Faszination Viamala

Ein Beitrag von Daniel Foppa*

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19 Kilometer Naturerlebnis: Läufer auf dem Transviamala-Lauf. Foto: PD

«Rechts laufen, Steinschlaggefahr; rechts laufen, Steinschlaggefahr»: Mit stoischer Ruhe wiederholt der Streckenposten diese Warnung. Er steht am Strassenrand unter einer leicht überhängenden Felswand, die die Läufer vor fallenden Steinen schützen würde. Dass seine Worte nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigt ein Blick auf die gegenüberliegende Strassenseite: Immer wieder haben Steine die Leitplanken zerschlagen und mit sich in die Schlucht gerissen. Willkommen in der sagenumwobenen Viamala-Schlucht! Trotz der Warnung des Streckenpostens können wir nicht widerstehen und queren zur linken Strassenseite hin: Der Tiefblick in die Schlucht, von der der Automobilist auf der San-Bernardino-Route heute keine Notiz mehr nimmt, ist eindrücklich.

Ob der Transviamala-Lauf auf der 19 Kilometer langen Originalstrecke durchgeführt werden kann, entscheiden die Verantwortlichen jeweils wenige Stunden vor dem Start. Gefährlich wäre zum Beispiel Frost, der bei Sonneneinstrahlung schmilzt und Steine löst. Wir haben Glück, der milde Herbstmorgen lässt das Originalrennen zu. Wer die TV-Serie «Via Mala» nach dem gleichnamigen Roman von John Knittel gesehen hat, erinnert sich, wie Hauptdarsteller Mario Adorf jeweils zu Beginn der Staffel mit einer Pferdekutsche über die spektakulär in die Schlucht gehauene Strasse jagt. Denselben Weg nimmt das Läuferfeld nach dem Start in Thusis GR. Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Strasse ist für den Autoverkehr ganzjährig gesperrt und steigt leicht an. Sie eignet sich gut, um den Laufrhythmus zu finden – gilt es doch, bis ins Ziel 750 Höhenmeter zu überwinden. Die Mühsal der Säumer und frühen Passreisenden, die auf diesem Weg nach Süden zogen, lässt sich erahnen. Spätestens bei dem in den Fels gehauenen Tunnel am Verlorenen Loch fühlt man sich der Zeit entrückt und irgendwo in der Postkutschenzeit angekommen.

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Das Läuferfeld auf der Hängebrücke über den Hinterrhein. Foto: PD

Mitten in der Schlucht führt die Strecke von der Strasse weg hinunter zu einer Hängebrücke, die über den Hinterrhein führt und im Rhythmus der Läufer schwankt. Man verdrängt Berichte von Brücken, die ob solch gleichmässiger Schwingungen offenbar schon kollabiert sind, und betrachtet stattdessen die bis zu 300 Meter hohen Felswände. Als «Naturmonument der Extraklasse» preist die lokale Tourismusbehörde die Viamala, und so falsch liegt sie damit nicht. Auf der anderen Seite des Flusses gilt es, über insgesamt 589 Steinstufen Höhe zu machen. Das Läuferfeld stockt, doch ungeduldig wird deswegen niemand. Alle scheinen froh, an diesem Lauf teilnehmen zu können – sind doch die 1000 Startplätze jeweils schnell ausgebucht. Über wurzelbewachsene und mit Steinen versetzte Waldwege führt die Strecke aus der Schlucht hinaus. Trailrunning heisst diese Art des Joggens, bei der der Blick mit Vorteil auf den Boden gerichtet bleibt – um sich nicht schon bald flach ausgestreckt auf selbigem wiederzufinden.

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Zwischendurch kann es auch mal dunkel werden. Foto: PD

Bei Reischen geht der Waldweg in eine Feldstrasse über, und den Läufern öffnet sich der Blick in das Schamsertal. An Zillis mit seiner berühmten romanischen Kirche vorbei trotten die Läufer Richtung Andeer. Die absolvierten Höhenmeter machen sich bemerkbar, der häufige Rhythmuswechsel auf den engen Pfaden ist dem ökonomischen Laufen abträglich. Im Dorf Pignia sitzen zwei schweigende Jäger und schauen sich die vorbeiziehenden Läufer an, als staunten sie über eine neu entdeckte Spezies. Ganz anders die Stimmung in Andeer, wo das Publikum mitfiebert und kurz nach unserem Durchgang die Teilnehmer des Junior-Laufs starten. Ob das eine gute Idee ist, um die Lauffreude zu wecken, bleibe dahingestellt. Jedenfalls führt die Strecke von Andeer an nur noch in eine Richtung: hinauf. Zwar sind bloss noch 150 Höhenmeter bis zum Ziel in Donat zu überwinden, aber die haben es in sich.

Wir überholen einen Teilnehmer im Schottenrock, der tags zuvor bereits an der Transruinaulta, dem mit 1800 Höhenmetern garnierten Marathon durch die Rheinschlucht, gestartet ist. Für ambitionierte Läufer ist es ein besonderes Vergnügen, an beiden Läufen zu starten – und irgendein Ultrarunner wird bald wohl auf die Idee kommen, die gesamte Strecke am Stück zu absolvieren. Nach einem kurzen Abstieg überqueren wir schliesslich die Ziellinie im 200-Seelen-Dorf Donat und werden vom Speaker auf Rätoromanisch begrüsst. Der Ort platzt aus allen Nähten. Und schafft es gleichzeitig, die 1000 Läufer und ebenso vielen Zuschauer und Begleitpersonen mit Charme und ohne Hektik zu empfangen, wie man es kaum je an einem Volkslauf erlebt. Oder kennen Sie einen Lauf, bei dem Privatpersonen wildfremde Läufer zum Übernachten einladen und ihnen vor dem Start ein Frühstück offerieren? Der Transviamala-Run liegt zwar etwas ab vom Schuss. Doch hat er das gewisse Etwas, trägt seinen Titel als schönster Lauf der Schweiz zu Recht und eignet sich gleichermassen für Ausdauersportler, Trailnovizen und kulinarisch interessierte Läufer – Pizokels, Säumerplättli und Kuchenbuffet im Ziel sei Dank.


Impressionen vom Transviamala 2015. Video: Richard Tonolla/Youtube

foppa_150p*Daniel Foppa ist Ressortleiter Schweiz beim «Tages-Anzeiger».