Der Mythen hatte mal kurz Mitleid mit uns

Diese Woche von der Rotenflue zur Holzegg und Ibergeregg und retour (SZ)

Werden wir Sonne bekommen oder nicht? Um die Antwort vorwegzunehmen: jein.

Zu viert fahren wir mit der NOCH neuen Gondelbahn von Rickenbach bei Schwyz auf die Rotenflue, 1571 Meter über Meer. Die Talstation lag im Nebel, nun schweben wir bergwärts, und der Himmel hellt sich Mast um Mast auf.

Oben Winter wie im Juweliergeschäft, das Geländer vor der Wirtschaft ist mit Eiskristallen bestückt. Das schwache Licht der Sonnenscheibe reicht, dass die Kristalle glitzern. Wir orientieren uns, sehen den Winterwanderwegweiser in Pink, ziehen los Richtung Holzegg. Schnell sind wir im Wald, und es geht abwärts. Die paar Meter genügen, dass wir wieder im Grau landen.

Eiszapfenschmuck

Via Stäglerenegg kommen wir schnell zur Holzegg. Eiszapfen hängen von der Fassade des Restaurants, das im Sommer sozusagen das Basislager aller Mythen-Besteiger ist; es ist notabene mit einer kleinen Seilbahn von Brunni aus erschlossen. Hinter der Wirtschaft erhebt sich der Grosse Mythen. Nun ja, theoretisch. Wir sehen den Gipfel nicht, den ich gern «Matterhorn der Bergwanderer» nenne.

In der Wirtschaft ist es warm, meine Brille beschlägt und will geputzt sein, wir trinken etwas. Bald aber laufen wir weiter, und es ist nun wie ein Wunder. Wir halten wieder zur Stäglerenegg, und als wir uns einmal umdrehen, hat sich der Mythen aus dem Nebel geschält. Extra für uns und nur drei Minuten – er hatte wohl Mitleid. Mir fällt ein Spruch aus der islamischen Tradition ein, der wunderbar passt. Gott sagt: «Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden, daher erschuf ich die Welt.»

Bei der Stäglerenegg zweigen wir links ab, wir wollen zur Ibergeregg. Der Weg führt abwärts in eine Mulde samt Skilift und wieder aufwärts nach Zwäcken. Bald darauf eine sehr willkommene Überraschung, denn wir haben nun Hunger und wollen uns umso mehr etwas gönnen, als die Sonne sich wirklich nur andeutet, aber nicht ernsthaft wirkt oder gar wärmt; sie bleibt jene blasse Scheibe im Himmel, die wir auf der Rotenflue sahen. Giftkalt ist es, und Josephine sieht mit ihrer Sturmhaube aus wie eine Bankräuberin.

Einen «Füdliwärmer», bitte!

Die Überraschung, das ist ein herziges Blockhaus neben einem älteren Bau. Die Sonnenhütte paart sich mit dem Gruppenhaus der SAC-Sektion Uto Zürich, gebaut in den 1920er-Jahren. Wir treten ein, finden grad noch Platz. Das Essen ist dann sehr gut – von Rösti bis Fleisch auf dem heissen Stein. Die Karte mit den Kafi-Schnaps-Varianten klingt, wie immer an solchen Orten, halb flott und halb schlüpfrig: «Füdliwärmer», «Berghäx», «Heisse Oma».

Zufrieden gehen wir weiter zur Ibergeregg und müssen dabei an einer Stelle achtgeben, nicht von Skifahrern niedergemacht zu werden; es ist beileibe nicht so, dass diese alle ihr Gerät beherrschen. Vor allem die Pistenzwerge sind gefährlich. Wir überleben die Querung. Bei der Ibergeregg, dies für alle Nachwanderer, gibt es nun zwei Varianten. Entweder, siehe Kolumnenkarte, zurück zur Rotenflue-Gondel, wobei es ab dem Gebiet Müsliegg eine südlichere Variante gibt. Oder aber hinab nach St. Karl und von dort mit der Seilbahn nach Illgau.

Da wir somit bei den Empfehlungen sind, nun noch dies: Man wandere an einem besseren Tag als wir. Der Bergblick Richtung Süden ist traumhaft, wie jeder weiss, der schon am Mythen unterwegs war.
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Route: Rotenflue (Gondelbahn ab der Station «Rickenbach, Rotenfluebahn» der Buslinie von Schwyz SBB her) – Stäglerenegg – Holzegg – Stäglerenegg – Zwäcken – Sonnenhütte – Ibergeregg – Rotenflue.

Wanderzeit: 2½ bis 3 Stunden.

Höhendifferenz: Je 360 Meter auf- und abwärts.

Wanderkarte: 236 T Lachen, 1:50’000.

GPX-Datei: Diesmal kein GPX-File. Die Rotenflue-Gondelbahn ist auf der digitalen Karte noch nicht eingezeichnet, im Gebiet Stächlenegg-Zwäcken geht man zudem auf speziellen Winterspuren. Die Orientierung ist aber kein Problem, die Route ist in Pink sauber ausgeschildert. Eine interaktive Panoramakarte findet man hier.

Variante: Sehr schön ist auch die erwähnte Fortsetzung von der Ibergeregg aus via Grossenboden zur Seilbahn St. Karl. Diese führt hinab nach Illgau. Von dort wieder mit der Seilbahn hinab nach «Ried, Muotathal» an der Buslinie Muotathal-Schwyz SBB.

Charakter: Winterwandern abseits von Strassen im Angesicht des Grossen Mythen. Gespurte, sauber signalisierte Wege. Ausgedehntes Winterwegnetz mit Varianten. Überwältigender Bergblick nach Süden.

Höhepunkte: die Fahrt mit der neuen Rotenfluebahn. Der Grosse Mythen, das Matterhorn der Wanderer, aus der Nähe. Die Einkehr in der Sonnenhütte.

Kinder: keine Probleme. Vorsicht bei der Querung von Skipisten.

Hund: keine Probleme.

Einkehr: Rotenflue, Gifelstubli. Holzegg. Sonnenhütte (bestes und gemütlichstes Lokal der Route). Ibergeregg.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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