Treppensteigen macht glücklich

Ein Gastbeitrag von Thomas Renggli*

Hochschullehrgänge härten ab. Und Geld macht schnell. Dies zumindest suggeriert die Statistik: 39 Prozent der Finisher am Ironman Switzerland haben einen Masterabschluss. Eine pekuniäre Leistungsanalyse am Frankfurt-Marathon 2015 ergab: Je höher der Verdienst, desto besser die Laufzeit.

Doch es braucht nicht zwingend studentische Meriten oder ein prall gefülltes Portemonnaie, um die guten Vorsätze für 2016 in sportliche Leistung umzuwandeln. Disziplin und Konsequenz im Alltag sind schon wichtige Schritte in die richtige Richtung – und das beste Trainingsgelände liegt weder in einem luxuriösen Fitnesscenter noch in der postmodernen Halle eines urbanen Boxclubs.

Die beste Übungsstrecke beginnt im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses oder des Bürogebäudes: Wer im neuen Jahr einen Bogen um den Lift oder die Rolltreppe macht, tut schon sehr viel für seine Fitness. Gemäss einer britischen Analyse können bei einem 15-minütigen Treppenlauf 121 Kalorien verbrennt werden. Grundsätzlich gilt: Ein Stockwerk mit 20 Stufen killt fünf Kalorien.

Darüber können sich in der Schweiz vor allem die Angestellten des Pharmakonzerns Roche freuen. Sie haben exklusiven Zugang zum Restaurant im obersten Stock des höchsten Gebäudes der Schweiz – des 178 Meter hohen Roche-Turms in Basel – und besitzen damit die Möglichkeit für einen 41 Stockwerke langen Appetitanreger. Bevor sie sich den Freuden der Betriebsküche widmen, haben sie im Idealfall schon über 200 Kalorien verbraucht. Der Zürcher Prime Tower bringt es zwar nur auf 36 Stockwerke (180 Kalorien), doch sein Panorama-Restaurant Clouds ist der Öffentlichkeit zugänglich und könnte somit auch den darbenden FCZ-Kickern als Ziel für leistungssteigernde Trainingseinheiten dienen.

Die besten Aufstiegsmöglichkeiten bietet aber eindeutig Basel – fussballerisch wie läuferisch. Auch das dritthöchste Haus des Landes – der Messeturm – kratzt die Wolken am Rheinknie: 31 Stockwerke = 155 Kalorien.

Die englische Firma Stepjockey hat aus der gesundheitsfördernden Wirkung der physischen Etagenüberwindung ein Geschäft gemacht. Sie bringt in Treppenhäusern Schilder an mit motivierenden Parolen wie «Treppensteigen verbrennt mehr Kalorien als Joggen» oder «Treppensteiger haben ein stärkeres Herz». Fussgelenkfrakturen oder Aussenbandrisse interessieren Stepjockey nicht.

Treppenlaufen macht glücklich. Und es ist nicht nur eine ausgezeichnete Möglichkeit, um wohlstandsverwahrloste Büromenschen aus der Festtagsstarre zu locken. Die Fortbewegung in der Vertikalen hat sich längst als Wettkampfform durchgesetzt: Seit 1978 wird in New York der Empire State Building Run-Up durchgeführt. Die Teilnahme ist allerdings nur auf Einladung der New York Road Runners möglich und erfordert eine sportliche Qualifikation.

Beeindruckend: Ein Teilnehmer hat seine Teilnahme am Millennium Tower Run Up mit der Kamera in Echtzeit festgehalten. Quelle: Youtube

 

In Toronto blickt der CN Tower Climb auf eine ebenso lange Geschichte zurück. Der Hochhauslauf mit der grössten Stufenzahl findet aber in Wien statt – der Millennium Tower Run Up. In drei Aufstiegen werden 2340 Stufen bewältigt – dazwischen gehts jeweils mit dem Lift gelenk- und energieschonend bergab. Trotzdem bleibt ein Kalorienverbrauch von 585 Einheiten. Ein paar Stück Sachertorte liegen da als Dessert bestimmt drin.

thomas*Thomas Renggli ist Sportjournalist, Ex-Steilpass-Blogger, Marathonläufer (PB: 2:53:41) und Verfasser des Buchs «Lauffieber» (Fona-Verlag).