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Düsseldorfs Aufstieg darf nicht zählen

Alexander Kühn am Mittwoch den 16. Mai 2012


Nach dem chaotischen Relegations-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, bei dem Raketen auf den Rasen flogen und Fortuna-Fans den Platz stürmten, gibt es nur Verlierer. Die Düsseldorfer, weil das Verhalten der Krawallmacher die nach 15 Jahren errungene Bundesliga-Rückkehr wieder infrage stellt. Die Berliner, weil sie sportlich untergingen. Die friedlichen Fans, weil Idioten stärker waren als sie. Die Polizei, weil sie wieder einmal den Kopf hinhalten musste. Und schliesslich der Deutsche Fussball-Bund (DFB), weil er nun ein ganz unangenehmes Urteil zu fällen hat und auch einen Grossteil der Schuld an der Eskalation trägt.

Die Relegation spült dank der Direktübertragung im Fernsehen viel Geld in die Kassen des DFB. Sie ist aber nicht nur spektakulär, sondern auch risikobehaftet. Schliesslich geht es für die beteiligten Vereine in einer von oben verordneten Finalissima-Situation ums sportliche Überleben, was bei den Anhängern erfahrungsgemäss die Sicherungen durchbrennen lässt. Dass es schon am Montag nach der Zweitliga-Relegation zwischen dem Karlsruher SC und Jahn Regensburg zu wüsten Randalen mit 75 Verletzten, unter ihnen 18 Polizisten, kam, ist beileibe kein Zufall.

«So darf man nicht aufsteigen», schreibt die «Welt» heute mit Blick auf die Szenen in Düsseldorf und trifft den Nagel damit auf den Kopf. Die Fortuna war als Gastgeber der brisanten Partie ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Sicherheit im Stadion zu gewährleisten. Dem Geschick von Schiedsrichter Wolfgang Stark und dem Zufall ist es zu verdanken, dass die Situation nicht völlig ausser Kontrolle geriet. Was wäre passiert, wenn Stark das Spiel abgebrochen und damit eine Neuansetzung notwendig gemacht hätte? Wie hätte der Mob reagiert, wäre der Hertha in der Nachspielzeit noch das rettende dritte Tor gelungen? Fragen, die man lieber gar nicht erörtern will. «Wir haben nur weitergespielt, um ein Blutbad zu verhindern», sagte Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt zu «Bild». Die Berliner Spieler hätten unter Todesangst gelitten. Das mag etwas überspitzt formuliert sein, liegt aber doch nicht allzu weit weg von der Wahrheit.

Wie muss der DFB nun also reagieren? Auf jeden Fall mit grosser Härte. Erstens muss die Schandnacht von Düsseldorf Konsequenzen haben, welche die fehlbare Fortuna auch tatsächlich schmerzen. Zweitens haben die Verbandsoberen die Latte mit dem erstinstanzlichen Pokalausschluss gegen ihren Lieblingssündenbock Dynamo Dresden in dieser Saison sehr hoch gelegt. Zur Erinnerung: Dynamo wurde dafür bestraft, dass Hooligans im fast 500 Kilometer entfernten Dortmund randalierten. Aufs Feld lief damals keiner, einen fast halbstündigen Unterbruch wie gestern in Düsseldorf gab es nicht.

Hätten sich nicht auch die Berliner Anhänger in Düsseldorf daneben benommen und Leuchtraketen in Richtung Rasen geschossen, wäre moralisch noch nicht einmal ein Wiederholungsspiel gerechtfertigt. Dann gäbe es nur eine vertretbare Konsequenz aus den Geschehnissen: nämlich eine Forfait-Niederlage der Fortuna. Erst recht, weil deren Captain Andreas Lambertz nach dem Schlusspfiff noch die Dreistigkeit besass, den Aufstieg mit verbotenem Feuerwerk in der Hand mit den Platzstürmern zu zelebrieren.

Die von besonders strengen Moralwächtern geforderte Rückstufung beider Clubs in die 2. Bundesliga ist keine ernsthafte Option. Soll die oberste Spielklasse 2012/13 etwa nur aus 17 Teams bestehen? Oder will man die sportlich abgestiegenen Kölner begnadigen, deren Fans am letzten Spieltag bekanntlich auch auf die Barrikaden gingen? Nein, das Urteil muss abschreckend sein, aber auch nachvollziehbar und im Dienste des Fussballs. So wäre ein Wiederholungsspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit – garniert mit einer saftigen Geldstrafe im siebenstelligen Bereich und einem Punktabzug für die kommende Saison – durchaus vertretbar. Bleibt es bei einer Geldstrafe und dem einen oder anderen Geisterspiel, macht sich die deutsche Fussball-Justiz lächerlich und letztlich gar zur Komplizin der Randalierer.

Tevez hat das Recht auf Provokation

Alexander Kühn am Mittwoch den 16. Mai 2012

Carlos Tevez hat auf der Meisterfeier von Manchester City ein Plakat mit der Aufschrift «RIP Fergie» (Ruhe in Frieden, Fergie) in die Luft gehalten. Als Replik auf eine drei Jahre alte Bemerkung von ManU-Trainer Sir Alex Ferguson, wonach die United zu seinen Lebzeiten niemals im Schatten der Citizens stehen werde. Auf Tevez’ vielleicht etwas ungehobelten Scherz folgte die demütige Entschuldigung. «Das Plakat ist geschmacklos und verwerflich. Carlos hat einen grossen Fehler begangen», kommunizierte Manchester City. «Ich habe den Kopf verloren und wollte Sir Alex Ferguson nicht beleidigen, denn ich achte ihn als Trainer und Menschen sehr», schob Tevez selbst hinterher.

Das klingt alles vernünftig, und doch ist es Quatsch. Denn in diesem Fall trifft der Spott keinen Unschuldigen. Die freundlichen Worte sind also nicht nur heuchlerisch, sondern auch fehl am Platz. Wer austeilen kann, der muss auch einstecken können. Selbst dann, wenn er sich wegen seiner Verdienste um den britischen Fussball Sir nennen darf. Ferguson ist nicht nur der grösste Trainer im Vereinigten Königreich, sondern auch ein ebenso grosser Provokateur. Als er 2009 beschloss, seinen damaligen ManU-Schützling Tevez nach Ablauf der Leihe nicht von West Ham United zu übernehmen, trat er noch verbal nach. «Tevez ist ganz einfach keine 25 Millionen Pfund wert», so Fergusons Spruch, der den Argentinier nach 63 Spielen und 19 Toren geschmerzt haben muss.

Auch nach dem Herzschlagfinale in der Premier League am vergangenen Wochenende zeigte sich Sir Alex alles andere als diplomatisch. Vielmehr bemühte er zum wiederholten Mal das Bild der unverdient zu viel Geld gekommenen Citizens und meckerte, der Stadtrivale werde nun neuerlich ein Vermögen für neue Spieler und deren irrwitzige Saläre ausgeben. Auf eine Entschuldigung seitens der United wartet man derweil vergebens.

Generell ist es schlicht und einfach naiv, in den Grössen des Weltfussballs moralische Instanzen zu sehen. Es gibt Spieler, die schiessen Tore mit der Hand und brüsten sich auch noch damit, es gibt Spieler, die spannen ihren Mitspielern die Ehefrau aus, und es gibt eben Spieler, die sich bisweilen im Ton vergreifen. Wer noch nie bei der Arbeit geschummelt hat, nie fremdgegangen ist und nie gegen jemanden ausfällig geworden ist, möge Tevez für sein Plakat mit aller Inbrunst verurteilen. Alle anderen sollten schweigen.

Jene Leute, die sich im Fussball-Business wirklich daneben benehmen, sind die Idioten, welche die Gewalt in die Stadien tragen. Die Idioten, die Raketen in die gegnerischen Fanblocks schiessen. Die Idioten, die Polizisten behandeln, als wären diese gefühllose Roboter. Dem Trainer Ferguson, der Millionen verdient und selbst kein Kind von Traurigkeit ist, schmiert man schon wegen einer Lappalie wie dem Tevez-Plakat Honig ums Maul, ein Polizist müsste im Krankenhaus landen, um eine annähernd so mitfühlende Behandlung zu bekommen. Das ist der wahre Skandal, nicht das spöttische Transparent von Manchester.

Der Wahnsinn von Manchester

Mämä Sykora am Montag den 14. Mai 2012

Ein Finale, das für alle die schon frühzeitig entschiedenen Meisterschaften in Europa in dieser Spielzeit entschädigte. Ein absoluter Wahnsinn, ein Thriller. Diese dramatischen letzten Minuten der englischen Premier League werden in die Geschichte eingehen und in Zukunft in einem Atemzug genannt werden mit dem legendären Champions-League-Finale von 1999 in Barcelona zwischen Manchester United und dem FC Bayern München.

Schon die Ausgangslage war wie von einem Drehbuchschreiber ausgedacht: Die beiden Erzrivalen aus Manchester nach 37 Spielen punktgleich. Die United, Dominator der Premier-League-Ära mit 12 Titeln in 20 Jahren, musste noch gegen Sunderland antreten; City, die «noisy neighbours», deren Besitzer Scheich Mansour bin Zayed al-Nahyan in den letzten drei Jahren die unglaubliche Summe von 1,2 Milliarden Franken investiert hat, empfing zu Hause die in akuter Abstiegsgefahr schwebenden Queens Park Rangers.

44 lange Jahre waren seit dem letzten Titelgewinn der Citizens vergangen. Auch damals, 1968, kam es in der letzten Runde zum Fernduell um den Kübel, und schon damals musste die United gegen Sunderland ran – und verlor. In der Folge fiel City tief, zwischenzeitlich gar in die dritte Liga. Der Popularität – vor allem in der Stadtbevölkerung – tat dies keinen Abbruch. Mehrere Grössen des Showbiz’ gelten als grosse Anhänger von City – etwa Liam und Noel Gallagher von Oasis– und die Supporter weisen gerne darauf hin, dass bei United nur ein Viertel der Stadionbesucher auch in der Stadt wohnt, während es bei City 61 Prozent sind.

Die riesige Erwartungshaltung nach Jahrzehnten der Enttäuschung war in jedem Gesicht im Etihad Stadium zu sehen. Sowohl beim schwerreichen Eigentümer wie bei jenen Familienvätern, die noch den letzten Meistertitel erlebt haben. Und nach dem Führungstreffer durch Zabaleta brachen alle Dämme. Diese Freude, diese Erleichterung, Hüpfen und Schreien, das Ziel so nah vor Augen. Da vergisst man, dass ein zusammengekauftes Starensemble für diese Emotionen verantwortlich ist und freut sich einfach nur mit diesen Leuten mit, denen der Verein so viel bedeutet.

Deren Wechselbad der Gefühle begann indes erst danach. Erst musste der überragende Assistgeber Yaya Touré verletzt ausgewechselt werden, dann unterlief Lescott ein folgenschwerer Schnitzer, der zum Ausgleich führte. Wenig später wieder überbordende Freude, weil sich der QPR-Bösewicht Joey Barton eine doppelte Tätlichkeit leistete und vom Platz musste. Gefolgt von einem weiteren Schock, denn in Unterzahl gelang QPR tatsächlich mit dem zweiten Torschuss die Führung.

Die Verzweiflung war greifbar, sowohl auf dem Rasen wie auf den Rängen. 19:0 Ecken, 35:3 Torschüsse, ungezählte weggeköpfte Flanken. Das 1:2 war ein absurdes Resultat. Während die United-Spieler nach der Pflichterfüllung in Sunderland auf die Vollzugsmeldung warteten, belagerten die Citizens weiter den QPR-Strafraum. Und das Unmögliche wurde tatsächlich erzwungen. Die dramatischste Meisterschaftsentscheidung seit Ewigkeiten. In der 92. Minute traf Dzeko per Kopf, in der 94. Minute Agüero. 3:2. Meister. Und im Etihad Stadium wurden die Glückshormone gleich kiloweise ausgeschüttet. Ich kann mich nicht erinnern, jemals derart starke Emotionen in einem Stadion mitverfolgt zu haben. 44 Jahre Frust, weggesprengt innerhalb weniger Sekunden. Und ich fühlte mich in dem Moment auch ein bisschen als City-Supporter, als würde ich auch seit Jahren auf so einen Triumph warten.

Trotz so vielen Spielen und so vielen Entscheidungen, die Fussballfans schon verfolgt haben, ist es immer wieder einfach nur erstaunlich, was es auslösen kann, wenn man 22 Männern beim Ballspiel zuschaut. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Eine Aktion kann alles auf den Kopf stellen. Für solche Achterbahnen der Gefühle wie gestern muss man den Fussball einfach lieben.

Aegerter soll nicht jammern

Alexander Kühn am Samstag den 12. Mai 2012
Der Captain geht: Ein enttäuschter Silvan Aegerter nach einer Niederlage in Basel, 2010. (Bild: EQ Images)

Der Captain geht: Ein enttäuschter Silvan Aegerter nach einer Niederlage in Basel, 2010. (Bild: EQ Images)

Mangelnde Professionalität konnte man dem scheidenden FCZ-Captain Silvan Aegerter bis zu seiner öffentlichen Abrechnung mit der Vereinsspitze am Freitag nicht vorwerfen. Und trotzdem ist es richtig, dass sich die Zürcher vom Mittelfeldspieler trennen. Aegerter war in der Krise des FC Zürich schlicht und einfach der falsche Mann am falschen Ort. Ein durchaus passabler und fleissiger Fussballer zwar, aber alles andere als ein charismatischer Leader, der es versteht, eine Mannschaft ohne Selbstvertrauen und Biss aus ihrer Lethargie zu reissen. Und genau das wäre nötig gewesen, erst recht seit dem Beginn der Regentschaft der überfordert wirkenden Interims-Trainer Harald Gämperle und Urs Meier.

Der FCZ konnte Aegerter vor fünf Jahren zwar aus dem beschaulichen Thun in die selbsternannte Weltstadt an der Limmat lotsen, das beschauliche Berner Oberland brachten die Verantwortlichen aber nicht aus ihm heraus. Als es dem FC Zürich gut lief, war das kein Problem, in der verpfuschten Saison 2011/12 zeigte sich aber, dass die Fussstapfen seines Vorgängers Hannu Tihinen für Aegerter zu gross waren. Der Finne war auch kein Mann der grossen Worte, aber einer, der aus dem Kollektiv herausragte. Sogar wenn er schwieg. Tihinen wurde nicht erst seit seinem Hackentreffer gegen die AC Milan in der Champions League von den Fans verehrt. Sondern weil er eine enorme Ausstrahlung auf dem Platz besass und seinen Teamkollegen Sicherheit vermittelte.

Der FCZ hat schon im Winter mit den Verkäufen von Ricardo Rodriguez, Admir Mehmedi, Dusan Djuric, Xavier Margairaz und Alexandre Alphonse den Umbruch eingeleitet. Dass er ihn nun mit der Trennung von Aegerter weitergeht, ist nur konsequent. Zumal der Kontrakt des 32-Jährigen, für den einst die Mutter der Ex-Freundin einen Vertrag aushandelte, ohnehin ausläuft. Der Captain muss der verlängerte Arm des Trainers sein, und der designierte FCZ-Coach Rolf Fringer hat sich offensichtlich einen anderen verlängerten Arm gewünscht. Einen, der auch einmal unbequem in die Parade fährt, die Mitspieler zusammenstaucht und dies nicht dem nur beim Lamentieren noch frischen Ludovic Magnin überlässt. Anders formuliert: Aegerter ist nicht zu schlecht, aber zu brav, um beim Wiederaufbau des Trümmerhaufens FC Zürich eine tragende Rolle zu spielen.

Die deftigen Worte, mit denen der Aussortierte seinen Präsidenten Ancillo Canepa und Sportchef Fredy Bickel in der gestrigen «Blick»-Ausgabe bedacht hat, ändern dies nicht. Jetzt, wo ohnehin schon alles bachab gegangen ist, wirkt die Kritik weinerlich statt kämpferisch. «Wer hat das Team zusammengestellt? Wer hat all diese sogenannt charakterlosen Spieler verpflichtet?», fragte Aegerter. Als Captain hätte er handeln müssen, als er noch Autorität besass.

Der neue FCZ-Captain muss ein Mann ohne Altlasten sein – und er muss vor allem eines haben: Ecken und Kanten. Tomislav Puljic vom FC Luzern wäre so ein Mann. Der 29-jährigen Verteidiger ist mit seinen 1,92 m und 90 kg schon allein physisch eine imposante Erscheinung. Zudem kennt er Fringer aus der gemeinsamen Zeit beim FCL und weiss, wie der frühere Schweizer Nationalcoach tickt. Im Sommer kursierte das Gerücht, der Bundesligist VfB Stuttgart wolle Puljic aus seinem bis 2014 datierten Vertrag herauskaufen. Keine schlechte Referenz. Der Karlsruher SC, der noch gegen den Abstieg aus der 2. Bundesliga kämpft, dürfte für den FCZ kein ernsthafter Konkurrent sein, wenn es darum geht, Puljics Unterschrift zu bekommen.

Anders als Aegerter, der in Interviews mehr wie ein Pfarrer als wie eine sportliche Führungsfigur rüberkam, scheut sich Puljic nicht vor klaren Worten. Ein Muster seiner Qualitäten als Kritiker lieferte er im vergangenen November ab, nachdem ein nicht nachvollziehbarer Platzverweis gegen ihn Luzerns 1:3-Niederlage in Thun eingeleitet hatte. «Diese Entscheidung ist ein Skandal. Sogar in Bosniens zweiter Liga hat es bessere Schiedsrichter als in der Schweiz», polterte er. Mann kann sich leicht denken, dass Puljic nicht nur dem Referee die Meinung geigt, wenn er sauer ist. Und genau das macht ihn zum valablen Kandidaten für das Captain-Amt in einem Team, dessen Spieler den Niedergang erst nicht erkennen wollten und dann nicht bekämpfen konnten.

Niedere Gefühle im Fussball

Mämä Sykora am Donnerstag den 10. Mai 2012


Schadenfreude, Rachegefühle, Genugtuung: Zokora kickt Emre zwischen die Beine. (Quelle: Youtube)

Es ging um viel am vergangenen Sonntag in der Partie Trabzonspor gegen Fenerbahçe Istanbul. Fener liefert sich mit Galatasaray einen Zweikampf um den Titel, Trabzonspor will sich direkt für die Europa League qualifizieren. Und für zwei Akteure ging es um noch mehr: Nach der letzten Begegnung dieser beiden Mannschaft beschuldigte der Ivorer Didier Zokora Fener-Star Emre Belözoglu an der Pressekonferenz des Rassimus. Der Türke habe ihn während des Spiels mehrfach als «pis zenci» (auf deutsch: «dreckiger Neger») bezeichnet. Emre gab vor, sich nicht mehr genau erinnern zu können, räumte aber ein, dass solche Worte im Eifer des Gefechts durchaus gefallen sein könnten.

Für ein solches Vergehen sieht der türkische Fussballverband vier bis acht Spielsperren vor, für Emre gab’s dennoch nur zwei. Und dies, obwohl der türkische Internationale schon mehrfach ausfällig geworden war. Alleine in seiner Zeit bei Newcastle meldeten seine Gegenspieler Tim Howard, Joleon Lescott, Joseph Yobo, El-Hadji Diouf und Al Bangoura rassistische Beleidigungen des kleinen Mittelfeldspielers. Dennoch wurde er nie länger aus dem Verkehr gezogen.

Vielleicht war es die Enttäuschung darüber, gewiss lag aber auch eine Portion Wut in jenem Tritt, den Didier Zokora – der schon mit Tottenham mehrmals gegen Emre gespielt hatte – seinem Kontrahenten kurz vor dem Halbzeitpfiff verpasste. Mit Anlauf, mitten in die Weichteile. Eine dieser Aktionen, die Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht verfolgen, begleitet von einem «Aaaaaiii», also ob sie selber getroffen worden wären.

Ich dieses Mal nicht, ich muss es zugeben. Es war mehr ein Gefühl der Befriedigung. Vergleichbar mit dem Gefühl, das sich einstellt, wenn etwa der Bösewicht eines dreistündigen Films zum Schluss seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Und Didier Zokora in der Rolle des unerschrockenen Rächers. Einer, der den Slogan «Let’s kick racism out of football» etwas gar wörtlich nimmt. Einer, der es selber in die Hand nimmt, sich jenen Spieler vorzuknöpfen, über den ich mich seit Jahren aufrege wie über keinen zweiten.

Unvergessen ist jenes unwürdige Spiel der Schweizer Nati im Sükrü-Saracoglu-Stadion in Istanbul im November 2005. Von der ersten Minute an führte sich Emre schlicht unmöglich auf. Er foulte, provozierte, schauspielerte, rief ständig aus, bedrängte bei jeder Gelegenheit den Schiedsrichter, trat auf auf dem Boden liegende Schweizer Spieler, und kam dennoch mit einer einzigen gelben Karte davon. Seinen Ruf festigte der «Giftzwerg» in den folgenden Spielzeiten, seither steht er in meiner persönlichen Rangliste der unsympathischsten Spieler unangefochten auf dem ersten Platz. Noch vor Treter Pepe, Daniele De Rossi oder Schwalbenkönigen wie Pedro oder Didier Drogba.

Obwohl ich dem schönen Fussball zugeneigt bin, technische Feinheiten lieber sehe als Dauergrätscher mit eisernem Willen, obwohl mir die Fairness über alles geht und ich nicht einmal einen echten Herzensverein habe, können solche Momente wie jener mit Zokora und Emre in den Hauptrollen so richtig niedere Gefühle erwecken. Schadenfreude, Rachegefühle, Genugtuung. Alles dabei. Dank Leuten wie Emre merkt man beim Fussballschauen immer wieder, wie weit man doch davon entfernt ist, ein grundguter Mensch zu sein. Ist vielleicht auch ganz gut so, so hat man immerhin noch Verbesserungspotenzial. Andrerseits: Auf dieses befriedigende Gefühl, wenn ein «Erzfeind» so richtig was abbekommt, will ich eigentlich nicht verzichten. Es dürften sogar noch mehr Emres sein. Vorschläge?

Der Glücksbringer mit dem Genickbruch

Alexander Kühn am Mittwoch den 9. Mai 2012


Vom Kriegsgefangenen zum Fussballer des Jahrs: Bert Trautmanns wundersame Karriere. (Quelle: Youtube)

Wenn es sich der Fussball-Gott nicht doch noch anders überlegt, wird Manchester City am kommenden Samstag kurz vor 18 Uhr zum ersten Mal seit 44 Jahren englischer Meister. Der Titel wäre nicht nur für die leidgeprüften Anhänger ein grosses Geschenk, sondern auch für Bert Trautmann, der Citys Geschichte prägte wie kein anderer. 545-mal stand der heute 88-Jährige zwischen 1949 und 1964 im Tor der Himmelblauen, den Meisterpokal durfte er aber nie in die Höhe stemmen. Nun trennt den Verein seines Herzens nur noch ein Sieg gegen den Tabellensiebzehnten Queen’s Park Rangers vom grossen Triumph. Nicht zuletzt deshalb, weil die Citizens in der Person von Joe Hart wieder einen ganz grossen Keeper besitzen, wie Trautmann findet. «Joe ist derzeit zweifellos der beste Torhüter im Vereinigten Königreich», schwärmt der gebürtige Bremer, der im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener nach England kam.

Trautmann ist ein Glückskind, und so wäre es nur logisch, wenn er auch in seiner Funktion als Maskottchen endlich Erfolg hätte. Zumal ihm Fortuna im Monat Mai schon einmal treu zur Seite stand: Am 5. Mai 1956 überlebte er im Endspiel um den FA-Cup vor den Augen von 98’982 Zuschauern einen Genickbruch. Trautmann, der nichts von der schweren Verletzung wusste, spielte die Partie gegen Birmingham City nach dem fatalen Zusammenstoss in der 75. Minute zu Ende und hatte grossen Anteil am 3:1-Sieg seiner Citizens. Dass er nicht auf dem Platz starb, sondern folgenlos weiter durch den Strafraum hechtete, gilt bis heute als medizinischen Wunder.

Die Queen ehrte ihn für sein Zutun an die deutsch-britische Freundschaft: Bert Trautmann mit seinem Orden in Berlin, 2004. (Bild: Reuters)

Die Queen ehrte ihn für sein Zutun an die deutsch-britische Freundschaft: Bert Trautmann mit seinem Orden in Berlin, 2004. (Bild: Reuters)

Ein Wunder anderer Art hatte ihm über ein Jahrzehnt zuvor die Flucht aus einem sowjetischen Gefangenenlager ermöglicht, die folgende Internierung in Grossbritannien war letztlich die glücklichste Wendung in seinem Leben. Noch heute erheben sich die Menschen in Manchester von den Sitzen und applaudieren, wenn der beliebteste Deutsche und Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire die Arena betritt. Im alten City-Stadion an der Maine Road wurden nach Trautmanns Rücktritt die Pfosten ausgetauscht, da kein anderer als der einstige Gefangene zwischen ihnen stehen sollte.

Überhaupt ist Manchester City ein ganz besonderer Verein, auch wenn den Puristen die steinreichen Clubbesitzer aus Abu Dhabi nicht passen. Schon alleine ihrer Standhaftigkeit wegen haben die Fans der Citizens der Titel weit mehr verdient als die erfolgsverwöhnten Fans von Manchester United, die seit 1993 nicht weniger als zwölf Premier-League- und zwei Champions-League-Trophäen feiern durften. Wer den FCZ in den Zeiten der GC-Dominanz unterstützte, kann sich vorstellen, wie hart es über zwei Dekaden war, dem City-Lager anzugehören.

Auf Seiten von Manchester United sieht man das naturgemäss ganz anders. Der mächtige Trainer Sir Alex Ferguson, der beim letzten Derby einen Streit mit seinem City-Konterpart Roberto Mancini anzettelte, mag dem lange unterlegenen Stadtrivalen die neue Kraft nicht recht gönnen und kritisiert dessen wirtschaftliches Gebaren. «Niemand kann City auf finanzieller Ebene schlagen. Der Transfermarkt ist ausser Kontrolle geraten, das haben Teams wie City zu verantworten. Sie können sich jeden Spieler kaufen, das macht es für andere Vereine schwer, ein Wörtchen mitzureden», gab der Schotte zu Protokoll. Mit Verlaub, Ferguson als Anwalt der kleinen Clubs ist mehr als unglaubwürdig. Schliesslich erdrückte seine United die Konkurrenz über Jahre mit ihrer monetären Potenz.

City-Coach Mancini sollte im Fall des Titelgewinns gleich auch noch zum Ehrendoktor für Psychologie ernannt werden – als Lohn für seine Fähigkeiten, das Mannschaftsklima trotz der exzentrischen Lohnbezüger Carlos Tevez und Mario Balotelli auf einem angenehmen Niveau zu halten.

Appell der grössten Schweizer Fankurven

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 8. Mai 2012

Eine Carte Blanche von Thomas Gander*


Wer am Sonntag im «Sportpanorama» die Zusammenfassung des Derbys FC Zürich – FC Basel gesehen hat, wird sich nicht nur an den vielen Toren erfreut haben, sondern sich auch über das Fehlen der stimmungsvollen Ambiance gewundert haben, welche die beiden Fankurven normalerweise in das Zürcher Leichtathletikstadion bringen.

Eine Erklärung aus Sicht der Fans zu den Vorgängen vom Sonntag, als die Basler gar nicht erst im Stadion erschienen und die Zürcher ihre Kurve bald nach dem Anpfiff ebenfalls räumten, findet sich unter dem Titel «Solidarität statt Rivalität» sowohl auf der Website der Südkurve wie auch auf derjenigen der Muttenzerkurve Auch die Stadtpolizei schilderte ihre Sicht der Ereignisse auf ihrer Homepage.

Es ist aussergewöhnlich, dass sich zwei sonst rivalisierende Fangruppen miteinander solidarisieren und darauf verzichten, ihre Mannschaft im Stadion zu unterstützen. Kritisch könnte man hier anfügen, dass es den Fans also eher um sich selber geht als um ihre Mannschaft. Blickt man aber tiefer in die Fanszenen, erkennt man schon länger ein Brodeln in den Fankurven. Dort, wo sich wöchentlich Tausende von jungen Menschen treffen, ist es augenscheinlich so, dass vermehrt ihr Fansein und nicht die Mannschaft das Gesprächsthema ist. Es wird kontrovers fanpolitisiert, Aktionen werden ausgeheckt, Parolen auf Spruchbänder geschrieben oder Kurvenzeitungen mit kritischem Inhalt verteilt.

Verlassen zwei Fankurven, die sich ansonsten überhaupt «nicht riechen» können, gemeinsam das Stadion, um für ihre Rechte und ihr Anliegen zu kämpfen, ist dies derart ungewöhnlich, dass danach nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden kann. Fans haben keine Lobby, weder in der Politik noch in der Medienlandschaft. Ihr einziges Mittel ist es, mit solchen Aktionen auf sich aufmerksam zu machen. Tun sie es in dieser beeindruckenden Form, müssen wir diese Ausdrucksweise ernst nehmen! Wenn so eine grosse Anzahl junger Menschen auf die Strasse gehen würde, um gemeinsam zu protestieren – wie dies in den 80er-Jahren der Fall war – würden wir plötzlich wachgerüttelt werden. Sollten dann auch noch destruktive Kräfte in deren Reihen wach werden, würden wir uns noch mehr Sorgen machen.

Fankurven tragen Werte in sich und erklären ihr Dasein auch als Kontrapunkt zu unserer Gesellschaft. Als Raum, in dem in unserer individualisierten Gesellschaft doch noch Gemeinschaft möglich ist. Dort versammelt sind einige der letzten grösseren Gruppen, die sich eine kritische Meinung zur Gesellschaftspolitik machen (so gelesen im «Schreyhals», der Kurvenzeitung der Muttenzerkurve). Die Kurven bezeichnen sich selber als Subkultur, werden zunehmend grösser und für junge Menschen immer attraktiver.

Und was machen wir? Wir antworten mit immer strengeren Gesetzen (etwa das verschärfte Hooligankonkordat) und Massnahmenvorschlägen, welche ganze Fankurven zu kriminalisieren versuchen und ihre Mitglieder als potenziell gefährliche Menschen in die Ecke drängen. Wir gehen mit ihnen auf Konfrontation und bedrohen ihre Fankultur, ohne dabei zu merken, dass wir so Tür und Tor öffnen für radikalere Ideen und damit nur die destruktiven Kräfte in den Fankurven stärken.

Die gemeinsame Solidarisierungsaktion der Zürcher Südkurve mit der Basler Muttenzerkurve kann auch als Appell verstanden werden, endlich mal genauer hinzuschauen, was da in und um unseren Fankurven geschieht. Das Feld nur den Populisten und den Profilierern zu überlassen ist nicht nur nicht klug, sondern gefährlich.

*Thomas Gander ist Geschäftsführer von Fanarbeit Schweiz (FaCH)
und Co-Leiter von Fanarbeit Basel.

Die geheimen FCZ-Tribünengespräche

Alexander Kühn am Samstag den 5. Mai 2012

Was besprechen Ancillo und Heliane Canepa eigentlich mit dem designierten FCZ-Trainer Rolf Fringer? Das Protokoll eines fiktiven Gesprächs.


Rolf Fringer: Also im «Sportpanorama» hat das irgendwie alles besser ausgesehen, die spielen ja noch schlimmer als der FC Luzern vor meiner Entlassung.

Ancillo Canepa: Sei doch froh, dass du erst in der nächsten Saison auf der Trainerbank sitzen musst. Bis dahin hat der Bickel die ganzen Bratwürste aussortiert.

Rolf Fringer: Abwarten, Cillo. Dem Magnin habt ihr ja damals einen Vertrag bis Sommer 2013 gegeben. Und wies aussieht, möchte den nicht mal Zürich United haben.

Ancillo Canepa: Die Heliane wollte halt unbedingt, dass der Magnin zum FCZ kommt. Wegen den roten Haaren, damit sie nicht mehr die Einzige ist. Und unter dreieinhalb Jahren wollte er nicht.

Rolf Fringer: Also wenn der Bickel den bis im Sommer loswird, dann schneide ich mir eine Igelifrisur à la Urs Fischer.

Ancillo Canepa: Und ich lasse mir einen Irokesen rasieren.

Heliane Canepa: Aber Schatz, du hast mir doch versprochen, dass wir in der nächsten Saison die gleiche Frisur tragen werden. Dann können wir endlich als Kobolde zusammen an die Basler Fasnacht.

Ancillo Canepa: Hör mir auf mit dieser Kobold-Nummer! Die lachen in Basel sowieso schon über uns. Und überhaupt muss ich jetzt mit dem Rolf die neue Saison planen und habe keine Zeit, mit dir zu diskutieren.

Rolf Fringer: Wenn mir die Heliane den Petric kauft, verkleide ich mich von mir aus auch als Kobold.

Heliane Canepa: Siehst du, Schatz. Das ist eben noch ein Mann mit Mut.

Ancillo Canepa (flüstert seiner Frau zu): Sonst hätte er ja hier auch nicht unterschrieben. Obwohl er noch gar nicht weiss, dass ich nach dem ersten gewonnenen Testspiel doch wieder den Meistertitel als Minimalziel ausgeben werde. Zumal wir ja ganz sicher keine Doppelbelastung mit dieser komischen Europa League haben werden.

Heliane Canepa: Jetzt tu mal nicht so, Schatz. Du hast dich doch auch gefreut über die Dienstreise zum Spiel gegen Lazio Rom. Und in der Waffenkammer der Schweizer Garde hast du noch mehr gestrahlt als damals bei der Vertragsunterzeichnung mit dem Magnin.

Ancillo Canepa: Psst! Das muss doch der Rolf nicht wissen, sonst nimmt er mich auch nicht mehr ernst. Wenn du nicht gleich still bist, sage ich allen, dass du den Smiljanic als neuen Abwehrchef verpflichten wolltest.

Heliane Canepa: So ein Quatsch! Also so viel versteh auch ich noch vom Fussball. Und überhaupt, geh mir jetzt besser mal eine Bratwurst holen. Mit meinen MBT-Schuhen komme ich schlecht die Treppen runter, und der Rolf hat sicher auch Hunger.

Ancillo Canepa (steht auf): Also gut, dann geh ich mal an den Wurststand.

Rolf Fringer (eindringlich zu Heliane Canepa): Das mit der Basler Fasnacht und den Kobold-Haaren ist mir wirklich ernst, aber dann will ich zum Petric auch noch zwei finnische Masseure und einen polnischen Chiropraktor, damit der Chikhaoui nicht wieder die halbe Saison verletzt ist.

Heliane Canepa: In Ordnung, ich verstecke Cillo seine Lieblingspfeife und gebe sie ihm erst wieder, wenn er zu allem Ja und Amen gesagt hat. Wir gehen dann aber auch gleich zusammen in den Franz Carl Weber und kaufen die Verkleidung.

Rolf Fringer: Von mir aus, Hauptsache ich kriege den Petric, die Masseure und den Chiropraktor. Wenn der Chikhaoui nicht fit ist, wird es hier auch in der nächsten Saison nichts, und dann bringt mich der «Blick» zur Strafe womöglich noch als GC-Trainer ins Gespräch.

Ancillo Canepa: So, da bin ich wieder! Einmal Bratwurst und Bier für alle.

Heliane Canepa: Danke, Schatz. Gut gemacht. Und sag mal, wie lange läuft eigentlich der Vertrag vom Aegerter noch?

Ancillo Canepa: Noch bis im Sommer.

Rolf Fringer: Gott sei Dank.

Heliane Canepa: Allerdings. Das ist auch so einer, der immer dort hinrennt, wo der Ball ist, dann aber doch nichts macht. Aber erklär das mal dem Cillo.

Ancillo Canepa: Auf den Silvan lass ich nichts kommen.

Heliane Canepa: Das hast du auch schon beim Fischer gesagt. Deine beste Entscheidung als FCZ-Präsident …

Ancillo Canepa: Was hätte ich denn tun sollen? Der Challandes ist immer gleich so aufbrausend geworden, ich habe ja manchmal fast meine Pfeife verschluckt. Und der Fischer war wenigstens nett.

Rolf Fringer: Der Gegner hat übrigens gerade ein Tor geschossen. Also wir brauchen unbedingt noch vier neue Verteidiger und einen international erfahrenen Mann fürs defensive Mittelfeld.

Heliane Canepa: Vier Verteidiger? Das finde ich schon etwas übertrieben.

Rolf Fringer: Denk an die Kobold-Verkleidung, Heliane!

Heliane Canepa (sehr kleinlaut): Okay, vier Verteidiger.

Spiele ohne Schiris – für mehr Fairness

Mämä Sykora am Donnerstag den 3. Mai 2012
Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Nimmt Entscheidungen ab: Schiedsrichter Massimo Busacca im Stade de Suisse. (Bild: Keystone)

Letzten Sonntag startete die Zürcher Alternativliga in ihre 35. Saison. Seit einigen Jahren wird der erste Spieltag ohne Schiedsrichter gespielt, die Mannschaften müssen es unter sich ausmachen, ob und für wen ein Einwurf, Freistoss oder Penalty fällig ist. Weil Offside-Entscheidungen deutlich schwieriger zu beurteilen sind, einigen sich viele Teams darauf, wenigstens Linienrichter aus ihren Reihen zu stellen.

Am Tag nach diesen Auftaktspielen stand in der englischen Premier League das vielleicht meisterschaftsentscheidende Manchester-Derby an. Es war ein sehr intensives Spiel, mit einigen harten Tacklings und viel Körpereinsatz, das einen verdienten Sieger fand und zu keiner Zeit unfair war. Im Anschluss daran – nachdem der fantastische Yaya Touré genug gewürdigt worden ist – schlitterten wir an der Bar irgendwie in die Diskussion, wie denn diese Partie gelaufen wäre, hätte sie wie tags zuvor bei uns ohne Unparteiische ausgetragen werden müssen.

Bei solch hypothetischen Fragen kann man sich gerne verlieren. Und tatsächlich herrschte alles andere als Einigkeit. Ich vertrat die Ansicht, dass ja eigentlich jeder Spieler selber wisse, wann er ein Foul begangen und ob er den Ball zuletzt berührt hat, bevor er ins Aus ging. Steht ein Referee auf dem Platz, versuchen die Kicker selbstverständlich, möglichst nahe an dessen Toleranzgrenze zu gehen. Wenn dieser eine klare Linie hat, werden sich die Beschwerden und Ausrufe auch in Grenzen halten. Grössere Probleme ergeben sich dann, wenn sich die Profis darauf verlegen, den Schiedsrichter zu täuschen, um daraus einen Vorteil zu gewinnen. Das betrifft in erster Linie Schwalben, aber auch Handspiele, versteckte Tätlichkeiten etc.

Fällt ein Schiri auf so etwas rein, wird dies beim Nutzniesser als Erfolg gefeiert. Wenn die Entscheidungsgewalt ganz beim Mann in Schwarz liegt, dürfen die Spieler getrost Gewissen und Sportmanship ablegen, der Ärger bei offensichtlichen Fehlentscheidungen trifft nicht sie, sondern prasselt auf den «blinden Schiri» nieder. Diesen zu täuschen, hat anscheinend kaum etwas Verwerfliches mehr an sich. Und genau hier sollte man meiner Ansicht nach den Hebel ansetzen.

Ist kein Unparteiischer anwesend, kann die Entscheidung nicht abgeschoben werden und es ist niemand da, den man reinlegen kann. Liegt ein Spieler auf dem Boden, müssten es die Spieler untereinander ausmachen, wie nun weitergespielt wird. Und in 99 Prozent der Fälle ist es jedem Beteiligten klar, wie die Entscheidung sein muss. Es ist lediglich eine Frage der Grösse und des Charakters, ob man ein Vergehen zugibt oder ob es einem nichts ausmacht, dem Gegenspieler geradewegs ins Gesicht zu lügen und vor Tausenden von Zuschauern im Stadion und am TV als Betrüger dazustehen.

In der Alternativliga, in der es zugebenermassen nicht um Millionen und Weltruhm geht, funktioniert das bestens. Und selbst im Profifussball fällt ab und dann ein Akteur mit einem ausprägten Gerechtigkeitssinn auf. Vor drei Wochen etwa gab Pauli-Stürmer Marius Ebbers ein Handspiel vor einem Torerfolg zu, der Treffer wurde annulliert. Und dies im Aufstiegsrennen. Mit Leuten wie Ebbers dürfte ein Spiel ohne Schiri problemlos möglich sein. Beim grossen Rest der kickenden Zunft äusserten meine Freunde hingegen grosse Bedenken.

Diese seien schlicht zu sehr darauf konditioniert, sich stets einen Vorteil erschleichen zu wollen, dass sie die Zeit, in der sie auf Bolzplätzen selber noch ohne Schiri spielen mussten, längst vergessen haben. Zudem, setzte einer drauf, der schon öfters mit Profifussballern zu tun hatte, seien die meisten nun wirklich keine Menschen mit Vorzeigecharakter. Für ihn war klar, dass der Match am Montag ohne Schiri schlicht unspielbar gewesen wäre.

Ein Versuch wäre allemal spannend. Wenn analog zur Alternativliga die erste Meisterschaftsrunde in Europa ohne Schiri gespielt würde, die Medienaufmerksamkeit gewiss ist und sich die Spieler darauf vorbereiten können, ja dann müsste es doch möglich sein, dass 22 erwachsene Männer eine Einigung in der Frage finden könnten, wer denn nun wen getreten hat. Es würde hoffentlich etwas dazu beitragen, dass die Fairness und die Sportmanship nicht ganz verkümmern. Oder etwa nicht?

Trainer vom Typus Gross sind nicht mehr zeitgemäss

Alexander Kühn am Dienstag den 1. Mai 2012


Die sportliche Ehe zwischen den Berner Young Boys und Christian Gross ist grandios gescheitert. Am Ende waren die Darbietungen auf dem Rasen so dürftig, dass selbst CEO Ilja Kaenzig die Weiterbeschäftigung des bärbeissigen Zürchers nicht mehr länger verantworten wollte. Mit seiner autoritären Art und dem wenig feinsinnigen Fussball, den Spötter als Stratosphären-Pingpong bezeichnen, kam Gross beim Berner Publikum nicht an – und bei den Spielern trotz gegenteiliger Beteuerungen offenbar auch nicht. Was soll ein Fussballer schon über seinen Chef sagen, wenn ihn ein Reporter fragt, ob er sich unter dessen Kommando wohl fühle?

Gross, der nach den Engagements beim FC Basel und dem VfB Stuttgart die dritte Entlassung innerhalb von zweieinhalb Jahren hinnehmen musste, hat enorme Verdienste um den Schweizer Fussball. Er sorgte mit GC und dem FCB in der Champions League für Furore und trug so massgeblich zur Steigerung des Ansehens der hiesigen Kicker bei. Der Glatzkopf war ein grosser Trainer – unbestritten. Das Problem ist aber, dass die Betonung hierbei auf dem Wort «war» liegt. Die Zeit der autoritären Fussball-Lehrer ist abgelaufen. Nur ganz wenige Ausnahmefiguren wie Sir Alex Ferguson von Manchester United oder der begnadete Selbstdarsteller José Mourinho von Real Madrid halten sich noch. Gross aber zählt nicht zu diesen Ausnahmefiguren.

«Ich konnte der Mannschaft nicht die gewünschte Winner-Mentalität einpflanzen», bekannte er nach seiner Entlassung vor der Presse, um anzufügen: «Ich bedaure, dass die Clubführung nach relativ kurzer Zeit das Vertrauen verloren hat.» Mit Verlaub, Herr Gross: Ein Trainer mit einem weniger klangvollen Namen wäre bei diesen Ergebnissen schon viel früher entlassen worden. Und anders als dem ebenfalls geschassten FCZ-Coach Urs Fischer hat man Ihnen im Winter auch nicht die halbe Mannschaft verkauft, sondern einen teuren Mann wie Raul Bobadilla geholt.

Benjamin Huggel, in Basel einst Schützling von Christian Gross, hat an der Meisterfeier des FCB einen klugen Satz gesagt, als er gefragt wurde, ob Heiko Vogel ein autoritärer Trainer sei: «Ein autoritärer Trainer wird keinen Erfolg haben.» Tatsächlich scheint im modernen Fussball der kumpelhafte Typ gefragt zu sein, der charmante, witzige Kommunikationsprofi, der Seelenmasseur und Gute-Laune-Bär. Basels Meistermacher Vogel fällt ebenso in diese Kategorie wie Jürgen Klopp vom Bundesliga-Primus Borussia Dortmund oder Roberto Di Matteo, der den FC Chelsea sensationell in den Final der Champions League führte und selbst das ewige Sorgenkind Fernando Torres wieder zu neuem sportlichem Leben erweckte.

Vogel, Klopp, Di Matteo – sie alle sprechen eine Sprache, die bei den naturgemäss jüngeren Spielern ankommt. Will Gross an alte Erfolge anknüpfen, muss er sich kommunikativ neu erfinden – an Kompetenz mangelt es ihm nicht. Gute Vorbilder gibt es genug. In der Schweiz sticht neben Vogel auch Murat Yakin heraus, der beim FC Luzern mit Kompetenz und Intellekt das Maximum aus der Mannschaft kitzelt, in Deutschland Lucien Favre. Favre, der mit Borussia Mönchengladbach an der Qualifikation zur Champions League teilnehmen darf, ist mit Jahrgang 1957 biologisch zwar nur drei Jahre jünger als Gross, wirkt aber mit seinen funkelnden Augen und dem jungenhaften Charme, als gehöre er einer ganz anderen Generation an. Dass sich Gross nach dem dritten Scheitern in Folge den Traum vom Job als Schweizer Nationaltrainer noch erfüllen kann, darf man nach dem aktuellen Stande der Dinge nebenbei bemerkt bezweifeln.