In der Sweet-Home-Serie «Stilfragen» beantworten Kreative, Designer und Interiorprofis Fragen zu ihrer Arbeit, ihrer Beziehung zum Wohnen und zur Lebensart. Heutiger Gast ist Patricia Urquiola, die wichtigste Designerin unserer Zeit.

Patricia Urquiola
Schon bei der ersten Frage sprudelt es aus Patricia Urquiola nur so heraus. Sie liebt es, über ihre Arbeit zu sprechen, und ist manchmal selbst verwundert, wie viel sie macht, wie oft sie reist und für welch interessante Projekte sie immer wieder angefragt wird. Die Designerin ist in Oviedo, Spanien, geboren, hat dort Architektur studiert und zog später nach Italien, wo sie seither mit ihrem Mann, zwei Töchtern und einem Jack-Russel-Terrier lebt. Sie arbeitet für renommierte Möbelhersteller in der ganzen Welt, baut Häuser, Spas, Geschäfte und Hotels, richtet sie ein und konzipiert auch schon mal wichtige Kunstausstellungen. 2001 gründete sie zusammen mit ihrem Mann das Studio Urquiola.

Die Stühle Husk von B+B, die zurzeit bei Teo Jakob ausgestellt sind.
Patricia Urquiola, was bringt Sie nach Zürich?
Das Schweizer Möbelhaus Teo Jakob zeigt momentan eine Sonderausstellung mit meinen neusten Entwürfen, die ich mit B+B realisiert habe. Da ist der Stuhl Husk, der indoor und outdoor eingesetzt werden kann, und das grosse, unkomplizierte Sofa Bend. Bei ihm war die Ausgangslage, ein Sofa zu gestalten, das sich auch jüngere Menschen leisten können.

Links: Kyoto, da war Patricia kürzlich für ein Keramik-Porzellan-Projekt. Rechts: Ein Haus des Architektenteams Woha in Singapur.
Woran arbeiten Sie denn gerade?
An völlig verschiedenen Projekten, an ganz kleinen und an einem riesengrossen. Ich war gerade in Kyoto, wo ich an einem Keramik-Porzellan-Projekt arbeite. Ich kann dort in den alten Manufakturen arbeiten. Es ist sehr spannend und superinteressant, alte Techniken neu einzusetzen und andere Kulturkreise besser kennenzulernen. Dann gibt es auch noch ein ganz grosses Projekt, wir bauen einen «Greentower» in Singapur. Zusammen mit dem Woha-Architekturbüro kreieren wir ein Hotel-Hochhaus, das ganz überwachsen sein wird. In einer sich so schnell verändernden Stadt wir Singapur kann man Architektur nicht einfach der Umgebung anpassen, sondern sie wächst zusammen mit ihr, dies ist eine grosse Herausforderung für unser Studio. Wir lieben aber alle Projekte, die kleinen und die grossen. Beides macht Spass und ist auf seine Art gleich interessant.

Patricia Urquiolas Zeitmaschine an der Triennale in Milano.
Wie würden Sie Ihren Beruf beschreiben?
«Sono una Projectista!» Ich werde für die verschiedensten Projekte angefragt, welche ich dann von Anfang bis zum Schluss betreue, kontrolliere und zu Ende führe. Ich bin immer da, um zu schauen, dass alles auf dem richtigen Weg bleibt, und arbeite intensiv mit verschiedenen Firmen, Manufakturen oder Architekten zusammen. Momentan gestalte ich eher öffentliche Plätze, nicht so viele Privathäuser oder Einrichtungen. Ein besonders interessantes Projekt war die Triennale in Mailand. Sie stand unter dem Thema Zeit, und verschiedene Künstler haben Werke zu diesem Thema ausgestellt. Es war faszinierend, sich mit der Beziehung zur Zeit auseinanderzusetzen. Wir gestalteten zum Beispiel zwei Eingänge: einen konventionellen und einen «Fast Track», das war so etwas wie eine Falle, gleich am Anfang der Ausstellung mussten sich die Besucher entscheiden: «Nehme ich mir Zeit, um die Ausstellung in einem normalen Tempo anzuschauen, oder lasse ich mich von der Schnelligkeit verführen?» Ich baute auch eine Zeitmaschine. Dafür habe ich Elemente aus den verschiedensten Projekten, die ich für Moroso gemacht habe, recycelt. Ein Riesenkäfer entstand, aber die Zeitmaschine hat natürlich nicht wirklich funktioniert! Wir können die Zeit nicht aufhalten, zurück- oder vorwärtsdrehen. So ist die Konstruktion der Zeitmaschine eine kleine Zeitreise durch meine verschiedenen Projekte gewesen.

Alice' weisser Hase, der sie ins Wunderland führte.
Wir kreierten auch einen doppelten Boden mit einem weissen Hasen – wie jenem von «Alice im Wunderland» –, der die Ausstellungsbesucher in verschiedene Ebenen der Ausstellung lockte. Die Triennale ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig und interessant solche Projekte für unser Studio sind.

Links: Glaswaren von Patricia Urquiola für Baccarat. Rechts: Das Städtchen Baccarat.
Aber auch andere Projekte sind mir sehr ans Herz gewachsen. Da ist zum Beispiel unsere Arbeit für die Glasmanufaktur Baccarat. Baccarat ist nicht nur exklusives Kristallglas, es gibt ein Dorf, das Baccarat heisst, eine Kirche, ein Gemeindehaus… Das Glas ist wichtig für die ganze Region, es schafft Arbeit, steht für einen Lebensstil, hat Tradition. So sind solche Projekte auch mit einer gewissen Verpflichtung verbunden.

Das Spa im Mailänder Four Seasons, welches diesen Sommer eröffnet wird.
Eine andere Herausforderung war der Bau eines Spa für das Mailänder Hotel Four Seasons. Eigentlich war da überhaupt kein Platz für einen Pool. Die Mauern eines alten Klosters waren so verwinkelt und labyrinthartig angelegt, dass wir da mit einer ganz neuen Sicht an das Projekt herangehen mussten. Aber wir haben ein tolles Resultat geschafft, und das Spa wird bald eröffnet.

Milano
Wo wohnen Sie?
In Mailand in einem Haus mit meiner Familie.
Wo würden Sie gerne wohnen?
Dort, wo wir jetzt bald hinziehen. Es ist ein Haus, in welchem wir nicht nur wohnen können, sondern auch genügend Platz für das Studio haben. Ich freue mich riesig auf den Umzug.
Haben Sie einen bestimmten Raum im Haus, den Sie besonders lieben?
Ich glaube das Wohnzimmer. Am liebsten mag ich Räume, die eigentlich keine Decken haben.

Das Hotel Oriental Mandarin in Barcelona, auch eines der Projekte von Patricia Urquiola.
Gibt es einen Ort, den Sie besonders lieben?
Ich bin ein Traveller. So passe ich mich jeweils der Umgebung an, sauge sie auf und lerne, mich darin wohlzufühlen. Ich glaube, das macht einen guten Reisenden aus. Ich suche also nicht nach Lieblingsorten, sondern fühle mich in der Welt zu Hause.

Das Bend Sofa von B+B.
Wohin geht es denn morgen?
Wir fliegen nach Paris, um eine Designausstellung zu eröffnen.

Bücher, Bücher, Bücher.
Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
Oh, ich bin eigentlich kein junges Mädchen, das Lieblinge hat und diese empfiehlt. Ich bin 50, da sind es ganze Bücherstapel auf meinem Nachttisch. Das Büchergestell befindet sich gleich vor dem Bett. Oft lesen mein Mann Alberto und ich auch das gleiche Buch.
Patricia Urquiolas Ausstellung bei Teo Jakob beginnt heute in der Mühle Tiefenbrunnen und geht noch bis zum 30. Juni.

















































Marianne Kohler ist Stylistin und Journalistin, sie begann ihre Karriere als Textildesignerin, arbeitete in Paris und New York, bevor sie einige Jahre das Moderessort der Zeitschrift Annabelle leitete. Heute arbeitet sie für Zeitschriften wie «Glamour» sowie Interior-Firmen im In- und Ausland. Marianne Kohler lebt mit ihrem englischen Mann David und ihrem Hündchen Miss C. in Zürich. 



























































