Die Schuh-Schande

Für einmal war nicht die Zielzeit des Siegers des Berlin Marathon die erste Schlagzeile der Onlineportale und sozialen Netzwerke: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit galt dem Innenleben seiner Schuhe. Die Innensohlen des Kenianers Eliud Kipchoge hatten sich kurz nach dem Start verselbstständigt und flatterten bereits nach 10 Kilometern flügelgleich um seine Knöchel. Während Flügelschuhe den griechischen Halbgott Perseus aus etlichen misslichen Situationen retteten, gab es für den Marathonläufer in den Strassen Berlins kein Entrinnen. Er ging wegen der Sohlen, die seine Füsse wund scheuerten, durch die Hölle. Auf den flatternden Sohlen prangte in schwarzen Lettern auf der einen Seite «Berlin» und auf der andern «Kipchoge» auf neongelbem Grund, als er 2:04:00 Stunden nach dem Start einlief.

Und vielleicht kosteten sie ihn gar den Weltrekord, denn die Spitzenläufer waren etliche Kilometer lang dafür auf Kurs. Wäre Kipchoge 63 Sekunden schneller im Ziel gewesen, hätte er aber nicht nur die Bestmarke von 2:02:57 Stunden geknackt. Er wäre erst der zweite Mensch, welcher die 42,196 Kilometer unter 2:03 Stunden hätte zurücklegen können.

Kipchoges Elend ist herzzerreissend. Es ist aber nicht das erste Mal, dass ein Schuh die Geschichte umschreibt. Neben dem Märchen von Cinderella gibt es auch im Laufsport dazu einige Anekdoten:

Ein kleines Drama mit Happy End lieferte das internationale Bieler Cross im Jahr 1998: Die Äthiopierin Gete Tamarat verlor im Gedränge nach dem Startschuss einen Schuh. Offenbar beirrte dies die Läuferin nicht weiter. Sie legte im Schnee die zehn leicht hügeligen Kilometer mit nur einem Treter zurück, dominierte die besohlte Konkurrenz deutlich und feierte bei eisigen Temperaturen einen fulminanten Solosieg.

Aber nicht nur auf Feldern und Strassen können Schuhe den Läufern das Leben schwer machen. Gleich nach dem Startschuss eines 3000-Meter-Rennens in der Halle erlebte dies 2011 ein anderer äthiopischer Sportler: Dejen Gebremeskels rechter Fuss steckte bereits nach wenigen Hundert Metern nur noch in einer Socke. Trotzdem bot er der Konkurrenz die Stirn und blieb im Spitzenfeld. Auf der letzten Runde behauptete er sich mit einem regelrechten Sturmlauf gegen niemand Geringeren als Mo Farah – zweifacher Goldjunge an den Olympischen Spielen von London und zweifacher Weltmeister in Peking.

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Thomas Wessinghage. Foto: PD

Aus dem Jahr 1978 datiert ein Erlebnis des deutschen Weltklasseläufers Thomas Wessinghage. Auch er weiss, was es heisst, auf der Bahn unbesohlt Tempo zu machen. Einschlägige Erfahrungen machte er am Eight-Nation-Cup in Tokio über eine Meile. Ein Mitstreiter trat ihm kurz nach dem Start auf die Ferse, sodass er aus seinem schneeweissen Schuh rutschte, der einige Meter später davonflog. Der deutsche Rekordhalter lief rund 1400 Meter mit nur einem Schuh, was erst kaum auffiel, weil seine Socken genauso weiss waren wie seine Laufschuhe. Erst als sich die Socke vom Untergrund der Bahn rot verfärbte, wurde das Missgeschick augenfällig. Der Deutsche sagt rückblickend: «Es fühlte sich an, als wäre ich in einem Auto mit Plattfuss unterwegs.»

Markus Ryffel, Olypia-Medalliengewinner, posiert am Dienstag, 25. Januar 2005 in seinem Geschaeft "Ryffel Running" in der Berner Altstadt. Ryffel feiert am 5. Februar seinen 50. Geburtstag. (KEYSTONE/Monika Flueckiger)

Markus Ryffel. Foto: Monika Flückiger, Keystone

Auch einem erfolgreichem Schweizer Läufer sind Schuh-Anekdoten bestens bekannt: Markus Ryffel trat 1980 an die Startlinie seines letzten Wettkampfes vor den Olympischen Spielen in Moskau – damals galt er als die Nummer 3 der Welt der 5000-Meter-Läufer. Im Startgerangel des Meetings in Stockholm zog ihm ein junger Schwede einen Schuh aus. Der Fauxpas entging glücklicherweise der Starterin nicht, die das Rennen sofort abblies. Es war kein Geringerer als der spätere Vize-Olympiasieger Suleiman Nyambui aus Tansania, der dem Schweizer den Treter brachte und ihm hineinhalf, bevor das Rennen nochmals gestartet wurde. Ryffel beendete es als Zweiter hinter seinem «Schuhlöffel».

Einiges älter ist ein kleiner Laufkrimi, bei dem gleich zwei grosse Läufer involviert waren: Der Äthiopier Haile Gebrselassie bestritt 1993 die Weltmeisterschaften über 10’000 Meter. Er war es, der seinem Kontrahenten Moses Tanui auf den Fuss trat. Der Kenianer war der erste Mensch, der die Halbmarathon-Distanz in weniger als einer Stunde zurücklegte (ebenfalls im Jahr 1993). Wütend über den Fauxpas seines Gegners, hob er erbost die Hände, schleuderte seinen Schuh weg, um dann wie von Sinnen loszustürmen. Er distanzierte Gebrselassie deutlich – bis kurz vor der Ziellinie. Der Äthiopier hatte das Tempo des Einschuhigen aufgenommen und entschied wenige Meter vor dem Ziel das Rennen für sich.

Das letzte Schuh-Opfer vor Kipchoge war die Amerikanerin Jenny Simpson. Die Mittelstrecklerin lief an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking in der Spitzengruppe des 1500-Meter-Rennens und setzte zum Überholen an, als ihr eine Konkurrentin auf die Aussenkante ihres Schuhs trat. 600 Meter vor dem Ziel verlor Simpson ihren Treter und fiel deutlich zurück. Die Amerikanerin beendete das Rennen abgeschlagen als 11. und mit blutigem Fuss.

Nicht nur Eliteläufer, sondern auch Profi-Triathleten haben mit Schuh-Missgeschicken zu kämpften, etwa Boris Fernandez im Jahr 2008. Am St. Anthony’s Triathlon im amerikanischen St. Petersburg stieg er vom Rad und wechselte zügig in die Laufschuhe – eines anderen Triathleten. Offenbar passten ihm die Treter, denn er beendete das Rennen als Sechster – obschon er nach den ersten Schritten bereits wusste, dass etwas nicht stimmte. Er gestand seinen Missgriff und wurde dafür disqualifiziert. Der Besitzer der Schuhe traute sich offenbar nicht zu, was beispielsweise die Äthiopierin Gete Tamarat in Biel gewagt hatte. Er musste seinen Wettkampf frühzeitig beenden.

Quelle Videos: Youtube.