Immer wieder Obwalden

Fussball-Legende und FIFA Weltmeisterschaft OK-Praesident Franz Beckenbauer steht am Montag, 6.Maerz 2006, in Duesseldorf am Rande des FIFA WM Workshops vor dem WM2006-Logo. Beckenbauer aeusserte sich auf dieser Pressekonferenz auch zum Fernbleiben von DFB-Team-Chef Juergen Klinsmann. Delegierte der 32 teilnehmenden Laendern nehmen an diesem Team-Workshop teil, unter anderem auch die Trainer der Nationalmannschaften.(AP Photo/Frank Augstein) ---German soccer legend Franz Beckenbauer stands in front of the soccer World Cup 2006 logo during the FIFA team workshop in Duesseldorf, western Germany, on Monday March 6, 2006. Delegates of all participating 32 countries take part at the final team workshop to prepare for the upcoming World Cup Championships. (AP Photo/Frank Augstein)

Seine Obwaldner Connection sorgte bereits in den 70er-Jahren für Schlagzeilen: Franz Beckenbauer. Foto: Frank Augstein (Keystone)

Am vergangenen Freitagnachmittag, als der «Spiegel» Obwalden gross herausbrachte, erreichte uns folgende Behördenmitteilung aus Sarnen: «Lawinenniedergang im Gebiet Laub in Engelberg.» Auch in den darauffolgenden Tagen äusserte sich das offizielle Obwalden nicht zur neuesten Wendung in der deutschen WM-Affäre. Das gleiche Schweigen in der Lokalpresse: Weder der «Obwaldner Zeitung» noch ihrem Luzerner Mutterblatt waren die Neuigkeiten eine einzige Zeile wert. Folglich gab es auch keine unangenehmen Fragen, die die Behörden zu beantworten hatten. Das ist typisch, denn in Obwalden hat die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität keine Priorität.

Was war geschehen? Das deutsche Nachrichtenmagazin schrieb, dass nach dem WM-Zuschlag an Deutschland 2002 sechs Millionen Franken über ein Konto von Franz Beckenbauer via die Obwaldner Anwaltskanzlei Gabriel & Müller an einen Fifa-Funktionär nach Katar geflossen seien. Dieser wurde 2011 wegen Korruptionsvorwürfen lebenslang suspendiert. Der Beweis, dass die WM gekauft wurde, ist es zwar immer noch nicht. Es wirft aber kein gutes Licht auf Obwalden. «Wieder steht der Ort für eine gut getarnte Trickserei, die am Ende doch auffliegt», so der «Spiegel» über Sarnen. Wieder, weil Beckenbauers Obwaldner Connection bereits einmal für Schlagzeilen sorgte: Ende der 70er-Jahre unterschrieb die Fussballlegende einen Millionenvertrag bei einem New Yorker Fussballclub. Danach arbeitete er in den USA, versteuerte jedoch aufgrund seines offiziellen Obwaldner Wohnsitzes in Sarnen. Und zwar lächerliche 20’000 Franken pro Jahr. Sein Steueranwalt war der spätere Obwaldner Justizdirektor Hans Hess, der 1989 im Zusammenhang mit der Steueraffäre zurücktrat. Wegen des Skandals verlor Obwalden gar vorübergehend seine Steuerhoheit an den Bund.

Portrait von Hans Hess, Rechtsanwalt und Notar aus Sarnen, Staenderat der FDP des Kantons Obwalden, aufgenommen am 06. Dezember 2011 in Bern. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Obwaldens «Briefkastenonkel»: Hans Hess. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Man würde meinen, dass Obwalden aus diesem unerhörten Vorfall Lehren gezogen hat. Hat es aber nicht. Die Obwaldner wählten den freisinnigen Hess 1998 in den Ständerat, aus dem er erst letzten Herbst zurücktrat. Nachdem Obwalden 2006 die damals tiefsten Unternehmenssteuern schweizweit einführte, erfreuen sich die Domizilgesellschaften grosser Popularität. In dieser Zeit machte sich Hess einen Namen als Obwaldens «Briefkastenonkel»: 2009 ergab eine Auswertung des Handelsregisters, dass seine Kanzlei die meisten Briefkastenfirmen verwaltet. Und zwar mit dem Segen der Obwaldner Regierung: «Aufgrund seiner vielseitigen Kontakte wurde Dr. iur. Hans Hess vom Finanzdepartement zum ‹Botschafter zur Umsetzung der Steuerstrategie› ernannt», heisst es seit Jahren auf der Website der Anwaltskanzlei. Als ebenfalls führend auf dem Gebiet der Domizilgesellschaften gelten der ehemalige CVP-Nationalrat Adriano Imfeld sowie der Vizepräsident des Verwaltungsgerichts Eduard Omlin. Es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, dass der «Flugsand», den Zug dank seiner sehr gut dotierten Abteilung für Wirtschaftsdelikte heute auf Distanz hält, sich vorzugsweise in Obwalden niederlässt. Vor drei Jahren sagte die Obwaldner Oberstaatsanwältin, dass ihr Kanton durch Mundpropaganda auch bei zweifelhafter Kundschaft bereits einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hätte.

Trotzdem will sich Obwalden keine eigenen Spezialisten zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität leisten. Die Aufgabe wurde an die Nidwaldner Staatsanwaltschaft ausgelagert, die auch noch für Uri die Arbeit erledigt. Mit bloss zwei Staatsanwälten ist die Abteilung nicht nur sehr knapp dotiert, sie leidet auch unter einer grossen Fluktuation. Mehrere Personen, die mit den Verhältnissen in Obwalden bestens vertraut sind, sagen dem «Spiegel»: «In Obwalden fehlt der Wille, die Wirtschaftskriminalität zu bekämpfen.» Insofern war es auch nicht weiter erstaunlich, dass es ein früherer Praktikant und Anwalt der Hess-Kanzlei war, über dessen Firma 2002 die Beckenbauer-Millionen liefen. Seit 1998 verlangt das Schweizer Geldwäschereigesetz, dass solche heiklen Geschäfte bei der Meldestelle für Geldwäscherei (MROS) des Bundesamts für Polizei gemeldet werden.