Ich halte am Gutmenschen fest

Ich mag gute Menschen. Ich glaube, es ist unsere Pflicht, soweit nur irgendwie möglich, gute Menschen zu sein. Was ist das Gegenteil von Gutmenschen? Bösmenschen? Schlechtmenschen? In der Regel stehen die Gutmenschen im Gegensatz zu den Realisten. Bedeutet das also, dass wer sich bemüht, ein guter Mensch zu sein, halt kein Realist ist? Etwas doof vielleicht? Etwas dümmlich gar und naiv?

Der Zustand des «Normalen» lässt manche arrogant werden.

Politblog

Ein freiwilliger Helfer des Roten Kreuzes packt für die Aktion «2 x Weihnachten» Geschenke ein. Foto: Keystone

In unserer Welt der Tüchtigen fallen Menschen mit einer Beeinträchtigung auf oder werden übersehen. Aber fast jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens kurz oder länger ein Handicap, einen Unfall, eine Krankheit, eine psychische Beeinträchtigung. Und vergessen wir nicht: Die Kinder, die Jugendlichen brauchen eine besondere Aufmerksamkeit, die älteren, die hochbetagten Menschen gar eine besondere Rücksicht. Das, was wir also für «normal» halten, ist ein temporärer, glücklicher Zustand.

Ich habe oft erlebt, wie der Zustand des «Normalen» arrogant und – ja sagen wir es mal in moralischen Kategorien – böse werden lässt. Man schimpft über jene, die etwas länger brauchen beim Einsteigen ins Tram; man schimpft über jene, die temporär oder dauernd finanziell auf die Solidarität der extra dafür geschaffenen Versicherungen angewiesen sind; man schimpft über jene auch, die sich für die Menschen beruflich engagieren, die Sozialarbeiter, die Physiotherapeuten, die Seelsorger, die Pflegenden. Ach, diese Gutmenschen!

Ich freue mich, dass immer wieder Menschen dranbleiben. Sie sind zahlreicher, als man meint. Sie machen nicht halb so viel Lärm wie die «tüchtigen Realisten», so etwa:

  • ein Manager, der sich als Mentor für einen jungen Menschen zur Verfügung stellt, der den Weg noch nicht sicher unter den Füssen hat.
  • eine Gruppe von Frauen, die sich selbstverständlich in der Cafeteria des Sonntagstreffs für Alleinstehende eintragen, Spiele machen, Tee servieren.
  • ein pensionierter Bankangestellter, der nun Treuhanddienste für Betagte übernimmt.

Ich halte am Gutmenschen fest. Er ist nicht lächerlich, nicht dümmlich, nicht blöd. Gutmenschen sind Menschen, die versuchen, Werte zu leben, die ihnen wichtig sind. Sie leben mit Sorgfalt und Sachverstand, mit geradem Rücken und freiem Blick. Ich glaube, solche Menschen sind wie zarte bunte Fäden im Gewebe des Lebens. Sie sichern Lebensfreundlichkeit und Menschenwürde. Ich bin Ihnen dankbar.