Pulsuhr, du Zicke!

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Puls, Distanz, Bestzeiten: Wenn aus dem Waldlauf ein Jogging-Wettkampf wird. (iStock)

Liebe Pulsuhr: Wir waren einst beste Lauffreundinnen. Mehrmals pro Woche zogen wir gemeinsam durch den Wald. Zu Beginn fand ich dich toll und konnte viel von dir lernen. Aber dann wurdest du eine Zicke, hast angefangen, mich zu beeinflussen, mich zu trimmen. Ich liess dich irgendwann liegen, links in der Schublade. Da liegst du noch immer. Seit ungefähr zehn Jahren. Bist klinisch tot, reagierst nicht mehr, wenn ich dich zum Abstauben raushole. Würde ich dich noch mögen, ginge ich mit dir ins Pulsuhren-Spital und liesse dir eine neue Batterie einsetzen. Aber ich merke, ich mag dich gar nicht mehr sehen und entsorge dich. Jetzt.

Willst du wissen, weshalb ich dich nicht mehr will? Erinnerst du dich an unser erstes Mal? Ich war damals keine totale Jogging-Anfängerin, schaffte die Zehn-Kilometer-Runde und es machte mir Freude. Aber du warst unzufrieden, hast laut gepiepst, bist völlig ausgeflippt, kaum waren wir im Wald. Nicht etwa, weil meine Herzfrequenz eine lebensgefährliche Marke überschritten hätte, nein, sie war dir zu niedrig. Zu niedrig! Vielleicht warst du falsch programmiert, aber dein Benehmen war peinlich. Erst als ich schneller lief, hörtest du auf zu heulen. Am Ende zeigtest du mir meine Laufzeit. Da ich diese davor nie richtig gemessen hatte, wusste ich nicht, ob es eine gute oder schlechte Zeit war. Beim nächsten Mal fand ich heraus, es war eine gute. Denn ich brauchte dieses Mal für genau dieselbe Strecke länger. Länger! Wie konnte das sein? Ich hatte doch Gas gegeben. Ich nahm mir vor, beim nächsten Training noch mehr Gas zu geben.

So ging es weiter. Du brachtest mich dazu, immer schneller, weiter, mehr zu wollen. Früher war mir wichtig, beim Laufen zu entspannen und vom Alltag abzuschalten. Plötzlich waren mir deine Zahlen und Statistiken wichtiger: Puls, Distanz, Höhenmeter, Leistungskilometer, Hundertstelsekunden, Bestzeiten, Monatsübersicht. Erreichte ich mein Tagesziel, überkam mich ein Hochgefühl. Erreichte ich es nicht, machte ich mir Gedanken: Bin ich wirklich gesund? Hatte ich jetzt nicht schon zweimal dieses komische Augenflimmern? Ernähre ich mich richtig? Schlafe ich genug? Trinke ich zu viel Alkohol? Also kaufte ich Fachliteratur, verbrachte viele Stunden im Internet, joggte nur noch streng nach Trainingsplan.

Eines Tages fragte ich mich, was ich hier eigentlich mache. Meine Ziele heissen eher Matterhorn als Marathon. Ich muss mich mit niemandem messen. Warum führe ich also einen Jogging-Wettkampf gegen mich selber? Wenn ich laufe, möchte ich nicht «trainieren», sondern einfach nur laufen. Ob ich in 28 oder 38 Minuten auf den Uetliberg renne, ändert in meinem Leben nichts. Nichts! Hauptsache ich renne regelmässig und gerne, kann die Bewegung an der frischen Luft geniessen, in der Natur sein und meine Gedanken entschleunigen. Liebe Pulsuhr, würde ich auf Zahlen und Statistiken stehen, wäre ich Buchhalterin geworden, oder Bankerin. Darum jogge ich lieber mit meiner Langzeitfreundin. Sie heisst Freiheit und motiviert mich nachhaltiger als persönliche Bestzeiten.

 

16 Kommentare zu «Pulsuhr, du Zicke!»

  • Louis Odermatt sagt:

    Nun, es kommt vermutlich sehr auf die Persönlichkeit an, wie man mit einem Pulsmesser (PM) umgeht. Ist man eher zwanghaft veranlagt, so kann ich mir vorstellen, dass solch ein Gerät zu eine Art Disziplinierungsinstanz entarten kann. Wo es m. M. nach wirklich einen Vorteil bringt, ist für den zu ehrgeizigen Anfänger. Er mag die Tendenz haben, zu schnell zu beginnen und „Ausgepumptheit“ mit Trainingsintensität zu verwechseln. Ihm kann der PM helfen zu verstehen, wo sein günstiger Trainingsbereich liegt. Ich renne stets mit PM, aber es dient wirklich nur der Kontrolle, z.B. an langen Steigungen, um meine Kraft einzuteilen.

  • Friedrich Berner sagt:

    Da kann doch die arme Uhr nichts dafür! Ich montiere die Uhr, stelle die Alarmfunktion ab, drücke Start, laufe los und GENIESSE die Freiheit des Laufens.

    Zuhause / Im Ziel drücke ich Stop, werfe kurz den Blick auf die Uhr, ob zwischenzeitlich irgendwas Augenfälliges passiert ist und lege dann die Uhr weg.

  • Dave Runner sagt:

    Früher lief ich auch ständig mit der Pulsuhr (inkl. GPS). Mittlerweile weiss ich, wie schnell ich laufen muss, um mich richtig zu trainieren. Die Uhr würde mich nur stören und was nützt es mir, wenn ich nachher sehe, welche Strecke ich gerannt bin? Ich möchte ja eigentlich nur laufen. Sehr minimalistisch.

  • Matthias sagt:

    Mit dem Pulsmesser beim Joggen ist es wie bei vielem im Leben: die Guten werden dadurch noch besser, die weniger Guten nur noch weniger gut. Daher ist es vielleicht gar nicht schlecht, wenn man am Anfang darauf verzichtet.

  • Tischhauser Heinrich sagt:

    Ja, auch so kann man die Sache sehen. Gar nicht so übel. Ich trage diese „Kontrolleure“ beim Joggen und im Fitness immer auf mir, aber zu bestimmen haben sie mir nichts. Ich spüre ja bei jeder Aktivität, wie ich drauf bin und nur an das halte ich mich. Da nützt dann jedwelches Piepsen gar nichts. Die Uhr und die Messungen bin dann ich selber, und nur ich.

  • Martin sagt:

    Dieses Ausmessen von Leistungen macht nur krank. So wird der Leistungsstress auch noch in die Freizeit getragen. Daher gilt, was Sie richtig sagen: Weg mich solchen unnötigen Gadgets in den Abfall!

  • Sam sagt:

    Gut erkannt. Lernen auf den eigenen Körper hören beim Sport, dann braucht man auch bei mehrstündigen Ausdauertraining nicht zwingend eine Pulsuhr. Diese beruft sich eh nur auf Erfahrungswerte und berücksichtigt die Tagesform jedes Einzelnen zu wenig.

    • Fredi sagt:

      Stimmt so nicht – wenn ich heute nicht gut drauf bin, wird mir die Pulsuhr relativ schnell zeigen, dass ich es etwas langsamer angehen soll. Wenn ich stur nach min/km trainiere wie im Trainingsplan vorgegeben, habe ich diese Flexibilität nicht.
      Natürlich kann ich mit etwas Erfahrung selbst merken wenn der Puls hochgeht. Aber die Uhr ist halt unbestechlich.

  • Ali Nalbant sagt:

    Meine Suunto-Pulsuhr hat noch die PTE gemessen, mir für jeden Lauf Punkte gegeben. Gemessen an Dauer, Geschwindigkeit und Pulshöhe, bis 5 PTE. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich mit meiner Leistung nicht zufrieden war, wenn mein PTE-Wert zu tief war. Ich hatte angefangen, für die PTE zu laufen! Die Uhr musste weg, und ging schnell weg auf Ricardo. :)

  • Chispa sagt:

    *schmunzel*

    irgendwie witzig…. Buchhalterin zu sein aber von Anfang an den Sinn in Pulsuhren für den persönlichen Gebrauch aus sämtlichen oben erwähnten Gründen als absolut nutzlos eingestuft zu haben….. :-)

  • Rosche sagt:

    Genau so ist es mir auch ergangen. Da das Ziel dann doch auch gewisse Zeiten sind, habe ich einen für mich sehr guten Kompromiss geschlossen: Das Pulsband kommt nicht mehr mit. Mit etwas Erfahrung und insbesondere, sobald die Leistungskurve nicht mehr so teil ist, geht ein Training nach Tempo/Körpergefühl wunderbar. Bei den lockeren Läufen habe ich auch die „Auto-Lap“ deaktiviert, sodass das Ding nicht jeden Kilometer piepst. Für die vollständige Freiheit bin ich wohl bereits zu stark domestiziert ;-)

  • „…Trinke ich zu viel Alkohol?…“ Natürlich! Alkohol ist immer zu viel.

    Bei der Pulsuhr lässt sich der Piepser abstellen. Und ich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Pulsmesser gemacht.

  • Rahel sagt:

    :-)
    Genau so sehe ich das auch- und es trifft nicht nur auf das Joggen zu. Fast unser ganzer Alltag wird schon statistisch erfasst- bald macht man nur noch etwas, weil es einem das Handy/ die Pulsuhr etc sagen. Traurig.
    Geniesse das Laufen weiterhin.

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