Frauen auf der Überholspur

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Frauen sind in allen Running-Disziplinen auf dem Vormarsch: Halb-Marathon in Kopenhagen 2014. (iStock)

Alle Frauen, die Wettkämpfe laufen, kennen das Phänomen: Etliche Männer bekunden offensichtlich Mühe damit, dass sie von Läuferinnen überholt werden. Die unverkennbaren Symptome: Sie legen an Tempo zu, wenn eine Läuferin zum Vorbeiziehen ansetzt – das gilt auf der gesamten Strecke, aber insbesondere kurz vor dem Ziel. Aussagen wie: «Ich konnte doch nicht hinter einer Frau einlaufen» sprechen für sich. Und nein, ich breche damit keineswegs eine Genderdiskussion vom Zaun. Es ist ein Fakt. Trotzdem sollten sich einige Herren der Schöpfung an dieses Gefühl gewöhnen – sonst dürften vor allem Anlässe mit kürzeren Strecken für sie zum Spiessrutenlauf werden. Und Weglaufen wird in diesem Fall wenig nützen, denn Zahlen lügen nicht. Ein Blick in verschiedene Statistiken:

Geht es um den sportlichen Unterschied zwischen Männlein und Weiblein, spielt das Alter eine Rolle. Und fokussiert man auf den Laufsport, dann macht auch die Distanz die Verschiedenheiten deutlich – noch…

Wie die grossangelegte Studie «Sport Schweiz 2014» vom Bundesamt für Sport deutlich macht, geht bei den Männern die sportliche Aktivität nach dem 24. Lebensjahr kontinuierlich zurück, um erst im Alter von 65 Jahren wieder anzusteigen. Ganz anders bei den Frauen: Zwar sind sie in jungen Jahren etwas weniger sportlich als die Herren. Im Gegensatz zu den Männern steigern sie ihre Aktivität aber bereits im Alter von 40 Jahren wieder. Sie sind zwischen 45 und 64 Jahren klar das sportlichere Geschlecht.

Ein Blick auf die Verteilung der Männer und Frauen im Feld der Läufer 2010 zeigt: Am Grand Prix von Bern waren auf der 10-Meilen-Strecke 28 Prozent der Teilnehmer Frauen. Auf der 5-Kilometer-Distanz hatten die Athletinnen mit 53 Prozent gar die Überhand. Tendenz steigend: In den folgenden fünf Jahren sind die Frauenfelder stetig gewachsen. Die Läuferinnen machten auf der längeren Strecke vergangenes Jahr 30 Prozent der Teilnehmer aus. Auf der Kurzdistanz haben sie ihren Vorsprung auf die Männer gar ausgebaut: Sie stellen 54 Prozent des Feldes.

Ganz anders sieht die Verteilung aber bei längeren Strecken aus. Etwa bei der Königsdisziplin. Am Marathon von Paris waren vergangenes Jahr 54’000 Läufer angemeldet, drei Viertel waren Männer. Doch auch hier ist ein neuer Trend festzustellen: Während im Jahr 2000 am New York Marathon rund 30 Prozent der Finisher Frauen waren, machten sie vergangenes Jahr bereits 41 Prozent aus.

Diesen Anstieg bestätigen dänische Forscher. Sie haben eine Datenbank von 2,2 Millionen Resultaten erstellt, die sie zwischen 2009 und 2014 an 72 Marathons erhoben. Dadurch stellten sie fest, dass die Zahl der Marathonläufer in dieser Zeitspanne um 13 Prozent gestiegen ist. Das ist nicht weiter erstaunlich, schliesslich verzeichnen die grossen Strassenläufe über die 42-Kilometer-Distanz Jahr für Jahr volle, wenn nicht gar stetig wachsende Teilnehmerfelder. Es überrascht auch wenig, dass bei der Langdistanz die Frauen weltweit mit 30 Prozent der Teilnehmer einen geringen Anteil ausmachen. Aber aufgepasst, sie sind auf dem Vormarsch – und wie. Während der Männerzuwachs von 2009 bis 2014 lediglich 8 Prozent betrug, war er bei den Frauen mit 27 Prozent mehr als dreimal so hoch.

Die Zahlen der weiblichen und der männlichen Marathonläufer halten sich in den Vereinigten Staaten bald schon die Waage: Von den 401’582 Resultaten, welche die Wissenschaftler in Amerika registriert haben, stammen 181’319 von Athletinnen. Sie machen damit 45 Prozent aus. Ebenfalls auf der Überholspur befinden sich die Kanadierinnen. Sie stellten 44 Prozent der Teilnehmer an den analysierten Läufen, gefolgt von den Neuseeländerinnen (44 Prozent). Obschon die Europäer die Amerikaner punkto Sportlichkeit – gelinde gesagt – zu belächeln pflegen, schafft es nur ein europäisches Land in dieser Rangliste unter die Top Ten – und das auch nur knapp: Mit 34 Prozent ist Grossbritannien auf Platz 9. Die Britinnen haben damit einen deutlichen Vorsprung auf das übrige Abendland, das in dieser Hinsicht ein Entwicklungsland ist. Nur gerade 22 Prozent der analysierten Resultate Europas stammen von Läuferinnen. Auch die Schweiz hat noch viel weibliches Marathonpotenzial: Sie liegt mit einem Frauenanteil von 25 Prozent nur knapp über dem ohnehin schon tiefen europäischen Durchschnitt.

Weshalb die Frauen bei den langen Strecken nur zögerlich an den Start gehen, darüber sagen die Zahlen nichts aus. Die Statistiken der Marathonläufe zeigen aber, dass sie keinen Grund haben, diesbezüglich weniger selbstbewusst aufzutreten als die Herren. Sie erreichen das Ziel mit einer vergleichbaren Wahrscheinlichkeit. Von den in Boston 2015 gestarteten Teilnehmern überquerten schliesslich sowohl von den weiblichen als auch von den männlichen Teilnehmern je 98 Prozent die Ziellinie.

15 Kommentare zu «Frauen auf der Überholspur»

  • bea sagt:

    Man kann von der Teilnehmerzahl nicht auf die Leistung beim Laufen schliessen!

  • Lina Weber sagt:

    Ich kann diese Beobachtung nicht teilen. Die Allermeisten nehmen es neutral zur Kenntnis, einige bekennen auch Mühe damit, wenn sie von einem anderen Mann überholt werden. Und einige freuen sich auch, wenn sie überholt werden, sagen etwas Anerkennendes… alles schon erlebt.

  • Urs sagt:

    Bin zur Zeit in Florida. Interessant: beim joggen treffe ich fast nur auf Joggerinnen, und in den Sportgeschäften ist die Auswahl an Running-Artikeln für Frauen massiv grösser.
    PS: habe an Volksläufen schon mehrfach gesehen wie sich von Frauen überholte Männer wieder vordrängten…

  • kusi sagt:

    mir tun die frauen leid, die selbst beim laufen ihre feministische agenda nicht ablegen können.

  • Romeo Giampa sagt:

    Als Mann sollte man auch eine Männersportart betreiben (Joggen gehört nicht dazu, das zeigt genau dieser Zeitungsartikel), wie z.B. den Strassenradsport. Da ist eher unwahrscheinlich, dass man von einer Frau überholt wird.

    • Luise sagt:

      Stimmt. Ich fahre oft mit dem Rennrad, da sind Männer meist schneller, ertragen es aber auch nicht, wenn sie von Frauen überholt werden. Genderdiskussion??? Ich finde diese Diskussion ganz einfach lustig. Man muss das nicht so verkrampft sehen. :-)

  • Peter sagt:

    Wer überholt, den sieht man ja überhaupt nicht, wenn man selber im Rennen ist. Man sieht nur die vor einem, und vor dem Ziel sind auch nur die gerade vor einem der Ansporn, zuzulegen. Wer das ist – spielt keine Rolle.(dies zum einleitenden ersten Absatz).

  • Malte sagt:

    Immer wieder schön:

    „Und nein, ich breche damit keineswegs eine Genderdiskussion vom Zaun. Es ist ein Fakt“

    So viel zu „keine Genderdiskussion“ ….

  • Christoph Bögli sagt:

    Ich denke nicht, dass Läufer das Tempo erhöhen, nur weil sie von einer Frau überholt werden, sondern halt generell, wenn jemand einem hinten dran klebt. Erst recht kurz vor dem Ziel, dann ist das doch in jedem Fall eine Motivation, noch mal anzuziehen. Das mag nicht immer sinnvoll sein, ist aber eine ganz normale Reaktion wenn jemand halbwegs kompetitiv ist. Das auf einen Beleg dafür zu reduzieren, dass männliche Läufer Probleme mit Frauen haben ist entsprechend etwas weit hergeholt..

    • Malte sagt:

      Das denke ich aber auch!

    • Peter sagt:

      Im Training kommt es, vor schneller zu werden, wenn einer hinten auftaucht,aber im Rennen nicht. Im Rennen zählen nur die gerade vor einem, und die sind normalerweise etwas langsamer, aber im Feld vorher eingestanden.

  • Luise sagt:

    Dass Männer ungern hinter einer Frau ins Ziel laufen hab ich am Wochenende beim Kerzerslauf fest gestellt. Ich finde das lustig, ist wohl eine aussterbende Sorte. Gefreut hat mich, dass immer mehr junge Frauen laufen, zu all den älteren zwischen 40 und 70 – einfach nur schön, dass es so viele fitte Menschen gibt dir Freude an Bewegung haben!

  • Lorena sagt:

    „Es ist ein Fakt“. Meine Erfahrungen sind ganz anders. Maenner laufen gerne mit Frauen, da diese die konstatere Pace haben. Eigentlich geht es in desem Blog um Sport und nicht um abstruse feministische Cliches.

  • Dominik sagt:

    Das Beispiel von Boston ist nicht aussagekräftig, da man sich für das Rennen qualifizieren muss:
    a) In den letzten 18 Monaten ein Marathon gefinished
    b) Marathonzeit von 3:05 / 3:35 (Mann/Frau) für 18-35 jährige

    https://en.wikipedia.org/wiki/Boston_Marathon#Qualifying

    Kurzum: Wer dort antritt, hat normalerweise (Sponsoren- und Charityplätze ausgenommen) eh schon einen Leistungsausweis im Marathon. Dieses Rennen ist nicht vergleichbar mit den übrigen Marathons dieser Welt!

  • Ivan S. sagt:

    Sehr interessanter Artikel! Die Beweggründe wären ebenfalls interessant. Ich denke die Frauen sind viel Gesundheitsbewusster und können dies auch erst wieder ausleben, wenn die Kinder älter sind. Die Herren dagegen sind Leistungsbewusster.

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