünstigte Person zu melden. Aus diesem Grund verweigerte die Vor­sorgeeinrichtung die Aus­zahlung des Todesfallkapitals.

Der zweite Fehler des verstorbenen Mannes: Er schrieb im Testament nichts darüber, dass seine Lebenspartnerin von seiner Pensionskasse begünstigt sein soll. Hätte er das getan, müsste die Pensions­kasse der hinterlassenen Partnerin das Kapital ausbezahlen. Denn laut Bundesgericht ist es rechtens, eine Begünstigungserklärung via Testament zu verfassen. Es bedarf jedoch eines ausdrücklichen Hinweises auf die einschlägigen Reglementsbestimmungen der Vorsorgeeinrichtung. Oder wie es die Bundesrichter formulierten: «Letztwillige Verfügungen, mit denen die Lebenspartnerin der versicherten Person bloss als Erbin eingesetzt wird, lassen nicht auf einen berufsvorsorgerechtlichen Begünstigungs­willen schliessen, selbst dann nicht, wenn die Partnerin zur Alleinerbin bestimmt wird.»

Liebe Leser, können Sie das nachvollziehen? Da schreibt einer im Testament, dass seine Lebenspartnerin sein ganzes Vermögen erben soll. Und die Richter kommen zum Schluss, dass man daraus nicht schliessen könne, dass er damit auch sein Guthaben bei der Pensionskasse gemeint hatte.

Feedbacks an: claude.chatelain @bernerzeitung.ch

Die Alten sind an allem schuld

claude chatelain am Dienstag, den 27. September 2016
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Zumindest die Explosion der Krankenkassenprämien kann man den Alten nicht in die Schuhe schieben.

Die Alten sind an allem schuld. Sie leben im Schnitt länger, deshalb muss die AHV saniert werden und deshalb sind die Renten der zweiten Säule nicht mehr finanziert. Und Selbstverständlich sind die Alten auch mitschuldig, dass die Krankenkassenprämien beharrlich steigen.

Selbst Sozialminister Alain Berset nannte gestern den demografischen Wandel als einen der Gründe für die anhaltende Prämiensteigerung im Gesundheitswesen – neben dem medizinischen Fortschritt und dem medizinisch nicht begründbaren Mengenwachstum.

Das tönt plausibel, hält aber einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, wie Urs P. Gasche, ein profunder Kenner der Gesundheitspolitik, wiederholt monierte. Der ehemalige «Kassensturz»-Moderator ist überzeugt, dass die Alterung der Bevölkerung die Kosten längst nicht so stark beeinflusst wie gemeinhin behauptet. Er stützt sich dabei auf Erkenntnisse des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan. Danach sind die Ausgaben der Krankenkassen von 1998 bis 2010 um 77 Prozent gestiegen. Doch nur 6,5 Prozent des Kostenwachstums sind laut Obsan auf die Alterung zurückzuführen. 14,4 Prozent seien dagegen mit der Zunahme der Bevölkerung zu erklären, schrieb Gasche am 7. Mai 2016 im Internetportal «Infosperber».

Das ist der Hammer. Nicht die Alten sind schuld, sondern die Einwanderer. Sie verstopfen also nicht nur unsere Strassen und Züge – sie sorgen auch für höhere Krankenkassenprämien. Nochmals: Nicht ich sage das, sondern Obsan.

Gestern hat sich übrigens Urs P. Gasche im «Infosperber» auch zu den aktuellen Krankenkassenprämien geäussert. «Es wimmelt von faulen Ausreden und Halbwahrheiten. Kaum jemand wagt es, das Übel der Kostenexplosion an der Wurzel zu packen.»

Ich greife hier nur eines der von Gasche genannten Probleme heraus: die Ärzteschwemme. 1980 genügte in der Schweiz ein Arzt pro 406 Einwohner. Ende 2013 gab es einen Arzt pro 250 Einwohner.

Ein Gespräch über «AHV plus»

claude chatelain am Montag, den 19. September 2016

Kürzlich fand mit einem Redaktionskollegen ungefähr folgendes Gespräch statt:

Er: Clödu, du hast angeblich gesagt, die Initiative «AHV plus» sei eine gute Sache.
Ich: So habe ich es nie gesagt.

Er: Aber du sollst eine gewisse Sympathie haben dafür.
Ich: Ja, weil ich dann pro Monat 235 Franken mehr erhielte; 2820 Franken pro Jahr; 56 400 Franken auf 20 Jahre.

Er: So alt wirst du gar nicht.
Ich: Ich stimme weder links noch rechts. Ich stimme hinten rechts – mit dem Portemonnaie. Hahaha.

Er: Die Sache ist zu ernst dafür, Witze zu reissen. Man kann doch nicht so egoistisch denken. Höhere AHV-Renten sind nicht finanzierbar.
Ich: Nicht finanzierbar? Solche Lügen rufen bei mir einen Abwehrreflex hervor. Die Finanzierung der AHV ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens, nicht eine Frage der Finanzierung, sondern des politischen Willens.

Er: Wie soll man das denn finanzieren?
Ich: Via Lohnabzüge fliessen pro Jahr 53 Milliarden in die zweite Säule, hingegen bloss 30 Milliarden in die erste. Man sollte die erste auf Kosten der zweiten Säule stärken.

Er: Das steht nicht zur Debatte.
Ich: Schade.

Er: Du schürst den Generationenkonflikt.
Ich: Der Generationenkonflikt wird von Wirtschaftsvertretern geschürt, die sich für ein höheres Rentenalter starkmachen, obschon sie die Alten gar nicht mehr anstellen wollen. Das ist zynisch.

Er: Eine Erhöhung des Rentenalters ist im Parlament derzeit chancenlos.
Ich: Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Immerhin will die Mehrheit der nationalrätlichen Sozialkommission das Rentenalter erhöhen. Wer heute so was fordert, will gar keine Reform, weil sie zum Scheitern verurteilt ist. Da muss man sich nicht wundern, wenn das Volk als Protest gegen das Establishment einer Erhöhung der AHV zustimmt.

Er: Bei deinem Alter wärst du von einer Erhöhung des Rentenalters eh nicht betroffen.
Ich: Siehst du? Ich bin eben doch nicht so egoistisch.

Er: Stimmst du jetzt Ja oder Nein?
Ich: Der Kopf sagt Nein, weil sonst die Reform beider Säulen begraben werden müsste. Damit ginge für die Reform der zweiten Säule zu viel Zeit verloren. Das Herz sagt Ja, weil ich die Angstmacherei der Initiativgegner schlecht ertrage.

Er:
Du hast meine Frage nicht beantwortet.