Ein untrainiertes Häufchen Mann

Der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen.

Muskelberg, der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen . Yann Cherix im Training bei Personal Trainer Sara Steinmann im my Gym. 21.10.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas & Thomas Egli)

Auf dem Weg zum fitten Mann: Yann Cherix im Training bei Personal Trainer Sara Steinmann. (Jaudas/Egli)

Da hing ich also. Schlaff wie ein melancholisches Faultier. Ich hatte einen einstündigen, schweisstreibenden Fitnesstest hinter mir und sollte jetzt zu den bereits vier getätigten Klimmzügen einen weiteren hinzufügen. Sara Steinmann, mein Personal Coach der nächsten Wochen, rief mir von unten irgendetwas Aufmunterndes zu. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft zum Hinhören.

Beim Gedanken, mein Kinn noch ein verdammtes letztes Mal über die Stange zu hieven, nahm ich in Gedanken bereits Abschied von diesem Projekt, das mir Muskeln verpassen sollte: Was sollte mich in dieser Quälkammer mit dem ­Namen My Gym noch halten? War ich bisher nicht ziemlich gut ohne Muskeln durchs Leben gekommen?

Ich liess los. So endete also meine erste Lektion Crossfit an der Zweier­strasse in Wiedikon. Auf dem harten Boden. Als nasses, untrainiertes Häufchen Mann.

Das faule Selbstverständnis

(Urs Jaudas)

Lasst den Leidensweg beginnen! (Jaudas/Egli)

Es ist nicht klar eruierbar, was mich nach 38 Jahren dazu getrieben hatte, zum ersten Mal ein Fitnessstudio zu betreten. Ich war bisher immer ein bisschen stolz gewesen, ganz ohne Fitnessprogramm ausgekommen zu sein. Belustigt hatte ich meine Mitmenschen beobachtet, wie sie sich streberhaft den Ansprüchen der Optimierungsgesellschaft auslieferten. Sollen sie doch rennen und stemmen, bis sie quicklebendig in den Sarg fallen. Unbeeindruckt blieb ich von all den Mannsbildern, die mir die Werbung und das Fernsehen zeigten. Und in der Garderobe meines Fussballclubs sagte ich mir stets beim Anblick der Sixpacks und modulierten Bizepse: «Ich bin der Supertechniker, der Frei­stoss­spezialist. Ich darf so aussehen.»

Und jetzt lag ich also keuchend am Boden und blickte an die Decke dieses Tempels des Körperkults. Ich war ein Teil dieser Bewegung. Warum hatte ich kapituliert und mein faules, aber cooles Selbstverständnis von Sport aufge­geben? Vielleicht ist es die Aussicht auf das zweite Kind, das ich demnächst herumzuschleppen habe. Vielleicht war es dieser muskelbepackte Teenie, der letzthin selbstbewusst ins Tram stieg und mich irgendwie verunsichert hatte. So hatte ich nie ausgesehen. Vielleicht ist der Grund für meinen Seitenwechsel auch ganz profan: eine letzte bescheuerte Herausforderung, bevor ich in den Club der 40-Jährigen komme.

Slapstick statt Beweglichkeit

Das freundliche Gesicht von Sara, diesem Superweib mit Bärenkräften, schob sich in mein Blickfeld. Sie sagte: «Gut gemacht. Aber wir haben in nächster Zeit Arbeit vor uns.»

Muskelberg, der Leidensweg des Yann C. auf dem Weg zum fitten Mann, eine Serie in acht Teilen . Yann Cherix im Training bei Personal Trainer Sara Steinmann im my Gym. 21.10.2015 (Tages-Anzeiger/Urs Jaudas & Thomas Egli)

Und alles nur für die Muskelberge?
(Jaudas/Egli)

Sara Steinmann, die an Crossfit-Wettbewerben teilnimmt und mit den Weltbesten mithalten kann, weiss Bescheid über mich. Sie kennt meinen Körper­fett­anteil. «14,81. Das ist für dein ­Alter okay. Auch wenn sich das Ganze ­etwas ungleich verteilt.» Wir musterten beide meinen Bauch, der sich unter dem T‑Shirt abzeichnete. Und sie kennt nach diversen Tests, alle mit dem sogenannten Functional-Movement-System (FMS) ermittelt, auch meine körperlichen Schwachstellen. Ich hatte besonders bei der Beweglichkeit keine guten Noten ­abgeholt. Die Aufforderung, die Fäuste quer hinter dem Rücken zusammen­zuführen, geriet zur Slapsticknummer.

«Schulterbereich und Rumpf, da gibts viel zu tun. Die Power in den Beinen ist aber ziemlich gut.» Das Lob half. Ich stand auf. Sara verlangte nach einem High Five. «Wir sehen uns nächste Woche», sagte sie fröhlich. Ich schlug müde ein. Zuerst musste ich diesen bitteren Tag der Wahrheit verdauen.

 

Outdoor Cherix* Yann Cherix, Teamleiter «Züritipp», mag jegliche Art von Ballsportarten, Tschutten ist ihm die liebste. Ein Fitnesscenter hat er aber noch nie von innen gesehen. Mit 38 Jahren realisiert er nun, dass er ziemlich ausser Form ist.