Der gute Mensch vom Toggenburg

Was ist denn nur mit der SVP los? Plötzlich tönt sie so nett.

Es gab ein paar Momente, da kippte das Gespräch vollends ins Absurde. Als Toni Brunner, Chef der grössten Partei der Schweiz, und sonst nicht unbedingt für seine Zurückhaltung bekannt, zum etwa fünften Mal grosse Worte wie «Entkrampfung», «Stabilität» oder «Verantwortung» gelassen aussprach, da musste er selber lachen. Glucksend natürlich.

Kniff man die Augen zu, konnte man fast meinen, einem jener Vertreter dieser berühmten «Classe politique» zuzuhören, die von der SVP überhaupt erst erfunden worden war.

Parteipraesident Toni Brunner, SVP, bereitet sich vor fuer die Elefantenrunde zu den Resultaten der Eidgenoessischen Abstimmungen am Sonntag, 14. Juni 2015, in Bern. Die Volksinitiative "Millionen-Erbschaften besteuern fuer unsere AHV" (Erbschaftssteuerreform) und die Stipendieninitiative wurden vom Stimmvolk abgelehnt, die Volksinitiative ueber die "Aenderung des Bundesgesetzes ueber Radio und Fernsehen" sowie die Aenderung der Bundesverfassung und des Fortpflanzungsmedizingesetzes (Praeimplantationsdiagnostik) angenommen. (KEYSTONE/Thomas Hodel)

Toni Brunner bereitet sich im Juni 2015 auf eine Fernsehsendung vor. Foto: Thomas Hodel, Keystone

«Herr Brunner, Sie tönen wie ein Freisinniger in den 60er-Jahren. Staatstragender geht es ja kaum!»

Glucksendes Gelächter. Tiefes Einschnaufen. «Es ist jetzt nicht die Zeit für Kapriolen. Wir von der SVP sind gewillt, nun Verantwortung zu übernehmen.»

Es war der Abend nach dem lange erwarteten Rücktritt von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, der Abend, an dem «EWS» den Weg frei machte für einen zweiten Sitz der SVP, und bereits das Communiqué der Partei, die wie keine andere in den vergangenen Jahrzehnten das politische Klima in der Schweiz aufgeheizt (manche mögen sagen: vergiftet) hat, war von einer Biederkeit und Getragenheit, die einem beinahe suspekt vorkommen musste. «Die SVP nimmt vom angekündigten Rücktritt von Bundesrätin Widmer-Schlumpf Kenntnis. Damit bietet sich dem Parlament die Möglichkeit, die Parteien wieder gemäss ihrer Wählerstärke in die Landesregierung einzubinden und so für Stabilität zum Wohle des Landes zu sorgen.»

Die gleiche Partei, die acht Jahre keine Gelegenheit ausgelassen hatte, um Gift und Galle über die Verräterin aus den Bergen auszuschütten, blieb im Moment des grössten Triumphs ungewohnt gelassen. Noch einmal Toni Brunner: «Mit ihrem Schritt trägt Widmer-Schlumpf zur Entkrampfung der Schweizer Politik bei. Sie war eine Bundesrätin, die gegen den Willen ihrer Partei ins Amt kam. Darum war das Verhältnis mit ihr immer schwierig. Ich wäre jetzt nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, dass ich von ihrer Amtsdauer begeistert war.»

Nicht ehrlich? Nicht begeistert? «Herr Brunner, meinen Sie das ernst? Ist das alles?»

Glucksendes Gelächter.

Man staunt immer wieder über die SVP, selbst nach Jahren noch. Als die Partei das letzte Mal einen ähnlichen Wahlsieg wie vor zwei Wochen errang, im Jahr 2007, da erging sich die Partei in Selbstherrlichkeit. Wir, nur wir. Wir sind die Grössten! Wir räumen jetzt endlich auf! Und alle anderen? Die brauchen wir nicht! Dann wurde Christoph Blocher abgewählt.

Heute, die Partei ist noch stärker als vor acht Jahren, verzichtet man auf jegliches Triumphgeheul. Schon am Abend des Wahlsonntags war Brunners Demut (wahrscheinlich vor dem «Auftrag») so gross, dass er alle Drecksarbeit von FDP-Präsident Philipp Müller erledigen liess. Brunner selber: staatstragend, bedächtig, demütig. Kniff man die Augen zu, konnte man fast meinen, einem jener Vertreter dieser berühmten «Classe politique» zuzuhören, die von der SVP überhaupt erst erfunden worden war (um sie dann zu verspotten).

Wie lange Brunner wohl noch den frommen Staatsdiener aus dem Toggenburg geben wird? Die Prognose ist nicht sehr verwegen: mindestens bis zum 9. Dezember. Nach der erfolgreichen Bundesratswahl wird Toni Brunner noch einmal getragen über «Stabilität» und «Normalität» reden. Um dann etwas später mit der Durchsetzungsinitiative, der Schweizer-Recht-vor-Völkerrecht-Initiative und der möglichen Abschaffung der Bilateralen genau jene Stabilität und Normalität wieder aufs Spiel zu setzen. Wenigstens wird er dabei wieder wie der alte Toni Brunner tönen.