Wer 6 Stunden wandern kann, schafft auch 24 Stunden – wirklich?

Ein Gastbeitrag von Peter Hummel*

Früher waren es die Rotsocken, jetzt sind es Rotsäcke – lauter rote Rucksäcke. Wandern tun sie immer noch, und wie: Einem Tatzelwurm gleich bewegen sich die 90 Teilnehmer des «Mammut 24 h Hike by Ochsner Sport» rund um Zermatt. Völlig freiwillig, ja sogar auserwählt (vom Los): 400 Interessenten hatten sich für dieses Abenteuer beworben. Oder ist es doch eher eine Tortur? Gegen 7000 Höhenmeter Auf- und Abstieg, verteilt auf 40 Kilometer, sind wahrlich kein Spaziergang mehr.

Will nun die Sportartikelindustrie mit solchen Events auch die Rotsocken mit dem Ausdauerwahn infizieren? «Mitnichten», beteuert der Sponsor – dieser Hike soll Normalverbrauchern einfach die Chance bieten, sich für einmal an die Grenzen ihres sportlichen Leistungsvermögens heranzutasten. Aus Anlass des 150-jährigen Firmenbestehens kreierte Mammut zusammen mit Ochsner Sport vor fünf Jahren den 24-h-Hike, der seither jedes Jahr in einer anderen Region stattfindet. Das diesjährige kleine 5. Jubiläum fiel mit einem grossen Jubiläum zusammen – 150 Jahre Matterhorn-Erstbesteigung. So war klar, dass diese Durchführung im Bannkreis des Horu stattfinden musste.

Extravagant war der Auftakt in der neuen Hörnlihütte, die exklusiv zur Verfügung stand und mit 3260 Metern gleich Kulminationspunkt des ganzen Hikes war. Allerdings stand das Ziel Gornergrat mit 3090 Metern auch nicht viel nach. Die Höhe hatte es ja in sich: Nach einer fast schlaflosen Nacht und bei noch kaltem Motor fährt mir die Vernichtung der ersten 1000 Höhenmeter ganz schön in die Knochen. Sollte VIP-Teilnehmer Viktor Röthlin recht bekommen, der vor dem Start mahnte, wie bei einem Marathon sei das Erreichen des Ziels keineswegs gewiss? Doch nach dem ersten Viertel um 12 Uhr spüre ich eingedenk des Ausspruchs von Wanderleiter Dominik eine kleine Euphorie: «Wer die ersten 6 Stunden schafft, schafft auch die 24 – das ist dann eine reine Kopfsache.»

Der Körper mag schon lange nicht mehr

Schön und gut, denken sich einige Teilnehmer weitere 6 Stunden später, als die ersten Blasen peinigen und Gelenke schmerzen. Die ausgiebige Znachtpause kommt gelegen, das Carboloading mit einer Extraportion Spaghetti verhilft mindestens zu neuen Energien. Nach gut drei Vierteln eine letzte Verpflegung; der Körper mag zwar schon lange nicht mehr, aber Dominik behält doch recht: nur noch durchhalten – Regen und Rappel hin oder her. Wenns Ron, der über 70-jährige Doyen, schafft und mein Jahrgänger Steve (1953), dann wirst du das doch auch noch hinkriegen, Herrgott noch mal!

Alle Teilnehmer bissen sich durch und waren überglücklich, erfahren zu haben, wie weit die körperlichen Grenzen gesteckt werden können. Das war wohl wertvoller als die exklusive Übernachtung und die hochwertigen Goodies, die den Teilnehmerbetrag von 399 Franken mehr als aufwogen. Für die beiden Veranstalter scheint die Rechnung erst recht aufzugehen: «Beide Firmen können mit diesem einzigartigen Event die Marke erlebbar machen, die Kunden begeistern und damit an sich binden», tut Steve Schennach, Marketingleiter von Dosenbach-Ochsner, kund.

Idealismus statt Kommerz

Doch es geht auch ohne kommerziellen Hintergedanken: Walter Tschopp in Schuders hat die «24-Stunden-Wanderung Rätikon» ins Leben gerufen, weil er «die Welt des Bergführers und des Wanderers verbinden» wollte. Und Hans von Allmen, seit 2003 der Pionier der Schweizer 24-Stunden-Veranstalter, organisiert sein «24-Stunden-Wandern im Diemtigtal» aus reinem Idealismus – um den Leuten auf besondere Art die Schönheit dieses Naturparks näherzubringen. Da stört es ihn auch nicht, wenn eine Teilnehmerin diese 24 Stunden nur als Training für eine Kilimandscharo-Tour «missbraucht».

24-Stunden-Hikes liegen im Trend. In Deutschland gibt es schon Dutzende, in der Schweiz eine Handvoll. Auch wenns immer noch ums Wandern geht – sind nun auch die Rotsocken vom Höher-weiter-schneller-Virus gepackt?

hummel*Peter Hummel ist freier Outdoor- und Reisejournalist. Er überstand den 24-h-Hike mit schweren Beinen, aber ohne Blasen und Blessuren.