Leichtbau-Wahn auf Tour

Ein Beitrag von Christian Penning*:

Weniger ist mehr: Skitourengeher setzen auf immer leichtere Materialien. (iStock)

Weniger ist mehr: Skitourengeher setzen auf immer leichtere Materialien. (iStock)

Was haben Mountainbiker und Skitourengeher gemeinsam? Sie treffen sich jedes Jahr auf Sportartikelmessen, feiern Konvente des Leichtbaus und träumen davon, mit immer radikaler abgespeckter Ausrüstung aus Carbon und Co. in den alpinen Sportlerhimmel zu entschweben. Gewichtsfetischisten im Speed-Rausch. Ihr Credo: weniger ist mehr. Gelebter Ausrüstungsminimalismus gnadenloser Weight-Watcher. Magersucht wird zum kollektiven Ziel – zumindest, was die Ausrüstung betrifft. Und für die unendliche Leichtigkeit des schwerelosen Seins am Berg sind viele sogar bereit, ihr letztes Hemd zu geben. Schliesslich wachsen die Preise für das «gewichtsoptimierte Equipment» exponentiell zur Gewichtsabnahme.

Eine völlig übertriebene Sichtweise? Kürzlich ging in München die Internationale Sportartikelmesse Ispo über die Bühne. Am Stand von Dynafit: Die leichteste Pin-Tourenbindung der Welt, die Dynafit DNA. 75 Gramm. Ein mageres Häufchen von Spangen, Klammern, Metallzapfen und Schrauben. Preis: 719 Franken. Eine klassische, solide Rahmenbindung mit ausgereiften Sicherheitsauslösefunktionen wiegt fast doppelt so viel und wirkt daneben ungefähr so sexy wie eine Miss-Schweiz-Bewerberin in Schlabber-Jogginghose, mit Pudelmütze und dickem Daunenmantel.

Ein Stück weiter, am Stand von Skihersteller Fischer: der leichteste Tourenski der Welt. Verticalp heisst der üppig dimensionierte Zahnstocher aus Carbon. Federleichte 580 Gramm. Zusammen mit der DNA-Bindung sind das Supermodel-taugliche 655 Gramm. Doch bei Skitourenrennen beträgt das Mindestgewicht laut Wettkampfreglement 750 Gramm. Gut, dass die Entwickler nicht vergessen haben, in der Skimitte das «Weight-Tuning-System» zu positionieren. Unter der dank Minimalprofil und Carbon-Konstruktion ebenfalls gewichtsoptimierten Schuhsohle lassen sich in eine Aufnahmeschiene kleine Gewichte stecken – wie in einen Patronengurt. Cleverer kann man das ideale Wettkampfgewicht nicht wiederherstellen – «bei gleichzeitig minimalem Schwunggewicht am Skiende und an der Schaufel», so die Produktbeschreibung. Also, mal sehen, wie sich die Biegekurve des Skis anfühlt. – «Vorsicht, das reicht», warnt der verantwortliche Produktmanager nach mässigem Druck auf die Skimitte. «Der könnte brechen.»

Okay, das ist die Formel 1. Und Skiausrüstung für den Genusstourer hat mit diesen Ultraleicht-Spielereien in etwa so viel zu tun wie ein Auto der Golf-Klasse mit dem Dienstwagen von Sebastian Vettel. Dennoch werden auch die Berge immer mehr zur Rennstrecke. Skitourengehen, das war mal gemütliches winterliches Bergsteigen, das waren mal epische Wanderungen durch unberührte Schneelandschaften. Heute herrscht an manchem Paradegipfel eine Hektik wie in Skigebieten. Was passiert bewusst oder unbewusst in unserem Kopf, wenn wir superleichte Bindungen an unsere megaleichten Ski montieren? Werden wir dann alle zu kleinen Vettels der Berge? Wo bleibt die Erholung, der Sinn für die Natur?

Zugegeben, technische Innovationen haben den Sport in den letzten Jahren tatsächlich vorangebracht. Tourengehen hat sich als Volkssport etabliert. Nicht zuletzt auch wegen intensiver Diätprogramme bei der Ausrüstung. Man muss kein Konditionstier mehr sein, um aus eigener Kraft mit Ski einen Gipfel zu erreichen. Doch um sich wohlzufühlen und wirklich geniessen zu können, lohnt es sich, zwischendurch auch mal innezuhalten – und vielleicht auch zu sündigen und wieder ein bisschen zuzulegen. Denn der Grat vom austrainierten, drahtigen Sportler zum schlaffen Hungerhaken ist schmal. Das gilt auch fürs Material. Und vielleicht ist es ja wirklich manchmal besser, Geld und Zeit nicht in Carbon zu investieren, sondern in die Kondition. Die eine oder andere zusätzliche Tour bringt mehr Gewichtsvorteil als die teuersten Innovationen – die Personenwaage zu Hause beweist es. Und Spass machen solche Ausflüge trotzdem – auch wenn die Ausrüstung ein paar «Speckringe» aus Nicht-Hightech-Materialien um die Hüfte hat.

Was denken Sie über den Leichtbau-Wahn?

Outdoor Christian Penning* Christian Penning ist freier Journalist, Fotograf und beruflich wie privat, so oft es geht, in den Bergen unterwegs.