Engadiner Prophezeiungen

Ewa Hess am Dienstag den 2. Februar 2016

Liebe Leute, was wissen wir? Alles und nichts zu gleich! Vor allem jetzt. Überall schwirrt die Information, wir sehen sie links, rechts, sie ergiesst sich auf unsere Bildschirme, wir wollen sie packen, verstehen, zu neuen Ufern damit aufbrechen … Und gerade, wenn wir denken, dass wir klüger geworden sind, zerfällt uns alles wieder in Stücke. Plop.

Was tun? Wie integrieren, konsolidieren, greifbar machen? Am Wochenende versammelte sich in Zuoz eine hochkarätige Truppe von Künstlern, Architekten, Kuratoren und anderen Denkern (womit die Denkerinnen fest mitgedacht sind), um der Sache mit den freifloatenden Fragmenten auf die Schliche zu kommen. Nach zwei Tagen dicht an dicht gehaltener Vorträge hier schon mal die Good News: Es gibt einen Weg.

Was: Engadin Art Talks  zum Thema «Traces and Fragments»
Wo: Im Gemeinschaftssaal der Chesa cumünela in Zuoz
Wann: 30. und 31. Januar 2016

Die Organisatoren Cristina Bechtler und Hans Ulrich Obrist, Dorfplatz in Zuoz, Pause für die rauchenden Köpfe

Die Organisatoren Cristina Bechtler und Hans Ulrich Obrist, Chesa cumünela in Zuoz, Pause zwischen den Talks. Bilder: Ewa Hess / Alex Hana / E.A.T.

Am zweiten Tag brachte es ein alter Herr auf den Punkt. Sein Name ist Giorgio Griffa und er wird dieses Jahr 80. Griffa ist ein Maler, kommt aus Turin, von der Ausbildung her ist er kein Künstler, sondern Jurist. Er sagte am Sonntag in Zuoz:  Wir müssen alle zu Dichtern werden.Um die Schnipsel des Wissens der Kakofonie zu entreissen. Dichten hat nämlich etwas mit «verdichten» zu tun. Und die Informationsstücke kann man, muss man sogar verdichten, auf eine kreative und intelligente Weise. Das Wissen bisher sei so etwas wie ein sinfonisches Konzert gewesen. Hier die Violinen, dort die Flöten, ab und zu die Trommel, und alles nach einer festen Partitur. Das Wissen heute, sagt Griffa, ist eher wie Free Jazz. Die Neuronen leuchten zunächst einmal chaotisch im Kopf auf und nur mit der Haltung einer gut gelaunten Alertheit kann man darin ein Muster erkennen – oder seine eigene Melodie dazu performen.

Giorgio Griffa als junger Maler in den 70-er Jahren, vor einem seiner Gemälde und während des Vortrags in Zuoz

Giorgio Griffa als junger Maler in den 70er-Jahren, vor einem seiner Gemälde und während des Vortrags in Zuoz.

Griffa muss es wissen, denn er macht sein Leben lang nichts anderes. Als er in den 70er-Jahren anfing, war er nah an der minimalistischen Kunst. Doch anders als seine Kollegen, wollte er diese nicht komplett von der Individualität des Künstlers entkoppeln. Ihm war es wichtig, dass in den Mustern, die er auf eine ungrundierte Leinwand anbrachte, die Hand des Malers noch erkennbar war. Und vor allem, mitten in der Arbeit hörte er mit dem Malen auf. Dieser Moment des willentlichen Aufhörens, das prononcierte «abstellen» des kreativen Prozesses, wurde so etwas wie sein Markenzeichen. Und, Hand aufs Herz, kennen wir nicht alle die alles beherrschende Macht des «switch off»? Nur wer sich aus dem Netz bewusst ausschalten kann, verheddert sich heute nicht in den endlosen Informationsschlaufen.

Kasper König wartet auf den Zug, Pascale Marthine Tayou mit bunten Energiekugeln, Eyal Weizmann erklärt, wie man reale Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus den Pixeln herauslesen kann

Kasper König wartet auf den Zug, Pascale Marthine Tayou mit bunten Energiekugeln, Eyal Weizmann erklärt, wie man reale Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus den Pixeln herauslesen kann.

Als einige von uns einige Stunden später auf den Zug nach Zürich warteten, sass der legendäre deutsche Kurator Kasper König auf dem Bänkchen des Zuozer Bahnhofs, eine bunte Strickmütze auf seinem Knie. «Wenn man dreissig Jahre an einem Konzept festhält», brummte König auf seine unnachahmliche Art, «kann man meistens irgendwann, mehrere Generationen später, damit wieder Furore machen.» Stimmt ja schon, lieber Herr König, doch nur wenn das betreffende Konzept wirklich gut ist, nicht wahr? Das von König ist übrigens ebenso solid wie das von Griffa – der ehemalige Direktor des Ludwig-Museums in Köln initiierte etwa schon 1976 die Skulptur-Projekte in Münster. Die gibt es nicht nur immer noch (alle 10 Jahre) – die Ausgabe 2017 ist gerade in Vorbereitung – das Konzept einer grossen Ausstellung zeitgenössischer Kunst draussen in der Provinz wurde seither zu einem Erfolgsmodell.

Fotograf Hans Danuser, Moderatoren Beatrix Ruf und Daniel Baumann, Maler Albert Oehlen und Julian Schnabel im Gespräch

Fotograf Hans Danuser, Moderatoren Beatrix Ruf und Daniel Baumann beim Anreichern der Drähte mit Energie, die Maler Albert Oehlen und Julian Schnabel im Gespräch.

Aber zurück zu Griffa. Sein Auftritt hatte etwas von dem eines Propheten. Mit leiser Stimme, konzentriert und ohne aufzuschauen, entrollte der bescheiden gekleidete Turiner Intellektuelle in seiner Rede nichts weniger als ein Konzept der neuen Zeit. Die Ära der Domination sei vorbei, sagte er, also die Zeit, als der Mensch vor allem dominieren wollte – die Natur, die Dinge, andere Menschen, andere Geschlechter oder Religionen usw. Deshalb würden wir jetzt eine andere Art der Interaktion brauchen. Da komme eben Free Jazz ins Spiel. Sozusagen ein Tanz der beweglichen Intelligenzen. Und zwar nicht nur zwischen Mensch und Mensch. Sondern auch zwischen Mensch und Natur. Ja, gerade der Kontakt, der Dialog mit der Intelligenz der Materie werde uns in Zukunft weiterbringen, sagte Griffa. Und verwies auf die magnetischen Kräfte, und die Art, wie die Lichtpartikel Objekte zum Leuchten bringen. Er selbst bewahrt seine Leinwände übrigens ohne Rahmen und aufeinandergeschichtet – die zufällig entstandenen Falten und Knitter bereichern so seine eigenen Muster.

Ein Werk von Giuseppe Penone (Sammlung H. Looser), Tayou im Gespräch mit der Koreanerin Koon XY A

Ein Werk von Giuseppe Penone (war in Engadin nicht zu sehen, und doch irgendwie präsent), Tayou im Gespräch mit der Koreanerin Koo Jeong A.

Zu diesem Credo passte an dieser prophetischen Tagung vieles. Etwa das Gespräch zwischen den Malern Albert Oehlen und Julian Schnabel, die zwar beide abstrakt malen, aber verschiedener nicht sein könnten.Die beiden gegensätzlichen Charaktere sprachen von ihren Gemälden wie von lebendigen Wesen. Schnabel sagte sogar, dass seine Leinwände, wenn sie fertig sind, unmerklich grösser wirken und aufatmen. Oehlens Werke, zu welchen er ein weit weniger liebevolles Verhältnis hat als Schnabel zu den seinen, lassen ihn dafür nicht los. Der Maler, den sein Werk quält, will aufhören, aber das Gemälde sagt: nein. Du musst noch ein bisschen ran. Auch das ein Beispiel für eine intelligente Interaktion Mensch-Materie.

Albert Oehlens Bild "Evolution" von 2002, Zabludowicz-Collection

Lässt den Schöpfer nicht los: Albert Oehlens Bild “Evolution” von 2002, Zabludowicz-Collection

Auch die minimalistische Performance der Koreanerin Koo Jeong A, welche der magnetischen Anziehungskraft von zwei Nägeln die Bühne überliess, feierte auf ihre stille Art das Thema. Und auch der fulminante Auftritt des aus Kameroun stammenden Künstlers Pascale Marthine Tayou, der das Publikum bunte Schlauchstücke auf zwei lange Drähte aufziehen liess und diese beiden mit der Energie des Saals angereicherten Objekte zu glühenden Energiekugeln formte. Tayou übrigens, der mit uns in der Rhätischen Bahn ins Tal runterfuhr, ist Kunstprofessor an der Ecole des Beaux Arts in Paris. Und wo findet sein Unterricht statt in Paris? Ich bin im Zug fast aufgesprungen von meinem Sitz, als er uns das sagte: Im ehemaligen Atelier des italienischen Arte Povera Naturmagiers Giuseppe Penone. Lucky us! Wollte ich rufen. Denn das Kunsthaus Zürich bekommt doch – hoffentlich klappt das – einige wunderbare Penone-Skulpturen aus der Sammlung von Hubert Looser. Und Penone war einer der Allerersten, die der Intelligenz der Natur Reverenz erwiesen.

Sylvie Fleury vor ihrer Eisskulptur, «Eternity Now» im Kirchhof von Zuoz

Sylvie Fleury vor ihrer Eisskulptur, «Eternity Now» im Kirchhof von Zuoz.

Am Samstag bekamen wir noch ein weiteres Beispiel für die Intelligenz der Materie präsentiert. Und wir begriffen – sie kann sich exakt an jener Stelle entfalten, an der die Dominanz des Menschen Verbrechen begeht. Der israelische Architekt Eyal Weizmann gab uns eine kurze dichte Einführung in das Fach der forensischen Architektur – einer Wissenschaft, die mit der Kenntnis der Naturgesetze die von Menschen und seinen Kriegsmaschinen angerichtete Verheerungen nachweisen kann. Weizmann analysiert im Auftrag von Menschenrechtsorganisationen Schnipsel von Bildern. Und kann so beweisen, wo unbemannte Drohnen mit ihren kleinen Missiles durch die Hausdächer dringen und Menschen umbringen, scheinbar ohne Spuren zu hinterlassen. So geschehen unter anderem in Palästina. Von dem progressiven Israeli stammt übrigens die Bezeichnung, Architektur sei «in Material gegossene Politik». Ja, auch sein Vortrag war eine Jam-Session über die Interaktion der menschlichen und materiellen Intelligenz.

Architekt Alfredo Brillenbourg mit dem unternehmer Beat curti, der Chef der Zürcher Manifesta erklärt sein Konzept, die Gründerin der EAT Cristina Bechtler im Gespräch mit beatrix Ruf, Direktorin des Stedelijk Museum in Amsterdam und Moderatorin der Veranstaltung

Architekt Alfredo Brillembourg mit dem Unternehmer Beat Curti (links), der Chef der Manifesta Christian Jankowski erklärt sein Konzept für Zürich (Mitte), die Gründerin der EAT, Cristina Bechtler, im Gespräch mit Beatrix Ruf, Direktorin des Stedelijk Museum in Amsterdam und Co-Organisatorin der Veranstaltung.

Eine mysteriös glitzernde Ergänzung zum Thema hat auf dem Zuozer Kirchhof die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury geliefert. Gut, einige der Teilnehmer sagten unter vorgehaltener Hand – eine grosse Parfümflasche von Frau Fleury sei keine grosse Überraschung. Was sie dabei übersahen: Die Skulptur ist aus Eis. Ein Symbol der Konsumgesellschaft, inklusive der Aufschrift des Sponsors Gübelin, schmolz also vor sich hin im Schatten der kleinen Kirche. Quod eram demonstrandum: die Intelligenz der Materie.

Zwei Konzepte der Ewigkeit: Der Kirchturm von Zuoz und schmelzende Skulptur

Zwei Konzepte der Ewigkeit: Der Kirchturm von Zuoz und die schmelzende Skulptur Fleurys.

2 Kommentare zu “Engadiner Prophezeiungen”

  1. koch ra sagt:

    Kunst als Wirt im Text zum ausmalen:
    ‘Sie wetten auf die Raffgier Weniger und geben vor, die Internationalisierung habe Stellen geschaffen? Es bleibt umgekehrt! Das wirtschaftsliberale Dogma wirkt wie ein Fluidum. Niemand kümmert sich um der Verlierer. Auch begünstigt die Ungleichheit opportunistische Strukturen, siehe SVP.
    Eine soziale Zerrissenheit schwärt wie der Bazillus. Das Gegenmittel wäre Verzicht und Mass.
    Doch wie Plastikmüll der Fische vergiftet, plädiert man Freihandelsabkommen; fahren auf der gleichen Fahrbahnseite wo einem alles entgegenkommt.
    Kann man das Tempo drosseln um etwas einhalten zu können? Da wären womöglich Lösungen in Reichweite. Eine andere Option existiert…

  2. faessler sagt:

    liebe Ewa

    super Dein Artikel. Wir konnten leider nicht dabei sein. Wir hatten die Besenbeiz im Lugnez voll.

    Gruss
    Mäz

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