Tatort Schlafzimmer

Andere Menschen stecken ihre Nase gerne in fremde Badezimmerschränke, um mehr über die Hausherren und -damen zu erfahren. Ich begutachte jeweils die DVD-Sammlung, die ebenso viel über die Psychologie eines Menschen verrät wie Tigerbalsam und Temesta. Wer Filme wie «Eat Pray Love» besitzt oder alle Staffeln von «Dawson’s Creek», schmiert sich nach einem stressigen Tag eher das Balsam auf die Stirn, wer Kriegsdrama an Kriegsdrama reiht und es auch bei Serien erschütternd mag, greift wohl eher zum Beruhigungsmittel.

Meine stammtischpsychologischen Deutungsfähigkeiten reichen jedoch nicht aus, das Wesen eines Freundes zu erfassen, den ich eigentlich glaubte, ganz gut zu kennen – jedenfalls bis zu dem Moment, in dem ich in seinem Schlafgemach ein vor der breiten Öffentlichkeit verstecktes Regal entdeckte, in dem sich vom Boden bis unter die Decke «Tatort»DVDs stapeln. Nicht irgendwelche gekauften Editionen, nein, der Freund nimmt Sonntag für Sonntag Folge für Folge auf, bannt sie auf eine Scheibe und versieht sie mit einer eigens für seine Privatsammlung gestaltete Hülle, auf der Titel und Stadt der berühmten Krimireihe festgehalten sind.

«Sammler sind glückliche Menschen», soll Goethe einmal gesagt haben. Der Freund wirkt jedenfalls ausgeglichen, muss aber viel arbeiten, um sich die grosse Wohnung leisten zu können. Denn 1025 DVDs nehmen ein bisschen mehr Wohnfläche ein als eine Packung Valium.

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