Ein Time-out für die SVP

Seit acht Jahren steht sie in den Startlöchern, seit acht Jahren reklamiert die wählerstärkste Partei der Schweiz einen zweiten Sitz im Bundesrat, zu Recht. Nur: Was hat sie in dieser Zeit getan? Vor vier Jahren blamierte sie sich mit Bruno Zuppiger, der Geld einer Mandantin veruntreut hatte. Die «Weltwoche» machte gerade noch rechtzeitig öffentlich, was die Partei übersehen, nicht genügend abgeklärt hatte: War der leutselige Zürcher Nationalrat auch rechtschaffen genug, um in die Landesregierung einzuziehen? Eben nicht. Diesmal hat sie die Konsequenzen daraus gezogen, hat eine regelrechte Castingshow abgezogen, die sichern soll, was ihr bislang verwehrt blieb: der zweite Sitz im Bundesrat. Die wichtigsten Exponenten aber, ihre Papabili Toni Brunner und Adrian Amstutz, schlugen sich in die Büsche. Peter Spuhler, der Beste in ihren Reihen, zieht die persönliche Führung seiner erfolgreichen Unternehmung einem Sitz im Bundesrat vor.

Die grösste Partei der Schweiz hat grosse Ansprüche, aber ein veritables Personalproblem.

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Vielleicht haben sie ja noch eine bessere Idee: SVP-Präsident Brunner und Fraktionschef Amstutz. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Und nun präsentiert sie der Bundesversammlung morgen ein sogenanntes Dreierticket: einen Korporal, einen Oberleutnant und einen Major mit den Namen Guy Parmelin, Thomas Aeschi und Norman Gobbi. Der eine Weinbauer, der andere Berater, der Dritte immerhin Regierungsrat im Kanton Tessin. Für manche der rührigen Bundeshaus-Journalisten kommt das einem Geniestreich der Partei gleich, den anderen ist das Dreierticket nicht mehr als ein Angebot an Mittelmass.

Thomas Aeschi, im Parlament «Ritalin» gerufen, ist ungemein strebsam, beflissen, übertrieben fleissig, hat mit unzähligen Anträgen seine Kolleginnen und Kollegen in den Kommissionen immer wieder belehrt, manchmal genervt. Guy Parmelin war bislang immerhin ein besorgter Kommissionspräsident, der aber selten Deutsch spricht, das er leidlich kann. Sein Englisch war bei den Hearings, wie FDP-Präsident Philipp Müller monierte, immer Französisch.

Und schliesslich Norman Gobbi. Er gehört im Tessin einer Partei, der Lega, an, die über ihr Parteiblatt «Mattino della Domenica» den Bundesrat als «sieben Hohlköpfe» bezeichnet und Simonetta Sommaruga regelmässig als «Kaktus in Unterhosen» beleidigt. Zu diesen Hohlköpfen will sich nun Gobbi gesellen. Ihm wird im «Tages-Anzeiger» zugutegehalten, dass er das nicht selber geschrieben habe. Aber er habe sich auch nie davon distanziert.

Nüchtern betrachtet, vermag keiner der drei wirklich zu überzeugen. Die grösste Partei der Schweiz hat grosse Ansprüche, aber ein veritables Personalproblem. Die Personaldecke ist so dünn, dass sie Anleihen bei der Lega im Tessin aufnehmen muss. Die Schweiz hat mehr verdient. Die SVP hat zu liefern.

Am Montag sind die eidgenössischen Räte wieder in Bern zusammengekommen. Sie werden in immer wieder neuen Gruppierungen, über die Parteigrenzen hinaus, in der Wandelhalle zusammenstehen, die Köpfe zusammenstecken, werden ab- und erwägen. Aeschi wird umtriebig sein Image als «Blocher-Lautsprecher» zu korrigieren versuchen. Und Parmelin wird versuchen, mit den Deutschschweizern auf Deutsch zu kommunizieren. Die SP wird nun doch noch zu Hearings rufen. Einigen Sozialdemokraten beginnt Gobbi zu gefallen, weil sie in ihm, im Gegensatz zur SVP-Politik, eine soziale Ader vermuten. Simonetta Sommaruga wird ein weiteres Mal auf die Diffamierung der Lega hinzuweisen versuchen. Die anderen Fraktionen werden sich am Dienstagnachmittag ein letztes Mal schwertun mit dem Dreierticket. Und es ist nicht auszuschliessen, dass sich einzelne Fraktionen gar nicht auf einen Namen einigen können, gar Stimmfreigabe beschliessen, die dem Zufall Tür und Tor öffnen wird.

Wie wäre es, wenn die Damen und Herren in der Bundesversammlung am Mittwoch die Wahl des neuen Bundesrates schlicht aussetzen würden? Das Dreierticket der SVP zurückweisen und die SVP beauftragen würden, bis zum 16. Dezember, am übernächsten Mittwoch, einen neuen Vorschlag zu unterbreiten, der mehr ist als Mittelmass? Der zweite Bundesrat steht der SVP zu. Sie hat aber auch die Pflicht, einen unbestrittenen, einen wählbaren Kandidaten zu präsentieren – es dürfte auch eine Frau sein: die Schaffhauser Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel beispielsweise.