Zum Glück bin ich ein Macho

Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann. Eine Serie in acht Teilen.

Foto: Urs Jaudas

Die Kettlebell macht unserem Autor das Leben schwer. Foto: Urs Jaudas

Das war nicht fair. Der Tag begrüsste mich erstmal mit einem dicken, eiskalten Tropfen, der direkt von meinem Vordach in meinen Nacken fiel. Dann stellte sich das Velo als unbrauchbar heraus, da völlig verreist. Kaum im Büro angekommen, spürte ich das erste Mal dieses Kratzen im Hals. Ich glaubte, husten zu müssen. Ich fühlte mich kränklich, schwach und grau. Und über Mittag dann noch ins My Gym?

Ich sah schon die farbigen Kettlebell, die fröhlich und fies da lagen, um einem fröstelndem und gepeinigtem Mann das Leben noch weiter zu erschweren. Ich hätte mich gerne in diesem Moment an eine starke Schulter gelehnt. Vielleicht auch ein bisschen geweint. Und geklagt, dass ein Mann von heute zwar sensibel, aber immer auch funktionstüchtig sein muss.

Zum Glück bin ich aber ein Macho. Denn statt zu weinen, raffte ich mich auf und packte stumm meine Sporttasche. Ich fürchtete nichts mehr als den mitleidigen Blick von Sara Steinmann. Sie war in einem solchen Moment nicht einfach nur mein Coach. Sondern vor allem eines: eine Frau.

Im Zuge der Gender-Gleichstellung sind viele Unterschiede nivelliert worden. Nicht weniges völlig zu Recht, wie ich finde. Aber es gibt auch da Grenzen. Weibliches Mitleid darf aus männlicher Sicht niemals akzeptiert werden. Sollte irgendwann das Gegenteil behauptet werden – vielleicht von einem schwedischen Bestsellerautoren, der Leggins trägt und Fussball hasst – muss entschieden dagegen vorgegangen werden. Man darf uns Männer hassen, belächeln oder gar bevormunden. Aber Mitleid haben wir nicht verdient.

So schritt ich unter dem wachsamen Blick von Coach Sara grimmig zu meinen Kettlebell. Sie wollte mit dem Turkish Get Up ein Dreier-Set auf jeder Seite und legte mich auf den Rücken. Ich begann links, mit meiner schwächeren Seite. So winkelte ich mein linkes Bein an, stützte mich auf meinen rechten Ellbogen ab und stemmte die 20 Kilo hinauf, drückte mein Becken nach oben, zog mein Bein unten durch und stand auf. Dann ging es wieder runter. Das machte ich drei Mal ohne Pause.

Als ich links fertig war, schaute mich Sara etwas seltsam an. Sagte aber nichts. War mir auch Recht. Solange es kein Mitleid war. Ich zog das Ganze auch auf rechts durch. Als ich fertig war, atmete ich schwer. Coach Sara lächelte und sagte: «Weisst du, dass du gerade dein Personal Best hattest? Je dreimal auf jeder Seite mit 20 Kilo hintereinander hattest du noch nie geschafft!»

Ich dachte nur: elende Quälerei. Und dass kompetente Frauen in Chefposition bei mir definitiv mehr rausholen können.