Biken im Flow

Die Bremsen bleiben offen. Das Bike fliegt von einer Kurve in die nächste – Achterbahn-Feeling. Wie im Rausch gleitet der Fahrer über den schmalen Pfad. Furcht einflössende Absätze und wilde Steinfelder – Fehlanzeige. «Flow!», schiesst es bei dieser Vorstellung Bikern durch den Kopf. Die Mountainbikeszene verwendet den Begriff für ein rauschhaftes Glücksgefühl fast inflationär. Allerdings gehen die Meinungen über «flowige» Trails bisweilen auseinander – was daran liegen könnte, dass niemand so genau weiss, was Flow konkret bedeutet.

So entsteht das Glücksgefühl

Flow ist mehr als das Cruisen durch Anlieger und über wellige Singletrails. Forscher haben sich schon mit der Materie beschäftigt, als die Mountainbikepioniere Gary Fisher und Tom Ritchey das erste Bike gerade noch entwickelten. Allen voran war es Mihaly Csikszentmihalyi, emeritierter Professor für Psychologie an der University of Chicago, der dem Flow wissenschaftlich auf den Grund gehen wollte. 1975 beschrieb er das Phänomen als «beglückendes Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit». Im Wesentlichen sind drei Faktoren für dieses rauschartige Glücksgefühl verantwortlich: die Passung von Anforderung und persönlichem Können sowie eine intrinsische Motivation.

Übersetzt für Biker, bedeutet das: Ist der Trail so schwer, dass ich absteigen muss oder Angst bekomme, geht der Flow flöten. Ebenso kommt auf einer Forststrasse kein Rausch auf, wenn ich mich langweile. Je besser ich mein Bike unter Kontrolle habe, desto schwieriger kann ein Trail sein, auf dem ich Flow erlebe. Wenn meine Motivation zum Biken diejenige ist abzunehmen oder ich für den anstehenden Marathon trainiere, werde ich weniger Glücksgefühle erleben, als wenn ich einfach aufs Velo steige, um meine Leidenschaft auszuleben.

Zwischen Flow und Albtraum

Auch knifflige, steile Holper-Trails können also Flow hervorrufen, wenn die Bikebeherrschung ausreicht, um mit den Hindernissen spielerisch umzugehen – das Flow-Erleben ist individuell. Experte in diesem Bereich ist der Bike-Bergsteiger Harald Philipp. Ob auf klettersteigähnlichen Pfaden in den Dolomiten oder im steilen Gelände Tirols: Der Wahlinnsbrucker propagiert seine ganz eigene Definition von Flow. Wo andere Biker nicht im Traum ans Fahren denken, befindet er sich noch im Komfortbereich. Die Fragen, warum das Flow-Empfinden von uns Bikern so unterschiedlich ist und wie jeder von uns noch spassvoller biken kann, klärt er in seinem Buch «Flow – Warum Mountainbiken glücklich macht» mit wissenschaftlicher Hilfe.

 

Biken auf dem Klettersteig – ist das Flow? Harald Philipp sagt: «Ja!» Via Ferrata from Summitride on Vimeo.

 

Flow für alle

Auch wenn Biker also wortwörtlich auf unterschiedlichen Wegen glücklich werden, locken Touristiker mit dem einen Traum-Trail für alle. In diesem Jahr sind unter anderem in Leukerbad und Sölden extra angelegte Flow-Trails mit viel Maschineneinsatz aus dem Boden gestampft worden, viele weitere «Glücksbringer» dieser Art existieren bereits. Und tatsächlich: Glatter Untergrund, wenig Gefälle und runde Anliegerkurven bieten den wohl besten Kompromiss für Biker unterschiedlicher Könnensstufen. Trotzdem sind diese Bauwerke nicht bei allen erste Wahl – dem individuellen Flow-Empfinden sei Dank.

 

«Glücksbringer», von Menschenhand erbaut: Flow-Trail im Ötztal. (Youtube)

 

Was bedeutet für Sie Flow beim Biken? Wo ist das Glücksgefühl zu finden? Sind künstlich angelegte Strecken der richtige Weg ins Glück?