Ach, du heiliger Schein!

Der Prediger in «Preacher» ist voller Feuer. Bild: zvg

Winterhochzeit. Wir sitzen fröstelnd in der Kirche und reiben uns sie Hände. Ich schaue mich um.
«Was suchst du?»
Mein Begleiter hat erkannt, dass ich mich in der Kirche nicht zurechtfinde. Kein Wunder, liegt mein letzter Besuch doch schon… ähm, keine Ahnung, wie lange zurück.
«Die Kerzen. Ich möchte eine anzünden», erkläre ich.
«Ehm, du bist reformiert. Kerzen gibts doch nur bei uns Katholiken.»
«Aber im Berner Münster hat es welche…»
«Das ist bestimmt so eine Touristensache.»
Wir setzen uns in die hinterste Kirchenbank und staunen nicht schlecht: Da hat jemand, wohl im pubertierenden Übermut, schlimme Worte ins Holz geritzt, zusammen mit – je nach Betrachtungsweise – einem Raketen- oder Schnäbibild.
«Ich habe mir das anders vorgestellt», stelle ich fest. Kein Wunder, ist doch mein christliches Religionsbild geprägt von Serien, allen voran von amerikanischen. In denen wird inbrünstig gepredigt und gegen Dämonen gekämpft – wie in «Preacher» (seit 2016), jener Serie, die auf dem gleichnamigen Comic basiert und vom Comedystar (!) Seth Rogen produziert wird.

Oder die Protagonisten werden von Höllenhunden und apokalyptischen Reitern gejagt – wie in «Supernatural» (seit 2005), der am längsten laufenden US-Fantasyserie, die eben eine 13. Staffel zugesichert bekam. Die Prediger tragen stets schwarze Roben, Opferkerzen flackern überall, und immer, immer heisst es: «In guten wie in schlechten Tagen? Ja, ich will!»
Hier gibts nur ein puristisches «Ja», und ein «Amen» später tritt die Gemeinde schon wieder hinaus ins Minuswetter. Auf dem Nachhauseweg passiere ich eine katholische Kirche und trete ein. Endlich kann ich eine Kerze anzünden! Ich setze mich zum Aufwärmen kurz auf die Holzbank und lese die eingeritzten Kraftausdrücke. So unterschiedlich sind die verschiedenen Kirchen also doch nicht.

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