Eine «bildungsferne» Professorin

In der Rubrik Bildung des Politblogs geht es um aktuelle Themen der Bildungspolitik. Autoren sind Andreas Pfister (Leitung), Philipp Sarasin, Patrik Schellenbauer und verschiedene Gäste.

Ich bin ein Arbeiterkind. Mein Vater war Sattler und Tapezierer, meine Mutter arbeitete vor allem im Service. Heute wäre ich ein «bildungsfernes» Kind. Als bildungsfern gilt in den Pisa-Studien, wenn die Familie nur wenige Meter Bücher besitzt, das Kind kein eigenes Zimmer und keinen eigenen Schreibtisch hat, die Eltern nur bescheiden ausgebildet sind und mit dem Nachwuchs selten oder nie Bibliotheken besuchen. Dies alles trifft für meine Kindheit zu.

Darunter, dass ich ein Kind aus «einfachen Verhältnissen» war, habe ich lange gelitten. Denn ich interessierte mich schon als kleines Mädchen enorm für Zahlen und alles, was mit Wissen zusammenhängt. Mein Vater brachte mir das Jassen bei und damit auch das Kopfrechnen. Noch heute kann ich an einer Migros-Kasse fast schneller den Betrag der Waren zusammenrechnen, als die Kassiererin die Artikel einscannt.

Doch in der Schule war ich das Kind eines «Büezers». Heute bin ich überzeugt, dass meine grosse Prüfungsangst mit dieser Etikettierung zu tun hatte. Man braucht nicht Hellseher zu sein, um sich vorzustellen, wie es mit mir weiterging. Von einem Kind aus einem solchen Milieu, das zudem sehr ängstlich ist, erwartet man nicht viel. Ich blieb ein «bildungsfernes Kind» mit wenig Potenzial, jahrelang.

Weder die Anzahl Schuljahre noch die Lohntüte der Eltern sagen etwas aus darüber, wie gebildet jemand ist.

(Keystone)

Stigmatisierung: Arbeiterkinder sollen weniger Anrecht auf Schulerfolg haben? (Keystone)

Aber ich hatte grosses Glück, dreimal. Glück Nummer I war, dass ich die Aufnahmeprüfung an die Bezirksschule mit Ach und Krach bestand. Glück Nummer II war mir im Lehrerseminar beschieden. Wir hatten einen jungen Deutschlehrer, der fasziniert vom Beruf meines Vaters als «Sattler und Tapezierer» war, und er glaubte daran, dass ich mehr leisten könnte. Deshalb forderte er mehr von mir. Und, weil ich ihm gefallen wollte, fand er auch Gehör. Schnell gehörte ich zum vorderen Drittel der Klasse. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich mich als eine Person, welche das Zeug zur guten Schülerin hatte, und das blieb ich von da an. Glück Nummer III kam dann in Form eines Hochschullehrers auf mich zu, der mich ermunterte, als fast 50-jährige Frau zu habilitieren. Diese zufällige Begegnung hat mich zu meiner späteren Professur geführt. Heute weiss ich, dass Glück und Zufall wichtige Grössen sind.

Meine Biografie zeigt, wie sehr Lehrkräfte Schlüsselpersonen für junge Menschen sein können. Wenn sie diese in der Überzeugung unterstützen, trotz der «Bildungsferne» ein Anrecht auf Schulerfolg haben zu dürfen, können sie Berge versetzen.

Deshalb sollten wir den Begriff «Bildungsferne» aus unserem Vokabular verbannen. Denn «bildungsfern» meint eigentlich, «ungebildet» zu sein. Das ist vollkommen falsch. Viele Kinder sind gar nicht «bildungsfern», sondern nur «bildungssystemfern». Weder die Anzahl Schuljahre noch die Lohntüte der Eltern sagen etwas aus darüber, wie gebildet jemand ist. Aber Begriffe wie «bildungsfern» oder «bildungsnah» stigmatisieren und lenken Einstellungen. Und aus der Forschung wissen wir, dass sich Lehrkräfte ein Urteil über einen Schüler nach den ersten 14 Tagen gebildet haben und es dann kaum mehr revidieren.