Sie nannte mich «alter Sack»

Heute ein Gastbeitrag von Thomas Hürzeler*:

Saturday afternoon on the Orange line

Voll krass! Wenn nur das Gegenüber nicht immer stören würde. Foto: flickr.com

Die Klettertour im Safiental ist wieder grossartig gewesen, und den Intercity von Chur nach Zürich erwische ich im letzten Moment. Der Zug ist zwar gut besetzt, aber ich finde ein leeres 4er-Abteil und setze mich ans Fenster. Beim ersten Zwischenhalt in Landquart fliegt eine Reisetasche auf den Sitz neben mir, gefolgt von einer rosa Daunenjacke mit imposantem Pelzkragen. Und einem höchstens 15-jährigen Girl, das sich auf die zwei Sitze mir gegenüber fallen lässt. Pullover, Leggins, Turnschuhe, tiefschwarze Fingernägel perfekt passend zu den zwei Tunnelportalen, in denen blaue Augen sitzen.

Meinen Gruss quittiert sie mit einem gequälten Augenaufschlag in ihr eigenes Spiegelbild im Fenster. Eine Geste, welche die gesammelten Leiden der Menschheit seit den Punischen Kriegen umfasst. Dass sie mich so gekonnt demonstrativ nicht zur Kenntnis nimmt, weist auf eine grosse Routine hin. Sie nestelt ihr Bscheidchäschtli mit Ohrstöpseln aus dem Täschli. Ich nehme meine Fachzeitschrift wieder auf. Nein, nicht «Wir Eltern», sondern das Bergmagazin «Alpin».

Während der nächsten Stunde erlebe ich zunehmend fasziniert, wie ein Teenager dem Rest der Welt die Welt erklärt. Ethnologen nennen das «teilnehmende Beobachtung». Zuerst wird das Mami zwecks Abholung an den Bahnhof bestellt. Aber gfälligscht pünktlich. Dann hechelt sie mit wohl ebenso altklugen Gschpänli im Brustton der ultimativen, endgültigen Weisheit nacheinander den Pfüde, den Hampi, den Luca und Chantal, diese Zicke, durch. Alles megakrass. Voll. Schon. Und dieser Personalchef, bei dem sie sich vorstellen musste: so was von mongo. Der schaute auch irgendwie immer total komisch. Und überhaupt. Aso echt. Der Sonntag mit Päde war voll easy, mal einfach so rumgehängt statt immer dieser Stress. Momoll, auch biologisch recht angenehm, aber das kann sie jetzt nicht erzählen, weil im Zug immer so komische Leute mithören. Und ihr Vater kann sich also echt den Gong geben; in ihrem Alter läuft sie niemandem mehr nach. Im Fall.

Kurz vor Thalwil klingelt mein Handy. Ich krame es zwischen Karabinern und Seilen aus dem Rucksack, nehme den Anruf entgegen und höre mit dem anderen Ohr: «Ich versteh fast nichts mehr, weil hier so ein alter Sack dauernd in sein Handy quatscht.»

I’m lovin’ it.

Thomas Huerzeler*Thomas Hürzeler ist Autor, Fotograf, Musiker, Gleitschirmpilot und Unternehmer mit der ersten klimaneutralen Druckerei der Schweiz. 2003 gelang ihm die Erstbesteigung des Uetlibergs MIT Sauerstoff.