Schiessen, schaufeln, schweigen

ZUM ENTSCHEID DES STAENDERATS, DEN SCHUTZ DES WOLFS NICHT AUFZUHEBEN, STELLEN WIR IHNEN AM MITTWOCH 9. MAERZ 2016 FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- Ein Wolf, mutmasslich "M35", aufgenommen beim Dorfeingang von Bellwald im Obergoms, Wallis, am 28. Mai 2013. Der Wolf hat in der Nacht auf Freitag, 7. Juni 2013 im Wallis erneut zugeschlagen und in der Region Obergoms acht Schafe gerissen. Damit wurden innerhalb eines Monats insgesamt 28 Schafe getaetet. Allerdings kann erst eine DNA-Probe Klarheit bringen, ob es der Wolf M35 war. Sollte sich der Verdacht bestaetigen, koennte es fuer M35 ungemuetlich werden: Gemaess dem "Konzept Wolf Schweiz" sind die Kriterien fuer einen Abschuss erfuellt, wenn ein Wolf ueber eine Zeit von einem Monat trotz Herdenschutzmassnahmen mehr als 25 Schafe reisst oder innerhalb von vier Monaten deren 35. (KEYSTONE/Marco Schmidt) *** NO SALES, NO ARCHIVES ***

Ein Wolf, mutmasslich M35, aufgenommen beim Dorfeingang von Bellwald im Obergoms, Wallis, am 28. Mai 2013. Foto: Marco Schmidt (Keystone)

Und wieder wurde ein Wolf gewildert, diesmal in Graubünden. Waldarbeiter entdeckten das Jungtier am Dienstag, Unbekannte erschossen es mit Schrot. Es ist bereits der zweite Fall in diesem Monat: Vorletzten Montag fand ein Fischer bei Raron VS in der Rhone einen Tierkadaver. Mittlerweile ist sicher, dass es auch dabei um einen Wolf handelte. Das gesetzlich geschützte Tier wurde durch einen Kugelschuss getötet. Wer dahintersteckt, ist nicht bekannt. Klar ist nur: Der Abschuss war nicht bewilligt.

Pikant: Die Walliser Behörden haben über den Fund zuerst nicht informiert. Erst als Medien sie damit konfrontierten, gaben sie Fakten preis – allerdings nur halbbatzig. So mutmassten sie noch am vorletzten Donnerstag öffentlich darüber, ob der Tierkadaver ein Wolf sei. Dabei war ihnen die Analyse damals bereits bekannt. Über die Gründe für ihre Einsilbigkeit haben sich die Walliser Behörden bislang ausgeschwiegen.

Der Fall hat offensichtlich eine politische Dimension: Just am vorletzten Mittwoch, zwei Tage nach dem Fund bei Raron, entschied der Ständerat darüber, ob der Wolf künftig ganzjährig jagbar sein solle. Der Vorstoss stammte aus Walliser CVP-Kreisen, gross war im Bergkanton die Hoffnung, dass er im Ständerat eine Mehrheit findet. Ein Fall von Wolfswilderei hätte dem Ansinnen den Durchbruch verunmöglicht, dürften sich die Walliser Behörden gedacht haben – und schwiegen.

Der jüngste Fund stellt den vierten dokumentierten Fall von Wolfs-Wilderei in der Schweiz dar. 1998 wurde in Reckingen VS ein Wolf illegal abgeschossen, 2014 ein Exemplar aus dem Calanda-Rudel in Graubünden. Die Dunkelziffer dürfte jedoch höher liegen, namentlich im Wallis. An der ältesten Einwanderungsachse der Wölfe haben sich bis heute noch keine Rudelbildungen beobachten lassen. Fachleute wie Reinhard Schnidrig, oberster Jagdinspektor des Landes, halten das für «erstaunlich».

Der Verdacht liegt auf der Hand: Im Wallis werden Wölfe heimlich getötet. Gerüchtweise werden sie danach in Wasserturbinen zerhackt oder vergraben. Für Letzteres gäbe es gewissermassen eine staatliche Legitimation: Der Walliser Staatsrat Maurice Tornay (CVP) rief 2013 faktisch zur Wilderei auf, als er in einem Interview sagte: «Sehen, schiessen, schaufeln, schweigen.»

Solche Voten zeugen von Respektlosigkeit gegenüber einem heimischen Tier, das in der Schweiz einen Platz verdient hat. Zudem untergraben sie die Bemühungen der Politik, ein nachhaltiges Zusammenleben von Mensch und Wolf zu ermöglichen. Glücklicherweise sitzen im Bundeshaus nicht nur Walliser Wolfsgegner. Deren Frontalangriff auf den Wolfsschutz hat der Ständerat am vorletzten Mittwoch pariert.

Ungemach droht dem Wolf von der Politik aber gleichwohl. So dürfen die Tiere neu gejagt werden, wenn sie die Nähe des Menschen «aus eigenem Antrieb» suchen – obschon umstritten ist, ob die Wölfe aus freien Stücken auftauchen oder sich angelockt fühlen, weil Menschen Fleischhappen, absichtlich oder nicht, liegen lassen. Zwei Wölfe aus dem Calanda-Rudel stehen deshalb zum Abschuss frei. Würden sie getötet, geschähe dies zwar rechtens. Richtig wäre es trotzdem nicht.