Der Job-Stress-Debatte fehlt Bodenhaftung

Kürzlich gingen die Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung aus dem Jahre 2013 durch die Presse. Die eine Zahl betrifft Arbeitsunfälle: Sechs Prozent der Personen, die in den zwölf Monaten vor der Erhebung erwerbstätig waren, wurden Opfer eines Arbeitsunfalls. Die andere Zahl betrifft berufsbedingte Krankheiten: 11 Prozent der Befragten gaben an, an einem Gesundheitsproblem zu leiden, das durch die Arbeit verursacht oder verschlimmert worden ist.

Einmal sechs Prozent, einmal elf Prozent. Man glaubt, man habe es mit vergleichbaren Zahlen zu tun – doch schaut man genauer hin, zeigen sich bedeutende Unterschiede.

Unfallstatistiken werden aufgrund meldepflichtiger Unfälle erhoben. Was ein Unfall ist, das ist klar definiert. Die Zahlen sind also leicht nachprüfbar und geben einen objektiven Tatbestand wieder. Da solche Zahlen schon lange erhoben werden, kann man feststellen, dass die Anzahl arbeitsbedingter Unfälle rückläufig ist. Zum einen ist das auf verbesserte Arbeitsbedingungen und Prävention zurückzuführen, zum andern aber auch auf den generellen Wandel in der Arbeitswelt. Immer weniger Menschen arbeiten in der Landwirtschaft, auf dem Bau oder in Handwerksbetrieben, wo die Unfallgefahr generell grösser ist als in einem Büro. Ob sechs Prozent Verunfallte also «viel» oder «wenig» sind, hängt davon ab, welche Branche man betrachtet. Sicher ist, dass jeder Unfall einer zu viel ist.

Sicher ist, dass in der heutigen Arbeitswelt die Unfallgefahr eher kleiner wird, während berufsbedingte Krankheiten im Zunehmen begriffen sind.

Wenn die Grenzen zwischen Arbeits- und Berufsleben verschwinden. (iStock)

Wenn die Grenzen zwischen Arbeits- und Berufsleben verschwinden. (iStock)

Kommen wir zur zweiten Zahl: 11 Prozent der Befragten leiden unter berufsbedingten Gesundheitsproblemen. Anders als bei der Unfallstatistik handelt es sich allerdings hier nicht um offiziell gemeldete Krankheitsfälle, sondern die Zahl beruht auf der Selbsteinschätzung der Befragten. Und die Frage zielte nicht bloss auf das Vorhandensein von Krankheiten, sondern darauf, wo sie entstanden sind. Eine knifflige Angelegenheit. Denn im Gegensatz zur Unfallstatistik, wo klar festgestellt werden kann, ob ein Unfall bei der Arbeit oder in der Freizeit passiert ist, kann bei einer Krankheit in den seltensten Fällen klar eruiert werden, wo sie ihren Ursprung hat. Bei der Entstehung von Krankheiten spielen Berufsleben und Privatleben meistens zusammen. Man spricht in diesen Fällen von berufsassoziierten Krankheiten, weil sie nicht ausschliesslich auf die Arbeit zurückzuführen sind.

Sicher ist, dass in der heutigen Arbeitswelt die Unfallgefahr eher kleiner wird, während berufsbedingte Krankheiten im Zunehmen begriffen sind. Erst seit relativ kurzer Zeit wird der Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Krankheiten überhaupt systematisch beobachtet. Da es sich um komplexe Zusammenhänge handelt, gehen die Interpretationen über den Ist-Zustand weit auseinander. Ist es viel, wenn 11 Prozent der Befragten angeben, dass sie unter berufsbedingten Krankheiten leiden? Ist der Umkehrschluss zulässig, dass 89 Prozent keinen Schaden aus der Berufswelt davontragen?

Zudem ergibt sich je nach Untersuchungsgegenstand ein anderes Bild. Seit einem Jahr beobachtet Gesundheitsförderung Schweiz mit dem Job-Stress-Index die Stressentwicklung in der Schweiz. Gemäss den Zahlen des Job-Stress-Index fühlt sich rund ein Viertel der Beschäftigten «ziemlich oder stark erschöpft». Auch da mag man sich fragen: Ist das viel, ist das wenig? Besteht dringender Handlungsbedarf? Sicher ist, dass Stressbekämpfung umso wirksamer ist, je früher sie angesetzt wird. Der Job-Stress-Index soll helfen, negative Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen. (Als Langzeitstudie liefert er zudem wertvolle Erkenntnisse über den Werkplatz Schweiz).

Doch Zahlen allein können die Wirklichkeit nicht wiedergeben. Sie müssen Teil einer breiter geführten Debatte sein: über die Balance von Berufs-und Privatleben, über Arbeitsformen und über den Sinn und Zweck des Wirtschaftens. Dieser sollte sich ja auch nicht bloss in Zahlen erschöpfen.