10 spannende Wohngeschichten

Von der Höhle bis zur Luxusloft war es ein langer Weg. Dennoch werden Sie überrascht sein, wie viele der heutigen Selbstverständlichkeiten bis vor kurzem noch ganz anders waren.
Sweet Home bei Barbara Hinder, Artiana ©Rita Palanikumar

1 — Am Anfang war das Feuer

Ganz lange wohnten alle zusammen in grossen Burghallen und haben sich dort zum Schlafen ums Feuer herumgeschart. Dem «Hausherrn» gehörte denn auch nicht das Gebäude, sondern das Feuer. Das französische Wort für Haushalt und Heim ist immer noch «le foyer» und wird auch für Feuerstelle gebraucht. Cheminées hingegen sind zum Luxus geworden.
In diesem gemütlichen Wohnzimmer mit Cheminée wohnt Barbara Hinder mit ihrer Familie – entdecken Sie die ganze Sweet Home Story.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home

Sweet Home bei Gabriele Frei Friedrich + Carlos Friedrich in Grüningen, ©Rita Palanikumar

2 — Möbel kommt von mobil

Das richtige Stellen von Möbeln heisst heute Einrichten und ist sogar ein Beruf geworden. Noch bis vor kurzem standen die wenigen Möbel, die einen Hausstand ausmachten, an der Wand. Man stellte sie bei Gebrauch in den Raum und abends, vor dem Zubettgehen, wieder zurück an die Wand. Ein wichtiger Grund dafür war die Dunkelheit, die in praktisch allen Häusern herrschte bis zur Einführung von Hausbeleuchtung und Lichtschaltern. Zuerst hatte man Gaslicht, später elektrisches Licht, beides aber waren erst einmal Privilegien und nur wenigen zugänglich. 
Das hübsche Wohnzimmer, eingerichtet mit starken Einzelstücken, gehört zum Vier-Jahreszeiten-Haus der Familie Frei Friedrich.

Sweet Home Gianne und Milli

3 — Vom Stuhl zum Chairman

Ein durchschnittlicher Haushalt bestand aus wenig Mobiliar. Man hatte eine Truhe, in der man sozusagen alles aufbewahrte, und schlief auf dem Boden oder auf einem Sack Stroh. Man hatte einen Tisch, aber nur einen einzigen Stuhl. Auf diesem sass der Haushaltsvorstand. Alle andern Haushaltsmitglieder standen zum Essen oder sassen auf der Truhe. Von daher kommt auch das Wort «Chairman», bei uns Vorsitzender, noch heute gebräuchlich im Geschäftsleben. 
Der Stuhl und der Hocker gehören ins gemütliche Zuhause von Gianne Holmgren und Milija Kovacevic.

SH_Feuz_0615-8420web

4 — Von der Truhe zum Schrank

Das wichtigste Möbelstück, in dem der ganze Haushalt aufbewahrt wurde, war die Truhe. In der Schweiz zum Beispiel war dies bei vielen Mägden und Knechten noch mindestens bis zum Zweiten Weltkrieg der Fall. In Truhen nach Dingen zu suchen, war aber immer mit viel Aus- und Einräumen verbunden. Da kam jemand auf die Idee, die Truhe einfach mal zu stellen, und daraus entstand dann der Schrank!
Diese weiss gestrichene Truhe steht im Schlafzimmer der ideenreich eingerichteten Wohnung von Caroline Feuz.

Sweet Home bei Ines Bösch ©Rita Palanikumar

5 — Vorhänge als Zeichen von Reichtum

Heute propagiert man Vorhänge für Wohnlichkeit und mehr Privatsphäre. Das war aber zu Beginn nicht der Grund, um Stoffe an die Fenster zu hängen. Textilien waren so teuer und exklusiv, dass man davon nur wenige hatte. Wer also ein schönes Stück Stoff ans Fenster hängte, tat dies zuerst für die anderen – damit diese sehen, dass Wohlstand im Haus herrscht.
Diese tollen indischen Stoffe schmücken das Gästezimmer im Holzhaus der Künstlerin Ines Boesch.

Franziska Bodmer und Bruno Manchia Zuhause

6 — Schlafen war keine Privatsache

Wer ein Bett hatte, zeigte dies voller Stolz. In italienischen Renaissance-Palästen hatte man sogar ein «Showbett» und ein zweites zum Schlafen. Das Bett war sozusagen das grösste Statussymbol und stand mitten im Wohnzimmer. Nicht nur Schlafen war eine öffentliche Angelegenheit, man tat lange praktisch alles in der Öffentlichkeit. Bis zum 17. Jahrhundert haben die französischen Könige auch ihre Toilette vor Publikum verrichtet. Louis XIV liess sich dann in einem ersten Schritt zu mehr Privatsphäre einen Vorhang um seine Toilette errichten. Auch noch später, im 18. und 19. Jahrhundert, empfingen viele Damen Gesellschaften, sogenannte Salons, in ihrem Schlafzimmer. Die Idee der Privatsphäre ist relativ jung, das beweisen zum Beispiel auch viele Altbauwohnungen, bei denen praktisch alle Zimmer mindestens zwei, wenn nicht gar drei Eingänge haben. 
Dieses Bett steht in der coolen Loft von Bruno und Franziska Mancia Bodmer, die uns zur allerersten Sweet Home Story empfangen haben!

Sweet Home bei jukka und Anna Murto, ©Rita Palanikumar

7 — Wohnen im Dunkeln

Wenn wir heute an die Gemütlichkeit der «guten, alten Zeit» denken, vergessen wir gerne die dunklen Seiten. Licht war nämlich in den meisten Häusern spärlich und kam meistens nur vom Feuer. Kerzen waren teuer und wurden nur für den Weg ins Bett benutzt. Und was die Romantik betrifft, Öllampen russten, Gas stank und liess Gesichter grün wirken. Das erste elektrische Licht in der Schweiz erleuchtete 1879 den Speisesaal im Kurhotel Badrutt in St. Moritz.
Diese formschöne skandinavische Designerleuchte steht in der Wohnung von Jukka Murto und Anna Roellin.

Sweet Home bei Mooris, Frank Urech und Jeannette Zingg ©Rita Palanikumar

8 — Dinge sind neu 

Dass wir so viele Dinge besitzen, ist noch neuer. Einkaufen und Konsumieren wurde der grossen Masse nämlich erst Anfang des 20. Jahrhunderts ermöglicht. Eine ähnliche Funktion wie heute die Webshops hatten damals die Kataloge: Man wählte aus, bestellte und bekam geliefert. Auf einmal brauchte man dringend Sachen, von denen man bis dahin nicht einmal wusste, dass es sie gibt! Klingt irgendwie bekannt. Und wie bei allen Konsumgütern hatte man auch damals zuerst an die anderen gedacht. Man kaufte Dinge als Prestige. Und wie heute die Fotos zeigten früher die Gemälde Häuser und Wohnungen von ihren schönsten Seiten. 
Die persönliche, kleine Ausstellung auf einem Sideboard sehen Sie in der Wohnung von Jeannette und Frank Urech.

Sweet Home Gianne und Milli

9 — Die Einbauküche kommt aus Frankfurt

Mit dem 20. Jahrhundert kam auch die allgemeine Modernisierung, das nicht zuletzt wegen des Ersten Weltkriegs und der damit verbundenen Veränderung der Gesellschaft. Nach dem Krieg wurden dringend Wohnungen gebraucht, Dienstboten suchten sich andere Berufe, und neue Techniken vereinfachten das Haushalten. Ein wichtiges Projekt in Sachen neuer Wohnungsbau war das Stadtplanungsprogramm «Neues Frankfurt» unter der Leitung des Architekten Ernst May. Dieser wiederum holte sich die Wiener Architektin Margarete Schütte Lihotzky, welche die Frankfurter Küche entwarf. Das Ziel war, eine Art industriellen Arbeitsplatz zu schaffen, bei dem alle wichtigen Dinge mit einem Handgriff erreichbar wurden und Gerätschaften die Arbeitsprozesse erleichtern. Die Frankfurter Küche gilt als Urtyp der Einbauküchen. 
Diese freundliche, grüne Einbauküche ist offen, ein Attribut vieler neuer Wohnungen. Sie gehört zur Wohnung von Gianne Holmgren und Milija Kovacevic.

Sweet Home bei Conny Pfister; Contra-Punkt; Copyright Rita Palanikumar

10 — Die Toilette war lange im Garten!

Toiletten zogen erst nach dem Zweiten Weltkrieg überall ins Haus ein, oft gar noch viel später. Ich kann mich noch an Toilettenhäuschen im Garten von ländlichen Verwandten erinnern und auch an Plumpsklos in Italien. 

Auch in grossen Herrschaftshäusern in England gab es oft nur wenige Toiletten und Badezimmer. Eine Anekdote, die ich einmal in einer Biografie gelesen habe, handelt von dem in England gebrauchten Übernamen der Toilette «Loo». In der aristokratischen Gesellschaft war es üblich, sich gegenseitig zu Housepartys einzuladen. Es gab auch Wochenendpartys, die in diesen Kreisen allerdings «Friday-to-Monday-Partys» hiessen, da ja niemand einer Arbeit nachgehen musste und somit die Woche nicht endete! Die Herrschaften reisten, wie man zum Beispiel schön im Film «Gosford Park» sieht, jeweils mit ihren Dienstboten an. Damit jeder Dienstbote wusste, in welchem Zimmer seine Herrschaft untergebracht war, hingen Namensschildchen an den Türen. Dies war auch praktisch, da an diesen Partys vor allem Affären gepflegt wurden und die Gäste sich in der Nacht gegenseitig besuchten. Auf einer solchen Party war eine Louise eingeladen, genannt Loo, die unfreundlich zu den Kindern war. So hängten diese ihr Namensschild immer wieder an die Toilette, die seither nach ihr benannt wird. 

sweet home

Die meisten dieser Wohngeschichten habe ich aus dem Buch «The Making of Home» von Judith Flanders – eine wunderschöne und leicht lesbare Kulturgeschichte des Wohnens.

7 Kommentare zu «10 spannende Wohngeschichten»

  • diva sagt:

    schöne geschichten. das buch werde ich mir wohl kaufen…

  • Heidi Arn sagt:

    Ich mag die geschichtlichen Ausflüge bei Sweet Home!

  • André A. Perret sagt:

    Genau genommen schrieb man diese Wochenendpartys auf English «Friday-to-Monday-Parties» weil die Mehrzahl von Englischen Wörtern die mit „y“ enden immer mit „ies“ geschrieben wird.
    Die im Artikel beschriebene Anektode über die Herkunft des Worts „Loo“ ist eine von Mehreren … when man „the origin of the the word LOO“ googlet, ergibt sich etwa 10 Mögkichkeiten (viele davon sind sinnvoller als die dieser Anektode….sorry).

    • ABCDEFG sagt:

      Richtig, im Englischen Plural mit „ies“. In der deutschsprachigen Übernahme des Fremdwortes jedoch unverändertes Wort plus „s“, also „ys“.

    • beat graf sagt:

      Herr Perret, das mit dem „ies“ geht doch immer mehr verloren.
      Meistens sieht man „ys“. Aber Ihre Anekdote ist wohl schon seit längerem verstorben, äxgüsi. (äxgüsi, altdeutsches Wort für „sorry“. )

  • Anton Küenze sagt:

    wow die Bibliothek auf dem Klo! Nach einigen Jahren riechen die Bücher nach Sch….. !! :-(

  • Kriss Gass sagt:

    Sehr, sehr schön!
    Eine tolle Anregung zum Stöbern und Schmökern an verregneten Wochenenden.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.