Trail-Champion oder Logistik-Meister?


Höher, schneller, weiter: Rekorde haben schon die alten Griechen fasziniert. Bis heute hat die Sensationsgier des Publikums nicht nachgelassen. Das Gegenteil scheint der Fall, wenn man sieht, welche Medienformate die grössten Erfolge feiern und welche Videos auf den zahlreichen Internet-Plattformen häufig angeklickt werden. Die Jagd nach Bestmarken wird mittlerweile auch auf Singletrails ausgetragen. Das Ziel: an einem Tag möglichst viele Abfahrtshöhenmeter vernichten, wobei kein Trail zweimal befahren werden darf. Das führende deutsche Mountainbike-Magazin hat diesem Wettstreit schon den Titel des «dümmsten Bikerekords aller Zeiten» verliehen, denn vergleichbar sind die Leistungen nicht, weil sie auf verschiedenen Strecken und mit ungleicher Transportunterstützung erbracht werden.

Zertifizierter Tiefenrausch

Dennoch scheint sich diese Rekordjagd aktuell grosser Beliebtheit zu erfreuen. Vor allem in der Schweiz. In diesem Jahr purzelte die Bestmarke bereits zweimal. Am 27. Juli haben Marcel Hardegger sowie Erich und Christoph Arnold 21’832 Abfahrtshöhenmeter abgesurft – «inoffizieller Weltrekord». Gerade einmal 16 Tage zuvor hatten die beiden ehemaligen Elite-Mountainbiker Ken Imhasly und Alain Gwerder die Bestmarke auf 20’616 Tiefenmeter hochgeschraubt. Als Erste und bisher Einzige haben sie ihre Aktion offiziell zertifizieren lassen. Das Rekord Institut für Deutschland führt sie jetzt als Weltrekordhalter für die «meisten an einem Tag erzielten Mountainbike-Abfahrtshöhenmeter».

Während die offiziellen Weltrekordler im Wallis auf Rekordjagd gegangen sind, überflügelte die «inoffizielle Konkurrenz» im Kanton Uri den Bestwert:


Der Trailrekord in Uri. (Youtube)

Die Schweizer Zwillinge Caroline und Anita Gehrig hatten die vorherige Rekordmarke im Vinschgau aufgestellt und die «Urväter» der Trailmeter-Sammler, Thomas Frischknecht und Thomas Giger, haben 2013 den Rekordwahn in Davos quasi ins Leben gerufen.

Die Vergleichbarkeit der Leistungen hinkt in jeder Beziehung. Die einen griffen auf Autoshuttles zurück, andere liessen sich von fleissigen E-Bikern über Almwege ziehen. Überführungsetappen wurden standesgemäss mit dem bereitstehenden Auto samt Chauffeur gemeistert und das Duo Frischnecht/Giger liess sich für die letzte Abfahrt gar mit dem Helikopter zum Startpunkt fliegen!

Der Duden straft Lügen

Wann darf man überhaupt von einem Rekord sprechen? Egal welche Definition von «Rekord» man zurate zieht – die Vergleichbarkeit ist immer zentraler Bestandteil. Sowohl die Streckenführung und -beschaffenheit als auch die logistischen Voraussetzungen machen die angesprochenen Rekorde aber in erster Linie zur Meisterleistung bezüglich Streckenplanung und Organisation. Die sportliche Komponente scheint dadurch in den Hintergrund zu rücken. Immerhin – die beiden letzten Aspiranten haben sich einheitlich an eine maximale Fahrzeit von 16 Stunden gehalten. Bleibt die Frage: Seit wann hat der Tag 16 Stunden?

Sinn oder Unsinn?

Der Spirit des Mountainbikens bleibt bei der wilden Hatz auf der Strecke. Und einen tieferen Sinn werden viele Mountainbiker auch nicht erkennen. Da bleibt nur der neidische Blick auf Manuel Scheidegger:


Stunden-Weltrekord im Wheelie-Fahren über 25,72 km von Manuel Schneidegger. (Youtube)

Der Schweizer ist am Thunersee in einer Stunde 25,72 Kilometer auf dem Hinterrad gefahren. Damit hat er den Stundenweltrekord im Wheelie-Fahren in die Schweiz geholt – auf einer genormten Leichtathletik-Bahn und damit über alle Zweifel erhaben. Nebenbei rührt er damit die Werbetrommel für sein Nepal-Hilfsprojekt Wheels4Nepal. Und so bekommt die Rekordjagd auf zwei Rädern plötzlich doch noch einen Sinn.

Was halten Sie von der Rekordjagd um Abfahrtshöhenmeter? Bestwerte um jeden Preis – wo sehen Sie Grenzen?