Insel der Sehnsucht

Für die Schweizer FDP waren die 1990er-Jahre eine düstere Zeit: Die Partei war drauf und dran, ihre Stellung als stärkste bürgerliche Kraft an die SVP abzugeben. Auch an die Linke verlor sie Wähler. Parteipräsident war damals Franz Steinegger. Den Ausweg aus der miserablen Lage suchte er mit einer radikalen Methode: der totalen Neuerfindung des Freisinns. Statt von links und rechts sprach Steinegger nun lieber von «Modernisierern» und «Bewahrern» und von der FDP als perfekter Mischung dieser beiden Pole. Eine «Reformpartei» wollte die FDP jetzt sein – ganz so, wie es New Labour unter Tony Blair in Grossbritannien war.

Steinegger war nicht der erste Schweizer Politiker, der sich hemmungslos bei Vorbildern von der Insel bediente.

epa03105776 A man walks by a giant graffiti mural depicting the Union Jack in London, Britain, 14 February 2012. Credit ratings agency Moody's has issued official notice to Britain and the Bank of England that their credit ratings are at risk of a potential downgrade. EPA/FACUNDO ARRIZABALAGA

Grossbritannien ist für Politiker unterschiedlicher Couleur ein Idol. Foto: Facundo Arrizabalaga, Keystone.

Das Rüstzeug zu dieser Umdeutung hatte sich Steinegger beim Vordenker von New Labour geholt. Anthony Giddens, ein herausragender Soziologe linker Prägung und früherer Direktor der London School of Economics, galt lange Zeit als Einflüsterer Blairs. Er schrieb in den 1990er-Jahren mit «Der dritte Weg» und «Jenseits von links und rechts» jene politischen Standardwerke der «neuen Mitte», die auch Steinegger gelesen hatte. Der FDP-Präsident outete sich als Bewunderer. Giddens‘ Konzepte waren für die Sozialdemokratie gedacht, nicht für eine bürgerliche Partei wie die FDP – doch das spielte für den Urner keine Rolle.

Steinegger war nicht der erste Schweizer Politiker, der sich hemmungslos bei Vorbildern von der Insel bediente – und er wird nicht der letzte sein. Wie kaum ein anderes europäisches Land muss Grossbritannien als Projektionsfläche herhalten. Als Margaret Thatcher 1979 zur Premierministerin gewählt wurde, leitete sie bald ein grosses Deregulierungs- und Privatisierungsprogramm ein. In ganz Europa fand sie dafür Bewunderer – und in wenigen Parteien war man enthusiastischer als in der Schweizer FDP (auch wenn der Freisinn mit der Umsetzung dieser Ideen nie ernst machte).

Manchmal wird Britannien aber auch einfach zum Zerrbild. Spricht man mit SP-Präsident Christian Levrat über seine politische Sozialisierung, fällt auch bei ihm sofort der Name Thatchers. Als Student in England in den 1980er-Jahren habe er die «Auswüchse neoliberaler Politik» aus der Nähe gesehen, sagt er. Seither vergeht kaum ein Wahlkampf, in dem Levrat seine politischen Gegner nicht mit Thatcher vergleicht – zuletzt traf es im vergangenen Frühling FDP-Präsident Philipp Müller. Auch der reiste und arbeitete in jungen Jahren übrigens auf der Insel. Zum Linken wurde er dabei nicht.

Nun blickt die Schweizer Politik wieder nach Grossbritannien: Premierminister David Cameron wird demnächst sagen, welche Reformen er von der EU erzwingen will, damit er im kommenden Referendum für einen Verbleib Grossbritanniens in der Staatengemeinschaft kämpft. Die blosse Tatsache, dass der britische Premierminister mit der EU auf Konfrontationskurs geht, macht ihn in der Schweiz zu einer Art Jeanne d’Arc der Brüssel-Kritiker – man hofft, dass er der Schweiz eine Bresche schlägt. Ob sich die Hoffnung auf die Briten erfüllt, das ist unsicher. Da muss man nur Franz Steinegger fragen.

5 Kommentare zu «Insel der Sehnsucht»

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Nun blickt die Schweizer Politik wieder nach Grossbritannien.‘

    Wo nur ist diese ominöse Schweizer Politik? Ich sehe keine. Wo man hinschaut, nur Beamte, Staats- und Kantonsverwalter, aber keine Politiker. Allerdings kann man auch fragen, ob in einer direkten Politik Politiker überhaupt möglich sind. Ich denke eher nein.

  • Bertoni sagt:

    Der Fehler der 90er-FDP war nicht ein programmatischer, sondern dass sie INHALTLICH immer mehr auf einen („idealistischen“) SP-Kurs einschwenkte, was der Stammwählerschaft natürlich ein Dorn im Auge war. Entsprechend verlor die Partei grosse Anteile ihrer Stammwählerschaft. Folkloristisch ausgedrückt: Die FDP wurde immer mehr zum Trittbrett für verkappte SP-‚Liner’ (zT gar –‚Hardliner’; noch heute z. B. Christa Markwalder). Erst die letzten Parteipräsidenten scheinen das Ruder wieder – einigermassen – herumgerissen zu haben, zuletzt Philipp Müller, sowie Gabi Huber als Fraktionspräsidentin.

  • Rolf Raess sagt:

    Nicht nur bei der bronzenen Lady wurde abgeguckt, sondern unter Reagan wurde von „unserer“ FDP der Slogan aus USA „free enterprise“ mit weniger Staat übersetzt und angepeilt. Das Resultat hat man dann, Dank der Sabotage des FDP-Filzes, an der halbstaatlichen Swissair gesehen…

  • S. Müller sagt:

    Heute wird Liberal leider nur noch mit Wirtschaft in Verbindung gemacht.
    Ich sehne mich wirklich wieder nach einem Liberalen Verhältnis zwischen Staat und Bürger, der Staat soll dem Bürger dienen und nicht herrschen.
    – Handlungsfreiheit: Gesetze sollen Funktionen abbilden, keine Dogmas, und der Bürger darf diese auch zu grossen Teilen selbst interpretieren. Gerade Fachleute, Polizisten usw.
    – Kein Mensch ist perfekt, jeder hat seine Macken und Ausrutscher, dennoch halte ich den Menschen im Gesamten für vernünftig, da braucht es keinen Staatsapparat der jeden kontrolliert und bestraft.

  • Helmut Hostettler sagt:

    Sempach 1386 lässt grüssen: David Cameron als Winkelried. Wird er die regulierungswütigen EU-Bürokraten zur Vernunft bringen? Alleine wohl nicht, aber mit der sprungbereiten UKIP, vor der er sich hüten muss, wahrscheinlich schon. Die Eidgenossen, viele Politiker leider ausgenommen, haben ein gutes Gedächtnis und werden hoffentlich, wie weiland 1386, die geschlagene Bresche nutzen.

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