Die Bergparade

Diese Woche ein Abstieg – vom Moléson nach Les Rosalys (FR)

Was sind wir dieses Jahr aufgestiegen, was machten wir dabei Höhenmeter! Wir keuchten und schnauften uns aufs Brienzer Rothorn, aufs Mattjisch Horn, auf die Dôle, wir schwitzten und stöhnten uns zum Chrüzlipass und zur Geltenhütte und zur Chasseralkrete. Die Bergsaison war lang und streng, gönnen wir uns gegen ihr Ende doch einen reinen Abstieg. Eine easy Sache, neudeutsch gesagt.

Der Moléson, Hausberg der Freiburgerinnen und Freiburger, nicht besonders hoch, aber mit einem ungeheuren Panorama begnadet, eignet sich dafür bestens. Die Anreise ist das Abenteuer vor dem Abenteuer. Wir müssen ein ums andere Mal umsteigen. Von Bern aus geht es nach Freiburg, Bulle, Gruyères. Dort haben wir unseren Gipfel vor Augen. Wir nehmen den Bus zum Feriendörfchen Moléson-sur-Gruyères, wechseln zur Standseilbahn mit ihren Schienen auf Stelzen, erreichen in Plan-Francey die Seilbahn und gondeln nun direkt auf die gewaltige Wand des Moléson zu. Was für ein klotziger Kerl.

Oben ist nicht ganz oben

Oben sind wir noch nicht ganz oben. Der höchste Punkt ist von der Station fünf Gehminuten entfernt. Für diese kleine Mühe – ein Aufstieg ist das nicht wirklich – werden wir belohnt mit einer umfassenden und unfassbaren Sicht auf Gipfel rundum. Einer Bergparade. Der Moléson ist ein Balkon aus Kalk.

Sind wir wieder bei der Bergstation, beginnt unsere Unternehmung richtig. Die erste Wegpassage auf den Moléson-Nachbarn Teysachaux zu wirkt von weitem exponiert, ein Weg auf einer begrünten Gratschneide. Aus der Nähe besehen, erweist sich der geschickt angelegte Weg als unbedenklich; ausgesetzt ist man nirgendwo. Und so kommt der Teysachaux näher und näher. Vergnüglich, diese erste halbe Gehstunde. Und weiterhin freut sich das Auge über all die Zacken rundum. Aber nicht die Grundregel jeder Bergwanderung missachten: zum Schauen stehenbleiben!

Dann, bevor die Kraxelei zum Teysachaux begänne, biegen wir rechts ab. Es geht hinab zum Alpboden von Tremetta und weiter hinab nach Villard-Dessus, einem kleinen Pass; sehr schön der Direktblick hinüber zum Niremont gegenüber, welchen Sanftberg diese Kolumne auch schon empfahl.

Kontinuierlicher Niveauverlust

Wir bauen im Folgenden kontinuierlich Höhe ab, imposant der Abschnitt direkt unter den gerölligen Ausläufern des Tesaychaux. Mal auf Asphalt, mal auf Wiesen, mal im Wald, mal auf einem Holzschnitzelweg durch morastiges Gelände verlieren wir, man erlaube mir das Wortspiel, mehr und mehr an Niveau. Orte mit lustigen Namen wie Chalet Incrota, La Pudze, Les Pueys ziehen vorbei; manche der Namen künden davon, dass dies ein Gebiet des dialektalen Französischen ist, des Freiburger Patois. Man sagt, dass ein Pariser, wenn er solch raue Sätze hören würde, in Ohnmacht fiele. Gehört er der Académie Française an, erwacht er vielleicht gar nicht mehr, so wild ist die Aussprache, so entlegen die Grammatik dahinter, so gross also das Entsetzen des Hochsprachlers.

In Les Rosalys am Westrand der Feriensiedlung Les Paccots sehen wir gleich als Erstes die Bushaltestelle; der Bus fährt zum Bahnhof von Châtel-St-Denis. Ihn nehmen? Ja, aber später! Ich schlage vor, dass wir zuerst essen. Das heisst: Wir investieren fünf Minuten in eine Ministrapaze und steigen doch noch ein bisschen auf, ein Strässchen führt durch allerlei Chalets zum Restaurant Les Rosalys. Dort gibt es, zum Beispiel, ausgezeichnetes Wild. Auch abwärtslaufen macht Hunger, en Guete.

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Route: Moléson Bergstation (- kurzer Abstecher zum Gipfel und retour in 15 Minuten) – Crête du Moléson – Tremetta – Le Villard-Dessus – Chalet Incrota – La Pudze – Les Pueys – Les Rosalys (westlicher Teil von Les Paccots).

Wanderzeit: 2 3/4 Stunden.

Höhendifferenz: 80 Meter auf-, 920 abwärts.

Wanderkarte: 262 T Rochers de Naye, 1:50’000.

GPX-Datei: Hier downloaden.

Retour: Bus von Les Rosalys zum Bahnhof Châtel-St-Denis.

Charakter: Kurz und herrlich. Ungeheuer aussichtsreich. Keine besonderen Schwierigkeiten, der Gratweg Richtung Teysachaux ist in diesem Abschnitt ungefährlich und nicht ausgesetzt.

Höhepunkte: Der Rundblick vom Moléson. Der schöne Gratweg im ersten Teil. Die charaktervollen Alphütten der Gegend.

Kinder: normale Anforderungen eines Bergweges.

Hund: keine Probleme.

Einkehr: Auf dem Moléson. Sehr schön ist am Schluss in Les Rosalys das Restaurant Les Rosalys fünf Gehminuten oberhalb der Bushaltestelle. Donnerstag Ruhetag.

Wanderblog: Täglich ein Eintrag auf Thomas Widmers privatem Journal.

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