Was Frauen wollen


Viele Frauen gehen gerne mal ausgiebig shoppen. Sagt man(n). Wer das Konsuminteresse des «schwachen Geschlechts» jedoch lediglich auf Schuhe und Handtaschen reduziert, irrt gründlich: Mehr als die Hälfte aller neuen Velos in der Schweiz werden von Frauen gekauft, so der Verband der Schweizer Fahrradlieferanten Velosuisse. Während allerdings der Anteil erworbener Damenvelos bei den Citybikes sehr hoch ist, liegt er bei Mountainbikes nur bei 15 Prozent. Denn das Gros der Bikerinnen ist nach wie vor auf Herrenmountainbikes unterwegs. Warum eigentlich?

Frauenbewegung

Radsportlerinnen sind heute weit davon entfernt, «Exoten» zu sein. Von Freizeit bis Elite, von Touren bis Downhill: Frauen sind auf allen Levels und in allen Disziplinen aktiv. Tendenz steigend – und damit berechtigterweise auch ihr Selbstbewusstsein und ihre Ansprüche an das Angebot. Die Hersteller reagieren. Verständlich, geht es doch um viel Geld. Jedes achte Mountainbike im Preissegment über 2000 Franken lenkt laut Velosuisse eine Dame. Kein Wunder, dass mittlerweile quasi jeder grössere Hersteller spezielle Ladybikes im Programm hat. Wenngleich die Damenlinien mehrheitlich sehr überschaubar sind. Unter dem Label Liv führte Giant als erstes Unternehmen eine eigenständige Marke ausschliesslich für Frauenvelos ein. Das macht sich bezahlt: «Die Damenbikes sind für uns nicht nur ein wichtiges Standbein», erklärt Roland Abächerli, Brand Manager von Giant Schweiz, «momentan ist Liv der am schnellsten wachsende Bereich in unserem Haus.»

Aber brauchen Frauen wirklich andere Bikes als Männer, frage ich mich. Ein Teil der Antwort liegt in der nüchternen Betrachtung anatomischer Unterschiede. Im weltweiten Vergleich sind Frauen kleiner als Männer, durchschnittlich etwa um 15 Zentimeter. Die Relation von Torso- zu Beinlänge ist anders. Weibliches und männliches Becken unterscheiden sich deutlich, und die Herren haben meist eine breitere Schulterpartie. Um nur einige Beispiele zu nennen… Zudem verfügen Männer über mehr Muskelmasse und folglich mehr Kraft – auch dank höherem Testosteronspiegel. All dies wirkt sich auch aufs Biken aus.

Mogelpackung oder echte Vorteile?

Trotzdem scheiden sich in puncto Ladybikes die Geister: Einige erkennen in ihnen ein massgeschneidertes Angebot, andere sehen keinen echten Bedarf. Eine Frau benötige kein anderes Mountainbike als ein zierlicher Mann, ist eine durchaus gängige Meinung. Dazu kommt die Sorge, die Ausstattung sei minderwertiger, die Auswahlmöglichkeiten eingeschränkt. Das ganze Bike am Ende gar eine Mogelpackung. Mit einem Rahmen in Pink oder mit Blümchendekor wollen sich viele Frauen nicht abspeisen lassen. Das ist auch den meisten Herstellern klar. «Es gilt nicht mehr ‹Shrink it and pink it›», erläutert Denise Silva, Product Managerin für Frauenmountainbikes bei Specialized. «Selbstverständlich sollen Frauenbikes auf demselben technischen Niveau sein wie die Herrenmodelle.» Zugleich müssen Ladybikes echte Vorteile für Frauen bringen. Meist ist die Geometrie kompakter, das Oberrohr tiefer abgesenkt und damit die Überstandshöhe sehr niedrig. Die Lenker sind weniger breit, die Griffe schmaler, der Sattel angepasst, das Ansprechverhalten von Dämpfer und Gabel angepasst. Frauen werden vermehrt in die Entwicklung eingebunden – oder haben es, wie bei Liv, komplett selbst in der Hand.

Es könnte sich also immer mehr lohnen, beim Kauf der nächsten Trailmaschine auch mal die Damenabteilung zu inspizieren. Doch am Ende gilt wie immer: Probieren geht über Studieren. Welches Bike das passende ist, zeigt sich, für Frau und Mann gleichermassen, erst beim Fahren.

Völlig überflüssig? Bloss eine weitere Verkaufsmasche? Oder absolut ausbaufähig und viel zu lange vernachlässigt? Wie stehen Sie zum Thema Ladybikes?

10 Kommentare zu «Was Frauen wollen»

  • Paul Trend sagt:

    Die momentanen Damen MTBs der Hersteller sehe ich auch noch eher als Marketinggag an.
    Es ist nach wie vor extrem schwer z.B ein vernüftiges, gut ausgestattetes Damen MTB Fully zu finden bei einer Körpergrösse von 1.50m. Wir sind bis heute auf der Suche, aber es ist nichts zu finden.

  • nathalie sagt:

    also ich als frau habe noch nie ein spezielles frauen mtb gekauft. warum: lange hatten viele blümchenmuster, waren rosa und so, und die parts waren nicht das was ich gerne am bike hab (alles xt) und das gewicht war höher als bei den übrigen bikes. es gab schon immer, und wird immer mehr frauen geben die, wie manche männer auch, ahnung vom biken haben, die wissen was sie wollen und was gut und was nicht gut ist. fazit für mich: frauenbikes (die entlich auf dem selben level sind wie die übrigen) sind ein nice to have aber nicht ein muss. ein bike zu testen ist immer noch das beste.

  • Andreas sagt:

    Bringt endlich 15 und 13,5 Zoll-Rahmen auf den Markt, die die gleichen Ansprüche befriedigen wie die grossen Velos. Für kleine erwachsene Menschen, die nicht mehr so gerne mit der Plastikhupe herumfahren, ist das Einkaufen von Velos ausserhalb der Norm schon extrem schwierig. Egal, ob RR, MTB oder Alltags- und Tourenvelo.

  • Laura Cattaneo sagt:

    Als kleine Frau musst du froh sein, wenn du ein Rad findest, das passt. Einige Hersteller fallen somit gleich mal weg. Bei den Girls -Versionen gibt es meist nur etwas im unteren Preisbereich, die Bikes/Rennräder sind dann meist schwerer, was ich als ambitionierte Fahrerin nicht will. Entscheidend für mich auch, die Bikes sind meist als fixe Angebote konzipiert – ich kann also wenns hoch kommt gerade mal noch über den Sattel bestimmen, es gibt keine custom -Variante. Und der Absatz ist wohl einfach doch noch zu klein, um für Frauen auch top Räder ins Sortiment zu nehmen.

    • Gämpebiker sagt:

      Es gibt Alternativen im Custombereich für hochwertige Damen-Bikes. Ich hoffe das hier ist keine Schleichwerbung aber schauen Sie mal auf der Homepage bei Transalpes (Stichwort Diva) vorbei.

    • Christoph Vetter sagt:

      Naja,
      Kontaktpunkte wie Sattel, Lenkergriffe , Sitzposition: Vorbaulänge, Lenker (Form und Breite) sollte man schon auf die Kundin (den Kunden) anpassen wollen sonst ist man eindeutig in der falschen Branche tätig.
      Für höherwertige Teile kann man ja auch einen Aufpreis verlangen.

      Gilt vielleicht nicht zwingend beim 700Franken Citybike, bei MTB und Rennrad gehört das anpassen der Sitzposition einfach dazu.

      Wer den Service nicht bietet sollte sich zumindest nicht über Onlinehändler beklagen, sogar die kriegen das z.T. hin.

      Es gibt mittlerweile diverse Marken und Shop-Eigenmarken wo Bikefit und Auswahlmöglichkeiten (nicht nur Rahmenfarbe) zum Konzept gehören, die sind nicht mal zwingend teurer als andere.

      Ich arbeite seit 1992 in Bikeshops und kenne es gar nicht anders.

  • P.Wyss sagt:

    Ansprüche an das Angebot? Sorry, aber hier reagiert alleine der Markt.

  • Tino E. sagt:

    Wie das Meiste überhaupt: In erster Linie geht es ums Marketing und ums Umsatz generieren. Die Bikeanbieter wollen Cash machen, Cash machen und nichts anderes als Cash machen.
    Und da immer mehr Frauen biken und die Bikes auch selber kaufen wollen, „müssen“ sie bitte schön gendergercht angesprochen werden. Dann sind sie auch bereit mehr und viel Geld in die Taschen der Hersteller und Händler zu spülen. Es geht nur ums Geschäft. Wer etwas anderes glaubt ist selber schuld.

    • Heiris Marolf sagt:

      Ja und nein. Ab und zu spielt auch tatsächlich die Nachfrage eine Rolle. Wieso sollen Frauen keine Bikes kaufen dürfen, die etwas „girly“ aussehen? Diese Nachfrage zu befriedigen finde ich durchaus legitim. Da muss man nicht gleich den Kapitalismus verteufeln; da gibt es tausendfach schlimmere Beispiele. Die allermeisten Biker legen grossen Wert auf das aussehen ihrer Bikes, drum finde ich es schön, wenn es speziell Bikes für Biker-Girls gibt. (Gibt’s bestimmt schon seit 15 Jahren im MTB-Bereich).

  • Roland K. Moser sagt:

    Überflüssig kaum.
    Frauen sind im Durchschnitt kleiner als Männer. Evtl. würde es genügen, die normalen MTBs noch 1 bis 2 Grössen kleiner anzubieten.

Kommentar

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