Gesucht: Ein Bundesrat

Es war am 5. Dezember 1973, vor 42 Jahren. Ich stand mit einem Mikrofon in der Hand vor einer damals noch riesigen TV-Kamera in der Wandelhalle des Nationalrates, um mich ein munteres, angeregtes, buntes Treiben. Die nicht eingeweihten Mitglieder der Bundesversammlung, die Medienleute, die Lobbyisten spekulierten: Was wird der Tag noch bringen. Und wer ist der Mann wirklich, der bald erscheinen wird.

Der Nationalratspräsident hatte die Sitzung vor rund einer Stunde unterbrochen. Die Bundesversammlung, der Medientross, die ganze Nation wartete auf DEN Mann: auf Willi Ritschard, Regierungsrat und Finanzchef im Kanton Solothurn, vor einer Stunde neu gewählter Bundesrat. Mit 123 Stimmen bei einem absoluten Mehr von 121 ist er im ersten Wahlgang als Nachfolger von Hanspeter Tschudi in die Landesregierung beordet worden. Willi Ritschard, wohl eingeweiht, hat die Wahl im Regierungsgebäude in Solothurn verfolgt. Eskortiert mit und von der Kantonspolizei ist er auf der N1, die damals noch nicht durchgehend gebaut war, in die Bundeshauptstadt nach Bern mit Blaulicht gefahren worden.

Mit grossen Schritten, im Hintergrund begleitet von seiner Entourage, kommt er auf mich zu, ein verschmitztes Lächeln auf seinem verschwitzten Gesicht, die grossen Hände gekreuzt. Weil er ein Deutschschweizer war, kam mir das Privileg zu, das erste Interview mit dem Neugewählten zu führen, vor der Televison Suisse Romand, vor den Tessinern: «Herr Bundesrat, ich gratuliere ihnen zur Wahl. Werden sie die Finanzen übernehmen, werden sie unser neuer Finanzminister?» Bundesrat Ritschard kurz und bündig: «Nein.» Es lief mir kalt den Rücken runter. Ich erlebte die erste Schrecksekunde in meinem ersten Bundesrat-Interview. Ich brachte hervor: «Was denn?» Willi Ritschard nach meiner Erinnerung: «Der neugewählte Bundesrat wird das dann schon richten. Ich bin bereit, jedes Departement zu übernehmen.» Nach ein paar weiteren Hin und Hers waren die Welschen dran.

Die SVP tut sich zurzeit schwer, geeignete Persönlichkeiten zu finden, die es können, die aber auch bereit sind dazu.

(Keystone)

Vereidigung der neuen Bundesräte: Georg André Chevallaz (FDP), Hans Hürlimann (CVP) und Willi Ritschard (SP) 1973 im Bundeshaus. (Keystone)

Der Morgen brachte aber noch weitere, saftige Überraschungen zutage: anstelle des vorgeschlagenen Tessiner CVP-Nationalrates Enrico Franzoni wurden der Zuger Ständeherr Hans Hürlimann und für den Genfer FDP-Nationalrat Henri Schmitt der Waadtländer Georg André Chevallaz in den Bundesrat gewählt. Beide im ersten Wahlgang mit über 130 Stimmen. Das Parlament führte die Parteistrategen, gar die Fraktionen der SP, FDP und CVP richtiggehend vor. Die SP hatte als offiziellen Kandidaten den Aargauer Arthur Schmid vorgeschlagen, von Ritschard war nur unter vorgehaltener Hand und nur im eingeweihten Kreis die Rede.

Willi Ritschard übernahm nach dem Eidgenössischen Verkehrs-und Energiedepartement dann doch noch die Finanzen. Und er war als Sozialdemokrat und ehemaliger Arbeiter ein sehr sparsamer, insgesamt sehr exzellenter Finanzvorsteher. Er sanierte die prekäre Bundeskasse nicht nur mit Sparen, sondern auch mit sinnvollen Mehreinnahmen. Besonders weh taten ihm immer die Schuldzinsen:«Was man mit der Milliarde Schuldzinsen alles anfangen könnte», meinte er jeweils lapidar. Er sprach die Sprache des einfachen Mannes. Und ein Satz vom ihm bleibt in Erinnerung: «Wie höher der Affe steigt, desto besser sieht man seinen Hintern.» Und für die Bemerkung «Das Gloschli der Königin interessiert die Schweizerinnen und Schweizer mehr als die prekäre Situation der Bundesfinanzen» in einem Interview zum Besuch der britischen Königin Elisabeth II. in der Schweiz heimste er ganze Zeitungsseiten mit bösen und bösartigen Leserbriefen ein, die ihn, den Demokraten hart trafen.

Werden die Wahlen am 9. Dezember 2015 ebenso in die Geschichte der Eidgenossenschaft eingehen wie die vor über 40 Jahren. Die SVP tut sich zurzeit schwer, geeignete Persönlichkeiten zu finden, die es können, die aber auch bereit sind dazu. Gesucht ist also eine Persönlichkeit, die in der internationalen Wirtschafts- und Finanzwelt fachlich zu Hause ist. Sie muss unser Land, auch die Interessen der starken Finanzplätze Zürich, Genf, auch Lugano kompetent vertreten können. Der Kandidat, die Kandidatin muss in der Lage sein, auf Augenhöhe mit den Mächtigen in dieser Welt in heiklen Verhandlungen zu bestehen. Die Person sollte deshalb mehrsprachig, weltoffen und kulturell aufgeschlossen sein; sie muss sich schlicht auf dem internationalen Parkett bewegen können. Adolf Ogi konnte das, auch wenn er im Innern immer wieder angezweifelt worden ist.

Die erforderten Eigenschaften werden auch den beiden Sozialdemokraten Simonetta Sommaruga und Alain Berset zugeschrieben, ihnen wird zugetraut, das Finanzdepartement professionell zu führen. Die gelernte Pianistin kann das, der virtuose Klavierspieler ebenso. Beide haben es politisch schon bewiesen.

Selbst in der Arena des Schweizer Fernsehens ist die Frage nach den fachlichen Voraussetzungen nicht einmal gestellt worden. Von einem Anforderungsprofil war schon gar nicht die Rede. Es scheint also, als würde die Schweiz nach einem Vorstandsmitglied für den «Alpenverein Herrliberg» suchen. Wer springt der SVP bei, um zu finden, was jetzt vonnöten ist: eine souveräne Person, die das Anforderungsprofil erfüllt. Eines kann die Politik im Gegensatz zu den Banken und der Wirtschaft ja nicht: Im Ausland fündig werden. Die CS holte Tidjane Thiam, einen ehemaligen Minister der Elfenbeinküste, der UBS steht im Verwaltungsrat der deutsche Axel A. Weber vor, und der deutsche Oswald Grübel führte sowohl die UBS als auch die CS in der Exekutive. Die Nestlé leitet ein Belgier, die Novartis ein Deutscher, ebenso die Swiss und in der Maschinenindustrie haben zunehmend auch Russen das Sagen.

Früher fand man in den Kantonen, auch in der Wirtschaft Kandidaten, die auf der höchsten Stufe der Politik kompetent Einzug halten konnten: Ernst Brugger, Hans Schaffner, Willi Ritschard, Otto Stich, Eveline Widmer-Schlumpf. Warum soll es diesmal nicht auch der SVP – möglicherweise mit der nötigen Unterstützung von aussen – gelingen, was gefordert ist: einen Kandidaten zu lancieren, der es auch wirklich kann.

Peter Spuhler würde das Anforderungsprofil wohl erfüllen, hat aber abgelehnt, wie die Papabili der Partei ebenso. Langsam beginnt sich bei ihr im Hinblick auf die Nomination das Feld in der Fraktion zu lichten. Aus der 11-Reihe stehen zwei im Vordergrund: der Bündner Heinz Brand, ein ehemaliger Beamte und das Greenhorn Thomas Aeschi aus dem Kanton Zug.

Aufgefallen ist mir in letzter Zeit Ernst Stocker, SVP, Finanzchef im Kanton Zürich. Nur ist er wohl zu umgänglich, aber auch zu bescheiden, der Landwirt aus Wädenswil. Dennoch ist es aber ein Name, der aufzeigt, wo die Partei in ihren Reihen auch findig werden könnte: In der Wirtschaft, der Lehre, der Diplomatie oder eben in den Kantonen. Vielleicht erleben wir eine Neuauflage des 5. Dezember 1973, als die Bundesversammlung es selber richtete, an den Parteien, an den Fraktionen vorbei und diesmal der SVP einen heute noch unbekannten, aber qualifizierten Mann in den Bundesrat wählt.