Die digitale Diktatur

Das Herz pumpt am Anschlag, die Beine wirbeln in hoher Kadenz, und das Abrollgeräusch des grobstolligen Reifens auf dem Asphalt kann als Zeichen dafür gewertet werden, dass die Räder sich schnell um die Achse drehen. Mit jeder Reifenumdrehung kommt die Passhöhe näher. Bis zum Stilfser Joch respektive zum Startpunkt des Goldsee-Trails beim Piz da las Trais Linguas sind es noch gut 600 Höhenmeter. Trotz der hohen Intensität fühlen sich die Beine gut an, der Kopf ist konzentriert und bereit, auch noch den letzten Abschnitt des Aufstiegs zu bewältigen. Aber dann – die Vibration am rechten Handgelenk reisst den Mountainbiker aus der Konzentration. «Unmöglich!», denkt er sich. Der neue Activity-Tracker zeigt an, dass die angestrebte Zeit bei dieser Pace nicht erreicht wird. Einen Motivationsschub verleiht das nicht gerade. Im Gegenteil – Trittfrequenz und Pedaldruck lassen nach, demotiviert eiert der Biker der Passhöhe entgegen.

Tag und Nacht durchleuchtet

Die Fitness- und Digitalindustrie suggeriert schon länger: Wer schnell, schlank oder gesund sein will, kommt um elektronisch unterstütztes Trainieren nicht herum. Im Alltag stehen besonders Fitness-Tracker hoch im Kurs, die zu einem aktiveren Lebensstil verhelfen sollen. Schliesslich passt die ausgedehnte Mountainbike-Tour nicht mehr in den Tagesablauf eines Vollzeitarbeiters. Ein schmales Armband überwacht rund um die Uhr die Aktivität seines Trägers und gibt im Zweifel per Vibrationsalarm den Anstoss zu mehr Bewegung. So sollen das Treppensteigen und der Weg zum Drucker zum Sportersatz werden. Am Abend liefern die Bänder eine detaillierte Auswertung des absolvierten Tagesprogramms, der verbrauchten Kalorien und gegebenenfalls der Herzfrequenz oder gar des Stresspegels. Auch der Schlaf wird überwacht und ausgewertet. Für Biker, die ihr Training verbessern wollen, sind diese Helfer nur bedingt nützlich. Das Problem: Sie können die Bewegungsarten meist nicht korrekt unterscheiden – erkennen also nicht zuverlässig, wann wir uns zum Training in den Fahrradsattel schwingen.

Von der Pulsuhr zum Multimedia-Social-Computer

Hier kommen moderne Sportuhren ins Spiel, die längst nicht mehr nur Puls und zurückgelegte Distanzen messen. Sie zeichnen Trainingseinheiten in allen Details auf, bieten Leistungstests und vorgefertigte Trainingsprogramme und sind zugleich Social-Media-Plattform und erweitertes Smartphone-Display. Was kann es Schöneres geben, als mit ausgelaugten Beinen und akutem Sauerstoffmangel kurz vor dem Stilfser Joch Arbeits-E-Mails zu empfangen? Oder die verfehlten Bestmarken im Livestream mit der digitalen Welt zu teilen? Und das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht erreicht. Immer mehr Funktionen erweitern das Repertoire der «digitalen Diktatoren». Ein Sensor, der den Flüssigkeitsverlust misst und sekundengenau angibt, wann getrunken werden soll. Eine Temperaturmessung, die erklärt, wann die Jacke angezogen oder der Reissverschluss geöffnet werden soll. Heute noch Fiktion, aber vielleicht schon morgen die Realität.

Fortschritt oder Albtraum?

Wie viel digitaler Fortschritt ist hilfreich, und wo fängt Digitalterror an? Muss ich auf der Biketour wirklich ständig Bescheid wissen über den Zustand meines Körpers und die erbrachte Leistung? Ist es hilfreich, auch unterwegs eingehende E-Mails angezeigt zu bekommen, oder hält es uns nicht vom eigentlichen Ziel ab – nämlich endlich mal abschalten zu können? Die Entscheidung ist natürlich immer persönlich. Ich habe mich längst entschieden: Auf dem Mountainbike bin ich offline. Mich erreichen weder E-Mails, Pulswerte noch andere Leistungsdaten. Und Sie?

Digitale Spielereien im (Trainings-)Alltag – welche Funktionen nutzen Sie selber aktiv? Wo ziehen Sie die Grenze? Nutzen Sie technische Hilfsmittel zur Trainingssteuerung? Welche Funktionen wären aus Ihrer Sicht noch zusätzlich nützlich?