Römertempel und Bouillabaisse

Diese Woche von Studen via Jäissberg und Mörigen nach Biel (BE)

Um die S-Bahn-Station Studen am Ostfuss des Jäissbergs mutet alles sehr neuzeitlich an. Doch wir wissen, dass der Schein trügt. Der Jäissberg, ein langer, bewaldeter Höhenzug, wird uns in die Antike entführen.

Eine gute Viertelstunde, nachdem wir gestartet sind und als erstes die Bahnlinie unterquert haben, ist es soweit: Die Torturm-Anlage von Petinesca zeigt sich, massives Mauerwerk mit einem Durchlass in der Mitte.

Petinesca war ein römisches Dorf am Hang des Jäissbergs, der untere Dorfteil lag an der grossen Strasse von Aventicum nach Salodurum, von Avenches nach Solothurn. Hier zogen sie durch, die Händler, die Legionäre, die Bauern mit ihren Karren. Wir studieren die Tafeln, finden das interessant.

Ein Keltenwall

Weiter oben am Hang nehmen wir bald darauf – kleiner Abstecher – den Abzweiger zum Gumpboden. An jener Stelle im Wald beteten die Menschen von Petinesca zu ihren Göttern. Gleich mehrere Tempel wurden freigelegt und sind durch ihre Fundamente erahnbar. Schwärmerische Gemüter wie das des Kolumnisten stürzen an dem heiligen Platz in tiefe Gefühle.

Wir ziehen weiter bergwärts und kommen irgendwann an einer Tafel vorbei, die uns erklärt, dass wir gerade einen vorrömischen Wall aus der Keltenzeit passieren. Viel ist nicht zu sehen, aber wir nehmen die Tatsache mit, dass auf dem Jäissberg sehr früh gesiedelt wurde, lange vor den Römern. Er ist aber auch eine prachtvolle Bastion und liegt zudem in der Nähe wichtiger Verkehrswege; da war einst die noch unkanalisierte Zihl, da waren und sind der Bielersee und die Aare.

Ganz oben auf dem Berg erklimmen wir eine nackte, heftig erodierende Kuppe, die mit Holzschwellen befestigt ist. Auf ihr stand im Mittelalter die Chnebelburg. Die Rundsicht ist toll, am Boden zeugt ein Steinkreis davon, dass Leute auf der Kuppe gern brätlen.

Wir steigen ab, die Wanderung wechselt ihr Gepräge, nun bekommen wir Wald und Wiese serviert und recht bald auch ein Dorf, Stöckleren. Hübsch ist später das Wolfsbrüggli über ein Bächlein im Wolfgraben, Senioren aus Bellmund haben es gebaut. Einige Zeit später erreichen wir Mörigen. Perfekt, denn hat bisher die Bise geblasen, setzt nun auch Regen ein.

Sinistres Heulen und Rattern

Wir haben im Seeblick reserviert, die nächsten zwei Stunden sind eine zufriedene Sache. Das Ausflugsrestaurant mit den grossen Fenstern zum See serviert sehr guten Fisch, meine Eglifilets schmecken, Margrits Bouillabaisse-Teller ist am Rand mit einem Minikrebs garniert, der schon mal ein Füsschen in die Suppe streckt. Vor allem aber ist die Gastgeberin nett und der Service fix.

Wir schämen uns am Schluss ein wenig, denn unter unserem Tisch haben sich Dreckbatzen gesammelt, die an den Schuhen trockneten und abfielen. Jemand wird wischen müssen. Wir entschuldigen uns. Kein Problem, heisst es.

Draussig ist es garstig, und ich gestehe, dass auch ich einen Moment mit dem Bähnlein nach Biel liebäugle, das direkt vor dem Haus halten würde. Aber letztlich wandern wir alle acht weiter. Es lohnt sich, stellen wir fest, während wir unten am See, mal direkt am Ufer, mal in einigem Abstand zu ihm, Biel zustreben. Sturmwinde peitschen den See, weisse Schaumkämme krönen ihn, in den Waldstücken ist ein sinistres Heulen und Rattern zu hören. Die knapp zweistündige Etappe nach dem Mittagessen – sie ist eine grossartige Wettershow.
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Route: Studen – Tor von Petinesca – Tempelbezirk auf dem Gumpboden – Keltenwall – Chnebelburg – Herrenwald – Hürbi – Stöckleren – Ipsewald – Wolfgraben – Oberholz – im Ried – oberdorf – Mörigen – Seeuferweg bis Biel – Biel SBB.

Wanderzeit: 5 Stunden.

Höhendifferenz: je circa 275 Meter auf und ab.

Wanderkarte: 233 T Solothurn und 232 T Vallon de St-Imier, 1: 50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Kürzer: Wer in Mörigen aufhört und mit dem Zug nach Biel zurückfährt, braucht bloss 3 1/4 Stunden.

Charakter: Vielgestaltige Unternehmung. Zuerst eine Archäologietour. Dann Wald und Wiese. Schliesslich eine Seeufer-Tour.

Höhepunkte: Der Tempelbezirk auf dem Gumpboden. Der Rundblick von der Chnebelburg auf dem Jäissberg. Der Zmittag im «Seeblick» Mörigen. Das schöne Bielersee-Ufer.

Kinder: Gute Route.

Hund: Gute Route.

Einkehr: Der Seeblick in Mörigen ist perfekt platziert. Gute Küche natürlich mit Schwerpunkt Fisch, freundliche Atmosphäre. Mo Ruhetag.

Rückkehr zum Ausgangspunkt: Mit der S-Bahn direkt von Biel nach Studen.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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