«Lawinen-fit» in den Winter

Von Malin Auras*

Un conducteur de chiens, cherche une personne sous une avalanche lors d'un exercice "Sauvetage d'urgence en cas d'avalanche" organise par le Secours Alpin Romand ce vendredi 27 novembre 2015 au Glacier 3000 au dessus des Diablerets. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Ein Hundeführer bei einer Übung. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Es ist wieder soweit: Der Schnee hat die Berge in eine Winterlandschaft verwandelt und die ersten Tourengeher, Freerider, Schneeschuhgeher und Winterwanderer ziehen los in diese wunderschöne – und bisweilen auch gefährliche – weisse Welt. Alleine in der Schweiz starben im letzten Winter mehr als 30 Wintersportler in einer Lawine. Im gesamten Alpenraum sind es durchschnittlich rund 120 Menschen, die pro Saison bei einem Lawinenabgang ums Leben gekommen.

Um die Risiken im Gelände abseits gesicherter Pisten zu minimieren und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen zu können, sollte jeder Schneesportler zu Beginn der Saison seine Kenntnisse in punkto Lawinen vertiefen, beziehungsweise auffrischen. Das gilt nicht nur für Tourengeher und Freerider. Auch eine zunehmende Anzahl Schneeschuhgeher sind im freien Gelände unterwegs. Und weil Lawinen nicht zwischen Skifahrern und Schneeschuhläufern unterscheiden, sollten auch letztere entsprechend ausgerüstet sein, sich mit der Beurteilung der Lawinengefahr auskennen und im Ernstfall richtig reagieren können. Selbst für Winterwanderer empfiehlt es sich, die Gesetze der Natur zu verstehen und die Sicherheit der umliegenden Hänge beurteilen zu können, wenn zum Beispiel die Nachmittagssonne im Frühjahr die oberhalb der Wege gelegenen Bergflanken erwärmt.

Es gibt viele Möglichkeiten, die eigene Lawinen-Kompetenz zu verbessern. Man kann sich in Eigenregie mit dem Thema beschäftigen, mit kundigen Begleitern auf Tour gehen oder im Rahmen eines Lawinenkurses von erfahrenen Profis lernen. Problematisch ist es nur, sich auf seinem Halbwissen auszuruhen. Deshalb habe auch ich mich endlich mal für einen Lawinenkurs angemeldet, nachdem mein Mann mir schon zum x-ten Mal vorgehalten hat, dass ich es alleine ja noch nicht mal schaffe, das wirklich gute und hoch interessante Buch «3×3 Lawinen» von Werner Munter zu lesen. Und das, obwohl es seit Jahren in unserem Bücheregal steht und ich es mir schon hundertmal vorgenommen habe.

Für Leute wie mich, die nicht von selbst «in die Gänge» kommen, aber vor allem auch für Neulinge im freien Gelände sind Lawinenkurse wahrscheinlich ideal: Sie vermitteln fundiertes Know-How in Theorie und Praxis – kompakt und effektiv. Kurse gibt es für jeden Wissensstand, unterschiedliche Altersgruppen oder nur für Frauen. Zum Beispiel bei den Schweizer Bergsportschulen, den Freeride Education Camps oder bei «Bächli on Tour».

Ein Kurs allein macht allerdings noch keinen Lawinenexperten. «Ein erster Schritt ist sicher ein Lawinenkurs mit einem von der Internationalen Vereinigung der Bergführerverbände (IVBV) anerkannten Bergführer. Lawinen-fit wird man jedoch erst durch weitere Kurse und viel Erfahrung», sagt Stefan Burki, Marketingleiter beim Schweizer Skitouren-Bindungsspezialisten Fritschi, «das grösste Problem ist oft die Selbstüberschätzung – und damit die Unterschätzung der Gefahren. Das führt häufig zu Unfällen.»

Wer keinen Kurs besuchen möchte, findet heutzutage viele Alternativen. Die Berg- und Kletterschule Höhenfieber bietet zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Ausrüstungspartner Transa auf Lawinenabenden entspannt nach Feierabend kompaktes Wissen an – von der Entstehung und Beurteilung der Lawinengefahr über Lawinenbulletin und Kameradenrettung bis zur Ausrüstung. Auch von Zuhause aus kann man sich intensiv mit der Materie auseinandersetzen: Bücher, interaktive Internetplattformen wie White Risk oder die Online-Tutorials mit Infografiken und Videos der Ortovox Safety Academy oder der Salomon Mountain Academy vermitteln umfangreiches Grundwissen zu Lawinenkunde, Geländebeurteilung und Risikoreduktion.

Dabei darf man allerdings nicht die Praxis vergessen. Natürlich ist es primär wichtig, durch umsichtiges Verhalten einen Lawinenabgang zu vermeiden, aber wenn es dennoch passiert, geht es um Minuten. «Neben fehlenden Grundkenntnissen haben viele Wintersportler Defizite bei der Handhabung der Notfallausrüstung», sagt Marcel Würgler, Geschäftsführer der Girsberger Elektronik AG, die unter anderem Avalanche Training Center (ATC) herstellt. Mit diesen Anlagen haben mittlerweile mehr als 40 Skigebiete in den Alpen ein modernes Übungsgelände zur Lawinenverschüttetensuche eingerichtet – perfekt, um einfache und komplexe Verschüttungsszenarien, insbesondere Mehrfachverschüttungen zu trainieren. Letztendlich ist es mit der Lawinenkompetenz wie mit den Englisch-Vokabeln – die lernen sich auch nicht von selbst. Und wer die Sprache fliessend sprechen will, braucht regelmässig Übung. Sonst stottert man nur rum. Die Frage ist nur, wie lernt man es am besten?

malin*Malin Auras ist freie Journalistin und schreibt hauptsächlich für das deutsche Skimagazin PlanetSnow. Eigentlich stammt sie aus einem Kleinstädtchen in der Eifel, lebt aber schon seit 15 Jahren in München bzw. in Starnberg – und geniesst noch immer die Nähe zu den Bergen. In ihrer Freizeit trifft man sie beim Joggen im Wald, auf dem Fahrrad oder auf zwei breiten Brettern im Schnee. Im Outdoor-Blog schreibt sie über Wintersport-Themen.

 

 

 

Wie machen Sie sich «Lawinen-fit»? Haben Sie schon Kurse belegt? Welches ist Ihrer Meinung der beste Weg, sich die Kenntnisse anzueignen?

5 Kommentare zu ««Lawinen-fit» in den Winter»

  • Aschi Berner sagt:

    Die Kombination: Hangneigung über 33-35° bei Gefahrenstufe 3 (erheblich) und schattiger Exposition (zB. Nordhänge) sind zu meiden, speziell für Gruppen.
    Es ist nicht so schwierig die wichtigste Regel (von Werner Munter) zu beachten.

  • Ivo Baumgartner sagt:

    Meine Empfehlung ist mit Freunden bzw seinen Tourenpartnern einen Kurs selber zu organisieren in dem man einen Bergführer engagiert.
    Der Vorteil davon ist, dass man so eine sehr kleine Gruppe bilden kann und im Vorfeld absprechen kann wo die Schwerpunkte gesetzt werden sollten.

    Also z.B. Terrain sondieren und richtig einschätzen. bzw Tourenplanung mit Blick auf die Verhältnisse. Ja das gehört auch dazu. Oder die Suche im Kegel mit LVS. Oder mal Aktiv eine Person vergraben und diese dann suchen. Da spürt man dann auch mal wie es sich anfühlt mit der Sonde wenn man auf eine Person trifft.

  • Gino Ramsch sagt:

    Gehe seit Jahren auf Touren und befasse mich mit dem Thema. Einen Kurs habe ich noch nie gemacht….. Aber ich glaube in diesem Bereich ist Erfahrung wenig Wert, wie gesagt gehe ich seit vielen Jahren auf Skitouren aber was bringt mir diese Erfahrung?
    Solange nichts passiert hast du ja keine Erfahrung! Und vielleicht sind meine Einschätzungen immer Falsch und ich hatte nur Glück. Dies macht die Erfahrung sogar Kontraproduktiv da die Falschen Entscheidungen durch das Glück nur noch betätigt werden.

  • Dorli Knüsli sagt:

    Hallo!! Ist da draussen jemand?
    Wo seid ihr, ihr Allesbesserwisser, Allesschonmalerlebthaber, Zuallemeinemeinunghaber, ihr Berufskommentatoren?
    Da schreibt eine Wintertourengängerin wie Du und ich frank und frei, dass sie von Lawinenkunde wenig Ahnung hat, wie Du und ich. Und gibt Ratschläge, wie man dieses lebensgefährliche Manko eliminieren kann. Und niemandem ist das auch nur eine kleine Zeile wert. Weil ihr als Lawinenprofis das alles schon wisst? Oder wie oder was? Aber wenn morgen jemand noch schneller das Matterhorn hoch rennt, dann geht’s wieder rund mit Neid und Missgunst.
    Liebe Frau Auras, das ist ein guter und sorgfältig geschriebener Text mit guten Ideen und Anstössen. Ich danke Ihnen dafür. Auch wenn ich die Einzige bin.

  • Roland K. Moser sagt:

    Der beste Weg, sich dieses Wissen anzueignen sind wohl Kurse und dann natürlich viel Zeit dort zu verbringen und die Wetterverhältnisse zu studieren. Vor allem auch nach Niedergängen.
    Wer nur auf die Karte „Theorie“ setzt, hat verloren. In der Volkswirtschaftslehre gibts für abstruse und wirre Theorien den Nobelpreis, in den Bergen den Tod.

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