Flatulieren geduldet

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Sie verstossen gegen diverse Läufer-Gebote: Drei rennende Spassvögel in Atlanta. (Bild: TimothyJ/Flickr)

Gutes will portioniert sein. Deshalb folgt eine Woche nach dem ersten Teil die zweite Weisheiten-Tranche, die der Schweizer Marathonläufer Christian Kreienbühl niedergeschrieben hat. Doch Experte in Ehren: Auch diese 25 Gebote können nicht unkommentiert bleiben.

26. Die Farbe der Laufsocken ist immer heller oder dunkler als die Farbe der Schuhe. Insbesondere haben Laufsocken nicht die gleiche Farbe wie die Laufschuhe – ausser die Farbe ist weiss.
So etwas kann nur ein Mann schreiben. Dunkler oder heller, aber nicht die gleiche Farbe. Liebe Frauen, sucht nicht nach dem tieferen Sinn. Es ist, als stünde hier 1+1=2.

27. Laufausrüstung trägt man nicht in der Freizeit. Das gilt insbesondere für Uhren und Schuhe.
Einverstanden, wenn es um weisse Kompressionssocken im Theater geht. Allerdings haben die Laufausrüster durchaus immer wieder so viel Geschmack bewiesen, dass zumindest frau durchaus auch den Büro-Alltag in Sportklamotten bestreiten kann. Hier ein Beispiel.

28. Niemals hat die Laufausrüstung eine Kapuze.
Bei deinem Tempo, lieber Christian, wirkt eine Kapuze wohl wie ein Bremsschirm. Normalsterbliche geniessen es durchaus, wenn bei Hudelwetter nicht nur Kopf und Rumpf geschützt sind, sondern auch der Nacken eingepackt ist. Selten, aber umso wertvoller sind jene Kapuzen, die bei den Frauenprodukten ein Loch am Hinterkopf aufweisen. Wie selten diese Löcher sind, beweist, dass die Designer oft Männer sind. Oder können Sie sich vorstellen, wie unangenehm ein nassgeschwitzter Rossschwanz ist, der von der Kapuze eingepackt im Nacken klebt? Eben. (Ja, liebe Sportartikelhersteller, es ist äusserst praktisch, den Rossschwanz dann durchs Loch zu ziehen. Gilt übrigens auch für Kappen!)

29. Man läuft nie mit nacktem Oberkörper. Das gilt für beide Geschlechter. Ausser man läuft auf der 400-m-Bahn.
Frauen sollen auf der 400-m-Bahn oben ohne laufen?

30. Keine reine Baumwolle berührt beim Laufen die Haut.
Stimmt. Für Frauen aber: lieber reine Baumwolle am Oberkörper als oben ohne auf der 400-m-Bahn – oder?

31. Erfahrung hat uns gelehrt, dass ein Nippel nie gescheuert werden darf. Abkleben oder einfetten ist weder merkwürdig noch erregend – und gehört bei Läufen über 2 Stunden zur Pflicht.
Wie gut wir Frauen es doch haben – es lebe der BH!

32. Man trägt Ärmlinge ausschliesslich für Wettkämpfe von über 2 Stunden Dauer. Insbesondere trägt man Ärmlinge niemals im Training.
Einspruch! Wenn das Wetter Kapriolen schlägt, sind Ärmlinge der beste Begleiter. Runterrollen, raufschieben, runterrollen und wieder raufschieben – da kann Petrus zicken, wie er will. Viel schlimmer sind die grossen Brüder der Ärmlinge: die Beinlinge. Irgendwie komm ich nie umhin, mich zu fragen, ob der Träger sie mit Strapsen festmacht.

33. Split-Shorts dürfen von beiden Geschlechtern getragen werden. Sie sind nicht zu kurz, ausser man trägt dazu Langarm (siehe #36).
Früher als «men only» verschrien, sind die Split-Shorts (die flatternden, kurzen Hosen mit dem Einschnitt an den Seiten) besonders bei Frauen mit Gazellenbeinen sehr sexy und körperbetont – eine absolute Augenweide. Es gibt sie inzwischen in allen Farben und etlichen Mustern. Ich bin versucht zu sagen «women only», denn bei Männern … na ja, Geschmacksache.

34. Alle Geschlechter dürfen Tights in allen Längen tragen.
Richtig! Liebe Männer, traut euch … Auch wir Frauen mögen den Ausblick auf einen knackigen Hintern!

35. Nur Frauen dürfen über den Tights Shorts tragen.
Wenn die Tights den Zweck haben, Körperteile zu verbergen, die dem Bettpartner vorbehalten sein sollten: Vergesst dieses Gebot, liebe Männer! Tights unter den Shorts sind dann ganz eindeutig das kleinere Übel.

36. Die Ärmel der Laufausrüstung müssen länger oder mindestens gleich lang sein wie die Hosenbeine. Nie lange Tights mit Kurzarm-Shirt.
Bedeutet dies, dass wenn ich meine Ärmlinge an die Handgelenke runterrolle, auch die Hosen an die Fussgelenke runter müssen?

37. Handschuhe dürfen mit jeder Laufausrüstung kombiniert werden. Es ist insbesondere erlaubt, bei Wettkämpfen zu Split-Shorts und einem Singlet zusätzlich Handschuhe zu tragen.
Was hingegen gar nicht geht, sind weisse Handschuhe – Läufer sind keine Butler, auch wenn sie genauso fix sind wie die Lakaien.

38. Der ideale Platz einer Startnummer ist auf der Körper-Vorderseite. Der obere Rand der Startnummer sollte knapp unterhalb des Herzens liegen.
Gilt für Männer. Bitte bei Frauen Nachsicht walten lassen. Die Idee, knapp unterhalb des Herzens eine Sicherheitsnadel durchs Shirt zu stechen, lässt sie schon vor dem Start unnötig schwitzen.

39. Startnummern werden immer mit 4 Sicherheitsnadeln befestigt. Insbesondere wird eine Startnummer nie mit einem Gummiband um den Körper getragen.
Einspruch! Es gibt ein einziges, sehr effizientes Mittel gegen unerwünschte, meist unvorteilhafte Wettkampfbilder: die Anonymität. Das ist schwierig, wenn der Sportler mit einer Startnummer unterwegs ist. Dann hilft: Die Startnummern an einem Band tragen und wenn der Fotograf ins Blickfeld kommt, schwupps die Nummer nach hinten drehen!

40. Der Läufer bewegt sich, ohne zu klimpern.
Auch nicht mit den Wimpern? Dabei soll Sport besser sein als alle Datingplattformen …

41. Mobiltelefone und Hausschlüssel trägt man nicht sichtbar. Wenn überhaupt.
Eine besondere Modesünde sind die Armmanschetten, in denen die immer grösser werdenden Smartphones stecken. Es geht auch dezenter …

42. Man darf einen Trinkflaschen-Gurt/-Rucksack tragen. Ausser der Lauf ist kürzer als 2 Stunden.
Hier ein Hinweis an alle Läufer, die ihre kleinen Flaschen wie Patronen im Gurt mitführen, ganz egal wie lang die Strecken sind. Habt ihr da nicht Miraculix’ Zaubertrank mit, könnt ihr den Ballast bei Kurz- und Mittelstreckenwettkämpfen getrost zu Hause lassen: Schon mal was von Verpflegungsposten gehört?

43. In der Gruppe läuft man ohne Stirnlampe. Einzige Ausnahme: Man läuft an der Spitze, ohne sich jemals umzudrehen.
… diesen Trick merk ich mir, wenn ich mit Läufern unterwegs bin, die allesamt schneller sind als ich: Leuchtet die Lampe von nur meiner Stirn, tappen die anderen nach dem Überholen im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln.

44. Nasenpflaster, Kompressionsstrümpfe, Sonnenbrillen, Magnetarmbänder und Ähnliches kann man zwar tragen, sie machen aber nicht schneller. Nur Training hilft (siehe #5).
Falsch! Nasenpflaster machen durchaus schneller – nämlich all jene Konkurrenten, die diesen Anblick schlichtweg nicht ertragen.

45. Finisher-Preise dürfen getragen werden. Ausser es handelt sich um ein T-Shirt oder Langarm-Shirt.
Das ist zu nett ausgedrückt! Es ist die ethische Todsünde eines jeden Wettkampfsportlers schlechthin: Das Finishershirt hat auf der Wettkampfstrecke rein gar nichts zu suchen – auch wenn es der Veranstalter aus logistischen Gründen bereits vor dem Start abgibt. Auch wer etwa verletzungsbedingt nicht antritt, darf sich nicht mit dem Finishershirt brüsten. Ein Finisher ist und bleibt ein Läufer, der es über die jeweilige Ziellinie geschafft hat.

46. Die Finisher-Medaille darf nur am Tag des Wettkampfes getragen werden. Und nur so lange, bis sie zum ersten Mal ausgezogen wird.
Ausser man ist Italiener und hat vor vier Tagen den New York Marathon absolviert.

47. Die Organisatoren und die Helfer einer Veranstaltung werden geehrt. Und zwar indem man Wurst und Bier oder Kaffee und Kuchen konsumiert.
Bitte erst nach dem Wettkampf – gilt vor allem für die Wurst.

48. Ein WC-Halt pro Lauf ist gestattet. Im Wald.
Ausser man hat die Organisatoren und die Helfer einer Veranstaltung vor dem Start zu sehr geehrt …

49. Die Gruppe wartet auf den zurückgefallenen Läufer. Genau einmal.
… ausser er trägt die Stirnlampe.

50. Flatulieren wird geduldet. Und nicht kommentiert. Und nur vom hintersten Läufer der Gruppe. Und nur Outdoor.
Lieber Christian, hättest du furzen geschrieben, wäre ich einverstanden gewesen. Aber: Was für ein schönes Wort! Schon nur für die Bitte um Verzeihung «Entschuldigt mein ungebührliches Flatulieren!» würde ich es zweimal gestatten.