Der Skitouren-Algorithmus

Outdoor

Risikoreicher Trendsport: Skitourengeher am Piz Tuf im Bündnerland. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Heimtückische Altschneeprobleme und erhöhte Lawinengefahr machen uns Skitourenfans derzeit das Leben schwer. Zwar bieten die Schweizer Berge zahllose Tourenmöglichkeiten, doch welche ist bei den jeweiligen Verhältnissen passend? Um diese Frage zu beantworten, kommt man nicht darum herum, sich sorgfältig mit der Lawinenkunde auseinanderzusetzen. Das Problem: Vielen fehlt dazu die Lust oder Zeit.

Nun gibt es www.skitourenguru.ch, eine Plattform, die jeder kostenfrei nutzen kann. Über 600 Touren sind auf der Website aufgelistet – inklusive Karte, Ausgangspunkt, Höhenmeter und Schwierigkeit. Skitourenguru ist ein Online-Tourenführer, allerdings mit einem einzigartigen Zusatz: Er berechnet auch gleich die aktuelle Risikokategorie für jede vorgeschlagene Route, sogar für einzelne Streckenabschnitte. Zweimal pro Tag analysiert das Programm das Risiko anhand des aktuellen Lawinenbulletins, eines digitalen Geländemodells und der grafischen Reduktionsmethode.

www.skitourenguru.ch listet innert Sekunden Tourenvorschläge auf und berechnet den Risiko-Indikator. Im Bild: Die Routen die Skitourenguru.ch ab Zürich im Umkreis von 100 Kilometer als «grün» (geringes Risiko) einstuft – gestern Dienstag, 9. Februar 2016 bei «erheblicher Lawinengefahr».

www.skitourenguru.ch listet innert Sekunden Tourenvorschläge auf und berechnet den Risiko-Indikator. Im Bild: Die Routen, die Skitourenguru.ch ab Zürich im Umkreis von 100 Kilometer als «grün» (geringes Risiko) einstuft – gestern Dienstag, 9. Februar 2016 bei «erheblicher Lawinengefahr».

Mit anderen Worten: Skitourenguru ist eine praktische und geniale Erfindung. Aber wie verlässlich sind die Angaben? Kann ich einfach blind losmarschieren, wenn die Tour im «grünen Bereich» abschneidet? «Nein», betont Günter Schmudlach. Der Entwickler von Skitourenguru ist studierter Elektroingenieur (ETH) und passionierter Berggänger. «Grün mag zwar ‹geringes Risiko› bedeuten, aber das heisst nicht, dass die Tour sicher ist.»

Die automatische Risikobewertung entspricht dem ersten Schritt bei der Tourenplanung. Innert Sekunden liefert sie Resultate, die genauer sind, als sie mancher Skitourengänger selber berechnen könnte. Dennoch: Skitourenguru macht lediglich eine Vorselektion von geeigneten Touren, «die dann gemäss der 3×3-Regel von Werner Munter von Hand sorgfältig geplant werden müssen», so Schmudlach.

Beispiel Skitour auf den Piz Beverin (GR) bei «erheblicher Lawinengefahr» am 9. Februar 2016. Die kritischen Routenabschnitte sind «orange» markiert. Das bedeutet: «Erhöhtes Risiko. Vorsicht und Erfahrung nötig.» Quelle: www.skitourenguru.ch

Beispiel Skitour auf den Piz Beverin GR bei «erheblicher Lawinengefahr» am 9. Februar 2016. Die kritischen Routenabschnitte sind «orange» markiert. Das bedeutet: «Erhöhtes Risiko. Vorsicht und Erfahrung nötig.» Quelle: www.skitourenguru.ch

Wie die Situation vor Ort aussieht oder im Einzelhang, das müssen Skitourengeher weiterhin selber beurteilen. Kein Computerprogramm der Welt kann diese Aufgabe übernehmen. Hohe Unsicherheiten der Bewertung entstehen vor allem wegen des Lawinenbulletins. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) gibt seine Prognosen für grosse Regionen heraus, sie sind deshalb stark verallgemeinert und «letztlich von unbekannter Zuverlässigkeit». Darum kann auch Skitourenguru die Gefahrensituation nicht verlässlich auf Einzelhänge herunterbrechen.

Kommt hinzu, dass viele Skitourengeher besonders bei der Abfahrt gerne von der Aufstiegsroute abweichen, um unberührten Pulverschnee zu geniessen. Solche Routenvarianten können ein ganz anderes Lawinenrisiko aufweisen. Zur eigenständigen Beurteilung im Gelände braucht es nach wie vor eine gute Ausbildung und Erfahrung.

Skitourenguru könne die Eigenverantwortlichkeit nicht ersetzen und keine komplette Skitourenplanung für Dummies bieten, «aber er kann sie wesentlich erleichtern», schreiben zwei Experten des SLF in der jüngsten Ausgabe des SAC-Magazins. Dasselbe sagt auch Schmudlach. Ihm gehe es mit seinem Programm darum, das Publikum auf gute, also «grüne» Skitouren zu lenken. «Skitouren mit vielen steilen Nordhängen in einem Gebiet mit erheblicher Lawinengefahr schneiden bei mir schlecht ab.» Sie landen in der Risikokategorie «orange» oder «rot».

«Es finden in der Schweiz leider zu viele Skitouren am falschen Ort statt», sagt Schmudlach. Da aber meistens alles gut gehe, bauen die Leute «falsche Erfahrungen» auf. Er versteht sein Projekt darum als einen «Beitrag zur Lawinenprävention». Mit Skitourenguru möchte er die Leute an die Lawinenkunde heranführen. Die Seite liefert umfangreiche Informationen zum Thema und «schreit» geradezu danach, sich mit den 3×3-Regeln auseinanderzusetzen.

7 Kommentare zu «Der Skitouren-Algorithmus»

  • thebelper sagt:

    Ich bin beeindruckt von der Möglichkeit, die skitourenguru.ch bietet. Von diesem Tool habe ich als member von gipfelbuch.ch erfahren. Die beiden Anbieter arbeiten zusammen. Das finde ich sehr vorbildlich.
    An skitourenguru finde ich v. a. sehr hilfreich, wie transparent aufgzeigt wird, wie der Algorithmus den Risikofaktor berechnet und dass zudem darauf hingewiesen wird, dass jeder, der im Winter ins freie Gelände geht, sich mit Lawinenkunde beschäftigen und eingeverantworlich handeln muss. Skitourenguru ist auch bestens dazu geeignet, die eigene Planungsarbeit einzuüben und zu evaluieren.

  • Rob Mueller sagt:

    Es freut mich sehr, dass Skitourenguru hier vorgestellt wird! Etwas vom innovativsten und besten für die Tourenplanung der letzten Jahre. Und ein Quantensprung in der flächendeckenden Risikoeinschätzung.
    Sowohl Anfänger (Beschränkung auf grüne Touren) wie auch Fortgeschrittene können enorm vom gesammelten know-how der Seite profitieren. Oder gar selber zur Weiterentwicklung beitragen (Referenzdatensatz!).

    Allerdings darf man nie vergessen, dass es nur ein zusätzliches Hilfsmittel ist, welches aus diversen Quellen (slf, swisstopo, GRM) bekannte Faktoren zusammenbringt – es nimmt also niemanden aus der Eigenverantwortung!

  • reto sagt:

    trotzdem gut dass es veröffetlicht wird, im SAC Heft liesst es ja nur ein ‚kleiner‘ Personenkreis…

  • Alan Miller sagt:

    Aso erstens, Herr Meister, müsste angesichts der vielen jährlichen Lawinen-Toten dieses Thema im Winter auf allen Kanälen diskutiert werden. Täglich.
    Zweitens gibt es tatsächlich Schneeschuh- und Skitourengänger, die nicht SAC-Mitglied sind, weil für sie Outdooraktivitäten reines Vergnügen sind. Diesen dient die Website durchaus – und wenn es „nur“ zur Gefahren-Sensibilisierung ist.
    Und schliesslich dürfte nach Ihrem Credo nur über Themen berichtet werden, zu denen in letzter Zeit nirgendwo anders publiziert wurde. Also nicht zur Schicksals-Abstimmung Ende Monat, nicht zum US-Wahlkampf, nicht zur Flüchtlings-Tragödie usw.
    Soviel zur angeblichen Ideenlosigkeit; nüpfürunguet.

    • Robin sagt:

      Ich finde auch gut, dass Natascha darüber berichtet. Ideenlos ist das doch nicht. Die Vorlaufzeiten/Planungen für solche Artikel sind bei den Redaktionen doch länger, als Willi denkt. Und wieso sollen nicht der SAC und der Tagi darüber berichten?
      Was indes fragwürdig ist, ist der Hinweis „der vielen jährlichen Lawinen-Toten“, denn es sind pro Jahr durchschnittlich 25 in der Schweiz. Denen wird zwar grosse Aufmerksamkeit zuteil, aber diese täuscht darüber hinweg, dass es verglichen mit anderen Unfallzahlen doch nur wenige sind. Auch verglichen mit den Unfallzahlen anderer Bergsportarten oder Sportarten generell. Das soll nicht heissen, dass das Thema nicht diskussionswürdig ist oder berichtenswert, im Gegenteil. Nur Fakt ist, es sind „nur“ 25 pro Jahr.

  • Willi Meister sagt:

    So ideenlos, Frau Knecht! Ein paar Tage, nachdem im SAC-Heft ein Artikel über skitourenguru.ch erschienen ist, hier das gleiche Thema zu behandeln, kann ja wohl kaum Zufall sein…

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