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Wehe, Ihr Haus wird von Mietnomaden besetzt

claude chatelain am Dienstag, den 19. Mai 2015
Ivo und Verena Kopp - Opfer von Mietnomaden.

Ivo und Verena Kopp - Opfer von Mietnomaden.

Am Sonntag war auf Beobachter TV eine aufschlussreiche Geschichte zu sehen: die Geschichte von Ivo und Verena Kopp aus Grabs. Das Ehepaar aus dem Sanktgaller Rheintal wollte das Haus verkaufen. Eine Frau aus Deutschland zeigte sich sehr interessiert. Sie sei aber erst in einem Jahr in der Lage, das Haus zu finanzieren. Also einigten sich Kopps mit der Frau über einen Mietvertrag. Ivo Kopp überreichte der vertrauenswürdig wirkenden Mutter zweier Kinder den Schlüssel, damit sie das Haus ihrem Partner zeigen könne. Doch es blieb nicht beim familiären Rundgang. Die junge Familie zog samt Kindermädchen gleich ein. Ivo Kopp verlangte vorher noch einen Betreibungsregisterauszug. Die Mieterin vertröstete ihn, bis er sich das Papier selber beschaffte und feststellen musste, dass das Pärchen Betreibungen von über 80 000 Franken ausstehend hat. Die Hausbesetzer zahlten nie einen Zins. Also machte das Ehepaar Kopp, was Hauseigentümer in solchen Fällen tun: Es mahnte mit Kündigungsandrohung und setzte eine Frist von 30 Tagen. Danach haben Ivo und Verena Kopp auf dem offiziellen Formular des Kantons St. Gallen die Kündigung ausgesprochen.

Doch es gab einen folgenschweren Fristenfehler: «Sie haben zu früh gekündigt. Die Kündigung ist nichtig», musste sich das Ehepaar Kopp vom Beobachter-Experten Jürg Keim sagen lassen. Die Frist laufe erst ab dem Moment, in welchem die Mieter die Kündigung auf der Post abholten. Und weil die Mieter etwas gar lange zuwarteten, um das Schreiben abzuholen, habe die Frist später zu laufen begonnen. «Sie müssen das ganze Prozedere von vorne beginnen.» Die Geschichte auf Beobachter TV ist nicht nur die Geschichte gutgläubiger Hauseigentümer und dreister Mietnomaden. Es ist vor allem die Geschichte eines unausgewogenen Mietrechts. Es darf doch nicht sein, dass man säumige und arglistige Mieter nur mit dem Umschiffen juristischer Klippen und mit Ach und Krach aus dem eigenen Haus bringt.

Die Mittelschicht erodiert nicht – na und?

claude chatelain am Freitag, den 15. Mai 2015

Uff, noch einmal gut gegangen. Die Mittelschicht bleibt stabil. Sie erodiert nicht wie gemeinhin befürchtet. Rund 57 Prozent der Schweizer Bevölkerung gehörten 2012 der mittleren Einkommensgruppe an, gleich viel wie 1998. Das steht in einem 22 Seiten starken Bericht, den Mitarbeiter der Bundesverwaltung in vielen Stunden verfasst haben. Der Bundesrat hat den Bericht am Mittwoch offiziell gutgeheissen. Gleichzeitig nahm er die dazugehörige Hintergrundstudie zur Kenntnis. Sie umfasst sogar 72 Seiten. All das, um einem Postulat von SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer Genüge zu tun. Die Baselbieterin wollte vom Bundesrat wissen, wie sich die Umverteilung von Steuern und Abgaben auf die Mittelschicht auswirkten.

Susanne Leutenegger Oberholzer hält die Bundesverwaltung chronisch auf Trab.

Susanne Leutenegger Oberholzer hält die Bundesverwaltung chronisch auf Trab.

Das Autorenteam räumt selber ein, dass Analysen über die Mittelschicht problematisch seien: «Es besteht keine Einigkeit über deren Definition.» Allein dieser Satz lässt die Schlussfolgerung zu, die man aus den meisten Studien dieser Art ziehen kann: Ändert man die Übungsanlage, kommt man zu einem anderen Ergebnis.

Die Frage sei erlaubt, was solche akademischen Übungen zulasten des Steuerzahlers bringen. Die Frage ist derzeit besonders aktuell. Es häufen sich parlamentarische Vorstösse, die Sparbemühungen, Deregulierungen und Abbau von bürokratischem Leerlauf zum Ziel haben. Der Berner BDP-Nationalrat Hans Grunder beauftragte den Bundesrat in einer Motion, «Massnahmen zu ergreifen, um innerhalb von zwei Jahren den administrativen Aufwand massiv zu reduzieren». Und der Luzerner Christdemokrat Leo Müller verlangte vom Bundesrat eine massive Kürzung und Plafonierung des Personalaufwands.

Es kann nicht genug wiederholt werden: Schuld an der wachsenden Papierflut sind nicht der Bundesrat und seine Verwaltung, sondern das Parlament. Es sind die National- und Ständeräte, die von der Bundesverwaltung laufend Berichte verlangen und die Bundesangestellten mit zig Vorstössen und anderen Beschäftigungsprogrammen auf Trab halten.

Sollte es wirklich einem Bedürfnis entsprechen, Zahlen und Fakten zur Mittelschicht zu erheben, so könnte das eine Studentin oder ein Student der Ökonomie bestens erledigen. Das entlastet das Bundesbudget. Und Studenten kann es nur recht sein, wenn ihre Seminararbeiten nicht allein vom Professor gelesen werden.

Sell in May….

claude chatelain am Montag, den 11. Mai 2015

Sell in May and go away.» Nach dieser  Börsenweisheit hätten Sie, liebe Aktionäre, Ihre Dividendenpapiere oder zumindest Teile davon veräussern sollen. Es ist eine der wenigen Börsenregeln, die sich statistisch erhärten  lässt. Mein Leibblatt, die «Finanz+Wirtschaft», hat eben wieder darauf hingewiesen, dass  die Aktienkurse in den Wintermonaten normalerweise stärker steigen als im Sommer.  In den Jahren 1998 bis 2012 lagen die Renditen im Winter im Schnitt um 5,6 Prozentpunkte über denen im Sommer. Das gleiche Phänomen ist auch in den USA zu beobachten.

Soll man  die Aktien getreu dieser Regel noch schleunigst verkaufen? «Nein», rät die F+W. Die Renditen seien zwar im Sommer meist tiefer als im Winter; aber es finde lediglich eine Seitwärtsbewegung statt. Wegen der anfallenden Handlungskosten dürfte es sich deshalb kaum lohnen, auf diese saisonale Schwäche zu spekulieren. Womit wir bei einer anderen Börsenweisheit angelangt wären: «Hin und her macht Taschen leer».

Nun, ich finde auch, man soll Aktien nicht wegen des «Sell in May»-Effekts verkaufen. Aber vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass relevante  Börsenindizes der USA und Europas auf Rekordhöhe segeln, die Aktienkurse nur wegen der von den Notenbanken verursachten Liquiditätsschwemme derart angestiegen sind und es an der Börse meistens dann kracht, wenn niemand damit rechnet.

Übrigens: Die genannte Börsenregel lautet vollständig: «Sell in May and go away, but remember to come back in September». Ob man wirklich im September wieder einsteigen soll, müssen wir jetzt noch nicht entscheiden. Sollten die Kurse zu Herbstbeginn immer noch rekordhohe Werte aufweisen, wäre es wohl nicht dumm,  noch Allerheiligen abzuwarten. Die drei grössten Tagesverluste, die der MSCI Switzerland  seit den Siebzigerjahren verzeichnet, wurden alle an einem Oktobertag registriert.

Ein Gespräch über die Erbschaftssteuer

claude chatelain am Montag, den 4. Mai 2015

lch hatte kürzlich im «Schweller» in Bern ein Gespräch mit einem für meine Verhältnisse ziemlich betuchten Kollegen. Wir sprachen, wie könnte es anders sein, über die bevorstehende Abstimmung zur Erbschaftssteuerinitiative.

Er: Clödu, bist du wirklich für eine neue Steuer?
Ich: Nein. Aber wir haben schon heute Erbschaftssteuern. Neu soll einfach die Kompetenz von den Kantonen dem Bund übertragen werden.
Er: Ich sage dir, ganz viele KMU werden bei dieser Steuerbelastung untergehen.
Ich: Welche Steuerbelastung meinst du?
Er: Dänk der Steuersatz von 20 Prozent für Erbschaften ab 2 Millionen.
Ich: Du bist schlecht informiert. Diese Zahlen gelten nicht für Familienunternehmen. Für KMU sieht die Initiative ausdrücklich Sonderregelungen vor. Die Rede ist von einem Steuersatz von 5 Prozent bei einem Freibetrag von 50 Millionen Franken.
Er: Das habe ich nicht gewusst.
Ich: Musst halt die BZ lesen.
Er: Diese Sonderregelung ist aber nicht garantiert.
Ich: Das bürgerlich dominierte Parlament wird hoffentlich dafür sorgen, dass die Freigrenze nicht tiefer angesetzt wird.
Er: Ich bleibe dabei: Insgesamt würde die Steuerbelastung erhöht. Das stört mich.
Ich: Du musst wissen, dass die Kantone unter dem Strich insgesamt etwa gleich viel Erbschaftssteuern einnehmen würden. Zwei Drittel der Einnahmen müssen sie der AHV abliefern.
Er: Die AHV braucht kein zusätzliches Geld. Sie wird  mit der Altersvorsorge 2020 von Alain Berset stabilisiert.
Ich: Weisst du, womit? Mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer. Findest du das gut?
Er: Ääähhh.....
Ich: Höhere Mehrwertsteuern führen zu höheren Preisen. Das schlägt auf den Konsum. Doch Reiche werden wegen der Besteuerung des Erbes nicht weniger konsumieren.
Er: Dann müsste aber auf die Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes verzichtet werden, wenn die Initiative durchkommt.
Ich: Bingo.
Er: Mich stört aber noch, dass die Steuer rückwirkend ab 1.Januar 2012 gelten soll.
Ich: Das verstehe ich.
Er: Wir hatten damals sofort das Haus meiner Eltern auf uns überschrieben. Ich bin fein raus.
Ich: Gut gemacht. Dann kannst du doch für die Initiative sein, sonst wärst du ja umsonst zum Notar gegangen.
Er: Nicht umsonst. Vergebens.

 

Die IV ermittelte 540 Scheininvalide – mehrheitlich Ausländer

claude chatelain am Montag, den 4. Mai 2015

Seit 2003 hat sich die Zahl neu gesprochener IV-Renten halbiert: 28 200 waren es 2003; 14 200 waren es im letzten Jahr. Die Meldung vom Freitag war nur eine Randnotiz wert. Die Tendenz zeichnet sich schon länger ab.

Auch die Zahl laufender Renten ist erfreulicherweise im Abnehmen begriffen: Im Januar zählte des Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV)  225 700 laufende IV-Renten; 12 Prozent weniger als im Spitzenjahr 2006.

Soll man sich wirklich darüber freuen? Ja, aber… Die Zahlen deuten darauf hin, dass die IV sehr wohl in der Lage ist, die Ausgaben zu senken und das Defizit abzubauen. Doch sollte man nicht darüber hinwegsehen, dass die IV mit ihren Sparbemühungen auch Opfer hinterlässt. Denn die Zahl neu gesprochener Renten ist auch deshalb zurückgegangen, weil Gerichte und IV-Ärzte die Schraube angezogen haben. In vielen Fällen, wo früher anstandslos eine IV-Rente ausgesprochen wurde, wird heute das entsprechende Gesuch abgelehnt. Stellt sich bloss die Frage, ob früher zu grosszügig Renten gesprochen wurden oder heute zu rigoros Rentengesuche abgelehnt werden. Spricht man mit Ärzten und Psychiatern, trifft eher das Zweite zu.

Positiv ist freilich die Tatsache, dass es nachweisbar gelingt, mehr und mehr körperlich behinderte Personen in den Arbeitsprozess einzugliedern. Schön wäre es, wenn es bei psychisch Kranken ähnliche Erfolge zu vermelden gäbe. Das ist leider nicht der Fall.

Oder ist der Rückgang der Invalidisierung auf einen verbesserten kollektiven Gesundheitszustand der Bevölkerung zurückzuführen? Kaum: Wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, mag nicht daran glauben, dass die Bevölkerung in der Schweiz insgesamt geringere psychische Beschwerden aufweist als früher.

Die schrumpfende Zahl von IV-Fällen ist – wenn auch in geringerem Mass – auch auf die Abnahme von Scheininvaliden zurückzuführen. Der Begriff aus der Kreativabteilung der SVP sorgte für heftige Polemiken und wurde 2003 von einer selbst ernannten Jury von Medienschaffenden zum Unwort des Jahres erkoren. Auch deshalb, weil die SVP mit ihrer Kampagne gerade Ausländer ins Visier nahm.

2014 hat die IV im Rahmen ihrer Ermittlungen wegen Verdacht auf Versicherungsmissbrauch in 540 Fällen eine Herabsetzung oder Aufhebung der Rentenleistung verfügt und damit hochgerechnet 144 Millionen Franken eingespart. Und nun das Brisante: In 57 Prozent der 540 Missbrauchsfälle sind Ausländer betroffen, wie das BSV bestätigt. Der Verdacht der SVP war offenkundig nicht ganz unbegründet.

Erschreckend, wie gelassen die Öffentlichkeit auf Machtballungen reagiert

claude chatelain am Montag, den 27. April 2015

Es gab mal eine Genevoise, eine Neuchâteloise, eine Fribourgeoise, eine Berner und viele andere mehr. Alle sind sie von Konkurrenten einverleibt  worden: Die Genfer von der Zürich, die Neuenburger von der Winterthur, die Berner von der Allianz. Auch die Elvia wurde von der deutschen Allianz  geschluckt. Den Namen Winterthur gibts offiziell noch; doch das Sagen haben die Franzosen. Bald wird Axa-Winterthur nur noch Axa heissen.

Die Helvetia findet, sie sei nicht gross genug. Sie müsse noch grösser werden. Also kaufte sie den Rivalen. Am  Freitag, dem 1.Mai, ist es so weit. Mit Nationale Suisse verschwindet ein weiterer Versicherer  von der Bildfläche. Er wird voll in die Helvetia integriert.

Je weniger Player, desto schwächer der Wettbewerb. Die Versicherer werden zwar einwenden, der Wettbewerb sei noch immer hart genug. Ich bezweifle es. Echte Konkurrenz ist immer besser als ein Oligopol.

Mal etwas von too big to fail gehört? Die schleichende Konsolidierung und die damit einhergehende Einschränkung des Wettbewerbs ist nur die eine Sorge. Eine andere ist die wachsende Grösse und Machtfülle von Finanzkonzernen. Wohin das führen kann, haben uns Banken vorgeführt.

Erschreckend, wie gelassen die Öffentlichkeit auf  diese Konsolidierung reagiert, wie sie  leider  nicht nur im Versicherungsgeschäft zu beobachten ist. Steht eine Volksabstimmung an, deren Ausgang den Wirtschaftsführern ans Portemonnaie gehen könnte, so werden Politiker nicht müde, auf die schädlichen Auswirkungen für die Wirtschaft aufmerksam zu machen.

Wann erhebt sich eine liberale Stimme, wenn in  zentralen Wirtschaftszweigen wie der  Assekuranz der Konsolidierungsprozess voranschreitet und damit den Wettbewerb einschränkt? Warum war im bürgerlichen Lager kein Aufschrei zu hören, als die Helvetia ihren Übernahmehunger kundtat? Womöglich, weil Machtballungen und Konsolidierungen den Wirtschaftsführern nicht ans Portemonnaie gehen.

Datenschützer hat etwas gegen “Pay as You Drive”

claude chatelain am Montag, den 20. April 2015
index

Der Datenschützer will nicht, dass die Versicherung weiss, ob ich im Winter unterwegs war.

Die Angelsachsen kennen bei der Berechnung der Autoversicherungs-prämie ein ausgeklügeltes Verfahren.  Es heisst «Pay as You Drive». Die Prämienhöhe ist  davon abhängig, wie eine Person fährt. Ob sie viel oder wenig unterwegs ist, ob der Wagen vorwiegend tags oder nachts gebraucht wird, ob auf Autobahnen oder innerorts gefahren wird. Ein GPS-Empfänger liefert die Daten.

In der Schweiz ist «Pay as You Drive» kein Thema, unter anderem wegen des Datenschutzes. Schon 2008 meldete  der Datenschutzbeauftragte seine Bedenken an. Ich zitiere aus seinem Papier:

«Die Sammlung ereignisunabhängiger Verhaltensdaten darf nicht zu einem gläsernen Fahrer führen, über dessen Fahrverhalten ein detailliertes Personenprofil erhoben wird.»
Warum eigentlich nicht?

«Genauso wenig darf ein komplettes Bewegungsprofil des Fahrers erstellt werden.»
Schade.

«Um exzessive personenbezogene Auswertungen zu vermeiden, sollte zudem auf die zentrale Datenspeicherung verzichtet werden. Denn damit könnten die Bewegungsprofile verschiedener Fahrer verglichen werden, was dann Rückschlüsse auf ganz andere Lebenssachbereiche zulassen würde.»
Wo ist das Problem?

«Da es für Aussenstehende zudem oft nicht nachvollziehbar ist, was beispielsweise in einer Blackbox aufgezeichnet wird, ist es sowohl für den Versicherer wie auch für den Versicherungsnehmer eine Vertrauensfrage, wie mit diesen sensiblen Personendaten umgegangen wird.»
Sensible Daten? Dass ich nicht lache.

Meine Steuererklärung schicke ich der Gemeinde, wo eine subalterne Arbeitskraft all meine wirklich sensiblen Daten einsehen kann. Unbekannte Bankangestellte  wissen über meine finanzielle Situation Bescheid. Mir ist völlig wurscht, wenn mein Autoversicherer davon Kenntnis hat, bei welchem Wetter und welcher Tageszeit ich wo und wie schnell unterwegs war. Es mag Gründe geben, die gegen «Pay as You Drive» sprechen. Der Datenschutz gehört meines Erachtens nicht dazu.

Über das Schummeln in der Steuererklärung

claude chatelain am Montag, den 13. April 2015

indexSeit 2010 können sich Steuerhinterzieher selber anzeigen und kommen damit straflos davon. Kürzlich konnten wir erfahren, dass sich  im Kanton Bern seit Einführung der straflosen Selbstanzeige 2950 Personen gemeldet und insgesamt 83,8 Millionen Franken in die Kantonskasse nachbezahlt haben.

Das erinnert mich an einen Artikel, den ich vor langer Zeit über Steuerhinterziehung geschrieben hatte. Ich sprach damals von Schummeln, was einen Steuerjuristen ziemlich auf die Palme trieb. Erzürnt schrieb er mir, Steuerhinterziehung könne man nicht mit «schummeln» umschreiben. Steuerhinterziehung sei kein Kavaliersdelikt.

Wenn ich aber bedenke, dass man bei einer Selbstanzeige straflos davonkommt, hat für mich Steuerhinterziehung sehr wohl den Charakter eines Kavaliersdelikts. Seien wir ehrlich: Wer hat nicht schon daran gedacht, bei den Berufskosten etwas mehr Kilometer anzugeben, als in Wirklichkeit für den Arbeitsweg zurückgelegt worden sind?  Wer erlag noch nie dem Hang, den Anteilschein von Mobility oder gar ein kleines Nebeneinkommen zu vergessen? Klassische Beispiele von Steuerhinterziehung.

Definitiv kein Kavaliersdelikt ist der Steuerbetrug. Er  ist im Unterschied zur Steuerhinterziehung ein strafrechtlicher Tatbestand. Er wird von der Justiz und nicht nur von der Verwaltung geahndet. Steuerbetrug begeht, wer für die Steuerhinterziehung falsche oder gefälschte Urkunden oder Belege einreicht.

Nochmals etwas anderes ist die Steuerumgehung: Gemeint ist hier das Ausnützen gesetzlicher Möglichkeiten, die grundsätzlich nicht für diese Situation geschaffen worden sind. Eine so verstandene Steuerumgehung ist nicht strafbar. Doch die Behörde kann korrigierend eingreifen, wenn  sie es für angemessen erachtet.

Der eingangs zitierte Steuerjurist meinte übrigens, man merke aufgrund meiner Wortwahl, dass ich kein Jurist sei. Stimmt. Ich bin Ökonom, stets bemüht, mich verständlich auszudrücken.

Axa weiss auf drei Kommastellen genau, wie lang ihre Versicherten leben

claude chatelain am Samstag, den 4. April 2015

Zufällig gesehen, zu welchen Sätzen die Axa-Winterthur das überobligatorische Guthaben in Renten umwandeln will?  Heute beträgt der Umwandlungssatz bei der Axa für Männer 5,604 und für Frauen 5,601 Prozent. Der Unterschied beträgt hier also 0,003 Prozentpunkte, wenn ich das richtig verstanden habe. Frauen erhalten ein Mü weniger, weil sie länger leben und damit im Schnitt  länger eine Rente beziehen.

Wie in der Samstagsausgabe berichtet, senkt der Schweizer Ableger des französischen Versicherungsmultis ab nächstem Jahr schrittweise die Renten für Leute, die ab nächstem Jahr in Pension gehen. Ab 2018 beträgt der  Umwandlungssatz für Mann und Frau identisch 5 Prozent.

Spannend finde ich den Umwandlungssatz, der ab 2017 gültig sein wird. Dieser Satz gilt  für Frauen und Männer mit Jahrgang 1952. Hier beträgt der Umwandlungssatz für Männer 5,174 und für Frauen 5,176 Prozent. Ein Unterschied von 0,002 Prozentpunkten. Kein Druckfehler,  liebe Leser, jedenfalls nicht von mir. Für diesen Jahrgang erhalten Frauen eine höhere Rente als Männer. Axa weiss auf drei Komastellen genau, wie lang ihre weiblichen und männlichen Versicherten leben. Leben demnach die Frauen mit Jahrgang 1952 weniger lang als  Männer gleichen Jahrgangs? Keine Ahnung.

Schon fast sympathisch ist mir der ab 2018 gültige  Umwandlungssatz von 5 Prozent. Er ist zwar alles andere als hoch, dafür einfach und klar, für Frau und Mann identisch. Kein Kommanullnullnull und so.

Was ist in die Versicherungsmathematiker der Axa-Winterthur gefahren, plötzlich etwas zu vereinfachen? Eine Zahl zu runden? Frau und Mann gleich zu behandeln wie bei einer Sozialversicherung?

Sozialversicherung? Der Begriff ist mir herausgerutscht. Klar: Die 2.Säule der beruflichen Vorsorge wäre sehr wohl eine Sozialversicherung. Doch die Axa-Winterthur und andere Player sind börsenkotierte Unternehmen. Sie wollen mit der 2.Säule Geld verdienen und im Fall der Axa nach Frankreich abliefern. Haarscharf rechnen wollen sie auch. Auf drei Kommastellen genau.

Über nervige Firmensprecher

claude chatelain am Montag, den 30. März 2015

Kürzlich fragte ich bei einer Lebensversicherung, weshalb der Verkauf privater Leibrentenversicherungen gestoppt wurde.  Leider können Fachjournalisten solche Fragen nicht mehr mit einem Fachmann besprechen, stattdessen wird man von einem Kommunikationsexperten mit Floskeln abserviert. So schrieb mir besagter Sprecher: «Wir prüfen die technischen Aspekte unserer Produkte fortlaufend vor dem Hintergrund der aktuellen Marktentwicklungen». Dass ein Versicherungskonzern die Produkte laufend überprüft — mein Gott, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.

Noch schlimmer ein anderes Beispiel: Ich fragte einen (anderen) Lebensversicherer, ob es stimme, dass bei Scheidungen das Kapital, das die Frau vom Ex-Mann erhält, in den  schlechter verzinsten, überobligatorischen  Topf ihrer Pensionskasse gelange. Das hätte ich jüngst in einer Konsumentenzeitschrift gelesen. Ein Sprecher beteuerte mir darauf am Telefon, dass sich die Praxis  geändert habe. Neu könne die Versicherte  selber entscheiden, wie viel in den obligatorischen und wie viel in den überobligatorischen Topf gelange. Ich sagte: das könne nicht stimmen. Er fragte: Warum kann das nicht stimmen? Ich sagte, weil doch niemand freiwillig das Geld in den schlechter verzinsten Topf überweisen liesse. Und vom Geld, das sich  im überobligatorischen Topf befindet, gebe es ja  eine deutlich tiefere Rente. Offensichtlich verstand der Sprecher das Problem nicht.

Er fragte intern nochmals nach und bestätigte mir schriftlich, dass «PK-Gelder nach einer Scheidung gemäss ihrer Herkunftsdeklaration zugewiesen würden. Sprich: Gelder aus dem Obligatorium werden im Obligatorium, und Gelder aus dem Überobligatorium werden im Überobligatorium verbucht.»

Was wäre geschehen, wenn ich den Stuss geschrieben hätte, den mir der Sprecher zuerst erzählte? Man hätte mir gesagt: Ich hätte keine Ahnung. Ich hätte schlecht recherchiert. Versicherungsmanager behaupten, sie hätten die Kommunikationsabteilung ausgebaut, um die Arbeit von Journalisten zu erleichtern. Ich nehme das Gegenteil wahr.