Ganz unten – und wieder hinauf

Muskelberg, der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen . Yann Cherix im Training bei Personal Trainer Sara Steinmann im my Gym. 21.10.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas & Thomas Egli)

Gleichgewicht, Beweglichkeit, Kraft – aber weshalb tut das so weh? Foto: Urs Jaudas

Für einen kurzen Moment konnte ich nicht anders. Und so rollte ich mich am Boden des My Gym in eine Embryohaltung. Ich wollte wimmern, rang aber zu sehr nach Atem, um meiner inneren Erschöpfung mittels Tönen Ausdruck verleihen zu können. Da lag sie also wieder mal unten: meine Würde. Coach Sara Steinmann tätschelte mütterlich meinen Arm. «So geht es allen nach dem ersten Tabata.»

Ich hatte mein erstes Work-out-Quickie in den Knochen. Der japanische Wissenschafter Izumi Tabata soll herausgefunden haben, dass solche superschnellen Exkurse an die Belastungsgrenzen viel effektiver seien als die meisten langen Ausdauereinheiten. Die Quälerei aus Fernost mit 20 Sekunden Intervallen sah folgendermassen aus:

  • Air-Squats (zu Deutsch: Kniebeugen)
  • Push-ups (Liegestützen)
  • Down & Ups (liegen, aufstehen, lie-gen, aufstehen, fiegen usw.)
  • Hollow Holds (am Boden liegend, eine hohle Schale nachahmend).

Zwischen jeder Übung gabs 10 ­Sekunden Pause. 32 Runden, 16 Minuten lang.

Tabata und ich. Wir werden wohl keine Freunde werden. Das kann ich, nun in der Hälfte meines achtwöchigen Projekts angelangt, bereits heute schon sagen. Aber wir werden wohl eine Zweckgemeinschaft bilden müssen. Ich will sagen: Auf rationaler Ebene verstehe ich die ganze Hetzerei. Aber emotional wühlt es mich auf seltsame Weise auf, lässt eine dunkle Kraft in mir hoch­steigen, die mich von sorgenfreien Barbesuchen mit vielen Daiquiris träumen lässt; vom lustvollen Verzehr zahlreicher Appenzeller Biberli; ganz grundsätzlich: vom Ende dieser Körper­ertüchtigung.

Eine heroische Tat?

Mit solchen Gedanken im Kopf lag ich – mittlerweile wieder regelmässiger atmend – noch immer am Boden. Immerhin hatte ich mich aus der Embryohaltung befreien können. Aber es war nicht Zuversicht oder gar Befriedigung, die mir neue Energie gab, nein, es war der Zweifel. Warum nicht einfach aufhören? Ist ein kleiner Bizeps nicht gar Ausdruck einer männlichen Emanzipation? Mein Aufgeben könnte auch als heroische Tat verstanden werden, im Namen all jener Männer, die sich nicht dem Diktat der Optimierungsgesellschaft unterwerfen wollen; die sich befreit haben vom Stereotyp des Muskelmannes.

Ich meine, ich wechsle zu Hause die Windeln der Kleinen, ohne zu murren, mache den Abwasch und kann gut zuhören. Rauchen tu ich nicht, arbeiten aber schon. In diesem männlichen Super­paket gibts nicht auch noch Muskeln dazu. Das ist verdammt noch mal nicht auch noch mit dabei. Wann bitte soll ich Fussball schauen?

Die Farbe des Erfolgs

«Alles in Ordnung?», fragte Coach Sara Steinmann besorgt. Sie schien zu sehen, dass ich gerade meine erste Krise durchmachte. Denn das war es: eine veritable Sinnkrise, die jeden einzelnen Klimmzug, ja jeden einzelnen Schweisstropfen der vergangenen vier Wochen infrage stellte. Was sollte ich also tun? Nichts. Die Krise ging offenbar nicht tief. Denn bereits zwei Tage später, beim nächsten Work-out, war sie bereits wieder überwunden.

Es war die Zahl 24, die mich endgültig zurück auf die Spur brachte. Bei meiner ersten Lektion im Fitnessraum musste ich noch mit der rosafarbenen, 8 Kilogramm leichten Peinlichkeit arbeiten. Und jetzt stemmte ich zum ersten Mal das 24 Kilogramm schwere Ding. Es war dunkelblau.