Kindgerecht fluchen

Urs Baumann

Scheisse, verdammt und zugenäht! Am TV wird geflucht, was das Zeug hält. Fernsehen oder nicht fernsehen – kein Wunder, ist das bei der Kindererziehung früher oder später die Frage.

Die Positionen sind so unterschiedlich und radikal wie sonst nur in Ernährungsbelangen («Was, Sie geben Ihrem Kind Weggli? Sie wissen aber schon, dass da böses Salz drin ist?»). Es gibt Laisserfaire-Eltern, die das Fernsehgerät als Babysitter einspannen, es gibt Nietzsche-Eltern, die ihrem Kind die Existenz des TV verschweigen, es gibt Häppchen-Eltern, die ihre Kleinen zu vordefinierten Zeiten vordefinierte Serienepisoden schauen lassen, und es gibt Youtube-Erzieher, die ihrem Spross zwar das Fernsehen untersagen, ihm aber auf dem Smartphone Youtube-Videos abspielen – weil das ja etwas gaaanz anderes ist. So oder so, irgendwann drängt sich die Frage auf: Wann ist der Nachwuchs alt genug für seine erste Serie – und die Sprache, die da frei Haus mitgeliefert wird?

Meine Haltung war stets klar: Wenn ein Kind alt genug ist, um zu verstehen, was die Figuren auf dem Bildschirm alles anstellen, steht der Zeiger auf «Go». Dann heisst es kindgerechte Programme heraussuchen und sie zusammen mit dem Spross schauen, um bei Bedarf die Pausetaste zu betätigten und relativierende Antworten zu geben, wie: «Dem Comic-Hundi geht es gut, das Miaui hat ihm nicht richtig wehgetan», oder eben: «Nein, dieses Wort sagen wir nicht. Das Mausi ist ein ganz freches, und wir werden ihm das nicht nachmachen».

Und dann kam die Realität beziehungsweise Serienjunkie junior und damit das Brechen einstiger Vorsätze. So setzte ich das Baby, noch ehe es davonkrabbeln konnte, vor «Die 72 süssesten Tiere», die harmloseste Serie aller Zeiten auf Netflix Schweiz, und fluchte schon bald: «Was für ein Scheissranking! Das Eichhörnchen ist viel süsser als dieser blöde Pinguin!»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 19.01.2017, 15:46 Uhr

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