
Die Worte, die Patrick Raaflub, Direktor der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA, Ende Februar in Bern an die Öffentlichkeit richtete, waren sehr deutlich: Die Schweiz drohe zu einem “Kundenschutz-Entwicklungsland” zu verkommen, sagte er, weil mangels entsprechender Rahmenbedingungen zu viele Kunden von ihren Finanzdienstleistern unangemessen beraten werden. Und weiter:
“Problematisch sind die mangelhafte Transparenz und die schlechte Verständlichkeit des Informationsmaterials für strukturierte Finanzprodukte. […] Noch heute sind viele Dokumente, mit denen Banken, Versicherer oder externe Vermögensverwalter Anlageprodukte bewerben, sehr schwer verständlich und für einen Laien kaum zu durchschauen. Noch immer besteht also die Gefahr, dass Anleger Finanzprodukte kaufen, die nicht für sie geeignet sind.”
Raaflubs Botschaft ist klar: Menschen übergeben einer Bank nicht nur täglich ihr Geld, sondern erlauben ihr sogar, in der Zwischenzeit damit Geschäfte zu tätigen. Das ist ein Akt höchsten Vertrauens und Grundlage jedes Bankgeschäfts. Und eine Bank, die kein Vertrauen von Kunden und Geschäftspartnern mehr geniesst, weil sie nicht auf deren Probleme und Wünsche hört, sondern vor allem versucht, standardisierte Produkte zu verkaufen, ist mittelfristig zum Scheitern verurteilt.
Nur: Wie können Banken und Finanzdienstleister das verloren gegangene Vertrauen wieder zurück gewinnen? Die FINMA fordert etwa einen standardisierten Beipackzettel, der durchschnittlich gebildete Anleger verständlich über Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen von Finanzprodukten informiert.
Aus Sicht vieler verhaltensökonomischer Forschungen zum Thema Geld und Finanzen ist so eine Inititative auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Heute wissen wir, dass finanzielle Fehlentscheidungen meist auf kognitive Verzerrungen zurück zu führen sind. Manche davon – etwa die Verlustaversion, deren Auswirkungen Jean-Robert Tyran hier schon beschrieben hat – gehören zum Menschsein einfach dazu. Sie sind durch die Evolution in uns angelegt.
Bessere Information führt zu besseren Entscheidungen
Darum ist ist es auch nicht verwerflich, wenn man als Verbraucher gewisse Finanzprodukte nicht versteht. Man sollte bloss die Finger davon lassen. Und man sollte mit entsprechenden Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass die mangelnde Informiertheit der Kunden nicht bewusst von Finanzdienstleistern ausgenutzt wird, sondern durch Information bessere Entscheidungen angestossen werden.
Die Ökonomin Marianne Bertrand hat für eine kürzlich im “Journal Of Finance” publizierte experimentellen Studie (hier das Working Paper) untersucht, wie sich in den USA die negativen Effekte so genannter Payday Loans für Verbraucher mindern lassen. Payday Loans sind Barkredite über kleine Summen, die mit dem nächsten Monatsgehalt des Kreditnehmers besichert werden. Sie werden unbürokratisch und ohne Bonitätsprüfungen gewährt. Und sie treiben mit horrenden Zinsen viele Geringverdiener in die Schuldenfalle.
Bertrand hat in mehreren Versuchsanordnungen getestet, ob sich mit entsprechenden Beipackzetteln das Kreditverhalten typischer Paday Loans-Kunden verändert. Am effektivsten erwies sich jene Variante, in der vor dem Abschluss des Vertrags klar dargestellt wurde, welch hohe Geldsummen bei diesen Barkrediten längerfristig allein für Zinsen bezahlt werden müssen: Als diese Informationen allgemein verständlich zur Verfügung standen, ging die Zahl der Payday-Loans innerhalb des Beobachtungszeitraums von vier Monaten um gut zehn Prozent zurück.
Beipackzettel zu Finanzprodukten helfen
Schon anhand dieses Beispiels lässt sich erkennen, dass verbindliche und standardisierte Beipackzettel tatsächlich die finanziellen Entscheidungen der Menschen verbessern können, ohne ihre Freiheit einzuschränken. Sie können ja mit ihrem Geld noch immer tun, was sie wollen.
Die Möglichkeiten, die sich daraus ableiten lassen, sind auf jeden Fall vielfältig: Bei Anlageprodukten etwa könnte man die Risiken klar darstellen, indem man die Höhe des nach Risiko verbleibenden Anlagebetrags ausweist. Auch Liquidität und Flexibilität bei Sparprodukten wären leicht und verständlich abzubilden – zum Beispiel in Form eines Kalenders, der einem zeigt, wie viel des Ersparten zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügbar sein wird.
Die Ideen für solche transparenten und verständlichen Produkte geben schon seit jeher die Verhaltensmuster der Kunden vor. Wer sie umsetzt, kann die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen, um Kunden selbstverantwortlich und selbstbestimmt handeln zu lassen. Der Trend weist auf jeden Fall eindeutig in diese Richtung.
Übrigens: Wenn Sie noch weitere Ideen haben, wie man die finanziellen Entscheidungen von Menschen verbessern kann, nutzen Sie dafür doch bitte die Kommentarfunktion dieses Blogs. Ich freue mich auf Ihre Antworten.
Schlagworte: Banken, Behavioral Economics, Behavioral Finance, Empowerment, Finanzen
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Gerhard Fehr
Wird ein Anleger über sämtliche Risiken aufgeklärt, dann kauft er nichts mehr, wegen der Verlustaversion. Das ist schlecht fürs Geschäft. Deshalb ist es aus Geschäftsgründen besser, die eigenen Verkäufer über die allfälligen Risiken im Ungewissen zu lassen, was ja auch passiert. Fragen Sie mal Ihren Anlageberater über die strukturierten Produkte aus, die er Ihnen verkaufen will und Sie werden staunen, wie wenig die Verkäufer davon verstanden haben.
Es ist wie mit den Medikamenten. Aus geschäftlichen Gründen werden die positiven Wirkungen in den Vordergrund gestellt und die negativen ins Kleingedruckte verbannt. Würde dies nicht gemacht, dann ginge das Geschäft den Bach runter.
Wer den Artikel letzte Woche des Goldman Sachs Aussteigers Greg Smith gelesen hat, der wird endlich begriffen haben, dass er denkbar schlecht bedient ist, in Finanzangelegenheiten auf seine Bank zu hören. Kaum zu glauben, dass es noch Leute gbt, die an “Beratung” durch die Bank glauben. Man ist versucht zu sagen: Ignoranz schützt vor Strafe nicht – in der Form von Finanzprodukten, die nur der Bank dienen und nicht dem Kunden.